Die Formation von pädagogischem Wissen auf der Grundlage der antiken Topik


Bachelorarbeit, 2018
38 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Topik als antike Suchmaschine
2.1. Also sprach Aristoteles
2.1.1. Die Wichtigkeit von 'endoxa'
2.1.2. Forschungsobjekt 'Topos'
2.1.3. Im Dreierschritt zum Ziel
2.2. Rhetorisches Denken bei Cicero
2.2.1. Idealbild des Redners
2.2.2. Die 'Topica' bei Cicero: Vom Finden bis Bewerten
2.3. Zur Unbestimmtheit des Topos-Begriffs
2.4. Die Dimensionen von Topoi nach L. Bornscheuer
2.5. Die Funktionen der Topoi
2.6. Resümee

3. Argumentation zwischen den 'Orten' im pädagogischen Kontext
3.1. Digitalisierung in Bildung
3.2. Generationenverhältnis
3.3. Interkulturalisierung

4. Resümee

5. Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 7. April 2017 fand in München die 67. Tagung des Deutschen Hochschulverbandes statt, deren Ergebnisse in der Resolution „Zur Streit- und Debattenkultur an Universitäten“ zusammengefasst worden sind. „Der DHV ruft alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu auf, für eine offene und lebendige Debatten- und Streitkultur an den Universitäten einzutreten,“ - hieß es im Plädoyer bei dieser Tagung.

Die Argumente pro und contra in einer Diskussion vorzutragen ist eine Arbeitsweise, die seit eh und je vom akademischen Fachpersonal ausgeübt und von der Gesellschaft erwartet wird. Heute zu Zeiten einer vielfältigen Ausdifferenzierung der Wissenschaften ist sie noch wichtiger als in der Antike. Die Bevölkerung zeigt durchaus Interesse, an den Erkenntnissen zahlreicher Wissenschaftsrichtungen Teil haben zu können. Die altbewährten Formen der mündlichen Wissensvermittlung wie Diskussionen, Foren, Symposien und Debatten haben sich im Laufe von Jahrhunderten als erfolgreich bewährt, so dass auch der aktuelle Aufruf des 67. DHV-Tages in München ernst genommen werden sollte, damit der Anschluss an gesellschaftsrelevante Entwicklungen nicht verloren geht.

In diesem Zusammenhang ist auch die Frage zu stellen, auf welche Art und Weise das pädagogische Handlungsfeld gestaltet wird. Wie oben schon erwähnt, wenn es um neue Erkenntnisse geht, möchte ich untersuchen, wie sich das pädagogische Wissen mithilfe der Topik als antiker Grundlage zusammenfindet. Die Rede ist dabei von Argumenten, „deren Geltung auf Zustimmung beruht und nicht auf unantastbarer Gewissheit“ (Helmer 1996, S. 28). Aus welchen Positionen heraus in der sacherklärenden Rede begründet wird und wie das im Dreieck Redner – Argument – Zuhörer fixiert ist, spielt hierbei eine Rolle. Somit ist der theoretische Ausgangpunkt jeder Diskussion gegeben, basierend auf der rhetorischen Erstschrift von Aristoteles 'Organon V', besser bekannt als die 'Topik'. Darüber hinaus wird die Person des Redners anhand der Überlegungen von Cicero unter die Lupe genommen.

Mit dieser Bachelorarbeit wird ein Versuch unternommen, ausgehend von der antiken Vorlage der Toposlehre darüber nachzudenken, wo sich triftige Argumente manifestieren und welche Merkmale und Funktionen sie besitzen. Zu diesem Zweck werden im ersten Teil der Ausarbeitung (s. Kap. 2) die Gedankengebäude der argumentativen Methode – der Topik – skizziert. Die Bedeutung der allgemein gültigen Ansichten und Überzeugungen rückt bei der Beantwortung dieser Frage in den Vordergrund. Als Forschungsergebnisse dazu gelten die Abhandlungen über die topische Denkweise der Autoren L. Bornscheuer (1976, 1977), K. Helmer (1996,1997), A. Dörpinghaus (2002, 2004), M. Wengeler (2003) und C. Schwarze (2010).

