Neuer Wohlstand. Ist ein Paradigmenwechsel des Wohlstandsindikators in Anbetracht der Grenzen des Wirtschaftswachstums notwendig?


Bachelorarbeit, 2018
49 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Relevanz der Fragestellung
1.2 Definitionen: Wohlstand, nachhaltiges Wachstum und Glück

2. Wohlstand in der Ökonomie
2.1 Ökonomischer Wohlstand = Wirtschaftswachstum
2.2 Wohlstandsindikatoren
2.2.1 Materieller Wohlstand
2.2.2 Lebensqualität
2.2.3 Umwelt und Nachhaltigkeit
2.3 Kosten des ökonomischen Wachstums
2.4 Steigende Kosten der Umweltschäden als Anstieg der Wirtschaftsleistung

3. Alternative Wirtschafts- und Wachstumsideen
3.1 Nachhaltige Entwicklung und Alternatives Wachstum
3.2 „Nachhaltige“ Entwicklung – Lösung oder Illusion?
3.3 Relative und absolute Entkopplung
3.4 Ansätze für Strategien zur Wachstumsbegrenzung

4. Zufriedenheit als Wohlstand
4.1 Die Glücksforschung
4.1.1 Glücksmessung
4.1.2 Erkenntnisse und Konsequenzen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik
4.2 Indikatoren für Lebenszufriedenheit: BNG, Happy Planet Index und Glücks-BIP
4.3 Zufriedenheitsmaximierung als Staatsaufgabe?

5. Fazit

6. Kritische Gesamtwürdigung und Ausblick

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bruttoinlandsprodukt in Deutschland von 1991 bis 2017. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Statistisches Bundesamt 2018

Abbildung 2: Bestimmung der Lebensqualität. Quelle: Opaschowski 2006, S. 275

Abbildung 3: China: Bruttoinlandsprodukt (BIP) in jeweiligen Preisen von 2007 bis 2017 (in Milliarden US-Dollar). Quelle: IMF, 2017

Abbildung 4: Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung. Quelle: Bauer 2008

Abbildung 5: Weltweiter CO2-Ausstoß in den Jahren 1960 bis 2016 (in Millionen Tonnen). Quelle: Global Carbon Project 2017

Abbildung 6: Ranking of Happiness 2014-2016. Quelle World Happiness Report 2017: S. 20

Abbildung 7: Die 9 Bereiche des BNG. Quelle: GNH Centre Bhutan o. J.

Abbildung 8: Lebenszufriedenheit in Ost- und Westdeutschland. Quelle: insm 2009: S. 2

Zusammenfassung

Wachstum, so wie es heute verfolgt wird, stößt an seine Grenzen, da die Treibhausgasmissionen die Umwelt belasten und natürliche Ressourcen endlich sind, und das haben auch die Regierungen realisiert. Da Wohlstand einer Gesellschaft jedoch Hauptziel der Politik ist und Wohlstand mit Wirtschaftswachstum gleichgesetzt wird, gestaltet es sich als schwierig, das Problem der Wachstumsgrenzen anzugehen. Aus diesem Grund ist die Frage der vorliegenden Arbeit, ob ein Paradigmenwechsel des Wohlstandsindikators in Anbetracht der Grenzen des Wachstums notwendig ist. Um sich dieser Frage zu nähern, wurde Wohlstand, wie er heute aufgefasst und gemessen wird, ausgearbeitet. Dabei zeigte sich, dass wichtige Faktoren wie Soziales oder Umwelt, weitgehend aus der Wohlstandsmessung rausgelassen werden, was aufgrund zunehmender Ungleichheit und Umweltprobleme nicht weiter akzeptabel ist. Aus diesem Defizit ergeben sich immer weitere alternative Wachstumsideen. Diese sind jedoch weitgehend, wie die Auseinandersetzung mit ihnen ergab, noch nicht ausgereift oder problembehaftet, um als Alternative zum heutigen Wachstum eingesetzt zu werden. Größtes Problem dabei ist die Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch. Somit ergibt sich die These, dass statt das Wachstum zu ändern, der Wohlstandsbegriff neu definiert werden müsse – als Zufriedenheit. Hierzu wurden Erkenntnisse der Glücksforschung evaluiert sowie Indikatoren für Wohlbefinden dargestellt. Daraus ergab sich letztlich, dass es fraglich ist, ob eine Zufriedenheitsmaximierung Ziel des Staates sein sollte und andererseits, dass es der beste Weg sei, Wohlstand anstatt Wachstum neu zu definieren.

