Ist die Marquise von O... eine typische Frau ihrer Zeit? Eine Analyse der Frauenfigur


Seminar Paper, 2013
23 Pages, Grade: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Familienbegriff im Wandel
2.1 Der Familienbegriff vor 1800
2.2 Der Familienbegriff ab 1800
2.3 Der Familienbegriff in Bezug auf Kleist

3. Die Rolle der Frau um 1800
3.1 Die Geschlechtscharaktere
3.2 Die Bedeutung der Ehe um 1800
3.3 Kleists Frauenbild und seine Erwartungen an die Ehe

4. Die Marquise von O - eine Analyse des Frauenbilds

5. Fazit
5.1 Inwiefern ist es wichtig, das Frauenbild dieser Zeit zu kennen, um die Marquise von O richtig verstehen zu können?
5.2 Ist die Marquise von O eine typische Frau ihrer Zeit?

6. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Die Marquise von O… von Heinrich von Kleist ist 1808 in der von ihm und seinem Kollegen herausgegeben Zeitschrift Phoebus im zweiten Heft erschienen. Die Novelle erschien mitten in einer Zeit des Wandels. Um 1800 hat sich der Familienbegriff ganz stark gewandelt und bedingt davon auch das Frauenbild. Demnach ist es besonders interessant sich anzuschauen, wie sich der Familienbegriff gewandelt hat, in was für einer Familie Kleist aufgewachsen ist und davon abhängend dann auch, wie sich Kleists Frauenbild mit dem allgemeinen typischen Frauenbild dieser Zeit deckt. Und um die Marquise von O… wirklich adäquat verstehen zu können und ihr Verhalten auch richtig deuten zu können, ist es entscheidend, das Verhalten der Julietta mit den erwarteten Verhaltungsweisen einer adeligen Dame in dieser sozial hohen Position abzugleichen.

Deshalb ist die Frage Ist die Marquise von O… eine typische Frau ihrer Zeit ? eine Frage, deren Beantwortung viel dazu beiträgt die Hauptfigur und ihre Handlungen nachvollziehen zu können und auch angemessen beurteilen zu können.

2. Der Familienbegriff im Wandel

2.1 Der Familienbegriff vor 1800

Vor 1800 war die Familie auf den Vater als Mittelpunkt und Hauptfigur zentriert. Der Haus- Herr oder Haus- Vater galt als der Fürst oder König an seinem Hof und hatte als „pater familias“ die Überhand über den Hof und das Recht, der Familie und dem Hauswesen vorzustehen. Der Haus- Frau hingegen waren die Kinder und das Hauspersonal untergeordnet.[1]

Der Familienbegriff wurde sehr weit gefasst. Neben Mutter, Vater und Kindern zählten auch die Knechte, Mägde und das Hausgesinde zur Familie. Obwohl der Familienbegriff die ganze familiale Lebensgemeinschaft einschloss, wurden auch kinderlose Ehepaare und verwitwete Ehegatten als Familie bezeichnet. Erotik hatte keinen Platz in der Ehe.[2] Während sich der Mann seine erotischen Wünsche in außerehelichen Beziehungen erfüllen konnte und sollte, war es für die Frau nicht schicklich, ihren erotischen Träumen oder Bedürfnissen nachzugehen. Geheiratet wurde auch nicht aus Liebe, sondern meist um Beziehungen zwischen verschiedenen Familien aufzubauen oder zu festigen. Einfluss auf die Wahl des Ehepartners nahmen damals „Name, Titel, Geld, Besitz und sogar zukünftige Erbschaften.“[3] Das Band, das die Eheleute verband, war demnach die Freundschaft und die gemeinsame Sorge um das Wohlergehen ihrer Lebensgemeinschaft.[4] Im Säuglingsalter hatten die Kinder aber erst einmal wenig Kontakt zu ihren Eltern. Erfahrungsgemäß holten sich die Familien der Oberschicht oft eine Amme ins Haus, die das Baby stillen sollte. Teilweise gaben sie die Neugeborenen auch zu einer Kinderfrau außer Haus, damit diese sich um den Nachwuchs kümmern konnte, obwohl die Eltern damit ein hohes Risiko eingingen. Denn dadurch, dass die Ammen die Säuglinge zum Teil nicht mit Milch, sondern mit Getreidebrei, der für Magen- Darm- Beschwerden sorgte, aufzogen, setzte bei den Kleinkindern eine hohe Kindersterblichkeit ein.[5] Die Beziehungen zwischen den Eltern und ihren Kindern waren also weder von besonders inniger Liebe noch besonderer Fürsorge geprägt. Vielmehr war der Nachwuchs ein „Mittel zum Zweck“, damit später einmal die Pflege der Eltern und die Bewirtschaftung der Güter gesichert waren.

