Das Rentenpaket des Jahres 2014 und die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen in Deutschland


Bachelorarbeit, 2015

45 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ziel der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Wirtschaftspolitische Ausgangslage Deutschlands
2.1 Wirtschaftspolitisches Umfeld
2.2 Bevölkerungsstruktur und - entwicklung

3 Inhalt und Bewertung des Rentenpakets 2014
3.1 Kurzdarstellung des Rentensystems in Deutschland
3.2 Bestandteile des Rentenpakets 2014
3.3 Kosten und Finanzierung des Rentenpakets 2014

4 Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen in Deutschland
4.1 Wirtschaftspolitische Auswirkungen des demografischen Wandels unter Berücksichtigung des Rentenpakets 2014
4.2 Basisszenario nach Werding (2014) und die Berechnung der T ragfähigkeitslücke
4.3 Alternativmodelle und Handlungsspielräume

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Bruttoinlandsprodukt

Abbildung 2 Lebenserwartung 1960-2013

Abbildung 3 Fertilitätsrate

Abbildung 4 Bevölkerungsstruktur 1960-2012

Abbildung 5 Schuldenstand

Abbildung 6 Erwerbslosenquote

Abbildung 7 Bevölkerungspyramide 2014 und 2060

Abbildung 8 Mehrausgaben des Rentenpakets

Abbildung 9 Wechselkurs Euro - Dollar

Abbildung 10 ölpreis

Abbildung 11 Bevölkerungspyramide 1990 und 2013

Abbildung 12 Bevölkerungspyramide 1910

Abbildung 13 Lebenserwartung bis 2060

Abbildung 14 Schrittweise Anhebung der Rente auf 67

Abbildung 15 Beitragssatzentwicklung

Abbildung 16 Schrittweise Anhebung der abschlagsfreien Rente auf 65

Abbildung 17 Rentenbezugsdauer bis 2060

Abbildung 18 Nachhaltigkeitsrücklage

Abbildung 19 Jugend-, Alten- und Gesamtquotient

Abbildung 20 Ausgaben der Gesetzlichen Rentenversicherung bis 2060

Abbildung 21 Auswirkungen der Bestandteile des Rentenpakets

Abbildung 22 Anstieg demografiesensitiver Ausgaben

Abbildung 23 Ausgabenquote

Abbildung 24 Beitragssatzsteigerung

Abbildung 25 Finanzierungssaldo

Abbildung 26 Schuldenstand

Abbildung 27 Auswirkungen Alternativszenarien

1 Einleitung

״Denn eins ist sicher: Die Rente.“ (Harder und Tutt, 2013). So lautete bereits 1986 ein viel beachteter Werbespruch der CDU, mit dem der damalige Bundesminister für Arbeit und Soziales, Norbert Blüm, für mehr Vertrauen für die Rentenversicherung warb. Auch Jahre später ist dieser Spruch noch immer vielen Teilen der Bevölkerung in Erinnerung geblieben. Gut 30 Jahre nach den ersten großen Maßnahmen zur Sicherung der Renten muss sich die Politik die Frage nach der Rentensicherheit erneut gefallen lassen, da der demografische Wandel eine ״unaufhaltsame Realität“ (Schmidt, 2015, S.7) geworden ist und die zukünftige Rentenpolitik vor akute Herausforderungen stellt.

Nachdem sich die deutsche Wirtschaft, unter anderem durch harte Sparmaßnahmen, von den konjunkturellen Schäden der ersten Dekade dieses Jahrhunderts erholt hat (Abbildung 1) und die Politik sich nun um deren Spätfolgen für den gesamten Euro­Raum sorgt, dürfen die zukünftigen innenpolitischen Herausforderungen dennoch nicht aus den Augen verloren werden. Neben den bildungs-, arbeitsmarkt- und verteilungspo­litischen Problemen wird vor allem die Frage nach dem richtigen Umgang in Bezug auf den aufkommenden demografischen Wandel innerhalb unserer Gesellschaft und den damit verbundenen finanziellen Lasten im Vordergrund Stehen (Werding, 2014). Es scheint als könnte aufgrund der steigenden Lebenserwartung davon ausgegangen wer­den, dass eine immer älter werdende Bevölkerung von weniger Nachkommen und einer abnehmenden Zahl Personen im erwerbsfähigen Alter getragen werden muss (Abbil­dungen 2 bis 4).

