Auch wenn beide Kurzgeschichten das gleiche thematische Fundament teilen, den Einbruch des Fremden in das eigene Haus, sind sowohl das Eigene, das Haus, als auch das Fremde von unterschiedlichem Charakter. Davon ausgehend lassen sich zwei unterschiedlichen Akzentuierungen in dem Umgang mit phantastischer Literatur als Literatur über das Fremde ableiten. Cortázar betreibt mit seiner Kurzgeschichte ein Spiel mit dem Verstand, indem er ihn herausfordert und ihm seine eigene Ohnmacht angesichts dessen, was er nicht versteht und auch nicht verstehen wird, präsentiert. Calvino hingegen inszeniert die Ohnmacht des Menschen mit pessimistisch-erdrückender Wirkung und tangiert so Gustafssons Verständnis phantastischer Literatur.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Vergleich
2.1. Die Rolle des Hauses und die dargestellte Ordnung in der narrativen Welt
2.2. Der Einbruch des Fremden
2.3. Die Reaktionsweise des Menschen und Einordnung in literaturwissenschaftliche Positionen der Diskussion um das Wesen des Phantastischen
3. Fazit
4. Bibliographie
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phantastische in der Literatur anhand eines Vergleichs der Kurzgeschichten "La formica argentina" von Italo Calvino und "Casa tomada" von Julio Cortázar. Dabei wird analysiert, wie der Einbruch des Fremden in den privaten Raum des Hauses als Metapher für existenzielle Krisen und die Ohnmacht des Menschen gegenüber einer unbegreiflichen Welt fungiert.
- Die literarische Konstruktion des Hauses als Ort der Ordnung und Identität
- Die Natur des Fremden und dessen Einbruch in die vertraute Wirklichkeit
- Vergleichende Analyse der menschlichen Reaktionsweisen auf phantastische Phänomene
- Die theoretische Einordnung in Positionen des Phantastischen und Neo-Phantastischen
Auszug aus dem Buch
2.2. Der Einbruch des Fremden
Anfangs scheint es, als ob das von der Signora Mauro vermietete Haus die Bedürfnisse der kleinen Familie nach Geborgenheit und Ordnung stillen könnte, doch bereits am selben Abend stellt sich heraus, warum die vermeintliche Harmonie nur Schein gewesen ist: „Aveva visto le formiche sul rubinetto e la fila che veniva giú per il muro.“ Hinter der sichtbaren Ebene verbirgt sich eine zweite, die von Ameisen bevölkert wird.
Schon die Wortwahl, die Todorov mit dem Begriff der Modalisation belegt hat, entlarvt die Wirklichkeit als doppelbödig und manifestiert die Ambiguität, die in dem Riss gründet, der sich in der „la relation entre le sujet de l´énonciation et l´énoncé.“ auftut: „Ci sembrava che saremmo stati bene, […].” Diese indirekte, hypothetische Art des Erzählens evoziert im Leser Verunsicherung und geschärfte Aufmerksamkeit für weitere Sonderbarkeiten. Sie begründet die Kluft zwischen dem Alltäglichen, Erwarteten und dem Ungewöhnlichen, Verstörenden, das von den Ameisen figuriert wird. Diese sind überall, sowohl im Haus, als auch in den Gedanken der Figuren:
„Ma a letto non ci riusciva piú d`avere pace, con l`idea di quelle bestie dappertutto, [...].“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Phantastische als Modus der Alterität und führt in die beiden zu vergleichenden Kurzgeschichten sowie die zentrale Problemstellung der Arbeit ein.
2. Der Vergleich: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die Rolle des Hauses, die Natur des Einbruchs des Fremden sowie die psychologischen Reaktionen der Figuren auf diese Störungen.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Unterschiede zwischen den beiden Werken im Umgang mit dem Phantastischen zusammen und stellt fest, wie die Autoren jeweils die Ohnmacht des Menschen thematisieren.
4. Bibliographie: Dieses Kapitel listet die für die Untersuchung herangezogene Primär- und Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Phantastik, Neo-Phantastik, Italo Calvino, Julio Cortázar, La formica argentina, Casa tomada, Das Fremde, Literaturtheorie, Tzvetan Todorov, Roger Caillois, Ordnung, Haus, Ohnmacht, Erzählstruktur, Alterität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer vergleichenden Analyse zweier Kurzgeschichten, um das Wesen des Phantastischen in der Literatur und dessen Wirkung auf den Menschen zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Ordnung und deren Störung, die Symbolik des Hauses als Rückzugsort sowie die menschliche Reaktion auf das Eindringen des Unbekannten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche Autoren das Eindringen des Phantastischen in den Alltag nutzen, um existenzielle Themen wie Hilflosigkeit und Identitätsverlust darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche, vergleichende Analyse durchgeführt, die theoretische Ansätze zur Phantastik (u.a. von Todorov und Caillois) auf die konkreten Erzähltexte anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der hausinternen Ordnungsstrukturen, die Art und Weise des Eindringens fremder Elemente und die psychologische Einordnung der Figurenreaktionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Phantastik, Alterität, Ohnmacht, Raumkonstitution und die spezifischen Werke von Calvino und Cortázar definiert.
Wie unterscheidet sich der Einbruch des Fremden bei Cortázar von dem bei Calvino?
Während der Einbruch in Cortázars Werk urplötzlich und akustisch erfolgt und mit einer Wiederholungsstruktur einhergeht, stellt sich die Ameisenplage bei Calvino als schleichender, quantitativ überwältigender Prozess dar.
Welche Rolle spielt das "Haus" in beiden Erzählungen?
Das Haus fungiert in beiden Fällen als Symbol für Identität und Schutzraum, dessen Besetzung durch fremde Mächte den Verlust der Kontrolle und das Scheitern rationaler Bewältigungsstrategien verdeutlicht.
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- Maria Dschaak (Author), 2007, Die Erfahrung des Fremden. Ein Vergleich von Calvino und Cortázar, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436324