Da die Anwendung von einem Topos auf Zustimmung ausgerichtet ist, wird im zweiten Teil dieser Arbeit (s. Kap. 3) ein Augenmerk darauf gerichtet, wie aus den Topoi das pädagogische Handeln entsteht. Zu diesem Zweck werden die Forschungsimpulse von A. Hügli (2004) und H. Paschen (2004) mit meinen Überlegungen vernetzt. Die Verhandlungs- und Abstimmungsprozesse sind von einer Mehrzahl an Überzeugungen abhängig, die wiederum immer wieder aufs Neue gewichtet werden. Es ist daher essenziell, die für das pädagogische Feld relevanten Perspektiven stets im Auge zu behalten. Exemplarisch werden daher solche thematischen Perspektiven angesprochen wie 'Digitalisierung der Bildung', 'Generationenverhältnis' und 'Interkulturalisierung'.

Im Ausblick (s. Kap. 4) werden einige mögliche Entwicklungstendenzen skizziert, ob der Anspruch des Deutschen Hochschulverbandes: „Der Streit um das bessere Argument gehört zum Wesenskern der Universität,“ - bei der Gestaltung der Lehr- und Lernprozesse im Auge behalten werden sollte.

2. Topik als antike Suchmaschine

Das Leben in der modernen Gesellschaft wird von verschiedenen Akteuren bestimmt und gesteuert: von politischen Parteien, Verbänden, interethnischen Kulturvereinigungen, Kirchen, ehrenamtlichen Initiativen, Medien sowie von den stets aufs Neue elaborierten Lebensstilgruppierungen. „Als Zeitgenosse des 20. Jahrhunderts ist man umgeben von Myriaden von Topoi, die auch noch schnell wechseln.“ (Zekl 1983, S. XVII) Es wird debattiert, verhandelt, ausgehandelt, ins Leben gerufen, berurteilt, verurteilt und immer wieder variabel (mal faktisch mal anachronistisch) argumentiert. Dabei versuchen die Akteure, eine nach Möglichkeit widerstandsfähige und umfangreiche Anerkennung einzuholen (vgl. L. Bornscheuer 1977, S. 20). In vielen Fällen ist es leider wenig wichtig, ob die Zuhörer überzeugt oder nur überredet werden. „Da in solchen öffentlichen Themenfeldern für und gegen jeweilige Einstellungen, Vorhaben, Handlungen argumentiert wird“ (Wengeler 2003, S. 175), ist es sinnvoll, sich im Meinungsbarometer auszukennen.

Dabei wird am Anfang des Argumentierens an die vorherrschenden Meinungen der Mehrheit angeknüpft und, gespreist von aktuellen Fakten und neu formierten Denkweisen, zu neumodischen Überzeugungen transformiert. Zu einer Einigung zu kommen, gestaltet sich in einer modernen Gesellschaft mit all ihrer Geschichtlichkeit und Interkulturalität schwieriger denn je. Es ist allerdings auch machbar. Denn: Wer (ver)sucht, der (er)findet. „Aristoteles ist immer entzückt, wenn er ein umwerfendes Argument […] finden kann.“ (Ackrill 1985, S. 23) Solche überzeugenden Argumente stehen an systematisch aufgebauten Fundstellen jedem zur Verfügung. „Sie [die Topik] bezeichnet die sowohl regelgeleitete als auch kreative Fähigkeit, Argumente zum Zweck der Überzeugung des Gegenübers zu suchen und anzuwenden.“ (Schwarze 2010, S. 11) Das Suchen und Finden von Argumenten gestaltet sich in dem Fall leichter, wenn man sich in deren Landschaft auskennt. Mit der 'Topik' ist damit eine antike Suchmaschine von Aristoteles gemeint, die in ihrem Design rational strukturiert ist (vgl. Helmer 1996, S. 28).