2.2 Der Familienbegriff ab 1800

Mit der im 18. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung veränderte sich die Familie. Warum das so war, ist eine bisher nicht ausreichend geklärte Frage. Feststeht aber, dass sich der Familienbegriff und die familialen Beziehungen gewandelt haben. Die Familie wird von der Lebensgemeinschaft, die durch den gemeinsamen häuslich verdienten Lebensunterhalt definiert ist, zur Konsumtionsgemeinschaft. In der Familie als Konsumtionsgemeinschaft geht der Mann einer außerhäuslichen Beschäftigung nach, während „die Frau […] die Gestaltung des Konsums [bestimmt] und […] die private Reproduktionsarbeit [leistet].“[6]

Die Familie distanziert sich von der Gesellschaft und der Familienbegriff reduziert sich allmählich auf die Kleinfamilie, bestehend aus Mutter, Vater und Kindern. Die Erotik wird in die Ehe integriert und die außerehelichen Beziehungen werden nach und nach verpönt. Liebe wird zum wichtigsten Heiratsgrund. Eine Ehe ohne Liebe wird undenkbar und eine Hochzeit nur um des gesellschaftlichen Status willen ist kaum mehr üblich.

Die Eltern fühlen sich mehr und mehr verantwortlich für ihre Kinder und die Mütter der Oberschicht kümmern sich nun auch im Säuglingsalter zunehmend selbst um die Erziehung ihrer Kleinkinder. „Das Leben des Kindes wird zunehmend sakralisiert; am Ende des 19. Jahrhunderts ist das Kind unersetzlich geworden.“[7] Die Mutter wird zum „affektiven Knotenpunkt“[8] in der Familie, denn nur eine liebende Frau kann eine liebende Familie erschaffen. Die veränderte Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Nachwuchs ist eines der bedeutendsten Charakteristika für die moderne Familie. Zwischen dem Baby und der „Mama“ entsteht ein Netz großer Gefühle, das auch die restliche Familie immer mehr einhüllt. Die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern sind also geprägt von einer großen emotionalen und intimen Nähe und als Familienideal gilt die Familie, die zu einer „Insel der Intimität“[9] wird.

2.3 Der Familienbegriff in Bezug auf Kleist

Kleist kam aus einem der ältesten Adelsgeschlechter mit slawischem Ursprung. Er ist am 18. Oktober 1777 geboren. Sein Vater heiratete zweimal innerhalb kurzer Zeit. Das lässt darauf schließen, dass für ihn keine romantischen Gefühle, sondern „pragmatische Überlegungen im Mittelpunkt der Beziehungen standen, wie es der älteren Auffassung von Liebe und Ehe entspricht.“[10] Kleist und seine Geschwister wurden von einer Amme gestillt und von Gouvernanten erzogen. Obwohl sich der Familienbegriff und die familialen Beziehungen zu dieser Zeit schon zu wandeln begannen, ist Kleist in einer Familie aufgewachsen, die noch dem älteren Familienmodell entsprach. Kleist wurde also in einer patriarchalisch organisierten und auf den Vater zentrierten Familie groß, was in vielen seiner Werke, so zum Beispiel auch in der Marquise von O…, zum Ausdruck kommt. Dies kann nun entweder unbeabsichtigt sein, und allein dadurch, weil er von dieser Familienkonstellation geprägt wurde, unbewusst in seinem Werk Einzug erhalten haben, andererseits ist es aber durchaus auch vorstellbar, dass Kleist seine Marquise absichtlich und bewusst in einer vom Vater determinierten Familie aufwachsen und leben lässt, da er dieses Familienmodell als gut und richtig empfunden hat und dies auch weitergeben möchte. Wahrscheinlich ist Letzteres der Fall. Kleist lässt, wie in Kapitel 3.3 ausführlich beschrieben, in seinen Briefen an seine Verlobte Wilhelmine durchblicken, dass er von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nicht überzeugt ist, was eindeutig darauf hinweist, dass er das neu entstandene Familienbild nicht allzu sehr schätzt, und für ihn die patriarchalisch organisierte Familie die richtige Art einer Familie darstellt. Daraus ist deutlich ersichtlich, dass Kleist die Marquise von O… ganz bewusst in diesem familialen Umfeld erschafft.

3. Die Rolle der Frau um 1800

3.1 Die Geschlechtscharaktere

Das Frauenbild um 1800 ist geprägt von dem Begriff der „Geschlechtscharaktere.“[11] Mit dem Ausdruck ‘Geschlechtscharakter‘ wird auf typisch männliche und typisch weibliche Verhaltensweisen hingewiesen. Jedes Geschlecht soll seinen biologischen Anlagen und natürlichen Bestimmungen folgen und „dementsprechend unterschiedliche, einander ergänzende Qualitäten ausbilden“.[12]

„Daher offenbart sich [in der Form] des Mannes […] die Idee der Kraft, in der Form des Weibes mehr die Idee der Schönheit […] Der Geist des Mannes ist mehr schaffend […] Aus dem Manne stürmt die laute Begierde; in dem Weibe siedelt sich die stille Sehnsucht an. […] Der Mann muß erwerben, das Weib sucht zu erhalten; der Mann mit Gewalt, das Weib mit Güte oder List. Jener gehört dem geräuschvollen öffentlichen Leben, dieses dem stillen häuslichen Cirkel. […]“[13]

Die Frau wird also als Gattungswesen definiert. Als zentrale Eigenschaften werden ihr die Passivität, die Abhängigkeit und die Emotionalität zugeschrieben. Der Mann hingegen wird als gesellschaftlich- kulturelles Wesen definiert. Das heißt, der Mann kann sich in der Gesellschaft behaupten und hat das Recht sowohl selbst am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzunehmen als auch seine Familie innerhalb der Gesellschaft zu vertreten und zu repräsentieren. Als besonders wichtige Merkmale werden ihm die Aktivität, die Selbstständigkeit und die Rationalität zugeschrieben.

