Intersexualität. Ein Leben im Dazwischen


Term Paper, 2016
21 Pages, Grade: 1,7

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Intersexualität
2.1 Was ist Intersexualität?
2.2 Die Diagnose
2.3 Die Behandlung

3. Dekonstruktion von Geschlecht mittels Intersexualität
3.1 Historie der Heteronormativität
3.2 Geschlecht ist konstruiert – Judith Butler
3.3 Dekonstruktion der binären Geschlechternorm

4. Sprachliche Aspekte und deren Schwierigkeiten
4.1 „Geschlecht“ in der deutschen Sprache
4.2 Möglichkeiten zur sprachlichen Freiheit – Geschlecht(er) in der Sprache sichtbar machen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis..

1. Einleitung

In unserer Gesellschaft besteht die Annahme, dass Menschen sich in zwei Geschlechter einteilen lassen (Heteronormativität), das Denken ist demnach von dem binären Geschlechtersystem geprägt und jedes Individuum ordnet sich in dieses Binärsystem ein und verhält sich gemäß der Anforderungen, die von der Gesellschaft gestellt werden. Es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede, die uns in vielen Lebensbereichen begegnen. Ein banales Beispiel wäre der Besuch einer öffentlichen Toilette: Eine Tür für weibliche Personen und die andere für männliche. Was aber ist mit den Geschlechtern, die zwischen diesen beiden sind? Hierbei wird in der Medizin von Intersexualität, Hermaphroditismus, Disorders of Sex Development (DSD), Zwitter, etc. gesprochen. Es gibt mehrere Begriffe, die diese biologischen Besonderheiten bei der Geschlechtsdifferenzierung beschreiben. Intersexuellen Menschen können aufgrund unterschiedlicher Faktoren, wie zum Beispiel der Chromosomen, der Keimdrüsen oder der jeweiligen Hormonproduktion, kein eindeutiges Geschlecht zugeordnet werden (vgl. Völling, 2010). In Deutschland leben schätzungsweise etwa 80.000 intersexuelle Menschen (Stern). Diese stoßen oft auf Diskriminierung und verletzende Aussagen, da dieses Thema in unserer Gesellschaft tabuisiert wird und oftmals auf Intoleranz stößt, was das folgende Zitat verdeutlicht:

„Tja, Thomas, solche Menschen wie dich hat man früher auf dem Jahrmarkt ausgestellt und damit Geld verdient. Das kannst du ja auch mal ausprobieren, da bist du eine Sensation, eine Kuriosität!“ (Völling, 2010, S. 59)

Durch die gesellschaftliche Enttabuisierung von Intersexualität wäre es jedoch möglich, Betroffenen zu helfen und die Vielfalt der Gesellschaft zu erweitern. Um diese Problematik näher zu beleuchten, wird sich die Herausarbeitung auf folgende Fragestellung fokussieren:

Intersexualität ist eine Form des Geschlechts, an der die Brüchigkeit der Zweigeschlechtigkeit deutlich wird, dadurch ist sie eine Möglichkeit zur Dekonstruktion der binären Geschlechternorm. Doch inwiefern ist der in der deutschen Sprache verankerte Begriff "Geschlecht" fehlinterpretiert und welche Möglichkeiten gibt es,

Geschlecht(er) in der Sprache sichtbar zu machen?

Auch in den Medien begegnet uns das Thema immer häufiger, was ein erster Schritt in Richtung gesellschaftlicher Toleranz sein könnte.

Unter anderem wird berichtet, dass die Vorstellung von zwei Geschlechtern allzu simpel sei und es aus anatomischer und genetischer Sicht nicht nur zwei Geschlechter gäbe (vgl. Ainsworth, 2015, S. 288-291). Hierbei wird von der „Neudefinition des Geschlechts“ gesprochen. Ein weiterer Schritt in Richtung juristischer Akzeptanz könnte die Änderung des Personenstandesgesetzes (PStG) sein. Seit dem 1. November 2013 darf der Geschlechtseintrag im Geburtenregister bei intersexuellen Kindern offen bleiben, die Eltern sind also nicht mehr dazu verpflichtet, sich für einen Geschlechtseintrag zu entscheiden (vgl. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2013 Teil I Nr. 23 ).