Im Laufe der nachfolgenden Jahrtausende wurde die Toposlehre von den anderen Philosophen erweitert und modernisiert. Im Fokus der Abhandlungen zu den rhetorischen Fragestellungen steht bei Cicero nurmehr die Person des Redners; die Beherrschung des topischen Schlußverfahrens ist nach dem römischen Denker sehr nützlich für die (juristische) Praxis. Der Topos-Begriff an sich wurde von Aristoteles allerdings nur im Allgemeinen aufgestellt, so dass diese Unbestimmtheit die Plattform für die weiteren Überlegungen darstellt. So unternahm L. Bornscheuer 1976 eine Elaborierung der topischen Ideen und bündelte diese Erkenntnisse zu einem Dimensionen-Modell der Topoi. Darüber hinaus werden im Folgenden einige Fragen über die Organisation, Merkmale und Funktionen des Systems Topik beleuchtet und mit einer Zwischenbilanz resümiert.

2.1. Also sprach Aristoteles

Schon zu seinen Lebzeiten in der Antike galt Aristoteles als überzeugender Redner und systematisch denkender Philosoph. Während seiner Auftritte hielten die Zuhörer inne und stimmten dem Gesagten umgehend zu. Sein Lehrer und Gründer der Akademie Platon ließ sich gern von innovativen Ideen inspirieren und fand die Erörterungen dazu als nachvollziehbar und überzeugend. „Was Aristoteles wirklich als Philosophen auszeichnet, sind nicht die Zahl und das Gewicht seiner Ergebnisse (seiner 'Doktrinen'), sondern die Zahl, die Kraft und der Scharfsinn seiner Argumente, Gedanken und Analysen.“ (Ackrill 1985, S. 8) Schlüssig waren die Argumente von Aristoteles.

Alle Forschungen, die dieser Philosoph anpackte, führten ihn zum Erfolg und nachkommende Wissenschaftler zu weiteren Entdeckungen und Erforschungen. Wie gelang ihm das? Dank einer außergewöhnlichen Sprachbegabung oder doch infolge einer angeeigneten Kompetenz?

Eine gute Hilfestellung für überzeugendes Vortragen ist laut Aristoteles die Theorie der Beredsamkeit, in der eine argumentationsanalytische Methode unter dem Begriff Topik ausgearbeitet worden ist. Die zu bewältigende Aufgabe besteht darin, „über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse bilden [zu] können“ (Aristoteles T I K.1 100a). Dabei soll vermieden werden, nicht übereinstimmend vorzutragen. Diese Vorgehensweise beginnt mit einem Erörterungsverfahren, aus dem Schlussfolgerungen gezogen werden, sodass es von großer Bedeutung ist, sich damit auszukennen. Die Rede ist dabei von nachvollziehbaren Argumentationsmustern, infolge dessen Schlüsse gezogen werden. Diese Schlüsse sind das Ergebnis einer Transformation der vorgetragenen Inhalte unter Bestätigung der Annahmen. Das sind neue Erkenntnisse, die aufgrund solcher materiellen Verwandlungen mit Notwendigkeit entstehen (vgl. ebd., T I K.1 100a ff).

Der Ausgangspunkt ist die Konfrontation mit einem vorgesetzten Problem. Darauffolgend wird ein Sprechakt im Dreickeck Redner – Argument – Zuhörer erwartet. Die sprachliche Intervention hat ihre Basis in plausiblen Ansichten (endoxa) und schließt mit stichhaltigen Folgerungen ihre Darstellung ab, geschickterweise ohne auf die mutmaßlichen Widersprüche anzustoßen (vgl. ebd., T I K. 1 100a ff).

2.1.1. Die Wichtigkeit von 'endoxa'

Der Erfolg jedes Autors hängt damit zusammen, ob er sich mit den oben genannten anerkannten Ansichten gut auskennt und außerdem sie geschickt anzuwenden versteht. Diese Grundsätze besitzen nicht unbedingt den Anspruch, als eindeutig nachgewiesene Wahrheiten zu fungieren, dennoch zielen sie auf Plausibilitäten und damit auf Zustimmung beim breiten Publikum ab. Zumindest sind diese Leitsätze wahrscheinlich und kommen nicht ohne Begründung aus.