Schon an diesen hervorgehobenen Besonderheiten werden die Unterschiede zwischen Frau und Mann deutlich. Der Mann als vernunftbegabtes Wesen, das sich aktiv am häuslichen und außerhäuslichen Leben beteiligt im Gegensatz zur gefühlsbetonten Frau, die ein passives, auf den häuslichen Bereich beschränktes und von ihrem Mann bestimmtes Leben führt.

Bei der Betrachtung der Rollenverteilung ist es allerdings wichtig, die unterschiedlichen Stände gegeneinander abzugrenzen. Allen Ständen gemeinsam war die Stellung der Frau als Ehefrau, Hausfrau und Mutter. Aber während die Frauen des Bürgertums zusätzlich noch mit für den familialen Unterhalt sorgen mussten, hatten die adligen Damen Muße sich mit unterhaltsameren Dingen zu beschäftigen, was zu damaliger Zeit musisch- künstlerische Zeitvertreibe, wie Singen, Sticken und Klavierspielen, die Beschäftigung mit Mythologie und Geographie, sowie das Lesen und Schreiben auf Deutsch und Französisch implizierte.

Doch die unterschiedlichen Qualitäten, die laut den Geschlechtscharakteren ausgebildet werden sollten, divergieren noch stärker. Während der Mann das Recht hat „sich den Geschlechtstrieb [zu] gestehen und die Befriedigung desselben [zu] suchen“[14] ohne, dass er dadurch seine Würde verliert, ist die Erfüllung dieses Triebes für die Frau nicht möglich. Da aber auch für die Frau ein Leben ohne Triebe nicht denkbar ist, folgt sie dem Begehren, ihren Mann zu befriedigen und gibt sich damit dem Naturtrieb der Liebe hin. „ Liebe also ist die Gestalt, unter welcher der Geschlechtstrieb im Weibe sich zeigt.“[15] Der Mann hingegen trägt den Naturtrieb der Liebe ursprünglich nicht in sich. Er entwickelt sich bei ihm „erst durch Verbindung mit einem liebenden Weibe.“[16] Mit dieser Verbindung war meist die Heirat gemeint.

[...]


[1] Vergleiche: Johann Heinrich Zedler: Grosses Vollständiges Universal- Lexikon. Band 9. Halle und Leipzig 1735, Nachdruck: Graz 1961, Seite 205 f.

[2] Vergleiche: Eva – Maria Anker- Mader: Kleists Familienmodelle. Im Spannungsfeld zwischen Krise und Persistenz. Dissertation. München 1992, Seite 9.

[3] Beatrix Schmaußler: Blaustrumpf und Kurtisane. Bilder der Frau im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1991, Seite 75.

[4] Die Familie wurde als Lebensgemeinschaft definiert.

[5] Vergleiche: Ute Planert: Familie im Wandel. Mythos Familie. In: Spiegel Special Band 4 (2007), Seite 98 – 102, Seite 102.

[6] Anker – Mader: Kleists Familienmodelle. Seite 10.

[7] Anker – Mader: Kleists Familienmodelle . Seite 9.

[8] Anke Vogel: Unordentliche Familien. Über einige Dramen Kleists. Heilbronn 1996, Seite 34.

[9] Herrad Schenk: Freie Liebe, wilde Ehe. Über die allmähliche Auflösung der Ehe durch die Liebe. München 1995, Seite 37.

[10] Anker – Mader: Kleists Familienmodelle. Seite 15.

[11] Vogel: Unordentliche Familien. Seite 32.

[12] Anker – Mader: Kleists Familienmodelle. Seite 21.

[13] Zitiert nach: Karin Hausen: Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit. Herausgegeben von: Werner Conze, Stuttgart 1976, Seite 366.

[14] Johann Gottlieb Fichte: Grundlagen des Naturrechts nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre. Berlin 1796, § 3, Seite 303.

[15] Fichte: Grundlagen des Naturrechts nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre. Seite 304.

[16] Fichte: Grundlagen des Naturrechts nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre. Seite 304.

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Details

Title
Ist die Marquise von O... eine typische Frau ihrer Zeit? Eine Analyse der Frauenfigur
College
University of Würzburg
Grade
1,0
Author
Year
2013
Pages
23
Catalog Number
V437040
ISBN (eBook)
9783668786868
ISBN (Book)
9783668786875
Language
German
Tags
Marquise von O...., Heinrich Kleist, Frauenfigur, Analyse
Quote paper
Christina Kienlen (Author), 2013, Ist die Marquise von O... eine typische Frau ihrer Zeit? Eine Analyse der Frauenfigur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437040

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