1. Einleitung

Nach Jahrhunderten der primären Fokussierung auf die Befriedigung von materiellen Grundbedürfnissen, bricht nun ein neues Zeitalter an: Der Fokus verschiebt sich vom reinen Gelderwerb hin zu einem Streben nach Glück. Diesen Wandel spiegelt auch die vorliegende Arbeit wider.

Wohlstand – das galt bis vor kurzem (und auch heute noch stellenweise) als Wirtschaftswachstum im wirtschaftlichen Bereich und als materieller Reichtum im privaten Raum. Aus diesem Grund legten Politik und Wirtschaft den Fokus auf die stetige Steigerung des Wirtschaftswachstums. Geführt hat das nicht nur dazu, dass viele Staaten wohlhabend wurden, sondern auch dazu, dass die Ressourcen knapp werden und der Klimawandel immer weiter fortschreitet. Um diesen Grenzen des Wachstums zu begegnen, wurden neue Wachstumsideen entwickelt. Einige scheinen in erster Linie ein grünes Anstreichen des Wachstums zu sein, andere fordern hingegen Wachstum ganz zu unterbinden. All diese Ideen sind ein theoretischer Anfang, aber keinesfalls praktisch Erfolg versprechend. Neben denjenigen, die Wachstum verändern wollen, gibt es jene, die Glück oder Zufriedenheit in den Mittelpunkt politischer und individuellerer Debatten rücken. Hier scheint sich ein Kontrast verbinden zu wollen: Die Wirtschaft mit ihrem rationalen Menschenbild trifft auf subjektive Faktoren wie Glück. Verbunden werden sie durch die Politik. Ist es vielleicht möglich, den Grenzen des Wachstums zu begegnen, indem Wohlstand neu definiert wird? Nicht mehr als Wachstum, sondern als Zufriedenheit in einer Gesellschaft?

1.1 Relevanz der Fragestellung

Zur Klärung der Relevanz der Fragestellung, ob ein neuer Wohlstandsindikator notwendig ist, ist eine Betrachtung der Grenzen des Wachstums sinnvoll. Wachstum und Wohlstand sind seit Jahrzehnten die Primärziele der Politik. Das stetige Streben nach steigendem Wachstum hatte seine Relevanz in den westlichen Industrienationen und hat es weiterhin in Schwellenländern. Es hat zu Wohlstand und Lebenszufriedenheit in der Bevölkerung geführt. Doch die Steigerung des Wirtschaftswachstums fördert nicht mehr einen Anstieg der Lebenszufriedenheit und hat vor allem dazu geführt, dass Ressourcen knapp werden und die CO2 Emissionen umweltverträgliche Grenzwerte übersteigen. Die Grenzen des Wachstums wurden erreicht – so der heutige Konsens. Zudem gilt das Bruttoinlandsprodukt (BIP), als Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft, gemeinhin als unzulänglich, da es weder ökologische Faktoren noch das Wohlergehen der BürgerInnen misst. Aus diesem Grund gaben Länder wie Frankreich und Deutschland Studien in Auftrag, die einen geeigneteren Indikator als das BIP finden sollten. Diese Neuorientierung suggeriert eine Werteverschiebung: Wohlbefinden statt Wachstum. Nach jahrzehntelangem Streben nach Wachstumssteigerung, klingt das fast revolutionär. Dass ein Paradigmenwechsel notwendig ist, steht außer Frage. Was noch offen bleibt ist, was verändert wird: Wachstum oder die Wohlstandsdefinition. Auf nationaler als auch globaler Ebene entstehen seit einigen Jahren alternative Wachstumsideen, die jedoch in Bezug auf ihre Umsetzbarkeit, kritisiert werden. Obwohl Regierungsoberhäupter und Parteien nach wie vor nach mehr Wachstum rufen, initiierten sie Kommissionen, die nach einem alternativen Wohlstandsindikator suchen sollten. In Frankreich war es 2008 Nicolas Sarkozy, der eine Kommission einrichtete, die neben den Grenzen des BIP nach umfassenderen Methoden zur Wohlstandsmessung forschen sollten (vgl. Kläsgen 2009). Die Bundesregierung setzte 2010 die Enquete Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ein. Auch hier lautete das Ziel, einen ganzheitlichen Wohlstandsindikator zu entwickeln. Die Ergebnisse der beiden Studien ergaben u.a., dass die Faktoren Lebensqualität und Nachhaltigkeit, neben dem materiellen Wohlstand, miteinbezogen werden müssen, um gesellschaftlichen Wohlstand ganzheitlich abbilden zu können.