Es geht dabei darum, zur Kenntnis zu nehmen, welche Denkweisen in einem Themenfeld üblich sind und wie sie in verschiedenen Bevölkerungsgruppen verteilt sind (vgl. Wengeler 2003, S. 178). Laut den Erklärungen von Aristoteles lässt sich davon ausgehen, dass nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft zu einem soliden Fundus an wahrscheinlichen Sätzen Zugang haben, was durch die Struktur jeder Population indirekt zu erklären ist. Es gibt eine Reihe von Aussagen, die alle Bürger als wahrhaftig akzeptieren. Den anderen Pool von Äußerungen bilden diejenigen, die die Mehrheit einer Gesellschaft als gewiss erachtet. Mit der nächsten Gruppe der Behauptungen sind nur die Weisen – also die Intellektuellen – vertraut. Einen hohen Grad an Einsicht besitzen auch die Sentenzen, in denen sich entweder die meisten Gelehrten oder die renommierten Koryphäen auskennen. Alle diese Arten haben viel Potenzial, in den Diskursen aller Art als wahr angenommen zu werden (vgl. Aristoteles T I K. 1 100 b).

Des Weiteren referiert Aristoteles darüber, aus welchen Tätigkeitsbereichen die dialektischen (d. h. wahrscheinlichen) Sätze zu generieren sind. Das sind zum Einen die Wissenschaften mit ihrer Vielfalt an Fachrichtungen und jeweiligen Berufsgruppen. Zum Anderen sind das die Künste, unter denen der antike Philosoph die Gesamtheit aller kulturellen Praxen innerhalb einer Gemeinschaft versteht (vgl. ebd., T I K.10 104af). „Man wird solchen Ansichten das Wort reden, die den Leuten vom Fach annehmbar erscheinen […].“ (ebd., T I K.10 104a ff)

Darauf folgend erklärt der Analytiker die Aufteilung aller Sätze in drei Klassen. Das sind ethische, physikalische und logische Aussagen. Vorteilhaft ist es für jeden Redner, die vorherrschenden Behauptungen vorerst so universell wie möglich darzulegen, um dann zu einem späteren Zeitpunkt diese ausdifferenziert gezielt anzuwenden (vgl. ebd., T I K. 14 105 b f).

Wie würde denn eine Diskussion verlaufen, wenn die Argumentationszüge ihre Stütze nicht in den anerkannten Sätzen haben? Je mehr Zweifel die Hörer bei einem behaupteten Sachverhalt haben, desto schwieriger ist es für den Redner, mit einer Zustimmung zu rechnen. „Wird in der Argumentation auf etwas zurückgegriffen, was gar keine endoxische Plausibilität hat, so weisen wir den Argumentierenden zurecht, ohne seine „Gründe“ ernst zu nehmen.“ (Leitner 1994, S. 227) Der Grad der Glaubwürdigkeit bei den präsentierten Weltanschauungen hängt stark mit der Reputation der diese Ansichten vertretenden Bevölkerungsgruppe zusammen.

Eine allgemeine Note der topischen Vorgehensweise ist damit „die Bedingung in ihr, daß Argumente sich auf endoxa gründen und berufen müssen […]“ (Ackrill 1985, S. 165). Das sind diejenigen stimmigen Weltbilder oder Annahmen, die bei den meisten Bürgern den Anschein erwecken, annähernd wahr zu sein. Sie spiegeln sehr genau den vorherrschenden Zeitgeist wider. Somit wird jede Diskussion idealerweise vom Hintergrund maßgebender endoxa geleitet und gelenkt.

