Die Integration von Flüchtlingen stellt eine der größten gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen unserer Zeit dar. Ursache dafür ist eine deutlich gesteigerte Migrationsbewegung nach Europa und insbesondere in die Bundesrepublik Deutschland. Wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge feststellt, wurden zwischen 1953 und 2017 5,6 Millionen Asylanträge für die Bundesrepublik Deutschland gestellt. Dabei entfielen allerdings 83% auf den Zeitraum von 1990 bis 2017 und lediglich 17% auf die Jahre zwischen 1953 und 1989. Dies zeigt, in welch extremem Ausmaß die Migration in die Bundesrepublik Deutschland in den letzten knapp 30 Jahren zunahm. Die Integration in den Arbeitsmarkt stellt eine der größten Herausforderungen des Integrationsprozesses dar. Eine solche Teilhabe am Arbeitsleben ist allerdings nur mit ausreichender Bildung möglich, die wiederum auf guten Sprachkenntnissen aufbaut. In Anbetracht dessen, dass 47,1% der Antragssteller im Zeitraum von Januar bis Juni 2018 unter 18 Jahre alt waren und somit beschult werden müssen, steht das Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland vor großen Aufgaben.
Es ergeben sich zahlreiche wichtige Fragestellungen, die in der öffentlichen Debatte aber auch von Seiten der Politik, häufig unbeantwortet bleiben. Welche Rolle spielt Bildung bei der Integration? Wie sollen die jugendlichen Flüchtlinge in das deutsche Bildungssystem eingegliedert werden? Welche Rolle spielt die Sprache für den Integrationserfolg? Welche Voraussetzungen bringen sie, insbesondere im Hinblick auf sprachliche Fähigkeiten, mit? Welche Maßnahmen gibt es, um die Sprachkenntnisse der Flüchtlinge zu verbessern? Welche Chancen ergeben sich womöglich aus der Integration junger Flüchtlinge?
Um diese Fragen zu beantworten, soll zuerst der Integrationsbegriff erklärt werden. Anschließend wird im Besonderen auf die Rolle der Bildung für eine gelungene Integration eingegangen. Im Folgenden werden kurz die rechtlichen in der Bundesrepublik Deutschland und der einzelnen Bundesländer thematisiert. In diesem Kontext soll vor allem das Bildungs- und Schulrecht für Migranten und Migrantinnen erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. KOMPONENTEN DER INTEGRATION
2.1. DER INTEGRATIONSBEGRIFF
2.2. BILDUNG UND INTEGRATION
3. RECHTLICHE GRUNDLAGEN
3.1. INTEGRATIONSRECHT
3.2. SCHULRECHT
3.2.1. VÖLKER- UND VERFASSUNGSRECHTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN
3.2.2. REGELUNGEN DER EINZELNEN BUNDESLÄNDER
3.2.3. SCHULANTRAGS- UND SCHULBESUCHSRECHT
4. EINFLUSS VON SPRACHE AUF DEN INTEGRATIONSERFOLG
4.1. AUSWIRKUNGEN DER KOMPETENZEN IN DER MUTTERSPRACHE FÜR DEN BILDUNGSERFOLG
4.2. AUSWIRKUNGEN DER KOMPETENZEN IN DER FREMDSPRACHE AUF DEN BILDUNGSERFOLG
4.3. AUSWIRKUNGEN VON BILINGUALITÄT AUF DEN BILDUNGSERFOLG
5. SPRACHFÖRDERUNG IM DEUTSCHEN BILDUNGSSYSTEM
5.1. VOR DER EINSCHULUNG
5.2. IN GRUNDSCHULEN UND WEITERFÜHRENDEN SCHULEN
6. FAZIT UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung sprachlicher Fähigkeiten für die schulische Integration von Flüchtlingskindern und -jugendlichen im deutschen Bildungssystem, wobei der Fokus insbesondere auf dem Zusammenspiel zwischen Muttersprache, Fremdspracherwerb und kognitiver Entwicklung liegt.
- Rolle der Bildung für eine gelungene Integration
- Rechtliche Rahmenbedingungen für den Schulzugang
- Einfluss von Mutter- und Fremdsprachenkompetenzen auf den Bildungserfolg
- Kognitive Vorteile und Herausforderungen durch Bilingualität
- Effektivität und Varianz der Sprachförderprogramme
Auszug aus dem Buch
4. Einfluss von Sprache auf den Integrationserfolg
Die Sprache spielt in der täglichen Kommunikation eine wesentliche Rolle. Demzufolge ist sie für die Teilhabe am täglichen Leben unabdingbar. Das BAMF sieht in den Sprachkenntnissen der Migranten und Migrantinnen sogar einen „Maßstab der Integration […] in die Aufnahmegesellschaft“ (Sonja Haug, 2008, S. 5). Es ist unumstritten, dass Bildung nur mit Hilfe von ausreichenden Sprachkenntnissen funktionieren kann (Jürgen Baumert und Gundel Schümer, 2001, S. 323 ff.). Ein erfolgreicher Integrationsprozess hängt aber maßgeblich von Bildung und einer darauf aufbauenden Teilhabe am Arbeitsleben ab. Die Leistungen von Schülern mit Migrationshintergrund hängen in vielen Fächern stark davon ab, wie gut sie die Unterrichtssprache beherrschen (Sebastian Kempert et al., 2016, S. 158). Dies zeigt sich zum Beispiel auch in der internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) (Wilfried Bos et al., 2011, S. 18). Hier schneiden Schüler mit Migrationshintergrund schlechter ab als Einheimische. Dies scheint unter anderem auch davon abzuhängen, ob die Schüler zu Hause die Testsprache sprechen. Solche Schüler, die zu Hause auch die Testsprache sprechen, schneiden in der IGLU deutlich besser ab, als diejenigen, die das nicht tun (ebd., S. 21).