Die vorliegende Hausarbeit wird sich mit diesen Themen beschäftigen und sie unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchten. Zunächst werden die Definition von Intersexualität, die Diagnose und die medizinische Behandlung erläutert. Anschließend wird die historische Entwicklung der Zweigeschlechtigkeit und die Chancen zur Dekonstruktion der binären Geschlechternorm erörtert. Hierbei werde ich Bezug zu der Theorie von Judith Butler nehmen und die wesentlichen Aspekte herausarbeiten. Ein weiterer Punkt dieser Hausarbeit werden die sprachlichen Aspekte zu Geschlecht und deren Schwierigkeiten sein. Im abschließenden Fazit werde ich die zentralen Aspekte der Herausarbeitung zusammenfassen und reflektieren.

2. Intersexualität

2.1 Was ist Intersexualität?

"Menschen, die sich aufgrund von körperlichen Besonderheiten des Geschlechts nicht eindeutig als männlich oder weiblich einordnen lassen." (Deutscher Ethikrat)

Der Begriff „Intersexualität“ kann vielmehr als ein Sammelbegriff verstanden werden, denn für diese biologische Besonderheit bei der Geschlechterdifferenzierung gibt es noch weitere Begriffe, einer von ihnen hat ihren Ursprung in der griechischen Mythologie: Hermaphroditismus ( griechisch von Hermes und Aphrodite), er ist der historisch älteste Begriff. In der Umgangssprache ist dieser auch unter Zwitter oder Zwittertum bekannt.

Darstellungen und der Saga zufolge hatten die zwei Götter Hermes und Aphrodite einen Sohn, der Hermaphroditos genannt wurde und die Schönheit beider Elternteile in sich vereinigte.

Eines Tages verliebte sich die Nymphe Salmakis, in deren Quelle er immer badete, so stark in ihn, dass sie nie wieder von ihm getrennt sein wollte, doch da Hermaphroditos ihre Liebe nicht erwiderte, bat sie die Götter, sie mit ihm zu vereinen. Dieser Wunsch wurde von den Göttern erfüllt, indem beide Körper ineinander verschmolzen. Fortan lebten sie als Hermaphrodit, der männlich und weiblich zugleich war (vgl. Domurat Dreger, 2003, S.31 f; Wolff, 1981, S.11).

Der Terminus Hermaphroditismus beschreibt hiermit also eine Doppelgeschlechtigkeit. Der moderne Begriff, also Intersexualität, bezeichnet eine Person, die zwischen den Polen des binären Geschlechterkonstruktes steht. Beide Begriffe werden heute für Menschen mit gonadalen (= Gonade: Geschlechtsdrüse, in dem Sexualhormone und Keimzellen gebildet werden), genitalen und/ oder genetischen Geschlechtsuneindeutigkeiten verwendet. Darüber hinaus wird in der klinischen Fachbezeichnung zwischen echtem Hermaphroditismus und Pseudohermaphroditismus unterschieden (vgl. Stern, 2010, S.7). Die Historie des Begriffes liegt viele Jahre zurück und beinhaltet unterschiedliche Aspekte: 1917 wurde der Begriff erstmals im Kontext mit Hermaphroditismus von Richard Goldschmidt in dem Artikel „Intersexuality and the Endocrine Aspect of Sex“ verwendet. Vorher beschrieb der Begriff verschiedene Formen geschlechtlicher Vielfalt und schloss ebenfalls andere sexuelle Orientierungen, wie zum Beispiel Homosexualität und Bisexualität, ein (vgl. Domurat Dreger, 2003, S.31). In den darauffolgenden Jahren kam es vermehrt zu Verknüpfungen der Begriffe und somit wurde dieser Begriff zu einer Art Sammelbegriff.

Im nächsten Abschnitt wird die Diagnose von Intersexualität thematisiert, um einen Überblick über die biologisch-medizinischen Aspekte zu erhalten.

2.2 Die Diagnose

Intersexualität wird je nach Situation in unterschiedlichen Lebensphasen diagnostiziert. Dies bedeutet also, dass Hermaphroditismus– obwohl er angeboren ist – lange Jahre unentdeckt bleiben kann. Der Grund dafür ist, dass dieser sich auf die äußeren und/oder inneren Geschlechtsorgane bezieht.

Intersexualität kann demnach sogar zufällig bei einer routinemäßigen Untersuchung diagnostiziert werden (vgl. Küccükoruc zitiert nach Garrels, 2016:1998, S. 198).

