Am 7. April 2017 fand in München die 67.Tagung des Deutschen Hochschulverbandes statt, deren Ergebnisse in der Resolution "Zur Streit- und Debattenkultur an Universitäten" zusammengefasst worden sind. "Der DHV ruft alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu auf, für eine offene und lebendige Debatten- und Streitkultur an den Universitäten einzutreten," - hieß es im Plädoyer bei dieser Tagung.
Die Argumente pro und contra in einer Diskussion vorzutragen ist eine Arbeitsweise, die seit eh und je vom akademischen Fachpersonal ausgeübt wird. Mit dieser Bachelorarbeit wird ein Versuch unternommen, ausgehend von der antiken Vorlage der Toposlehre von Aristoteles darüber nachzudenken, wo sich triftige Argumente manifestieren und welche Merkmale und Funktionen sie besitzen. Zu diesem Zweck werden im ersten Teil der Ausarbeitung die Gedankengebäude der argumentativen Methode - der Topik - skizziert. Die Bedeutung der allgemein gültigen Ansichten und Überzeugungen rückt bei der Beantwortung dieser Frage in den Vordergrund.
Da die Anwendung von einem Topos auf Zustimmung ausgerichtet ist, wird im zweiten Teil dieser Arbeit ein Augenmerk darauf gerichtet, wie aus den Topoi das pädagogische entsteht. Die Verhandlungs- und Abstimmungsprozesse sind von einer Mehrzahl an Überzeugungen abhängig, die wiederum immer wieder aufs Neue gewichtet werden. Es ist daher essenziell, die für das pädagogische Feld relevanten Perspektiven stets im Auge zu behalten. Exemplarisch werden daher solche thematischen Perspektiven angesprochen wie 'Digitalisierung in Bildung', 'Generationenverhältnis' und 'Interkulturalisierung'.
Im Ausblick werden einige mögliche Entwicklungstendenzen skizziert, ob der Anspruch des Deutschen Hochschulverbandes: "Der Streit um das bessere Argument gehört zum Wesenskern der Universität," - bei der Gestaltung der Lehr- und Lernprozesse im Auge behalten werden sollte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Topik als antike Suchmaschine
2.1. Also sprach Aristoteles
2.1.1. Die Wichtigkeit von 'endoxa'
2.1.2. Forschungsobjekt 'Topos'
2.1.3. Im Dreierschritt zum Ziel
2.2. Rhetorisches Denken bei Cicero
2.2.1. Idealbild des Redners
2.2.2. Die 'Topica' bei Cicero: Vom Finden bis Bewerten
2.3. Zur Unbestimmtheit des Topos-Begriffs
2.4. Die Dimensionen von Topoi nach L. Bornscheuer
2.5. Die Funktionen der Topoi
2.6. Resümee
3. Argumentation zwischen den 'Orten' im pädagogischen Kontext
3.1. Digitalisierung in Bildung
3.2. Generationenverhältnis
3.3. Interkulturalisierung
4. Resümee
5. Ausblick
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Bachelorarbeit ist es, die antike Lehre der Topik als methodisches Werkzeug für das pädagogische Handlungsfeld zu erschließen und zu untersuchen, wie pädagogisches Wissen durch Argumentationsprozesse zwischen verschiedenen 'Orten' (Topoi) gebildet und strukturiert wird. Die Arbeit geht dabei der Forschungsfrage nach, wie sich triftige Argumente im pädagogischen Diskurs manifestieren und welche Merkmale und Funktionen diese im Hinblick auf eine zielgerichtete Wissensvermittlung besitzen.
- Grundlagen der antiken Topik bei Aristoteles und Cicero
- Strukturmerkmale der Topoi nach L. Bornscheuer (Habitualität, Potenzialität, Intentionalität, Symbolität)
- Anwendung der Topik in aktuellen pädagogischen Diskursfeldern
- Diskursanalyse zu den Themen 'Digitalisierung in Bildung', 'Generationenverhältnis' und 'Interkulturalisierung'
- Die Rolle der rhetorischen Kompetenz bei der pädagogischen Wissensbildung
Auszug aus dem Buch
2. Topik als antike Suchmaschine
Das Leben in der modernen Gesellschaft wird von verschiedenen Akteuren bestimmt und gesteuert: von politischen Parteien, Verbänden, interethnischen Kulturvereinigungen, Kirchen, ehrenamtlichen Initiativen, Medien sowie von den stets aufs Neue elaborierten Lebensstilgruppierungen. „Als Zeitgenosse des 20. Jahrhunderts ist man umgeben von Myriaden von Topoi, die auch noch schnell wechseln.“ (Zekl 1983, S. XVII) Es wird debattiert, verhandelt, ausgehandelt, ins Leben gerufen, berurteilt, verurteilt und immer wieder variabel (mal faktisch mal anachronistisch) argumentiert. Dabei versuchen die Akteure, eine nach Möglichkeit widerstandsfähige und umfangreiche Anerkennung einzuholen (vgl. L. Bornscheuer 1977, S. 20). In vielen Fällen ist es leider wenig wichtig, ob die Zuhörer überzeugt oder nur überredet werden. „Da in solchen öffentlichen Themenfeldern für und gegen jeweilige Einstellungen, Vorhaben, Handlungen argumentiert wird“ (Wengeler 2003, S. 175), ist es sinnvoll, sich im Meinungsbarometer auszukennen.