Der Einfluss der Sprachkenntnisse auf den Bildungserfolg scheint sich bereits sehr früh in der kindlichen Entwicklung zu manifestieren. So weisen Kinder mit Migrationshintergrund bereits im Alter von drei Jahren häufig schwächere sprachliche Leistungen auf als Einheimische (Minja Dubowy et al., 2008, S. 127). Während der schulischen Laufbahn verstärkt sich dieser Unterschied sogar noch. Dieser sogenannte Matthäus-Effekt beruht darauf, dass Vorwissen (Sprachkompetenzen in der Unterrichtssprache) eine Teilnahme am Unterricht erleichtert (Keith E. Stanovich, 1986, S. 360 ff.). Das bedeutet, dass früh entstandene Nachteile in Sprachkompetenzen von Flüchtlingen während der schulischen Laufbahn nicht aufgeholt werden können, sondern sich – ganz im Gegenteil – sogar noch verstärken (Flavio Cunha und James J. Heckman, 2009, S. 4 ff.; Orla Doyle et al., 2009, S. 3 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Dieses Kapitel stellt die Problematik der Integration von Flüchtlingen dar und erläutert die zentrale Rolle der Bildung und Sprache für den Erfolg dieses Prozesses.
2. KOMPONENTEN DER INTEGRATION: Hier werden grundlegende Begrifflichkeiten definiert und die essenzielle Verbindung zwischen Bildung und erfolgreicher gesellschaftlicher sowie arbeitsmarktbezogener Integration geklärt.
3. RECHTLICHE GRUNDLAGEN: Dieser Abschnitt analysiert die rechtlichen Rahmenbedingungen, einschließlich völkerrechtlicher Verträge und der heterogenen Schulgesetzgebungen der Bundesländer bezüglich der Schulpflicht.
4. EINFLUSS VON SPRACHE AUF DEN INTEGRATIONSERFOLG: Es wird die Auswirkung von Sprachkenntnissen in der Mutter- und Fremdsprache auf den schulischen Bildungserfolg beleuchtet sowie das Konzept der Bilingualität als kognitiver Vorteil diskutiert.
5. SPRACHFÖRDERUNG IM DEUTSCHEN BILDUNGSSYSTEM: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene Förderansätze vor der Einschulung sowie in Grund- und weiterführenden Schulen zur Verbesserung der Sprachkenntnisse.
6. FAZIT UND AUSBLICK: Abschließend werden die Ergebnisse zusammengeführt und die Notwendigkeit einheitlicher Förderprogramme sowie weiterer statistischer Untersuchungen betont.
Schlüsselwörter
Integration, Flüchtlinge, Bildungssystem, Sprachförderung, Muttersprache, Fremdsprache, Bilingualität, Schulpflicht, Bildungserfolg, Migrationshintergrund, Sprachkompetenz, Unterrichtssprache, Inklusion, kognitive Entwicklung, Sprachbarrieren
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Bedeutung sprachlicher Fähigkeiten als Grundlage für die schulische und gesellschaftliche Integration von Flüchtlingen in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind das Bildungs- und Schulrecht, der Zusammenhang zwischen Sprachkenntnissen und Schulleistungen sowie die Analyse existierender Sprachfördermaßnahmen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Sprachkompetenz den Bildungsweg von geflüchteten Kindern beeinflusst und welche rechtlichen und pädagogischen Herausforderungen dabei bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der Auswertung offizieller Berichte sowie rechtlicher Vorgaben basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die rechtlichen Rahmenbedingungen der Beschulung, den Einfluss der Mutter- und Fremdsprache auf den Erfolg sowie praktische Förderstrategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Integration, Sprachförderung, Bilingualität, Bildungsrecht und Migrationshintergrund charakterisiert.
Was besagt das Schulantragsrecht im Gegensatz zur Schulpflicht?
Das Schulantragsrecht erlaubt Flüchtlingen die freiwillige Teilnahme am Unterricht ohne gesetzliche Verpflichtung, während die Schulpflicht eine verbindliche gesetzliche Teilnahme darstellt.
Welche Rolle spielt die Muttersprache laut der Arbeit?
Die Muttersprache kann als wichtige Ressource für die Identitätsbildung und als kognitive Basis dienen, die den Erwerb weiterer Sprachen unterstützen kann.
Warum gibt es laut Autor Disparitäten bei der Sprachförderung?
Die Disparitäten entstehen durch die heterogenen Regelungen der einzelnen Bundesländer, die zu einem uneinheitlichen Angebot führen.
- Quote paper
- Constantin Weichert (Author), 2018, Welche Rolle spielen sprachliche Fähigkeiten bei der schulischen Integration von Flüchtlingen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436777