"Educating Rita" als moderne Version des Pygmalion-Mythos


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998
17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Hauptfiguren und ihre Entwicklung

3 Die Mann-Frau-Beziehung und deren unterschiedliche Ausprägungen

4 Die Interpretationen der Schöpferrolle des Mannes, oder „Wie bildet man die beste Frau?“

5 Das Erscheinungsbild der Frau
5.1 Galatea – nicht mehr als ein Kunstwerk?
5.2 Der feministische Aufstand bei Shaw
5.3 Rita – die moderne Version Ovids und Shaws Frauenbild

6 Schluß

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wenn in einem Drama eine junge Frau aus der working class bei einem Professor erscheint und darum bittet ausgebildet zu werden, so ist dies für alle, die mit der britischen Theatertradition vertraut sind, als eine direkte Anspielung erkennbar. Denn mit der gleichen Bitte sucht in George Bernard Shaws Pygmalion die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle Professor Higgins auf (Reitz 123).

Mit dieser Aussage assoziiert Bernhard Reitz in seinem Nachwort der Reclam-Ausgabe Educating Rita von Willy Russell zwei Werke des englischsprachigen Theaters, die ihre Erstaufführung in zwei unterschiedlichen Zeitabschnitten der Welt- und Literaturgeschichte erfuhren. Vor allem im Hinblick auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft und den Umgang des Mannes mit dem weiblichen Geschlecht, zwei essentielle Themen dieser Arbeit, ist diese epochale Unterscheidung von Bedeutung.

Beispiele dafür, daß die zeitliche Diskrepanz der beiden Stücke jedoch kein Hindernis darstellt, ähnlichen Stoff zum literarischen Inhalt zu machen, soll diese Arbeit u.a. liefern.

Die Grundstruktur sowohl in Russells Educating Rita (1980) als auch in Shaws Pygmalion (1912) weist nämlich eine Lehrer-Schüler- bzw. Mann-Frau-Beziehung auf, bei der das Einwirken des Mannes eine Veränderung des weiblichen Geschlechts bzw. die zusätzliche Umkehrung dieses Prozesses in einem der beiden Texte verursacht.

Blättert man in der Literaturgeschichte einige Kapitel zurück, stößt man auf ganz ähnliches Gedankengut, nämlich Ovids Pygmalionstoff, der die Metamorphose einer Frauenfigur aus Elfenbein zum menschlichen Wesen zum Thema hat.

Wie Willy Russells Drama liegt auch den beiden Pygmaliontexten das Modell der Erschaffung einer Frau nach den Bedürfnissen des Mannes zugrunde. Die verschiedenartigen Interpretationen dieses Leitgedankens werden jedoch deutlich.

Ziel der Abhandlung soll es sein, durch eingehende Analysen und Vergleiche Aufschluß darüber zu geben, inwieweit Russells Educating Rita als neuzeitlicher Pygmalionstof­f aufgefaßt werden kann.

2 Die Hauptfiguren und ihre Entwicklung

Bevor Ovids Pygmalion größere Aufmerksamkeit zuteil werden soll, möchte ich zunächst grundlegende Berührungspunkte bzw. Diskrepanzen bei der Veränderung der Charaktere Russells im Vergleich mit Shaws aufzeigen.

Reitz` Aussage zufolge ist bei Russell eine direkte Anspielung auf Shaw erkennbar, da sowohl in Educating Rita als auch in Shaws Pygmalion eine junge Frau aus der working class bei einem Professor erscheint und um Ausbildung bittet.

Jedoch ist bereits in diesem frühen Stadium der Handlung eine wesentlicher Unterschied festzustellen. Anders als Eliza, die junge Frau bei Shaw, setzt sich Rita bei Willy Russell als Unterrichtsziel, Bildung zu erlangen („ I wanna know “, Russell 13) und ihrer als „ pissed or on valium “ (50) bezeichneten working class den Rücken zuzukehren.

Eliza ist in den slums aufgewachsen, und dieser Ursprung ist in Akt I in jedem Satz ihres Dialektes offensichtlich. Sie will nach einem zufälligen Aufeinandertreffen mit dem Professor für Phonetik, Higgins, mit dessen Hilfe ihren Cockney-Dialekt an die korrekte englische Sprache anpassen. Während bei Rita das Verlangen nach Bildung im Vordergrund steht, sieht Eliza das Ziel ihrer Ausbildung einzig und allein in dem Erlangen eines Jobs als Verkäuferin in einem gehobenen Blumengeschäft („ I want to be a lady in a flower shop stead of sellin at the corner of Tottenham Court Road “, Shaw 688).

Eliza kommt nicht davon ab, sich von Higgins unterrichten zu lassen, obwohl sie bald Higgins` Gefühllosigkeit bemerkt („ Oh, youve no feeling heart in you.“, 695).

Rita schätzt und mag ihren Lehrer Frank sehr („ I like you “, Russell 26) und stellt nach kurzer Zeit fest, daß er und kein anderer ihr Lehrer sein soll („ You` re my tutor. I don`t want another tutor.“, 26), obwohl Frank selbst zugibt, „ You want a lot, and I can`t give it “ und „ I know absolutely nothing.“(25).