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass nach etlichen Leistungskürzungen in der Ver­gangenheit im Mai 2014 mit dem Gesetz über Leistungsverbesserungen in der Gesetzli­Chen Rentenversicherung eine der größten Leistungsausweitungen verabschiedet wur­de und am 01. Juli 2014 in Kraft trat (Feld et al., 2014, S.553). Bis zum Jahr 2030 wird das Gesamtvolumen dieser Maßnahme, nach aktuellen Schätzungen, zirka 160 Milliar­den Euro betragen (ebenda). Dies wirft die Frage nach der Finanzierbarkeit dieses Pa­kets auf. Daneben ist nicht sicher ob die zukünftige Generation nach jetzigen Prognosen die daraus resultierenden Lasten ohne weiteres schultern kann. Dies sah auch der Sachverständigenrat für Wirtschaft als Grund sich in seinem aktuellen Jahresgutachten 2014/2015 mit dem Titel ״Mehr Vertrauen in Marktprozesse“ ausführlich diesem Thema zu widmen. Neben den Erläuterungen zum Inhalt des Pakets äußern sich die Experten auch zur Beurteilung der Maßnahmen. Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Betrach­tung stehen jedoch die ökonomische Analyse des Rentenpakets anhand der prognosti­zierten Entwicklungen, sowie die Neuberechnung der Tragfähigkeit der öffentlichen Fi­nanzen. Aufzuklären gilt es welche Folgen die Verabschiedung des Gesetzes für die finanzielle Stabilität der Gesetzlichen Rentenversicherung hat und welche Maßnahmen in Betracht gezogen werden können, um die zukünftige Generation der Beitragszahler vor einer Überlastung zu schützen.

1.1 Ziel der Arbeit

Mit dem aktuellen Jahresgutachten des Sachverständigenrats für Wirtschaft liegt seit November 2014 eine ausführliche kritische Würdigung vor. Diese beschreibt die be­schlossene Rentenreform als ״ökonomisch nicht zu begründen“ (Sachverständigenrat, 2014, S.297). Unter Berücksichtigung der aktuellen wirtschaftspolitischen Situation Deutschlands und der zukünftigen Entwicklung der Bevölkerung, werden in dieser Arbeit die im Gutachten getroffenen Äußerungen hinterfragt. Besonders geprüft wird, inwiefern das verabschiedete Gesetz eine Mehrbelastung für künftige Beitragszahler darstellt und welche Bevölkerungsgruppen durch die ergriffenen Maßnahmen besonders profitieren. Anhand der Analyse demografiesensitiver Indikatoren wird die Tragfähigkeit der öffentli­Chen Finanzen beleuchtet, um darauf aufbauend auf mögliche Unsicherheiten bezie­hungsweise Handlungsalternativen eingehen zu können. Dies soll anhand von Verände­rungen des Basisszenarios untersucht werden. Am Ende dieser Arbeit wird innerhalb eines Fazits verdeutlicht, in welchem Ausmaß die Tragfähigkeit zu beeinflussen wäre und welche Ansatzpunkte diesbezüglich gegeben sind.