1.2 Definitionen: Wohlstand, nachhaltiges Wachstum und Glück

Wohlstand wird allgemein definiert als „Grad der Versorgung von Personen, privaten Haushalten oder der gesamten Gesellschaft mit Gütern und Dienstleistungen. Dieser materielle Wohlstand … wird für eine Volkswirtschaft meist anhand einer Sozialproduktgröße (z.B. Bruttoinlandsprodukt oder Pro-Kopf-Einkommen) gemessen“ (bpb 2016). Die Messung des Wohlstands eines Landes erfolgt durch die Betrachtung von Wohlstandsindikatoren, welche im späteren Verlauf erläutert werden. Ein nachhaltiges System ist eines, das „in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt, sich also von selbst regeneriert“ (BT-Drucksache 17/13300 2013: 50). Nachhaltiges Wachstum, oder nachhaltige Entwicklung, wie es im folgenden Verlauf heißen wird, bezeichnet eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der gegenwärtig lebenden Menschen erfüllt und zugleich die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen nicht gefährdet oder einschränkt (vgl. Lexikon der Nachhaltigkeit 2015a). Dieses neue Leitbild wurde erstmals klar im Brundtland-Report im Jahr 1987 verbalisiert: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die gewährt, dass künftige Generationen nicht schlechter gestellt sind, ihre Bedürfnisse zu befriedigen als gegenwärtig lebende“ (Pufé 2014). Diese Definition entstand im Kontext der expandierenden Globalisierung und ihrer zunehmend negativen Folgen für Mensch und Umwelt. Somit wurde hier der (verbale) Grundstein gelegt für eine „gerechtere Verteilung von Wachstum und Wohlstand zwischen Nord und Süd“ (ebd.). Dadurch entstand eine bis heute verbreitete Definition von Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen Bereich, die in erster Linie fordert, Gewinne „umwelt- und sozialverträglich zu erwirtschaften“ (ebd.) anstatt sie „nur“ in soziale oder umweltverträgliche Projekte zu investieren.

Während Wohlstand klar und nachhaltige Entwicklung weitgehend deutlich definierbar ist, verhält es sich mit dem Glück weitaus unkonkreter. Allein im Duden sind drei Beschreibungen zu finden, die letztlich gemein haben, dass „Glück“ ein momentaner Zustand ist und unter anderem eine „angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat“ (Dudenredaktion o.J.). Diese Definition lässt sich unweigerlich mit „Konsum“ assoziieren – ein Thema, das in der folgenden Arbeit immer wieder auftauchen wird, wenn es um einen neuen Wohlstandsbegriff geht.

Auch wenn sich die im späteren Verlauf auftauchende Glücksforschung auf den Begriff des „Glücks“ fokussiert, so soll dennoch die „Zufriedenheit“ im Mittelpunkt stehen und deutlich vom Glücksbegriff abgegrenzt werden. Zufriedenheit „tritt auf, wenn ein erwartetes oder angestrebtes Ziel erreicht wird“ (Spektrum 2000). Das impliziert einerseits, dass dieser Zustand nur durch persönliche Anstrengung erreicht werden kann und andererseits, dass dieser Status keine zeitliche Begrenzung enthält. Wird über Zufriedenheit gesprochen, dann gleichsam von Erwartungen und der Diskrepanz zwischen diesen und dem tatsächlich Erreichten. Ein kleines Ziel vollkommen erreicht zu haben, mag zufriedener machen, als ein großes Ziel nur teilweise verwirklicht zu sehen.