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Intersexualität zwar angeboren ist, aber dies nicht bedeutet, dass sie zwangsläufig bei der Geburt diagnostiziert werden muss. Es ist also durchaus möglich, die Diagnose bei der Geburt, in der Pubertät oder aber auch im Erwachsenenalter zu erhalten (vgl. Stern, 2010, S. 46). Ein Beispiel für die Diagnose im späten Erwachsenenalter ist das Buch „Ich war Mann und Frau“, in dem Christiane Völling berichtet, wie sie erst als 46-Jährige erfuhr, dass sie intersexuell, also sowohl Mann als auch Frau, war (vgl. Völling, 2010).

Darüber hinaus wird zwischen echtem Hermaphroditismus und Pseudohermaphroditismus unterschieden. Beide Begrifflichkeiten lassen sich wie folgt definieren:

- Echter Hermaphroditismus:

„Der echte Hermaphroditismus ist durch das Vorhandensein von sowohl testikulärem als auch ovariellem Gewebe charakterisiert (Ovotestis). Die äußeren Genitalien können männlich, weiblich oder uneindeutig ausgeprägt sein.“ (Urologielehrbuch.de)

Bei dieser Form der Intersexualität handelt es sich zusammengefasst darum, dass die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale[1] zwischen rein männlichen und rein weiblichen Geschlechtsausprägungen variieren. Eine andere Definition führt den Begriff als eine seltene Störung an, bei der etwa 400 Fälle bekannt sind. Laut dieser Definition liegen sowohl Hoden- als auch Eierstockgewebe vor (Stern, 2010, S.47).

- Pseudohermaphroditismus:

Pseudohermaphroditismus – auch Scheinzwittertum genannt – beschreibt eine Form der Intersexualität, bei der die Gonaden (Geschlechtsdrüse, in dem Sexualhormone und Keimzellen gebildet werden) dem genetischen bzw. chromosomalenGeschlecht (46,XX oder 46,XY) entsprechen. Beim männlichen Geschlecht wäre die Gonade demnach der Hoden (Testikel) und beim weiblichen der Eierstock (Ovar) (vgl. Spektrum, Gonaden).

Die äußeren Sexualorgane und die sekundären Geschlechtsmerkmale reichen beim Pseudohermaphroditismus jedoch von uneindeutig bis hin zu eher dem anderen Geschlecht ähnelnd (vgl. Stern, 2010, S. 47).

Die Definition beider Formen gestaltet sich als sehr komplex, weshalb im Folgenden nicht konkreter auf die biologisch-medizinischen Aspekte des Intersex-Syndroms eingegangen wird.

Wie bereits festgestellt wurde, bringt die Diagnose viele Schwierigkeiten mit sich. Für die Eltern eines neugeborenen Kindes ist diese Situation häufig eine Konfrontation, sie sind überfordert, sind gesellschaftlichem Druck ausgesetzt und haben etliche Fragen bezüglich der Zukunft im Kopf, da sie ihr Kind davor schützen möchten, ausgegrenzt zu werden (vgl. Kühne, 2015, o. S.).

Für Betroffene entstehen künftig ebenfalls Schwierigkeiten, denn oft stoßen diese auf Diskriminierung und wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen (vgl. Stern, 2010, S. 82). Als positiv kann jedoch betrachtet werden, dass die Thematik immer häufiger in den Medien behandelt wird und somit Stück für Stück enttabuisiert wird, was Betroffenen hilft und sie stärkt (vgl. Völling, 2010, S. 231). Zudem gibt es im Netz viele Selbsthilfegruppen, die zur Unterstützung und zum Austausch dienen.

2.3 Die Behandlung

„Wir werden nicht als Mädchen geboren – wir werden dazu gemacht.“ (Ursula Scheu)

Wie das oben aufgeführte Zitat verdeutlicht, ist die Behandlung von intersexuellen Menschen mit vielen Veränderungen verbunden, die medizinisch (in Form von Hormonzufuhr) oder chirurgisch (angleichende Operationen) erfolgen. Das bedeutet, dass Ärzte/Ärztinnen entschieden, welches Geschlecht bei dem Individuum überwiegt und dementsprechend der Person ein Geschlecht zuordnen. Anschließend wird entweder zu einer Hormonbehandlung oder einem operativen Eingriff geraten, um die Geschlechtsteile anzupassen, damit sie somit der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Vor mehreren Jahren empfahlen Ärzte/Ärztinnen eine schnellstmöglich Entscheidung für eines der beiden Geschlechter und eine frühzeitige Operation.