1.2 Aufbau der Arbeit

Zu Beginn wird im zweiten Kapitel auf die aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage Deutschlands Bezug genommen, um somit eine Grundlage zur Beurteilung der in den folgenden Kapiteln behandelten Maßnahmen und Entwicklungen zu schaffen. Be­trachtet man Abbildung 1 kann man erkennen wie sich das Bruttoinlandsprodukt in den Jahren nach der schweren Krise erholen und sich im positiven Wachstumsbereich fest­setzen konnte. Es bildet als einer der wichtigsten Indikatoren das wirtschaftliche Wachs­tum einer Volkswirtschaft ab. Daneben kann man in Abbildung 5 auch einen leichten Rückgang der Staatsverschuldung wahrnehmen und mithilfe von Abbildung 6 wird die Wirkung der Reformen der letzten Jahre, zum Beispiel der Agenda 2010, auf den Ar­beitsmarkt veranschaulicht. Trotz allen positiven Veränderungen seit der Finanzkrise 2008 scheint der demografische Wandel wie ein Damoklesschwert über Deutschland zu schweben (Abbildung Bevölkerungspyramide 2014 VS. 2060), ohne dass davon in der breiten Bevölkerung allzu viel Kenntnis genommen wird. Die Berücksichtigung der aktu- eilen Situation soll aufzeigen in welchem wirtschaftspolitischen Umfeld die Rentenreform beschlossen wurde und eine Einordnung der Auswirkungen in der Folge erleichtern. Um die gesellschaftlichen Veränderungen in der Zukunft besser abschätzen zu können, wird im zweiten Abschnitt des zweiten Kapitels die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes von 2015 hinzugezogen.

Im Anschluss daran werden nach kurzer Darstellung des deutschen Rentensystems im zweiten Abschnitt des folgenden Kapitels die Versorgungsverbesserungen durch das verabschiedete Rentenpaket ausführlich erläutert und kritisch hinterfragt. Denn die Ein­führung der abschlagsfreien Rente mit 63 Jahren für besonders langjährig Versicherte (§ 236b SGB VI) stellt eine Ausweitung einer nicht systemkonformen Sonderregelung des Rentenrechts dar, die erst 2029 wieder den Ausgangszustand erreichen wird. Dann ist es erst wieder mit 65 Jahren mögliche früher, abschlagsfrei in Rente zu gehen. Zu­dem gilt die Ausdehnung der Anrechenbarkeit von Kindererziehungszeiten1 als eine enorme finanzielle Last, die als ״nicht sachgerecht“ (Feld et al., 2014, S.554) eingestuft wird. Betrachtet man diese beiden Maßnahmen, entsteht der Eindruck, dass die finanzi- elle Stabilität der Gesetzlichen Rentenversicherung gefährdet sei. Dem entgegenzuset­zen bleibt lediglich die Tatsache, dass mit der Anpassung der Erwerbsminderungsrente (§§ 59 I und 73 I SGB VI) und Aufstockung der Ausgaben für Leistungen zur Teilhabe2 (§ 287b SGB VI) sinnvolle Veränderungen vorgenommen wurden (Feld et al., 2014, S.559). Daran anknüpfend werden im letzten Abschnitt des dritten Kapitels die Kosten der Gesetzesausweitung und deren Finanzierung aufgezeigt. Schließlich entstehen durch die Reform bis zum Jahr 2030 zusätzliche Ausgaben in Höhe von 160 Milliarden Euro (Feld et al., 2014, S.553). Wie in Abbildung 8 dargestellt, fallen im Zeitraum von 2015 bis 2025 dahingehend jährlich zirka 10 Milliarden Euro3 Mehrausgaben an (Kall­weit und Kohlmeier, 2014, S.2). Dies lässt das Vorhaben der Bundesregierung, die Bei­tragszahler nicht zu überfordern (Bundesministerium der Finanzen, 2015, s. 33), stark anzweifeln. Um diese Argumentation zu stützen lässt sich zudem die Tatsache, dass schon jetzt eine gesetzlich verankerte Beitragsminderung gekippt wurde, heranziehen (Sachverständigenrat, 2014, s. 295). Vorgesehen ist die Finanzierung durch den Ver­brauch der Nachhaltigkeitsrücklage, die 2013 bei etwa 32 Milliarden Euro lag (Schmidt, 2015, S.11), und einer Anhebung der Bundeszuschüsse (Bundesministerium der Finan­zen, 2015, S.33). Trotz dieser Unterstützung durch den Bund scheint es als würden Fi­nanzierungsdefizite leichtfertig in Kauf genommen. Denn ohne eine Anhebung der Bei­tragssätze ist eine tragfähige Finanzierung schwer vorstellbar (Kallweit und Kohlmeier, 2014, S.7). Die Frage nach der generellen Tragfähigkeit der öffentlichen Haushalte leitet den vorletzten Teil der Arbeit ein und wird mithilfe verschiedener Entwicklungen Wirt­schaftspolitischer Indikatoren in Kapitel vier analysiert.