2.1.2. Forschungsobjekt 'Topos'

Auf den allgemein bekannten Meinungsansichten basierend werden aus den Topoi Argumente konstruiert. „Er [der Topos] ist einerseits ein relevanter inhaltlicher Gesichtspunkt zur vorgelegten strittigen Frage und sichert andererseits als Stützung die schlüssige Beweisführung.“ (Schwarze 2010, S. 11) Diese Topoi werden von Aristoteles formal nach der Art der Prädikatssätze klassifiziert (Definition, Proprium, Skzidenz und Gattung) und auf die mögliche Widerspruchsfreiheit untersucht (vgl. Aristoteles T I K. 4 101b ff). Die zehn Kategorien – Was (Wesen), Quantität, Qualität, Relation, Wo, Wann, Liegen, Haben, Wirken, Leiden – helfen dem Redner dabei, die Art und Weise eines Argumentationsmusters auszuwählen (vgl. ebd, T I K. 9 103b ff). Mit den Topoi werden allerdings keine konkrete Argumente an die Hand gegeben, sondern generell darauf hingewiesen, derartige zu finden und vorgebrachte Argumente zu beurteilen (vgl. Leitner 1994, S. 233). Bei der sacherklärenden Rede sind die Topoi verlässliche Gedankenstütze, um die Argumente dafür und dagegen aufzufinden und ihre Wirkung auf die Zuhörerschaft einzuschätzen.

So wie eine moderne internetbasierte Suchmaschine eine Liste von Hinweisen, Quellen oder Links zur Beantwortung einer Nachfrage zusammenstellt, so geben zahlreiche Topoi eine Hilfestellung, triftige Argumente aufzusuchen. Mit Topoi wird die Suche nach Argumenten mithilfe von Prädikabilien, Kategorien und semantischer Ausgestaltung weiter verlinkt. Die Topoi ermöglichen damit eine vorläufige Aussortierung des Wissen und einen erleichterten Zugriff darauf. Somit haben die Topoi eine Reihe von Funktionen, die im Kap. 2.5. dieser Arbeit näher beleuchtet werden.

„[...] der Grund für wesentliche Schwierigkeit bei der Analyse von Topoi im Gespräch [ist] : ihre wiederholt betonte Oberflächenferne und die daraus folgende Notwendigkeit zur Inferenz des Topos.“ (Schwarze 2010, S. 18) Das war der Gegenstand der Forschung von L. Bornscheuer, dessen Strukturmodell des Topos im Kap. 2. 4. detailliert vorgestellt wird.

2.1.3. Im Dreierschritt zum Ziel

Auch wenn die Topik als wissenschaftliche Methode angesehen wird, geht es nicht darum, mit wahren Sätzen und wissenschaftlichen Inhalten bei einer Fragestellung zu argumentieren. Vielmehr stehen dabei Sinn für die Tatsachen und seine Darstellung in der Rede (logos) im Vordergrund (vgl. Buchheim 1999, S. 25) Es gilt auch hier, „die Regeln und Standards logischer Korrektheit einzuhalten“ (ebd., S. 25).

Das Hauptanliegen der aristoteleschen Topik ist das dialektische Schließen aus triftigen Aussagen bzw. überzeugenden Annahmen. Als Erster übernimmt Aristoteles eine Trennung zwischen inhaltlicher und formaler Beurteilung eines Argumentationsprozesses. Bei formaler Analyse ist ausschließlich methodisches Wissen erforderlich, um den Zusammenhang zwischen den Prämissen und Konklusion beurteilen zu können. Die Überprüfung der Prämissen auf ihren Wahrheitsgrad findet dabei nicht statt.

Beim Schlussverfahren übernehmen die Topoi die Funktion, die Gedankengänge bei der sacherklärenden Rede im Allgemeinen verlässlich stützen und denen eine Struktur geben zu können. „Die aristotelischen Topoi sind eine geeignete Kategorie, um auf einer bestimmten Abstraktionsebene solche Schlussmuster herauszuarbeiten.“ (Wengeler 2003, S. 179) Solche argumentativen Äußerungen werden in einer Rede oder in einem Text schrittweise aus drei Elementen aufgebaut. Es handelt sich dabei um Konklusion, Argument und Schlussregel. Der argumentative Prozess wird auf der Basis von diesen drei Komponenten konstruiert, welche nach und nach in die sacherklärende Rede eingefädelt werden (vgl. ebd., S. 179).