Es war bis in die 80er Jahre üblich, dass Kinder und Jugendliche, die intersexuell waren, Operationen im Genitalbereich hatten, ohne dass sie vorher selbst über die Operation entscheiden konnten und in den Prozess mit eingebunden waren (Stern, 2010, S. 54-56). Ein Fall, der dies verdeutlicht, ereignete sich 1965, als ein Junge mit undefinierbaren Geschlechtsmerkmalen zur Welt kam: Die Ärzte/Ärztinnen diagnostizierten, dass er über einen männlichen Chromosomensatz verfügte und einen Hoden im Bauchraum hatte. Trotz dieser Faktoren wurde das zweieinhalb Monate alte Baby ohne die Einwilligung der Eltern kastriert. Die Eltern des Babys erfuhren erst von dem Eingriff, der zur Anpassung des Geschlechtes dienen sollte, als die Ärzte/Ärztinnen ihnen Anweisungen zu der Erziehung des Kindes machten und betonten, dass das Kind ein Mädchen sei und auch so erzogen werden solle (vgl. Hoerner, 2012, Focus online). Zudem werden 90 Prozent betroffener Kinder zu Frauen operiert; der Grund ist laut Lucie Veith, der Vorsitzenden des Vereins Intersexuelle Menschen e.V., dass es leichter ist, ein Loch zu graben, als einen Baum aufzustellen (vgl. Veith, 2012, Focus). Hierbei spricht die Vorsitzende des Vereins davon, dass es sich bei den angleichenden Operationen nach der Geburt eines Kindes um Genitalverstümmelung handelt. Es ist also eine starke Belastung für die Betroffenen, diese Operationen physisch, aber auch psychisch zu verarbeiten. Folgender Auszug verdeutlicht, mit welchen Schwierigkeiten solche Eingriffe verbunden sind:

„Etliche Betroffene sind aufgrund der früher erfolgten medizinischen Eingriffe so geschädigt, dass sie nicht in der Lage sind, einer normalen Erwerbstätigkeit nachzugehen, oder sie sind infolge der Eingriffe schwer behindert.“ (Deutscher Ethikrat, 2012, S.165). Es gilt zu bemerken, dass die Eingriffe nicht aus medizinisch-gesundheitlichen Gründen geschehen. Der Grund ist die Konstruktion, also die Herstellung eines Geschlechts, um Betroffene an das gesellschaftliche Binärsystem anzupassen und uns zu täuschen, in dem der Anschein erweckt wird, dass Zweigeschlechtigkeit immer vorhanden ist (vgl. Mörth, 2005, S.29).

Darüber hinaus plädiert der Ethikrat in seiner Stellungnahme über Intersexualität dafür, dass Intersexuelle vor medizinischen Fehlentwicklungen und gesellschaftlicher Diskriminierung geschützt werden sollen. Außerdem sollen Betroffene und deren Eltern medizinisch und psychologisch näher betreut und stärker unterstützt werden. Es ist ebenfalls wichtig, betroffene Menschen und deren Eltern ausreichend über die Behandlungen aufzuklären und sie in das Geschehen zu involvieren. Betroffene sollten selbst entscheiden können, ob sie solchen Eingriffen zustimmen – außer in Ausnahmefällen. Die früheren „Zwangsoperationen“ werden heute also nicht mehr durchgeführt.

[...]


[1] Primäre Geschlechtsmerkmale: Genitalien; Sekundäre Geschlechtsmerkmale: z.B. weibliche Brust, Bartwuchs beim Mann (Stern, Intersexualität, 2010, S. 47)

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Details

Title
Intersexualität. Ein Leben im Dazwischen
College
University of Marburg  (Erziehung- und Bildungswissenschaften)
Grade
1,7
Author
Year
2016
Pages
21
Catalog Number
V437248
ISBN (eBook)
9783668775671
ISBN (Book)
9783668775688
Language
German
Tags
Intersexualität, Sexualität, Bildung, Gender, Heteronormativität, Geschlecht, Gesellschaft, Judith Butler, Geschlechternorm, Binär, Sprache, Diagnose, Medizin
Quote paper
Müzeyyen Küccükoruc (Author), 2016, Intersexualität. Ein Leben im Dazwischen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437248

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