Dabei wird am Anfang des Argumentierens an die vorherrschenden Meinungen der Mehrheit angeknüpft und, gespreist von aktuellen Fakten und neu formierten Denkweisen, zu neumodischen Überzeugungen transformiert. Zu einer Einigung zu kommen, gestaltet sich in einer modernen Gesellschaft mit all ihrer Geschichtlichkeit und Interkulturalität schwieriger denn je. Es ist allerdings auch machbar. Denn: Wer (ver)sucht, der (er)findet. „Aristoteles ist immer entzückt, wenn er ein umwerfendes Argument […] finden kann.“ (Ackrill 1985, S. 23) Solche überzeugenden Argumente stehen an systematisch aufgebauten Fundstellen jedem zur Verfügung. „Sie [die Topik] bezeichnet die sowohl regelgeleitete als auch kreative Fähigkeit, Argumente zum Zweck der Überzeugung des Gegenübers zu suchen und anzuwenden.“ (Schwarze 2010, S. 11) Das Suchen und Finden von Argumenten gestaltet sich in dem Fall leichter, wenn man sich in deren Landschaft auskennt. Mit der 'Topik' ist damit eine antike Suchmaschine von Aristoteles gemeint, die in ihrem Design rational strukturiert ist (vgl. Helmer 1996, S. 28).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Debattenkultur an Universitäten ein und erläutert das Ziel der Arbeit, pädagogisches Wissen mithilfe der antiken Topik als methodischer Grundlage zu untersuchen.
2. Topik als antike Suchmaschine: Das Kapitel skizziert die historischen Grundlagen der Topik bei Aristoteles und Cicero und bündelt diese im Dimensionen-Modell der Topoi von L. Bornscheuer.
3. Argumentation zwischen den 'Orten' im pädagogischen Kontext: Hier wird die topische Vorgehensweise auf die pädagogischen Diskurse angewendet, exemplifiziert an den Feldern Digitalisierung, Generationenverhältnis und Interkulturalisierung.
4. Resümee: Dieses Kapitel fasst zusammen, wie das Topik-Modell hilft, pädagogische Problemlagen zu systematisieren und Wissensbestände argumentativ zu ordnen.
5. Ausblick: Der Ausblick reflektiert die Bedeutung der rhetorischen Kompetenz in modernen Bildungseinrichtungen und plädiert für eine bewusste Anwendung der Topik zur Gestaltung zukunftsorientierter Lehr- und Lernprozesse.
Schlüsselwörter
Topik, Topos, Pädagogik, Argumentation, Rhetorik, Aristoteles, Cicero, L. Bornscheuer, Bildungslandschaft, Digitalisierung, Generationenverhältnis, Interkulturalisierung, Wissensbildung, Diskurskultur, Habitualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das pädagogische Wissen strukturiert und durch argumentative Verfahren auf der Basis der antiken Topik, einer Rhetorikmethode zur Argumentationsfindung, gestaltet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf die theoretischen Grundlagen der Topik und deren Anwendung auf aktuelle Herausforderungen im Bildungssektor, namentlich Digitalisierung, Generationenverhältnisse und Interkulturalisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie pädagogische Fachkräfte die antike Toposlehre nutzen können, um in komplexen, oftmals ambivalenten Diskursen fundierte und nachvollziehbare Argumente zu bilden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die philosophische und rhetorikwissenschaftliche Ansätze (insb. Aristoteles, Cicero, L. Bornscheuer) mit erziehungswissenschaftlichen Diskursanalysen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erarbeitung der aristotelischen und ciceronianischen Topik sowie eine praktische Anwendung dieser Erkenntnisse auf drei pädagogische Themenfelder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Topik, Topos, Argumentation, pädagogische Wissensbildung, Diskurs, Habitualität und rhetorische Kompetenz.
Wie definiert die Autorin die Rolle des 'Topos'?
Ein Topos wird nicht als statische Definition, sondern als 'Ort' oder 'Suchmaschine' für Argumente verstanden, die durch Merkmale wie Habitualität und Potenzialität eine flexible und kontextbezogene Argumentationsführung ermöglichen.
Welche Bedeutung hat das 'Generationenverhältnis' in diesem Zusammenhang?
Das Generationenverhältnis dient als Beispiel für einen Diskurs, in dem sich überliefertes Wissen und neue Erfahrungen der Jugend durch argumentative Aushandlungsprozesse verändern und weiterentwickeln.
Warum ist die 'Interkulturalisierung' für die Topik relevant?
Sie dient als Feld, in dem unterschiedliche kulturelle Standpunkte durch eine topische Vorgehensweise in einen rationalen Austausch gebracht werden, um trotz kultureller Vielfalt Gemeinsamkeiten oder tragfähige Konsense zu finden.
- Quote paper
- Tatjana Lodermeier (Author), 2018, Die Formation von pädagogischem Wissen auf der Grundlage der antiken Topik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437129