Kinder, die aus von Armut betroffenen Familien stammen, werden innerhalb der Familie weniger gefördert, als Kinder aus finanziell gesicherten Familien. Häufig arbeiten beide Elternteile bzw. die Kinder wachsen nur mit einem Elternteil auf, der alleinverdienend ist und daher über wenig Zeitkapazität verfügt. Zudem sind die Eltern(teile) häufig mit eigenen Problemen, wie Existenzängsten beschäftigt, so dass sie weniger aufnahmefähig für die Belange ihrer Kinder sind. Nicht selten machen Eltern(teile) moderne Anschaffungen (z.B. Tablets oder Smartphones), um ihr schlechtes Gewissen zu mildern und zu vermeiden, dass ihre Kinder in eine Außenseiterposition in der Schule geraten, denn oftmals schämen sich diese ob ihrer Armut und wollen diese verheimlichen. Sie vergleichen sich mit den anderen Kindern und kommen sich nicht selten minderwertig vor.
Die technischen Kleingeräte, die uns das Leben leichter machen sollen, sind bereits in den Kinderzimmern angekommen. Auf Tablet und Smartphone können diese spielerisch lernen oder sich anderweitig unterhalten lassen. Es gibt vielfältige und ganz individuelle Möglichkeiten. Dass ein oder andere Kind vergisst darüber schon einmal die Zeit, vor allem wenn die Eltern(teile) arbeiten und kein Auge auf die Nutzung der Kleingeräte haben. Anstatt draußen auf dem Spielplatz zu toben, sitzen die Kinder vor den Bildschirmen. Daraus resultieren nicht selten Haltungsschäden oder physische Probleme wie Übergewicht oder Koordinationsschwierigkeiten. Was vor 20 Jahren noch selbstverständlich war, wie Balancieren oder Schwimmen können, ist es heutzutage nicht mehr.
Die Armutszahlen in Deutschland sind alarmierend. Vor allem Kinder sind die Leidtragenden – sie verfügen noch nicht über die notwendige Resilienz und Reife um damit umgehen zu können, was zu nachhaltigen psychischen Beeinträchtigungen führen kann. Kann man durch niederschwellige Pflichtangebote in der Schule prophylaktisch gegen physische und psychische Probleme vorgehen? Wie sähe so ein Konzept aus? Dies werde ich anhand meiner Arbeit erläutern.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Theoretischer Teil
1. Grundlagen und Ziele der Psychomotorik
2. Bedeutung von Körper- und Bewegungserfahrung für die kindliche Entwicklung
3. Psychosoziale Folgen von Kinderarmut
III. Konzeptioneller Teil
1. Institutionelle Rahmenbedingungen
2. Situationsanalyse
3. Ziele
3.1. Selbstbewusstsein stärken
3.2. Körperwahrnehmung fördern
3.3. Gemeinschaftsgefühl entwickeln
4. Methodenauswahl
5. Aufbau der Einheit
6. Evaluation und Reflexion
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit niederschwellige psychomotorische Pflichtangebote an Grundschulen in von Armut betroffenen Vierteln dazu beitragen können, physischen und psychischen Entwicklungsdefiziten bei Kindern präventiv entgegenzuwirken. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Entwicklung eines konkreten Konzepts, das durch gezielte Bewegungsförderung sowohl das Selbstkonzept als auch die soziale Interaktion der betroffenen Kinder stärkt.
- Zusammenhang zwischen Kinderarmut und psychosozialen Entwicklungsbeeinträchtigungen
- Bedeutung von Körper- und Bewegungserfahrung für die kindliche Persönlichkeitsbildung
- Konzeptionelle Gestaltung von Bewegungsangeboten für sozial benachteiligte Schulkinder
- Stärkung des Selbstbewusstseins und der Körperwahrnehmung durch Psychomotorik
- Förderung des Gemeinschaftsgefühls und sozialer Kompetenzen in heterogenen Gruppen
Auszug aus dem Buch
1. Grundlagen und Ziele der Psychomotorik
Erste Ansätze der Psychomotorik definierte 1955 Ernst J. Kiphard, der gemeinsam mit dem Kinderpsychiater Helmut Hünnekens erkannte, dass sich Emotionen in dem Bewegungsmuster von Kindern und Jugendlichen wiederspiegeln. Kiphard pointiert dabei die spielerische Freiheit der Kinder, die sich frei von Zwängen und Leistungsanforderungen entfalten können, ohne dass das Geschehen von außen gelenkt wird (vgl. Zimmer 2012, 16).
„Mit dem Ziel, über die Motorik eine leibseelische Harmonisierung und Stabilisierung der Gesamtpersönlichkeit zu bewirken, wurden Übungen zur Sinnesschulung, Körper-, Raumwahrnehmung, Behutsamkeit, Selbstbeherrschung, rhythmisch-musikalischen Schulung und zum Körper-/Bewegungsausdruck spielerisch motivierend in Kleingruppen durchgeführt.“ (Schäfer 1998, 82)
Psychomotorik wird demnach als Ausdruck psychischer und emotionaler Prozesse angesehen, die sich zwar im Innern abspielen, durch Bewegungen jedoch sichtbar werden. Gefühlsprozesse, die sich schlecht verbalisieren lassen, finden in der Psychomotorik dennoch eine Möglichkeit nach außen zu dringen. Also „eine ganzheitlich-humanistische, entwicklungs- und kindgemäße Art der Bewegungserziehung“ (Kiphard 1994, 12).