2. Wohlstand in der Ökonomie

In diesem Kapitel soll der Wohlstand, wie er aktuell verstanden wird, dargestellt werden. Das bedeutet, der Fokus liegt auf dem ökonomischen Wohlstandsbegriff, welcher oftmals mit wirtschaftlichem Wachstum gleichgesetzt wird. Dabei sollen die theoretischen Aspekte von Wohlstand und Wachstum ebenso dargestellt werden, wie die historische Entwicklung beider Phänomene, um daraus die Bedeutung von Wohlstand und Wachstum hervorzuheben. Im Folgenden wird also zunächst der ökonomische Wohlstand in Bezug zum Wachstum gesetzt, um anschließend neben dem materiellen Wohlstand zwei weitere Indikatoren, Lebensqualität als auch Umwelt bzw. Nachhaltigkeit, zu betrachten. Das führt letztlich zu kritischen Aspekten des ökonomischen Wachstums. Dieser letzte Punkt des Kapitels bildet einen Übergang zu alternativen Wachstumsideen.

2.1 Ökonomischer Wohlstand = Wirtschaftswachstum

Wirtschaftswachstum gilt als Indikator für den Wohlstand in einer Bevölkerung und wird am BIP gemessen. Herunterbrechen lässt sich diese Annahme auf die folgende Gleichung: Mehr Wachstum in einer Volkswirtschaft führt zu steigenden Investitionen und steigender Produktion als auch zu einer höheren Anzahl von Arbeitsplätzen und folglich steigt der Wohlstand in einer Gesellschaft.

Wirtschaftswachstum ist selbstverständlich umfassender zu betrachten. Zunächst bezeichnet „Wachstum die Zunahme einer wirtschaftlichen Größe im Zeitablauf“ (bpb o.J.).[1] Ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum zeichnet fortschrittliche Volkswirtschaften, wie Deutschland (s. Abb. 1), aus. Das Wirtschaftswachstum wird an dem realen BIP[2] gemessen, wobei der BIP-Wert, geteilt durch die Bevölkerungszahl, das BIP pro Einwohner ergibt, welches als Wohlstandsmaß dient (Metz 2016).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bruttoinlandsprodukt in Deutschland von 1991 bis 2017. Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Statistisches Bundesamt 2018

Das BIP pro Einwohner zeigt, dass eine „Zunahme zu einer besseren materiellen Güterversorgung der Bevölkerung“ (bpb o.J.) führt, während eine Erklärung über die Arbeitsproduktivität der Erwerbstätigen durch den Bezug des BIP auf die Anzahl dieser erfolgt (vgl. ebd.). Interessant ist vor allem das langfristige Wirtschaftswachstum, da es sich von den „kurzfristigen, konjunkturell bedingten Veränderungen des Sozialprodukts [abgrenzt, d. Verf.]“ (ebd.). Dafür wird das Produktionspotential[3] statt dem Sozialprodukt betrachtet.

Zu unterscheiden ist im Hinblick auf die vorliegende Arbeit auch zwischen quantitativem und qualitativem Wachstum. Während ersteres „auf die rein mengenmäßige Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Sinne der Zunahme einer Sozialproduktgröße (z.B. BIP) [abzielt, d.Verf.]“ (ebd.), umfasst das qualitative Wachstum Ziele, die darüber hinausgehen. Dazu gehört neben der Steigerung der Lebensqualität auch, die Belastung der Umwelt zu verringern (vgl. ebd.). Während das quantitative Wachstum Gegenstand des ersten Teils der Arbeit ist, wird im zweiten Teil das qualitative Wachstum in den Fokus gerückt.

Die Geschichte des BIP soll nun kurz erläutert werden, da die Entstehung und Entwicklung dieses Messwerkzeugs Auskunft darüber geben kann, weshalb das BIP bis heute als wichtigstes Instrument zur Wohlstandsmessung gilt.