Am Anfang eines Argumentationszuges wird eine Aussage (=Konklusion) gemacht, die sich vorerst wie ein Wunschdenken anhört und damit nicht unumstritten ist. Anschließend wird versucht, solche dialektische Sprachpassagen mithilfe von Argumenten zu untermauern, die für den Autor als auch für den Leser als glaubhaft und zuverlässig gelten. Der Topos ermöglicht einerseits eine hinreichende Auswahl an relevanten Inhalten, andererseits dient er als Beweismittel (vgl. Schwarze 2010, S. 11). Vor diesem Hintergrund wird im letzten Schritt eine Schlussfolgerung erwartet, die ein Autor durch seine kreative Vorarbeit herbeiführt, dennoch gewollt nicht selbst ausspricht. Diese Offenbarung ist gelegentlich dem Gegenüber überlassen, so dass der ganze argumentative Prozess von ihm als seine eigene geistige Leistung empfunden wird und er umgehend zustimmen kann. „So vertrauen wir darauf, dass er [der Gesprächspartner] die richtige Schlussfolgerung schon selber zieht.“ (Tetens 2006, S. 52)

Ein Extremfall stellt nach Ottmers eine Situation dar, wenn nur das Argument, allerdings keine Konklusion und keine Schlussregel bekannt werden (vgl. Wengeler 2003, S. 181).

Exemplarisch lässt sich die klassische Vorgehensweise an einem Beispiel verdeutlichen, in dem vom Ganzen auf seine Teile bzw. von der Gattung auf die Spezies Rückschlüsse gezogen werden. Im Buch 'Topos und Diskurs' wird in diesem Zusammenhang von M. Wengeler der Rahmen eines Argumentationsmusters dieser Art anschaulich folgendermaßen dargestellt:

1. Fragwürdige Aussage: Prof. Schmidt ist ein hervorragender Wissenschaftler.

2. Argumentative Stütze: Seine Bücher sind ins Englische und Chinesische übersetzt worden.

3. Schlussregel mit Überzeugungskraft: Diejenigen, deren wissenschaftliche Bücher (sogar) in andere Sprachen übersetzt werden, sind hervorragende Wissenschaftler.

Zwei weitere ausführliche und für jedermann gut verständliche argumentative Abschnitte sind im Werk 'Philosophisches Argumentieren. Eine Einführung' von H. Tetens zu finden. Abschließend stellt der Autor folgendes Muster auf, das in einer Gesellschaft für alle Zeit seine Geltung hat:

1. Alle Gegenstände der Art G haben die Eigenschaft F.

2. X ist ein Gegenstand der Art.

3. Also hat X die Eigenschaft F.

Somit werden Argumente dieser Form in der einschlägigen Literatur als schlüssig angesehen. Damit ist das Hauptanliegen der Topik von Aristoteles das dialektische Schließen aus triftigen Aussagen bzw. überzeugenden Thesen. „Ein Schluß ist also eine Rede, in der bei bestimmten Annahmen etwas anderes […] mit Notwendigkeit folgt.“ (Aristoteles, T I K. 1 100a 18)

All die Vorbereitungsschritte: Auswahl von verschiedenen Argumentationsschemata und deren sprachliche Umsetzung sowie hierarchische Aufstellung einzelner Argumente im Gedächtnis, - erfordern eine enorme kognitive Leistung und damit einhergehende Einübung der Kompetenz 'Argumentieren'. „Freilich ist es nicht immer ganz einfach, die treffenden Argumente zu finden, strukturiert vorzubringen und Schwachstellen zu vermeiden.“ (Herrmann et al. 2011, S. 17)

Eine gut einstudierte Methode wird in Verbindung mit der Bereitschaft zu deren bewusster Anwendung zu einer Kompetenz. Auch hier gilt aber: Übung macht den Meister. Je besser die Ratschläge der Topik verstanden und verinnerlicht werden, desto schneller gehört die Fähigkeit gelungenen Argumentierens zum Markenzeichen einer Person. Dank seiner Vorgehensweise und seines Darlegungsstil werden die meisten Werke von Aristoteles zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte weltweit gerne gelesen.