Im ersten Abschnitt werden die direkten Auswirkungen des Rentenpakets genannt. Durch die abschlagsfreie Rente mit 63 für besonders langjährig Versicherte wird bei­spielsweise das Erwerbspersonenpotential genau zu dem Zeitpunkt gesenkt, an dem der demografische Wandel zu wirken beginnt (Sachverständigenrat, 2014, s. 297). Dies macht deutlich, dass vor allem ״Versicherte der rentennahen Geburtsjahrgänge“ (eben­da) zu den großen Gewinnern dieser Reform zählen. Darüber hinaus bewirkt die Einfüh­rung der ״Mütterrente“ einen positiven Effekt bei den Bestandsrentnern (Kallweit und Kohlmeier, 2014, s. 13). Die Belastungen werden größtenteils von der zukünftigen Ge­neration der Beitragszahler, vor allem aber auch von Personen mit einem hohen Bil­dungsabschluss getragen (Sachverständigenrat, 2014, s. 298). Im Vergleich zu der möglichen Entwicklung ohne Rentenpaket steigt der Beitragssatz in der Spitze zusätz- lieh um 0,7%, während das Rentenniveau mit 0,3 - 0,8% zusätzlich sinkt, (ebenda)

Um die mögliche Entwicklung der Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen in der Zukunft analysieren zu können, müssen zu Beginn der Untersuchung die im ersten Abschnitt dieses Kapitels betrachteten Veränderungen der demografiesensitiven Ausgabenberei­che betrachtet werden und anschließend, in Form einer Kennziffer zur Beschreibung der Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen umgewandelt werden (Sachverständigenrat, 2014, s. 299). Diese Kennziffer gibt den Anstieg des Primärsaldos in Relation des Brut­toinlandsprodukts an, der sofort und dauerhaft nötig wäre, um die Tragfähigkeitslücke zu schließen (ebenda). Die Fortschreibung der demografiesensitiven Ausgaben erfolgt auf Basis von Werding (2014). Demnach belaufen sich diese im Basisjahr 2012 auf unge­fahr 60% aller staatlichen Ausgaben und weisen eine Ausgabenquote von 26% in Rela­tion zum Bruttoinlandsprodukt auf. Die Steigerungen der Rentenausgaben von zwi­schenzeitlich 4% (2015-2025) erfolgen wie in Abbildung 8 dargestellt. Bundeszuschüs­se, die sich am steigenden Beitrag orientieren, nehmen mit dem Rentenpaket deutlich zu (Werding, 2014). Des Weiteren werden Beitragsanstiege unausweichlich, wodurch sich allerdings eine erhebliche Steigerung der Abgaben entwickelt, mit der ein ״negativer Arbeitsanreiz“ (Sachverständigenrat, 2014, S.302) einhergeht. Das Basisszenario von Werding (2014), mit dessen Hilfe die Tragfähigkeitslücke dargestellt werden kann, orien­tiert sich bezüglich Demografie, Arbeitsmarkt und gesamtwirtschaftlichen Rahmenbe­dingungen ebenfalls an den Berechnungen des Statistischen Bundesamts (2015). Dem­nach werden unter anderem Annahmen über die Bevölkerungsentwicklung, die Lebens­erwartung, den Wanderungssaldo und die Erwerbslosenquote getroffen. Laut diesen Berechnungen sorgen die demografiesensitiven Ausgaben für ein höheres Primärdefizit, was sich wiederum stark im Finanzierungsdefizit niederschlagen wird, sodass die Schuldenstandsquote steigt. Im Jahr 2060 beträgt der Finanzierungssaldo nach dem Modell von Werding (2014) 15,6% des Bruttoinlandsprodukts und die Schuldenstands­quote wächst exponentiell auf bis zu 246,9%. Als Tragfähigkeitslücke ergibt sich ein Wert von zirka 3,4% des Bruttoinlandprodukts (Werding, 2014, S.29). Auch die Berech­nurig des Bundesministeriums der Finanzen (2015, S.32) gibt einen ähnlichen Wert an, wobei insgesamt rund 0,2% der Tragfähigkeitslücke ausschließlich dem Rentenpaket zuzurechnen sind (Sachverständigenrat, 2014, s. 294). Bei all dem darf jedoch nicht vergessen werden, dass bei dieser Simulation mögliche Veränderungen der staatlichen Einnahmen beziehungsweise Ausgaben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt unbe­rücksichtigt bleiben, um so die Folgen bei gleichbleibenden politischen Rahmenbedin­gungen in aller Deutlichkeit zu vergegenwärtigen (Werding, 2014, S.2). Selbstverständ- lieh liegt, wie in Abschnitt drei des vierten Kapitels dargestellt, bei den Basisannahmen der Simulation ein gewisser Grad an Unsicherheit vor. Daraus folgen mögliche Alterna­tivszenarien, die sich in ihren Annahmen vom Basisszenario unterscheiden und dadurch etwaige Handlungsalternativen aufzeigen. In unserem Fall ergeben sich in veränderten Modellen Werte der Tragfähigkeitslücke von 2 - 6% (Werding, 2014, s. 48).

