Polyperspektivische Gestaltung in "Entre Visillos" als Mittel diagnostischer Eigenleistung und Angebot zu einer differenzierten Sichtweise von Wirklichkeit


Hausarbeit, 2014

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Diskursive Gestaltung und deren Funktion im Roman Entre Visillos
2.1 Erzählperspektiven
2.1.1 Perspektive Pablos
2.1.2 Perspektive Natalias
2.1.3 Perspektive der Erzählinstanz in der dritten Person
2.1.4 Überlegung zur Analyse des Erzählers
2.1.5 Auswirkung der Polyperspektive
2.2 Polyphonie
2.3 Dominanz der direkten Rede
2.4 Wahrnehmung von Raum und Zeit

3 Fazit

4 Bibliographie

1 Einleitung

Das gesamte Erzählwerk Carmen Martín Gaites kann als Ausdruck sozialkritischen Engagements verstanden werde, welches den Fokus insbesondere auf den weiblichen, von Limitationen geprägten Lebensalltag im franquistischen Spanien legt. Ihr Romanerstling Entre visillos, für den sie mit dem Premio Nadal im Jahre 1957 ausgezeichnet wurde, greift genau diese Thematik auf. In der Provinzstadt, in der die Figuren leben, wird dem Leser das monotone und routinemäßige Leben im Spanien der Nachkriegszeit präsentiert. Pablo, der aus Deutschland in diese Stadt kommt, lernt diese mit all ihren Vorgaben und Kontrollinstanzen, unter denen vor allem die Frauen der Stadt zu leiden haben, kennen und bemerkt, dass dieses Leben nicht seiner Vorstellung entspricht.

Vor allem aufgrund seines sozialkritischen Inhalts wird angenommen, dass es sich um eine typische novela realista im Zuge des realismo social handelt, deren Mermale die objektive Darstellung der Realität und vor allem die Beleuchtung bestimmter kultureller Gruppen sind. In ihren weiteren Werken wird eine Evolution von diesem sogenannten protagonismo colectivo hin zum individuo und somit zu einer stärkeren Subjektivierung offensichtlich. Es stellt sich dennoch die Frage, ob sich nicht bereits auch in Entre visillos Ansätze finden, die sich was die formale Ausgestaltung angehen von den Romanen der fünfziger Jahre wegbewegt und Merkmale aufweist die für die sechziger Jahre typisch sind. Daher ist eine innerhalb dieser Arbeit essentielle Frage, ob Gaites Werk hinsichtlich des ästhetischen Verfahrens bereits als inovación de la novela gesehen werden kann?

Um dies zu klären, muss eine Analyse des erzählerischen Diskurses stattfinden. Hierbei soll nach der Erzähltheorie Genettes vorgegangen werden; Bezug wird zwar auf die Einordnung verschiedener Autoren, wie beispielsweise Paatz oder auch Morales genommen, dessen Werk La trayectoria narrativa de Carmen Martín Gaite eine gute Grundlage bildet, dennoch sind viele Einteilungen welches die Art des Erzählers und die Formen der Fokalisierung betreffen nochmals zu hinterfragen. Daher stellen sich folgende weitere Fragen, die es in dieser Arbeit zu beantworten gilt: Unterstützt der erzählerische Diskurs das sozialkritische Potential des Romans, und wenn ja, inwiefern? Kommt dem Leser im Zuge dessen eine besondere Aufgabe zu? Zeichnen sich die als Protagonisten bewerteten Erzähler tatsächlich als typische Protagonisten aus?

Um diesen Fragen nachzugehen werden zunächst die Erzählperspektiven innerhalb des Romans analysiert um im Anschluss deren Funktion zu erläutern. Kritisch soll hierbei vor allem nochmals die Art der Erzähler beleuchtet werden. Neben der Polyperspektive die signifikant ist, soll auch die Polyphonie sowie die Dominanz der direkten Rede auf ihre jeweiligen Funktionen analysiert werden. Anschließend wird die Perzeption von Zeit und Raum in den Fokus gerückt um zu zeigen, wie die Figuren mit den vorherrschenden Zeit- und Raumkonstellationen innerhalb der Erzählung umgehen. In dem Zusammenhang wird der Akt des Schreibens hervorgehoben und erläutert. Schlussendlich, soll im Fazit alles zusammengefasst und die aufgeworfenen Fragen beantwortet werden.

