„Perfect rationality, like perfect anything, is a fiction“. Das Konstrukt des Gefangenen-Dilemmas übt seit über einem halben Jahrhundert eine Faszination auf Wissenschaftler und Spieltheoretiker aus. Dabei geht es um ein Zwei-Personen-Nicht-Nullsummenspiel, bei dem das Nash-Gleichgewicht in dominanten Strategien zu einem ineffektiven Ergebnis führt. Die individuelle Rationalität gemäß des Rational-Choice-Ansatzes führt zum kollektiv schlechtesten Ergebnis. Empirische Befunde zeigen jedoch, dass sich Probanden sowohl für die prophezeite Strategie „Defektion“ als auch für die Strategie „Kooperation“ entscheiden.
Die bereits bestehende Kooperationsrate kann auch durch Einführung von Kommunikation deutlich erhöht werden. Dabei ist der Einfluss je nach Kommunikationsform unterschiedlich hoch; Untersuchungen belegen, dass verbale Kommunikation die Kooperation stärker erhöht als Kommunikation durch Schriftverkehr. Diese Art des Nachrichtenaustauschs ist für die Spieler nicht bindend und hat keinen direkten Einfluss auf die Auszahlung. Die ökonomische Theorie bezeichnet derartige Kommunikation als „Cheap talk“ und unterstellt, dass solche Nachrichten keinen Informationsgehalt und somit auch keinerlei Einfluss auf das Verhalten von Personen haben.
Jedoch konnte die Empirie auch hier aufzeigen, dass einseitige Kommunikation dennoch einen positiven Einfluss auf die Kooperationsrate ausübt.
Letztere Ausführungen stoßen in Forschungskreisen auf besonderes Interesse, da dort Einflüsse untersucht werden, die eine Steigerung der Kooperation in einem Gefangenen-Dilemma zur Folge haben können. Bei einer groben Betrachtung bisheriger Forschungsansätze stellt man jedoch fest, dass diese Untersuchungen überwiegend die Einflussfaktoren betrachteten, die entweder unmittelbar vor (Pre-Play Communication) oder während des Gefangenen-Dilemma-Spiels (Kommunikation) einen Einfluss auf die Kooperationsrate ausüben können. Doch welchen Einfluss können ex post Einflussfaktoren auf das Verhalten von Probanden haben? Inwieweit wird also das Verhalten eines Spielers in der konkreten Spielsituation beeinflusst, wenn nach der Strategieentscheidung der Gegenspieler konkret darauf reagieren und dieses Verhalten kommentieren kann? Führt eine Feedback-Option eines Spielers in einem Gefangenen-Dilemma mit einseitiger Kommunikation zu mehr Kooperation?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Gefangenen-Dilemma
2.1 Systematik des Gefangenen-Dilemmas
2.2 Die Dilemma-Problematik
2.3 Kommunikation
3 Cheap talk
3.1 Systematik und Empirie
3.2 Problematik des Cheap talk
3.3 Einfluss auf Kommunikation und Vertrauen
4 Feedback-Option
4.1 Studie von Xiao und Houser
4.2 Studie von Ellingsen und Johannesson
4.3 Einfluss auf die Kooperation
5 Design
6 Auswertung
6.1 Hypothesen hinsichtlich soziodemographischer Merkmale
6.2 Hypothesen hinsichtlich der gemessenen Gemütszustände
6.3 Hypothesen hinsichtlich des Einflusses persönlicher Merkmale
6.4 Hypothesen hinsichtlich des Einflusses der Feedback-Option
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht, ob eine Feedback-Option in einem Gefangenen-Dilemma mit einseitiger Kommunikation die Kooperationsrate der Spieler signifikant steigern kann, indem sie durch eine mögliche verbale Rückmeldung den Anreiz für egoistisches Verhalten reduziert.
- Analyse der Spieltheorie und des klassischen Gefangenen-Dilemmas
- Untersuchung von Kommunikationseffekten und dem „Cheap talk“-Ansatz
- Evaluation von Feedback-Optionen in ökonomischen Experimenten
- Empirische und experimentelle Analyse des Einflusses auf Kooperationsraten
- Erforschung von soziodemographischen und psychologischen Einflussfaktoren
Auszug aus dem Buch
3.2 Problematik des Cheap talk
Die Ergebnisse der empirischen Forschung machen deutlich, dass CT dazu beitragen kann, Koordinationsfehler und Missverständnisse bis zu einem gewissen Maß aufzuheben. Jedoch kann Kommunikation keine Garantie für Effizienz in Spielsituationen bieten. Die auftretenden Probleme und Vorteile von CT sollen anhand des Beispiels von Aumann (1993) und der Abb. 3.1 verdeutlicht werden.