Zum Schluss der Untersuchung werden alle in Kapitel vier durchgeführten Berechnun­gen der verschiedenen Szenarien für ein abschließendes Fazit berücksichtigt. Infolge­dessen kann ein Blick auf mögliche Handlungsalternativen in Bereichen wie Demogra­fie, Investitionen und Erwerbsbeteiligung, sowie Renten- und Krankenversicherung ge- Worten werden (Sachverständigenrat, 2014, s. 305) und so verdeutlicht werden wo die Chancen der Einflussnahme am größten sind.

Auch wenn es am den Anschein hat, dass noch genügend Zeit verbleibt um auf den be­vorstehenden demografischen Wandel reagieren zu können, muss die Entwicklung der Tragfähigkeitslücke als akutes Warnzeichen für zukunftsnahe Reformen betrachtet wer­den und die politischen Entscheidungsträger in die Verantwortung nehmen.

2 Wirtschaftspolitische Ausgangslage Deutschlands 2.1 Wirtschaftspolitisches Umfeld

Verfolgte man in der jüngsten Vergangenheit die wirtschaftliche Entwicklung Deutsch­lands, konnte man den Eindruck gewinnen die ersten Krisen des neuen Jahrhunderts bereits überwunden zu haben. Schließlich erholte sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum trotz der Staatsschuldenkrise in Europa von den Folgen der Finanzkrise 2008 so stark, dass sogar der Sachverständigenrat für Wirtschaft aktuell das erwartete Wachstum des Bruttoinlandsprodukts für das Jahr 2015 auf 1,8% gegenüber dem Vor­jahr nach oben korrigierte (Sachverständigenrat, 2015). Der deutschen Wirtschaft scheint es wieder besser zu gehen. Dieses Bild bestätigt auch das Stabilitätsprogramm des Bundesministeriums der Finanzen zur mittelfristigen Finanzplanung, das im April 2015 durch das Bundeskabinett zur Vorlage bei der Europäischen Kommission und dem Rat der Wirtschafts- und Finanzminister bewilligt wurde (Bundesministerium der Finan­zen, 2015, S.5). Demnach konnten die Unternehmen ihre Exporte, auch durch die Ab­Wertung des Euro gegenüber des US-Dollars (Abbildung 9), um 3,6% im Jahr 2014 stei­gern. Neben der günstigen Finanzierungslage durch die Niedrigzinspolitik der Europai- schen Zentralbank (Bundesministerium der Finanzen, 2015, s.) wirkt sich auch der fal­lende Rohölpreis (Abbildung 10) auf eine verbesserte Gewinnsituation der Unternehmen aus. Sowohl die Nettolohnerhöhung um 2,6%, als auch der Anstieg der Beschäftigten­zahl um knapp 400.000 Personen (Bundesministerium der Finanzen, 2015, S.9 und S.10) und der damit verbundene Rückgang der Erwerbslosenquote (Abbildung 6) kön­nen als weitere positive Signale betrachtet werden. Von großer Bedeutung scheint auch die Entwicklung der Schuldenstandsquote (Abbildung 