Ähnlichkeit weisen Rita und Eliza insofern auf, als beide in einer Gesellschaftsschicht aufgewachsen sind, in der i.d.R. kein Wert auf Veränderung und Bildung gelegt wird.

Trotzdem ist sich Rita ihres längst nicht ausgeschöpften Potentials an Intelligenz bewußt, so daß sie sich selbst neu entdecken und eine „ better culture “(49) finden will. Entschlossen, ihr Leben komplett zu verändern, schreibt sie sich in der Open University ein und landet, wie bereits beschrieben, bei ihrem Tutor Frank. Das ist kein vielversprechender Anfang, zumal Frank seinen Job wohl nur ausübt, um seine alkoholischen Getränke bezahlen zu können („ Yes I suppose I did take it on to pay for the drink “, Russell 6). Daneben beklagt Frank auch noch das zeitliche Zusammentreffen seines gewohnten Barbesuchs mit dem Kurs.

Anders stellt sich die männliche Hauptfigur bei Shaw dar. Henry Higgins, Professor für Phonetik, lebt einzig und allein für seine Arbeit. Die Wette mit dem aus Indien angereisten Kollegen Pickering (Higgins: „ I shall make a duchess of this druggletailed guttersnipe.“, Shaw 691) schließt Higgins nicht aus Mitleid mit dem armen Mädchen ab, sondern um vorhandene Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Er unterrichtet Eliza, ohne auch nur annähernd auf ihre Gefühle einzugehen. Die Warnung der Hausangestellten Pearce, Elizas Zukunft nicht zu ignorieren („ She should think of the future. “, 696), läßt Higgins unberührt.

Doch ungeachtet seiner abwertenden Kommentare „ Be off with you: I dont want you. “ (687), „Pickering, shall we [...] throw her out of the window? “, 688) und der im Beisein von Eliza unverschämten Bemerkung, „ Put her in the dustbin. “ (692) bleibt Eliza konsequent. Hinsichtlich dieser Entschlossenheit ist sie Rita sehr ähnlich. Weder Franks Desinteresse an seinem Beruf noch Higgins Hartherzigkeit bringen die beiden Protagonistinnen von ihren Zielsetzungen ab.

Trotz seines Machtstrebens (siehe dazu auch Kapitel 4) und seiner Arroganz muß man Higgins zugestehen, daß er seine Arbeit, das Unterrichten, ernst nimmt. Auch wenn er Eliza nur für ein Experiment, die Wette mit Pickering, gebraucht, so legt Higgins mit seiner Sprachausbildung zumindest den Grundstein für Elizas Ziel, in einem gehobenen Blumengeschäft zu arbeiten. Vollkommen gescheitert wäre Higgins` Schöpfungsakt wohl ohne Elizas starken Willen und ohne die Mithilfe Pickerings, der durch seine Lehre von Sitte und Anstand Higgins sturen Phonetikunterricht ergänzt (vgl. Eliza zu Pickering: „ Your calling me Miss Doolittle that day when I first came to Wimpole Street. That was the beginning of selfrespect for me.“, Shaw 768f.). So gibt es doch noch ein happy ending für Eliza, auch wenn dies erst im Nachwort des Stückes zum Vorschein kommt, als Shaw u.a. von Elizas Heirat mit Freddy (vgl . Shaw 787) und dem geschäftlichen Erfolg zusammen mit ihrem Gatten („ the young people were prospering.“, 796) erzählt. Aufgrund der letztendlich glücklichen Lebensfortführung im Anschluß an Elizas Ausbildung bei Higgins kann ich mich mit Reitz` Kommentar in seinem Nachwort zu Educating Rita „Der Preis ihrer Ausbildung zur Lady ist ihre Entwurzelung“ (Reitz 124) nicht anfreunden. Sicherlich hat Reitz nicht unrecht, wenn er behauptet, „allein durch Pickering lernt sie auch die Umgangsformen und Denkweisen, ohne die man in der Gesellschaft nicht bestehen kann.“ (124), doch hat Eliza selbst Charakterstärke gezeigt und am Ende großes Selbstbewußtsein an den Tag gelegt (vgl. dazu Punkt 5.2 und 5.3).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
"Educating Rita" als moderne Version des Pygmalion-Mythos
Hochschule
Universität Augsburg  (Philosophische Fakultät II)
Veranstaltung
Übungen zum englischen Drama seit 1956
Autor
Jahr
1998
Seiten
17
Katalognummer
V4371
ISBN (eBook)
9783638127080
ISBN (Buch)
9783638770842
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Besonderes Augenmerk im Vergleich zu Shaws Pygmalion, incl. ausführlichem Literaturverzeichnis.
Schlagworte
educating rita pygmalion mythos shaw galatea
Arbeit zitieren
Thomas Geisler (Autor), 1998, "Educating Rita" als moderne Version des Pygmalion-Mythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4371

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