Der britische Ökonom William Petty begann im Zeitalter der Aufklärung, Daten über Einkommen und Ressourcenverteilung zu sammeln, da er der Auffassung war, dass sich die Lage der Menschheit bessern lasse, wenn man ihre Umstände misst und auswertet (vgl. Schnaas 2013: 3). Allerdings setzte er diese Methode nicht zum Wohle der Menschheit ein, sondern vielmehr wurden die Daten zu politischen Zwecken genutzt, um Vorteile für wenige Mächtige zu erwirken. Im 19. Jahrhundert folge eine Phase, in welcher soziale Fragen, durch Ökonomen wie Cecil Pigou oder Alfred Marshall, in den Mittelpunkt rückten. Sie interessierten sich in erster Linie dafür, in diesem Zusammenhang den Konsum und das Einkommen zu untersuchen. Erst in den Krisenjahren des 20. Jahrhunderts, zwischen 1930 und 1950, wird das BIP zum anerkannten Wohlstandsmesser (vgl. ebd.). Doch schon in diesen Anfangsjahren des BIP wurden Stimmen laut, die kritisierten, dass dieser Wohlstandsindikator nur begrenzt geeignet war, um den Wohlstand einer Gesellschaft zu messen. Diese Einwände wurden jedoch nicht berücksichtigt. Seit der Messung des BIP stieg dieser nicht nur in Deutschland bis zum heutigen Tag, bis auf wenige konjunkturelle Auf- und Abschwünge, konstant an (s. Abb. 1). War das BIP 1950 noch bei einem Wert von 49,69 Milliarden Euro, so ist er bis 2017 auf 3,26 Billionen Euro angestiegen (vgl. Statista 2018). Die Fokussierung auf die stetige Steigerung des BIP begann in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Die Hauptfrage in diesen Jahren lautete: „Wie hoch ist das Kriegspotential der Wirtschaft? Wie hoch lässt sich der Rüstungssektor fahren, ohne Engpässe in anderen Wirtschaftsbereichen zu riskieren?“ (Schnaas 2013: 4). Staaten entdeckten, dass eine Kriegswirtschaft sich zwar negativ auf den Konsum auswirkt, für Beschäftigung, Investitionen und Produktivität jedoch förderlich ist (vgl. ebd.). Seitdem „steht die Steigerung der Gütermenge (das BIP) im Blickpunkt des politischen Interesses und nicht mehr die Steigerung der besteuerbaren Einkommen“ (ebd.). Das blieb auch nach 1945 unverändert, als eine „Friedenswirtschaft“ implementiert wurde. Der amerikanische Ökonom Simon Smith Kuznets erhebt den Einwand, dass in Friedenszeiten „die Güterproduktion für den Menschen da [sei, d. Verf.] und nicht umgekehrt“ (ebd.). Aus diesem Grund müsse für die Wohlstandsmessung in diesen Zeiten das „gute Leben“ als Merkmal dienen (vgl. ebd.). Doch unerhört des Einwands, bleibt die Produktion (das BIP), als Mittel zur Erreichung des Zwecks des Wirtschaftens, im Fokus (Schnaas 2013: 4). Durch die zunehmende Produktivität ist nach dem Zweiten Weltkrieg gleichfalls der Wohlstand gestiegen. Seitdem halten Politik und Wirtschaft am Prinzip des stetigen Wachstums fest. Eine mögliche Erklärung kann dafür sein, dass „zentrale Gesellschafts-, Politik- und Wirtschaftsbereiche …, wie sie heute gestaltet sind, existenziell auf ständiges Wachstum angewiesen sind“ (Seidl/Zahrnt 2010: 23).

Definiert man Wohlstand rein ökonomisch, das heißt als Ausstattung einer Gesellschaft mit Produkten und Dienstleistungen, so ist die Gleichung „Ökonomischer Wohlstand ist gleich Wirtschaftswachstum“ zutreffend. Dass diese etablierte Annahme, wortwörtlich, an ihre Grenzen stößt, soll im späteren Verlauf deutlich werden.

[...]


[1] Diese Wachstumszunahme kann sich auf Unternehmen, private Haushalte oder Eigenkapital beziehen (bpb o.J.).

[2] Das bedeutet, dass das BIP von Preisveränderungen bereinigt wurde.

[3] Damit ist „dasjenige Inlandsprodukt [gemeint], das erwirtschaftet werden könnte, wenn der vorhandene Bestand an Sachkapital und Arbeitskräften im Produktionsprozess voll ausgelastet wäre“ (bpb o.J.).

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Neuer Wohlstand. Ist ein Paradigmenwechsel des Wohlstandsindikators in Anbetracht der Grenzen des Wirtschaftswachstums notwendig?
Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
49
Katalognummer
V436894
ISBN (eBook)
9783668772113
ISBN (Buch)
9783668772120
Dateigröße
949 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Wohlstand, Umwelt, Wirtschaftswachstum, BIP, Wirtschaft, Ökonomie
Arbeit zitieren
Elisa Reinlein-Mertens (Autor), 2018, Neuer Wohlstand. Ist ein Paradigmenwechsel des Wohlstandsindikators in Anbetracht der Grenzen des Wirtschaftswachstums notwendig?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436894

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