5). Nach jahrzehntelangem An­stieg und dem Erreichen eines Rekordniveaus 2010 in Relation zum Bruttoinlandspro­dukt, fällt sie in absoluten Zahlen betrachtet auch seit 2012. Durch die von der Bundes­regierung verordnete Schuldenbremse aus dem Jahr 2009, sollte auch die Staatsver­schuldung bis spätestens 2017 unter 70% und bis 2023 sogar unter 60% des Bruttoin­landsprodukts fallen. Begründet ist diese Maßnahme im Bestreben zur Erreichung der Maastricht-Grenze. Das Bundesministerium der Finanzen geht davon aus die 70%- Grenze bereits 2016, und damit ein Jahr früher als geplant, zu erreichen (Bundesminis­terium der Finanzen, 2015, S.15). Grund hierfür ist ein ausgeglichener Staatshaushalt, der 2014 erstmals seit 1969 ohne Neuverschuldung auskam (ebenda). Die bisher er­reichten Ziele sollten nun auch genutzt werden um die innenpolitisch aufkommende zu­künftige Problematik rechtzeitig anzugehen. Neben steigenden Ausgaben für Bildung, Kinderbetreuung, Forschung und öffentliche Infrastruktur, darf die erwartete Verände­rung der Bevölkerungsstruktur nicht ignoriert werden.

2.2 Bevölkerungsstruktur und - entwicklung

Bereits heute wird deutlich welchen Herausforderungen sich Deutschland, in Anbetracht der vergangenen Bevölkerungsentwicklung, zukünftig stellen muss. Nimmt man das Jahr nach dem Mauerfall, also 1990, zum Vergleich, erkennt man schon jetzt deutliche Verschiebungen der Altersstrukturen (Abbildung 11 ) und eine immer weitere Abkehr von der klassischen Bevölkerungspyramide aus der Vergangenheit (Abbildung 12). Durch die starke Abnahme der Geburtenziffer (Abbildung 3) und das Altern der Erwerbstätigen ist das Medianalter der deutschen Bevölkerung seit 1990 von 37 auf 45 Jahre gestiegen (Statistisches Bundesamt, 2015, S.19 und S.21).

Die im April 2015 veröffentlichte 13״. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ des Statistischen Bundesamts verdeutlicht die zu erwartenden Veränderungen der Bevölke­rung in Deutschland bis in das Jahr 2060. Diese bildet die Grundlagen für zahlreiche wichtige wirtschaftspolitische Entscheidungen. Die Studie umfasst acht verschiedene Varianten und drei Modellrechnungen bezüglich getroffener Annahmen über Geburten­häufigkeiten, Lebenserwartungen und Wanderungssalden. Alle Berechnungen beruhen auf dem Bevölkerungsstand vom 31.12.2013 (Statistisches Bundesamt, 2015, S.5), der aufgrund des Zensus 2011 in wenigen Details vom Bestand der vorherigen Berechnung abweicht (ebenda). Es ergeben sich infolgedessen keine erheblichen Unterschiede be­züglich der Trendaussage, allerdings in den absoluten Werten der Vorhersage.