Dabei „genießen wir die Raffinesse, die Prägnanz und das Anregende der Argumente des Aristoteles – und wir genießen sie um so mehr, je mehr wir uns auf sie einlassen“ (Ackrill 1985, S. 25).

Aristoteles selbst sieht in der Topik zweierlei: Eine dialektische Methode sowie ihre sprach-technische Anwendung, eine Universalkompetenz (vgl. Buchheim 1999, S. 25).

2.2. Rhetorisches Denken bei Cicero

„Der analytische Charakter der Rhetorik wird in der Nachfolge von Aristoteles bedauerlicherweise mehr verwischt als weitergetrieben […].“ (Dörpinghaus 2002, S. 83) Es ist nicht die Intension dieses Manuskriptes das anzuzweifeln, jedoch lassen sich bei Cicero in seinem letzten Opus 'Topica' einige analytische Bemühungen erahnen. An manchen Stellen überbietet er mit seinen detaillierten Ausführungen (z. B. beim Umgang mit Prämissen) und weiteren Ausdifferenzierungen der Begriffe (z. B. Definition) den antiken Denker Aristoteles. Darüber hinaus sind thematische Unterschiede bei den vorgetragenen Beispielen zu benennen. Aristoteles griff bei seinen Erklärungen auf die anschaulichen, knapp gehaltenen Beispiele zurück; Cicero wandte sich weitestgehend der juristischen Praxis zu (vgl. Bayer 1993, S. 101). Das topische Anliegen war für Cicero nicht die erste Wahl; vielmehr rückte bei seinen rhetorischen Abhandlungen die Person des Redners in den Vordergrund. 'De oratore' gilt als das beeindruckenste Werk von Cicero.

2.2.1. Idealbild des Redners

Im Fokus des Forschungsvorhabens bei Cicero steht die Persönlichkeit des Vortragenden. Der Orator ist ein gebildeter Mensch und hat demnach eine für die Gesellschaft wichtige Aufgabe zu bewältigen. „Der gute Redner muss zwangläufig philosophisch gebildet sein und umfassendes Wissen zu wichtigen Gebieten haben.“ (Dörpinghaus 2002, S. 87) So sollte er eine für die Praxis notwendige Einigung in der Gesellschaft bei öffentlichen Fragestellungen einleiten. Die Aufgabe des Orators sieht Cicero darin, „den praktisch Konsens unter den Bürgern rhetorisch herbeizuführen“ (Meier-Kunz 1996, S. 10). Der ideale Redner sollte laut dem Autor folgende Charakteristika und Kompetenzen besitzen: dialektischen Scharfsinn, philosophische Gedanken, dichterische Vortragsweise, weit überdurchschnittliches Gedächtnis, einfühlsame Stimme, schauspielerisches Talent.

Die normativen Vorgaben sind hochgesteckt. Wer kann schon auf Anhib aus dem Stegreif und ohne groß nachzudenken solche Personen aus seinem Umfeld benennen? Es ist eben ein Idealbild eines Referenten, auch wenn das nahezu gänzlich unerreichbar ist. Einen idealen Redner unter den Zeitgenossen zu finden bleibt nach wie vor eine Exquisitheit.

Ausgehend aus einer gegebenen Situation hilft die Topik dem Sprecher dabei, „aus der Fülle der Angebote von seiten eigener Wissensfülle einen von der Vernunft zu bewähltigenden Ausschnitt aus [zu] wählen“ (Meier-Kunz 1996, S. 10).

2.2.2. Die 'Topica' bei Cicero: Vom Finden bis Bewerten

In erster Linie ging es Cicero bei der 'Topica' um die Erfindung der Argumentationszüge, die für die Praxis in hohem Maße nützlich sind. Dabei werden die Topoi bei Cicero zu 'Orten', an denen die Argumente abzuholen sind. Wer diese Orte kennt, kann sich dann daraus bei einem ambivalenten Sachverhalt stützende Argumente bilden. „Die Topik erlaubt das geordnete Suchen nach Bausteinen einer vernunftgeleiteten Erörterung in kontroversen menschlichen Angelegenheiten.“ (ebd. , S. 11) Die Topoi selbst werden ab dieser Zeit mit dem lateinischen Wort 'loci' bezeichnet. Damit wird das umfangreiche Wissen geordnet, indem es in einzelne Ressorts eingeteilt und mit Hilfe von Kategorien ausgeschildert wird.

