Wie verändert sich Kohärenz abhängig davon, für welches Alter Texte geschrieben sind?

Eine analytische Untersuchung eines Kinder- und eines Jugendbuchs


Seminararbeit, 2014
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Irina Korschunow: Hanno malt sich einen Drachen
2.1. Rekurrenz
2.2. Partielle Rekurrenz
2.3. Substitution
2.4. Pro- Formen
2.5. Artikel
2.6. Konnektive
2.7. Tempus, Modus, Diathese

3. Celia Rees: Das Klassenspiel
3.1. Rekurrenz
3.2. Partielle Rekurrenz
3.3. Substitution
3.4. Pro- Formen
3.5. Artikel
3.6. Konnektive
3.7. Tempus, Modus, Diathese

4. Vergleichendes Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur Seite

1. Einleitung

In der nachfolgenden Arbeit sollen im Rahmen des Seminars zur Textanalyse Grundprobleme der Textlinguistik die Fragen geklärt werden, ob und wie sich die Kohäsionsmittel in Texten unterscheiden, abhängig davon, für welche Altersgruppe der jeweilige Text geschrieben ist, und wie sich diese Unterscheidungen begründen lassen.

Der erste zu untersuchende Textausschnitt ist aus dem Werk Hanno malt sich einen Drachen von Irina Korschunow, das für Kinder zwischen sechs und acht Jahren empfohlen ist. Hanno hat Probleme in der Schule und wird von seinen Mitschülern gehänselt, weil er zu dick ist. Auf dem Heimweg durch den Park malt er aus Langeweile einen Drachen in den Sand, der dann auf einmal lebendig wird und mit Hanno gemeinsam Abenteuer erlebt. Die Stelle, die ich im Folgenden genauer betrachten werde, ist aus dem ersten Kapitel und umfasst 267 Wörter.

Der zweite zu untersuchende Textausschnitt ist aus dem Werk Das Klassenspiel von Celia Rees, das für Jugendliche ab zwölf Jahren empfohlen ist. Lauren ist neu in der Klasse und wird von ihren Mitschülern ausgeschlossen. Lediglich Alex versucht ein freundschaftliches Verhältnis zu der Außenseiterin aufzubauen, was ihr letztendlich auch gelingt. Die Stelle, die ich im Folgenden genauer betrachten werde, ist ebenfalls aus dem ersten Kapitel und umfasst 273 Wörter.

An die detaillierte Textanalyse schließt ein Vergleich der beiden Stellen an, der schließlich dazu beitragen soll, die eingangs gestellten Fragen umfassend beantworten zu können.

2. Irina Korschunow: Hanno malt sich einen Drachen

An dieser Textstelle, die gleich den Beginn des ersten Kapitels markiert, werden nun sieben wesentliche Kohäsionsmittel erarbeitet. Auf eine kurze Definition folgt jeweils die konkrete Untersuchung am Text und zum Schluss ein Erklärungsversuch, warum dieses Kohäsionsmittel so eingesetzt wird und was es bei dem Leser bewirkt.

2.1. Rekurrenz

Unter Rekurrenz versteht man die Wiederaufnahme eines einmal eingeführten Textelements. Im einfachsten Fall handelt es sich dabei um das immer gleiche Lexem.[1]

Die Rekurrenz ist ein Kohäsionsmittel, das in dem vorliegenden Text sehr häufig vorkommt. Vor allem die Namen der handelnden Figuren werden oft wiederholt. So wird die Hauptfigur Hanno dreizehn Mal namentlich erwähnt, sein Widersacher Ludwig Hall kommt dreimal mit vollem Namen und zweimal nur mit seinem Vornamen vor, die Lehrerin Frau Beck und die Mutter werden ebenfalls je zweimal genannt. Es wird also bereits deutlich, welche Bedeutung den einzelnen Figuren innerhalb der Geschichte zukommt, indem nur die Rekurrenzen der einzelnen Lexeme beachtet werden.

Doch auch andere, für das Werk wesentliche Lexeme, werden mehrmals wiederholt: Die Schule, als Ort des Geschehens, wird viermal angeführt, die Beleidigung Bratwurstfriedhof, mit der Ludwig Hanno betitelt, dreimal, Kinder dreimal, Freund einmal im Singular und einmal im Plural. Darüber hinaus wiederholen sich die Verben sagt viermal, gehen zweimal im Infinitiv und zweimal in der dritten Person Singular Präsens, ruft zweimal, lachen zweimal und schubst einmal in der dritten Person Singular Präsens und einmal im Infinitiv, mag zweimal. Das Adjektiv traurig kann man zweimal lesen. Besonders auffällig ist aber der Lexemverband langsam, ganz langsam, der dreimal vorkommt.