Die Auszahlungsmatrix in Abb. 3 stellt ein Assurance Games (im Folgenden AG) dar und beinhaltet je zwei mögliche Strategien der Spieler: Kooperation und Defektion. In diesem Vertrauensspiel erhalten die Spieler Alice und Bob jeweils eine Auszahlung von 7 Einheiten, wenn sie sich gemeinsam für die Strategie „Defektion“ entscheiden und 9 Einheiten beim simultanen Spielen der Strategie „Kooperation“. Das Kollektiv beste Resultat wird bei der pareto-optimalen Strategiekombination (Kooperation, Kooperation) erreicht (payoff dominance), wohingegen das Gleichgewicht (Defektion, Defektion) zu einer insgesamt niedrigeren Auszahlung führt (Camerer, 2003, S. 341). Aumann (1993) argumentiert, dass das Gleichgewicht dieses Spiels ohne die Möglichkeit auf CT-Kommunikation bei dem pareto-suboptimalen Nash-Gleichgewicht (Defektion, Defektion) liegen könnte. Da die Spielerin Alice ihre Auszahlung gemäß des Rational-Choice-Ansatzes maximieren möchte, könnte sie auch dazu neigen, bevorzugt die Strategie Kooperation zu spielen, welche die Chance auf die höchste, jedoch auch auf die niedrigste Auszahlung bietet (risk dominance). Die Strategie Defektion bietet ihr jedoch in jedem Fall eine Mindestauszahlung von 7 Einheiten. Unter der Annahme, dass Bob seinen Spielzug ähnlich argumentiert, könnte Alice demnach die Strategie Defektion präferieren (Zilhão, 2005, S. 64).
Bietet man den Spielern die Möglichkeit der nichtbindenden Kommunikation in einer Vorrunde, so würden sie ihre Entscheidungen auf Grundlage anderer Überlegungen treffen. Beide Spieler könnten sich durch Kommunikation auf die Strategie Kooperation einigen, um die höhere Auszahlung von 9 zu erreichen. Da diese „Vereinbarung“ für keinen der beiden Spieler bindend wäre, könnten sich risikoaverse Spieler aufgrund ihres Misstrauens dem Gegenspieler gegenüber, dennoch für die Strategie Defektion entscheiden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Gefangenen-Dilemma ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich des Einflusses einer Feedback-Option auf die Kooperation.
2 Das Gefangenen-Dilemma: Das Kapitel erläutert die spieltheoretischen Grundlagen des Gefangenen-Dilemmas, die Dilemma-Problematik sowie die Rolle der Kommunikation.
3 Cheap talk: Hier wird das Konzept des „Cheap talk“ als nicht bindende Kommunikation theoretisch fundiert und durch empirische Studien belegt.
4 Feedback-Option: Dieses Kapitel stellt verschiedene experimentelle Ansätze vor, wie Feedback-Optionen in Verhandlungsspielen das Verhalten beeinflussen können.
5 Design: Dieser Abschnitt beschreibt detailliert den Aufbau und das methodische Vorgehen des durchgeführten Bimatrix-Spiels.
6 Auswertung: Hier werden die experimentell erhobenen Daten mittels verschiedener statistischer Tests im Hinblick auf neun aufgestellte Hypothesen analysiert.
7 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und diskutiert, warum keine signifikanten Effekte der Feedback-Option auf die Kooperationsrate gefunden wurden.
Schlüsselwörter
Gefangenen-Dilemma, Kooperation, Feedback-Option, Spieltheorie, Cheap talk, Ultimatum-Spiel, Diktator-Spiel, rationale Entscheidung, soziale Normen, Experiment, Vertrauen, ökonomische Theorie, altruistische Bestrafung, Rational-Choice-Ansatz, Verhaltensökonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Effekte einer Feedback-Option auf das Kooperationsverhalten von Spielern in einem modifizierten Gefangenen-Dilemma.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert sich auf Spieltheorie, Kommunikation, den „Cheap talk“-Ansatz sowie psychologische Einflüsse wie soziale Normen und Vertrauen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob eine Feedback-Option eines Spielers in einem Gefangenen-Dilemma mit einseitiger Kommunikation systematisch zu einer höheren Kooperationsrate führt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde ein experimentelles Laborexperiment mit 38 Probanden unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt, wobei die Daten anschließend mittels statistischer Software analysiert wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine Literaturübersicht zu bereits durchgeführten Experimenten und die detaillierte Auswertung des eigenen Versuchsaufbaus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Gefangenen-Dilemma, Kooperation, Feedback-Option, Spieltheorie und Verhaltensökonomie.
Welchen Einfluss hatte der Migrationshintergrund auf das Ergebnis?
Die Analyse ergab, dass der Migrationshintergrund der Probanden keinen signifikanten Einfluss auf die gewählte Strategie hatte.
Warum konnte die Forschungsfrage nicht signifikant bejaht werden?
Der Autor führt dies unter anderem auf die kleine Stichprobengröße sowie ein mögliches spieltheoretisches Vorwissen der Teilnehmer zurück.
Welche Rolle spielten die Gemütszustände der Probanden?
Es konnte gezeigt werden, dass ängstlichere Probanden signifikant häufiger die dominante, unkooperative Strategie „Unten“ wählten.
- Citation du texte
- M.Sc. Ercan Hayvali (Auteur), 2013, Führt eine Feedback-Option eines Spielers in einem Gefangenen-Dilemma mit einseitiger Kommunikation zu mehr Kooperation?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437270