Um die bedeutendsten und realistischsten Verläufe darstellen zu können, wurden zwei Varianten gewählt, die den vergangenen langfristigen Trends am stärksten folgen. In beiden Modellen wird eine Steigerung der Lebenserwartung für Männer um sieben, für Frauen um sechs Jahre, angenommen (Abbildung 13). Des Weiteren geht man in bei­den Modellen von einer Geburtenziffer von durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau aus. Lediglich bei der Nettozuwanderung ergeben sich unterschiedliche Annahmen. So geht Variantei davon aus, dass der Wanderungssaldo nach einem Absinken von aktuell zir­ka 500.000 Personen ab dem Jahr 2021 konstant bei 100.000 Personen verbleibt. Vari­ante 2 simuliert einen konstanten Wanderungssaldo von 200.000 Personen ab dem Jahr 2021 (Statistisches Bundesamt, 2015, s.5). Trotz, in absoluten Zahlen gemessen, steigender Sterbefälle, vergrößert sich das Geburtendefizit erheblich, da die geborenen Mädchenjahrgänge in Zahlen kleiner als die Jahrgänge ihrer Mütter sein werden. Um das Niveau zu erhalten wäre eine Geburtenquote von 2,1 Kindern pro Frau nötig (eben­da). Mit 16% bleibt der Anteil der Kinder, also Personen unter 20 Jahren, fast gleich. Besonders ins Gewicht fallen dürfte jedoch die Verlagerung der älteren Erwerbsbevölke­rung bis 2060. So machen die 20-65-jährigen heute noch 61% der Bevölkerung aus, 2060 sind es laut der Berechnung nur noch 51%. In absoluten Zahlen ausgedrückt sinkt auch die Erwerbsbevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren von aktuell 49,2 Millionen auf 38 (Variante 2) beziehungsweise 34 Millionen (Variante 1) Personen. 2011 ging man sogar noch von einem Rückgang auf 36 beziehungsweise 33 Millionen Personen aus. Es zeigt sich, dass dieser Effekt durch die unerwartet hohe Zuwanderung in den letzten Jahren zwar abgemildert, jedoch nicht völlig gestoppt werden konnte. Somit könnte bis 2060 das Medianalter nochmals von 45 auf 50 beziehungsweise 51 Jahre ansteigen. Diese Entwicklung zeigt sich noch deutlicher, wenn man die Steigerung bei den Perso­nen über 79 Jahren (5,4% auf 13,0%) den Minderungen der Personen unter 20 Jahren (18% auf 16%) gegenüberstellt. Das Verhältnis der Beitragszahler gegenüber den Leis­tungsbeziehern des Rentensystems, auch Altenquotient genannt, könnte in der Folge von 100 zu 34 (2013) auf 100 zu 65 (Variante 1) oder 100 zu 61 (Variante 2) steigen. Zusammen mit dem etwa gleichbleibenden Verhältnis der Erwerbspersonen gegenüber Personen unter 20 Jahren, kurz Jugendquotient, steht 2060 fast jedem Beitragsleisten­den ein Leistungsempfänger gegenüber (Statistisches Bundesamt, 2015, S.26). In je­dem Fall wird die Bevölkerung in Deutschland schrumpfen. Wenn man dem Zensus aus dem Jahr 2012 zufolge, von 80,8 Millionen Personen ausgeht, könnten 2060 je nach Berechnungsvariante realistisch betrachtet zirka 67,6 bis 73,1 Millionen Personen unse­re Bevölkerung bilden. Auch in der Variante mit den optimistischsten Variablen wird le­diglich eine Bevölkerungszahl von 78,6 Millionen Personen erreicht (Statistisches Bun­desamt, 2015, S.15). Im Gegensatz zu einer Erhöhung der Geburtenziffer, die erst in zwanzig Jahren wirken würde, könnte ein dauerhaft hoher Wanderungssaldo diesen Trend schon jetzt bremsen. Denn aufgrund ihrer Mobilität sind es vor allem junge Per­sonen, die in unser Land einwandern (Statistisches Bundesamt, 2015, S.38). Dies er­höht nicht nur direkt unsere Bevölkerungszahl. Auch kann von einem Anstieg der jungen Bevölkerung auf einen Anstieg der Geburtenziffer geschlossen werden. Allerdings muss berücksichtig werden, dass das Migrationspotenzial sowohl von der politischen und Wirt­schaftlichen Lage im jeweiligen Herkunftsland, als auch von der Attraktivität Deutsch­lands abhängt und sich daher nur schwer eine verlässliche Aussage treffen lässt. Zu­dem kann die Altersproblematik in der Bundesrepublik nicht alleine durch einen positi­ven Wanderungssaldo behoben werden, sondern es müssen strukturelle Verändernn- gen herbeigeführt werden um die Sicherung im Alter noch auf Jahre hinaus gewährleis­ten zu können.