Da Cicero nicht der erste war, der sich Gedanken über das erfolgreiche Argumentieren machte, ist es an dieser Stelle interessant, wie er seine Wissensvermittlung aufbaute.

In der Einleitung wandte sich Cicero an seinen Freund und erklärte, er sei bereit, ihm über den Inhalt der 'Topika' von Aristoteles zu referieren. Der Gegenstand seiner Abhandlung ist „die von Aristoteles gefundene strenge Methode, wie man Argumentationsgesichtspunkte findet, sodaß man ohne jeden Irrtum auf dem Weg der Vernunft zu ihnen gelange“ (Cicero Kap. I § 2 S. 3 1983). Das ist aber eine knapp gehaltene Umschreibung der aristotelischen Worte. Es fehlen dabei zwei wichtige Aspekte. Einerseits wird der Ausgangspunkt bzw. die Präambel der sacherklärenden Rede nicht genannt. Es fehlt die Darstellung der Motive für die getroffenen Regelungen.

Laut Aristoteles ist es jede mögliche Angelegenheit, zu welcher die den Sachverhalt zu klärenden Positionen bezogen werden. Zum anderen wird vorerst der Aufbau der Rede nicht vorgestellt. Bei dem griechischen Denker wird dagegen die Bedeutung und Zielsetzung eines argumentativen Sprechaktes klar umkreist. Es wird versucht, konkludieren zu können. Erst im zweiten Durchgang beschreibt auch Cicero den Aufbau eines Argumentationsprozesses: „Jede sorgfältige Methode des Vortrags besitzt zwei Teilaspekte, einmal des Auffindens, zum anderen den Beurteils […]“ (ebd., S. 5). Cicero zielt bei seiner Schrift 'Topica' eher auf die Verwendung von Argumenten in der Rede ab; wobei Aristoteles die analytischen Momente der argumentativen Vorgehensweise hervorzubrigen sucht. Darauffolgend befasst sich Cicero mit der Benennung von Topoi (§§ 6-78).

Mit Cicero werden die Elemente 'topoi' als Orte, Stellen, Wohnsitze beschrieben. Laut seinen Ansichten sind gut markierte Stellen für das Auffinden von Argumenten sehr wichtig. „Stelle ist der Sitz eines Arguments. Ein Argument aber ist ein vernünftiger Satz, der einen angezweifelten Sachverhalt absichern soll.“ (Cicero Kap. II § 8) Innovativ bei Cicero war seine Sammlung der Topoi (§§ 8-24), die er in zwei Gruppen aufteilt. Die erste Gruppe bilden diejenigen 'loci', die auf den Inhalt des Gegenstandes zurückzuführen sind. Betrachtet wird dabei das Gesamtwesen eines Gegenstandes, dessen Teile und Merkmale sowie mögliche Folgebegriffe. Diese Gruppe der Topoi wird als kunstvoll angesehen. Die vom Gegenstand fernliegende bzw. extrinsische Topoi, die der zweiten Gruppe angehören, sind dagegen kunstlos.

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Die Formation von pädagogischem Wissen auf der Grundlage der antiken Topik
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Bachelorarbeit
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
38
Katalognummer
V437129
ISBN (eBook)
9783668784680
ISBN (Buch)
9783668784697
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Deutschland-Stipendium WS 2014/2015 und SS 2015 Abschlussnote 1,7 (B.A. Pädagogik/Sonderpädagogik)
Schlagworte
Argumentationstheorie Rhetorik Aristoteles
Arbeit zitieren
Tatjana Lodermeier (Autor), 2018, Die Formation von pädagogischem Wissen auf der Grundlage der antiken Topik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437129

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