Bei genauerer Betrachtung dieser rekurrenten Lexeme wird also bereits deutlich, wer die Hauptfiguren in diesem Kinderbuch sind, wo die Handlung stattfindet und was das zentrale Thema ist. Das ist sehr sinnvoll, da die ABC- Schützen zum Einen noch nicht so viele Wörter lesen können und ihnen so zum Anderen der Einstieg in die Lektüre erleichtert wird.

Das nächste zu analysierende Kohäsionsmittel ist eine Unterart der Rekurrenz und dieser damit sehr ähnlich.

2.2. Partielle Rekurrenz

Die partielle Rekurrenz wirkt weniger monoton, da nicht dasselbe Lexem wiederaufgegriffen wird, sondern nur ein Teil des Lexemverbandes oder das Lexem als Teil eines Kompositums wiederholt wird.[2]

Die partielle Rekurrenz kommt in der Textstelle lediglich zweimal vor. Schule und Schulhof in Zeile 2, 7, 9, 20 und 55 und hergerufen und ruft in Zeile 12, 24 und 34. Wenn man die Kriterien noch etwas weiter fasst, könnten auch die Lexeme Fußballbauch in Zeile 12 und Ball in Zeile 50 als partielle Rekurrenz gesehen werden.

2.3. Substitution

Substitution bedeutet, dass ein Textelement im Folgenden durch ein ihm inhaltlich verbundenes Textelement wieder aufgegriffen wird. Dabei beziehen sich beide Textelemente auf dasselbe außersprachliche Objekt. Dies ist der Fall bei Synonymen, Antonymen, Hyponymen, Hyperonymen, Metaphern und Lexemen, die derselben Wortfamilie angehören.[3]

Eine Wortfamilie ist per Definition eine „Gruppe von Wörtern mit ein und derselben etymologischen Wurzel oder einer Herleitung von ein und demselben Lexem“[4] Als Lexeme derselben Wortfamilie lassen sich hier also nur Schule und Schulhof festmachen. Metaphern, Hyperonyme, Synonyme und Hyponyme kommen gar nicht vor. Antonyme sind langsam in Zeile 3, 4 und 17 und schneller in Zeile 49, traurig in Zeile 31 und 33 und lachen in Zeile 24 und 39 und Angst in Zeile 13 und Spaß in Zeile 16. Hierzu kann auch viele Freunde in Zeile 29 und keinen Freund in Zeile 29 gezählt werden.

Mit Hilfe dieser Antonyme wird den kleinen Lesern schnell und einleuchtend gezeigt, wie groß der Unterschied zwischen Hanno und Ludwig Hall ist. Während Ludwig gern zur Schule geht und einen großen Freundeskreis hat, ist der Unterricht für Hanno mit Angst und Einsamkeit verbunden.

2.4. Pro- Formen

„Bei der Textverknüpfung durch sogenannte ‚Pro- Formen‘ wird mit Hilfe weitgehend inhaltsleerer sprachlicher Elemente auf ein Bezugselement des sprachlichen Kontexts verwiesen. Zu den Pro- Formen gehören vor allem die Pronomina, es können aber auch Adverbien (…) und Pronominaladverbien (…) sowie Demonstrativpronomina als Pro- Formen verwendet werden.“[5]

Das Personalpronomen, das am häufigsten verwendet wird, ist er. Es wird vor allem im Nominativ er, aber auch im Dativ ihm in Zeile 11 und 43 und im Akkusativ ihn in Zeile 26 gebraucht. Es bezieht sich jeweils stets anaphorisch entweder auf die Hauptfigur Hanno, achtzehnmal, oder seinen Gegenspieler Ludwig Hall, einmal. Das Personalpronomen es kommt einmal in Zeile 47 vor. Dieses bezieht sich anaphorisch auf die beschriebene Situation. Zweimal kommt in Zeile 5 und 6 das Reflexivpronomen sich vor, das sich ebenfalls anaphorisch auf Hanno bezieht. Das Possessivpronomen sein steht einmal in Zeile 21 und einmal in Zeile 30 und bezieht sich auch anaphorisch auf die Hauptfigur. Im Text finden sich insgesamt zwei Adverbien: da in Zeile 23, das für das Klassenzimmer steht, in dem Hanno angekommen ist und da in Zeile 39, das für den Zeitpunkt steht, an dem die Klassenkameraden wieder anfangen zu lachen.