3 Inhalt und Bewertung des Rentenpakets 2014

3.1 Kurzdarstellung des Rentensystems in Deutschland

Die Altersvorsorge besteht in Deutschland aus insgesamt drei verschiedenen Absiche­rungssystemen. Vor allem durch die Gesetzliche Rentenversicherung kann der Erhalt eines gewissen Lebensstandards nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben gesi­chert werden. Betriebliche und private Vorsorge waren bisher nur als freiwillige Ergän­Zungen, von meist gut verdienenden Erwerbspersonen, zu betrachten.

Durch die Gesetzliche Rentenversicherung sind neben den Beschäftigten, deren Beitrag zum Teil auch vom jeweiligen Arbeitgeber geleistet wird, zahlreiche selbständige oder pflegebedürftige Personen pflichtversichert. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit einer freiwilligen Versicherung um somit später eine höhere Rente zu erzielen (§§ 1,2,3,7 SGB VI). Der Eintritt in die Altersrente ist nach der Erhöhung des Rentenein­trittsalters von 65 auf 67 Jahren stufenweise später und ab 2029 prinzipiell erst nach Vollendung des 67. Lebensjahres und einer Wartezeit von fünf Jahren (RV- Altersgrenzenanpassungsgesetz, 2007) möglich. Allerdings gibt es Ausnahmen, die un­ter bestimmten Voraussetzungen einen Renteneintritt vor dem Erreichen der Altersgren­ze gestatten (§ 36 SGB VI). So kann beispielsweise eine versicherte Person nach 45 Beitragsjahren bereits mit Vollendung des 65. Lebensjahres abschlagsfrei in Rente ge­hen.

[...]


1 Im Folgenden auch ״Mütterrente“ genannt

2 Im Folgenden auch ״Rehadeckel“ genannt

3 Um eine bessere Lesbarkeit zu ermöglichen werden Zahlen als Ergebnisgröße nicht ausgeschrieben

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Das Rentenpaket des Jahres 2014 und die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen in Deutschland
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
45
Katalognummer
V436920
ISBN (eBook)
9783668786554
ISBN (Buch)
9783668786561
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Besondere Anerkennung des Fachbereichs Rechts- und Wirtschaftswissenschaften für diese Bachelorarbeit
Schlagworte
Rentenpaket, Volkwirtschaftslehre, VWL, Tragfähigkeit, öffentliche Finanzen, Rente, Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspolitik, Bevölkerungsstruktur, Bevölkerungsentwicklung, Rentensysten, demografischer Wandel, Demografie, Demographie
Arbeit zitieren
Benedicht Haas (Autor:in), 2015, Das Rentenpaket des Jahres 2014 und die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436920

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