Während die Physiotherapie die Wiederherstellung bzw. Verbesserung der Bewegungsfähigkeit des Körpers anstrebt, setzt sich die Psychomotorik zum Ziel durch Körperwahrnehmung, Erleben und Verständnis Grundbausteine der Ich-Kompetenz zu setzen. Erweitert wird dies durch die Fähigkeit, die Umwelt wahrzunehmen und auf sie zu reagieren (= Sach-Kompetenz) und ferner durch die Erfahrung, dass sich alle Lernprozesse zwischen dem Spannungsfeld eigener und fremder Bedürfnisse bewegen (= Sozial-Kompetenz). Nach Fischer ist „die Körperlichkeit des Kindes das Zentrum seiner Persönlichkeit, der Dreh- und Angelpunkt seiner Existenz […] Die Orientierung am eigenen Körper ist die Basis jeder Orientierung im Raum.“ (2009, 23)
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die schwierige Lebenssituation von Kindern aus Armutsverhältnissen und stellt die Frage, ob psychomotorische Schulangebote präventiv gegen daraus resultierende Entwicklungsstörungen wirken können.
II. Theoretischer Teil: Dieser Abschnitt fundiert die Arbeit durch die Darstellung psychomotorischer Grundlagen, der Wichtigkeit von Bewegung für die kindliche Entwicklung sowie der Erläuterung psychosozialer Folgen von Armut.
III. Konzeptioneller Teil: Der Hauptteil beschreibt ein konkretes, sechsteiliges Psychomotorik-Programm, inklusive der Rahmenbedingungen, Zielsetzungen, methodischen Ausgestaltung sowie einer detaillierten beispielhaften Einheit und Evaluationsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Psychomotorik, Kinderarmut, Grundschule, Bewegungsförderung, Selbstkonzept, Sozialkompetenz, Körperwahrnehmung, Resilienz, Prävention, Bewegungsgeschichte, Chancengleichheit, Persönlichkeitsentwicklung, Sportunterricht, Kleingruppenarbeit, Entwicklungspädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Implementierung von Psychomotorik-Programmen an Grundschulen, die sich in sozialen Brennpunkten befinden, um Kinder aus armutsgefährdeten Familien in ihrer Entwicklung zu stützen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die Auswirkungen von Armut auf die kindliche Psyche, die Bedeutung von Bewegung für die Persönlichkeitsentfaltung und die praktische pädagogische Umsetzung von Psychomotorik-Einheiten.
Welches ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, aufzuzeigen, wie durch niederschwellige Angebote in der Schule physische und psychische Probleme, die durch Armut entstehen können, prophylaktisch angegangen werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch Fachliteratur und der Erstellung eines praxisorientierten Konzepts, welches durch eine detaillierte Planung von sechs Unterrichtseinheiten operationalisiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich den institutionellen Rahmenbedingungen, der Situationsanalyse der Zielgruppe, der Definition spezifischer pädagogischer Ziele sowie der methodischen Planung und Evaluation der Bewegungsangebote.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Psychomotorik, Kinderarmut, Bewegungsförderung, Selbstkonzept, Sozialkompetenz und Chancengleichheit.
Wie werden die Wünsche der Kinder in das Programm einbezogen?
In der Einstimmungsphase jeder Einheit werden die Kinder nach ihren Wünschen befragt. Diese fließen in die Gestaltung der Stunde ein, damit die Kinder das Gefühl erhalten, aktiv Einfluss auf das Geschehen zu nehmen.
Warum wird die Klasse in zwei Gruppen geteilt?
Die Teilung der 28 Kinder in zwei 14er-Gruppen dient einer übersichtlicheren Arbeitsweise, um Störungen besser zu vermeiden und eine effektivere Betreuung durch das pädagogische Personal zu ermöglichen.
Was ist das Ziel des "Zauber-Zoo" Spiels?
Das Spiel dient dazu, den Bewegungsdrang der Kinder zu stillen, ihre Koordination zu fördern und ihre Ausdrucksfähigkeit zu schulen, indem sie verschiedene Tiere nachahmen.
Wie wird die Evaluation des Erfolgs der Einheiten durchgeführt?
Die Evaluation erfolgt zum einen durch eine kindgerechte Reflexion am Ende der Einheiten sowie durch Fragebögen für die Lehrkräfte, um Veränderungen in Verhalten und Klassenzusammenhalt zu erfassen.
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- Barbara Bitzer (Author), 2017, Psychomotorik an Grundschulen in von Armut betroffenen Vierteln, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436633