Durch die wenigen Pro- Formen und den durchgehend anaphorischen Gebrauch wirkt der Text zwar eintönig, aber es erleichtert das Lesen ungemein. Der Schüler kann sich auf die Lektüre konzentrieren und muss keine Zeit auf das Herstellen der Bezüge verwenden.

2.5. Artikel

Artikel sind eine Art Anweisung an die Leser, im Text nach Bezugselementen zu suchen. Man spricht hier auch von Textdeixis. Mit dem unbestimmten Artikel wird meistens Unbekanntes eingeführt, mit dem bestimmten Artikel wird entweder auf bereits eingeführte Personen oder Objekte (anaphorischer Bezug) oder auf allgemein bekanntes Wissen (Vorwissensdeixis) verwiesen.[6]

In dem Textausschnitt werden ausschließlich bestimmte Artikel gebraucht. Sowohl die für die Handlung wichtigen Personen: die Mutter, der Ludwig Hall, die Kinder, als auch die Ortsbezeichnungen: dem Bett, die Schule, den Weg, die Straße, den Park, den Schulhof, die Bank werden mit dem bestimmten Artikel eingeführt.

Dadurch vermittelt die Autorin den jungen Lesern ein Gefühl der Bekanntheit. Es wird eine Situation beschrieben, die auch in ihrer Welt so stattfinden könnte. Es entsteht Vertrautheit, sie können sich mit Hanno identifizieren und können sich so auch leicht in seine Welt hineinversetzen.

2.6. Konnektive

Konjunktionen verbinden zwei Sätze oder zwei Textelemente miteinander, sie funktionieren also als Bindeglieder.[7]

Die Konjunktion, die am häufigsten vorkommt, ist und. Das kopulative Und wird insgesamt zehnmal gebraucht und verbindet sowohl Sätze als auch Textelemente. Zwei adversative Konjunktionen werden verwendet: zweimal doch in Zeile 9 und 27 und einmal aber in Zeile 15, eine temporale: seitdem in Zeile 13 und ein Pronominaladverb: dabei in Zeile 8.

2.7. Tempus, Modus, Diathese

Das Tempus ist nicht wesentlich für die Kohäsion eines Textes, allerdings muss eine gewisse Regelhaftigkeit gegeben sein, um den Text zu verstehen.[8]

Die dominierende Zeitform ist das Präsens. Der Satz in Zeile 8 – 9 steht allerdings im Plusquamperfekt, da er sich auf die Zeit vor Hannos Eintritt in die Schule bezieht. Der Satz in der nachfolgenden Zeile steht im Perfekt und bezieht sich auf den ersten Schultag und der Satz in Zeile 47 steht im Futur, weil dieser sich auf die in der Zukunft stattfindende Turnstunde bezieht. Der Modus ist durchgehend Indikativ bis auf eine Ausnahme. In Zeile 34 – 35 spricht Hannos Lehrerin ihn direkt an und benutzt dazu den Imperativ Wach auf!. Das Genus Verbi ist stets Aktiv.

Insgesamt betrachtet erfüllen die analysierten Kohäsionsmittel einige wesentliche Aufgaben: sie erleichtern das Lesen und Verstehen des Textes, sie heben das Wichtige hervor und sie schaffen eine Situation, die den jungen Lesern bekannt vorkommt und in die sie sich hineinversetzen können und ermöglichen ihnen so letztendlich auch die Identifikation mit der Hauptfigur Hanno.

Nach der gründlichen Betrachtung des Kinderbuches Hanno malt sich einen Drachen folgt nun die Untersuchung des Jugendbuches Das Klassenspiel.

3. Celia Rees: Das Klassenspiel

Die zu analysierende Textstelle ist im ersten Kapitel. Die Hauptfigur Lauen Price wird in dieser Situation zum ersten Mal eingeführt. Wie auch bei dem vorhergehenden Werk schließt an die Analyse der Kohäsionsmittel ein kurzer Erklärungsversuch an, warum das Kohäsionsmittel so eingesetzt ist und was es bei dem Leser bewirkt. Auf eine Definition wird verzichtet, da es sich um dieselben sieben Kohäsionsmittel handelt.

3.1. Rekurrenz

Im vorliegenden Text ist die Rekurrenz ein nicht ganz so häufiges Kohäsionsmittel. Lediglich der Name Lauren wird fünfmal wiederholt. Alle anderen rekurrenten Lexeme tauchen nur zweimal auf: neu in Zeile 1 und 11, Schulhof in Zeile 9 und 18, Nähe in Zeile 5 und 9, anderen in Zeile 12 und 31, Alex in Zeile 14 und 21 und fühlte in Zeile 31 und 32.

Anhand dieser Rekurrenzen wird also deutlich, dass Lauren, deren Name am häufigsten vorkommt, die Hauptperson des Jugendbuches sein muss. Auch der Schulhof als Ort des Geschehens wird hervorgehoben, genauso wie Alex, die als Einzige versucht, die Freundschaft Laurens zu gewinnen, und die anderen Mitschüler, die die Neue in der Klasse im Laufe des Werkes immer weiter ausgrenzen werden. Dass die Gefühle angesprochen werden, erleichtert den Lesern das Hineinversetzen in die einzelnen Figuren. Insgesamt kann man anhand der rekurrenten Lexeme bereits zu Beginn der Erzählung deutlich erkennen, welchen Stellenwert die einzelnen Personen einnehmen. Es erfolgt also ein informativer und zugleich emotional anregender Einstieg in die Handlung.

3.2. Partielle Rekurrenz

Die partielle Rekurrenz kommt dreimal vor: Schule und Schulhof in Zeile 1, 9 und 18, Schülern und Mitschüler in Zeile 7 und 25 und Schule und Schüler in Zeile 1 und 25.

Dadurch, dass die Autorin sowohl die partielle Rekurrenz als auch die reine Rekurrenz eher spärlich verwendet, wirkt die Erzählung abwechslungsreich und lebendig. Die angesprochene Altersgruppen ist mittlerweile sehr geübt im Lesen und kann so auch ausreichend Hyperonyme, Antonyme und Pro- Formen verstehen und richtig beziehen, wie im Folgenden deutlich werden wird, so dass zu viele rekurrente Lexeme vermieden werden können.

3.3. Substitution

Synonyme kommen in dem vorliegenden Text kaum vor. Synonyme sind per Definition bedeutungsgleiche oder bedeutungsähnliche Wörter, die gegeneinander ausgetauscht werden können.[9] Wenn man diese Definition allerdings etwas lockert, können abgewandt und entgegengesetzte in Zeile 23 jedoch als Synonym aufgefasst werden. Die beiden Lexeme sind zwar nicht austauschbar, aber zumindest bedeutungsähnlich. Plauderten und sprach in Zeile 31 und 32 können allerdings als ‚echtes‘ Synonym verstanden werden.

[...]


[1] Vergleiche: Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (1991): Studienbuch Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag. Seite 215.

[2] Vergleiche: Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (1991): Studienbuch Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag. Seite 216.

[3] Vergleiche: Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (1991): Studienbuch Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag. Seite 216 f.

[4] www.duden.de/rechtschreibung/wortfamilie. Letzter Zugriff am 17.02.14.

[5] Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (1991): Studienbuch Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag. Seite 217.

[6] Vergleiche: Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (1991): Studienbuch Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag. Seite 218 f.

[7] Vergleiche: Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (1991): Studienbuch Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag. Seite 223.

[8] Vergleiche: Angelika Linke, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann (1991): Studienbuch Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag. Seite 222.

[9] Vergleiche: www.duden.de/rechtschreibung/synonym Letzter Zugriff am 18.02.14

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wie verändert sich Kohärenz abhängig davon, für welches Alter Texte geschrieben sind?
Untertitel
Eine analytische Untersuchung eines Kinder- und eines Jugendbuchs
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V437052
ISBN (eBook)
9783668774728
ISBN (Buch)
9783668774735
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kohäsion, Hanno malt sich einen Drachen, Das Klassenspiel
Arbeit zitieren
Christina Kienlen (Autor), 2014, Wie verändert sich Kohärenz abhängig davon, für welches Alter Texte geschrieben sind?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437052

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