2 Diskursive Gestaltung und deren Funktion im Roman Entre Visillos

In Bezug auf den erzählerischen Diskurs ist, neben den Analysekategorien die in den folgenden Kapiteln ausgearbeitet werden, zunächst der zeitliche Aufbau des Romans und dessen Funktion zu erwähnen. Die Gesamtkomposition ist in zwei Teilen aufgebaut, bei der die ersten elf Kapitel fünfzehn Tage darstellen. Die letzten sieben Kapitel erzählen in einem Zeitraum von zweieinhalb Monaten. Die Zeitraffung, die für den gesamten Roman geltend ist, ist im zweiten Teil stärker als im Ersten. Sanz Villanueva ist der Ansicht, jedes der beiden Teile habe somit „una intención temática distinta.“ [1] Der erste Teil, der eine kürzere Zeitspanne erzählt, ist demnach ausführlicher ausgeführt um die Figuren vorzustellen, ihre Lebenswelt zu präsentieren und die Probleme innerhalb der Provinz der Nachkriegszeit darzulegen. Es ist „el marco, en el que se desarrollan las modélicas historias posteriores.“ [2] Der zweite Teil baut dementsprechend auf den ersten Teil auf, erzählt den Beginn des alltäglichen Lebens und hebt die individuellen Geschichten der Figuren hervor.

2.1 Erzählperspektiven

Die Geschichte im Roman wird durch die Alternanz eines narrador triple vorangetrieben. Dabei entsprechen diese drei Erzählinstanzen grundlegend den drei wichtigen Hauptgeschichten. Die Geschichte der Jugendlichen innerhalb der Kleinstadt, die vor allem geprägt ist von deren zwischenmenschlichen Beziehungen wird hauptsächlich von dem Erzähler in der dritten Person erzählt. Die Geschichte Pablos, des deutschen Lehrers, der in die Stadt kommt und Unterschiede festmacht zwischen der Gesellschaft seiner Jugend und der Aktuellen. Und schließlich Natalias Geschichte, die dem Leser vor allem die Einschränkungen des Lebens in der Nachkriegszeit präsentiert.[3]

2.1.1 Perspektive Pablos

Eine Perspektive innerhalb des Romans ist der Person Pablo gewidmet. Dieser ist der männliche Ich-Erzähler und wird laut Morales als intradiegetisch-autodiegetisch aufgefasst.[4] Pablo zeichnet sich vor allem durch seine registrierende Position aus, die recht objektiv die Geschehnisse innerhalb der Stadt schildert.[5] Deutlich wird das vor allem, wenn er seine paseos macht:

No fue difícil encontrar el barrio donde habíamos vivido aquellos dos inviernos, cerca de la Plaza de Toros. Ahora por allí estaban construyendo mucho, asfaltando calles y abriendo otras nuevas. Se levantaban las casas amarillas, sonrosadas, lisas con sus ventanas simétricas. La nuestra, un viejo chalet con jardín, la habían demolido. También encontré la Catedral y el río.[6]

Dass Pablo als Ich-Erzähler eine wichtige Position einnimmt, wird klar, wenn man die Anzahl der Kapitel betrachtet, die er einnimmt. In sieben Kapiteln ist er derjenige, durch dessen Augen der Leser die Stadt und die Zustände innerhalb der Gesellschaft der Nachkriegszeit kennenlernt. Seine Augen wirken hierbei wie eine Art filmische Kamera, die alle Eindrücke von außen festhält. Trotz allem ist er in die Handlung involviert und wird somit Zeuge der Monotonie und Langeweile die im ganzen Roman über vorherrscht. Der Einsatz dieser nüchternen Erzählweise bewirkt eine indirekte Kritik an der Gesellschaft und verhindert somit die Vermittlung eines subjektiven Eindrucks, die für den Leser ein verzerrtes Bild der Realität vorgeben könnte. Bewusst wählt Gaite hier keinen auktorialen Erzähler, der dem Leser ein bereits vorgefertigtes Bild übermittelt, sondern – wenn auch etwas distanzierte – subjektive Sicht einer Figur. Das bedeutet jedoch gleichzeitig, dass der Leser aufgefordert wird die Missstände selbst zu erkennen und zu deuten.

Dass Pablo aus dem Ausland kommt verstärkt nochmals den Kontrast zwischen dem patriarchalischen System Spaniens und dem Rest Europas. Deutlich wird dies vor allem, als er beginnt Deutschunterricht zu geben, mit Natalia in Kontakt kommt und schließlich Stimulus für sie wird[7]: „Sin embargo, le advertí que ella se preocupara de sí misma, [...] que no se dejara aniquilar por el ambiente de la familia, por sentirse demasiado atada y obligada.“[8]

2.1.2 Perspektive Natalias

Neben dem männlichen Ich-Erzähler gibt es im Roman auch eine weibliche Ich-Erzählerin, Natalia, die Morales als intradiegetisch-autodiegetisch auffasst. Ihr stehen drei Kapitel des Romans zu, in welchen ihre Perspektive mit Hilfe von Tagebuchauszügen geschildert wird:

„Ayer vino Gertru. No la veía desde antes del verano. Salimos a dar un paseo. […] Fuimos por la chopera del río paralela a la carretera de Madrid. Yo me acordaba del verano pasado, cuando veníamos a uscar bichos [...].“[9] Natalias Tagebucheinträge stellen eine unmittelbare Darstellung der Ereignisse dar. Der Roman beginnt mit einem ihrer Einträge, was für Romane der fünfziger Jahre recht unüblich ist. Durch die Subjektivität am Anfang wird der Leser unmittelbar dem Inneren Natalias ausgesetzt und erfährt sofort mit welchen Problemen vor allem Frauen sich innerhalb der Provinzstadt auseinander setzen müssen. Die Wahl des Tagebuchs unterstützt hierbei die Reflexion über die sozialen Umstände aufgrund der Aktualität, da natürlich eine geringe zeitliche Distanz zwischen dem Erleben und der Niederschrift dessen gegeben ist.[10]

Der Leser wird durch das konkrete Lenken auf die Probleme des restriktiven weiblichen Lebensalltags im Franquismus dafür sensibilisiert, indem er sich mit der Innenwelt Natalias konfrontieren muss. Ihm werden mittels Natalia der Widerstand gegen vorherrschende Konventionen, die Unzufriedenheit am System und der Wunsch nach intellektueller Verwirklichung nahegebracht. Dass sie den national-katholischen Diskurs ablehnt wird vor allem deutlich, als sie sich ihrem Vater anvertraut und sagt „que la tía Concha nos quiere convertir en unas estúpidas, que sólo nos educa para tener un novio rico, y que seamos lo más atrasadas posible en todo.“[11]

Die beiden erzählerischen Ich-Instanzen stellen somit gleichzeitig die Figuren dar, die ihr Umfeld in Frage stellen und über die Umstände reflektieren. Da trotz allem die Innenansicht beider weniger analytisch und eher expositorisch ist (vgl. obere Beispiele), wird deutlich, dass die Wirklichkeit so realitätsgetreu wie möglich dargestellt werden soll, sodass eine höchstmögliche Authentizität zum Ausdruck kommt, welche im realismo social als grundlegendes zentralästhetisches Prinzip gilt.[12]

2.1.3 Perspektive der Erzählinstanz in der dritten Person

Zu den beiden Ich-Erzählern fügt sich der Erzähler in der dritten Peron, der extradiegetisch-heterodiegetisch ist und dem neun Kapitel zugeordnet sind. Auf den ersten Blick erscheint die Art der Fokalisierung dieses Erzählers eine Externe zu sein: „La chica de Madrid que venía a pasar las fiestas a casa de un cuñado hablaba de su veraneo en San Sebastián con descuido y confianza.“[13]

Die Funktion wirkt auf die Darstellung von Orten, Personen von einem Außengesichtspunkt begrenzt zu sein, sodass das spanische Alltagsgrau so objektiv wie möglich dargestellt werden soll. Es lässt sich dennoch sagen, dass durch die oftmals wechselnde Fokalisierung dieses Erzählers, kein rein distanziertes Erzählen vorliegt. Die Objektivität ist nur vordergründig, welches anhand mehrerer Punkte deutlich wird. Erstens, durch den Einsatz einer großen Menge szenischer Darstellung neben dem eigentlichen Erzählbericht des Erzählers (vgl. 2.3). Zweitens, der Einsatz von Personalisierungen durch eine Vielfalt an Stimmen (vgl. 2.2), die eine starke Unmittelbarkeit erlauben. Und drittens, die oftmals kommentierende und wertende Art des Erzählers in der dritten Person:

Empezaron con el tema de las criadas y poco a poco se fueron acercando las de todos los grupos, como si trajeran leña a una hoguera común, como si todo lo anterior hubiera sido preámbulo. Cada cual decía, lo primero, el nombre de su propia criada, metiéndolo en una frase banal todavía, pero ya se regodeaban de antemano, igual que si empezaran a repartir las cartas para jugar a un juego excitante en el que siempre se va a ganar. La voz se les volvía altiva y sentenciosa. Las criadas se lavaban con sus jabones, se ponían sus combinaciones de seda natural. Las criadas...[14]

Der Leser ist zum einen dazu angehalten selbst zu diagnostizieren, zum anderen wird ihm dennoch Material geliefert, um diese Diagnose erstellen zu können.

2.1.4 Überlegung zur Analyse des Erzählers

Fraglich ist bei beiden Ich-Erzählern, ob es sich tatsächlich um intradiegetische Erzähler, also Erzähler die eine Erzählung innerhalb einer Rahmenerzählung erzählen handelt, wie es Morales vorgibt[15], oder Natalia und Pablo zusammen mit dem Erzähler in der dritten Person auf einer Ebene gesehen werden könnten. Da im Roman eine Aufteilung in einzelne Kapitel vorliegt, die jeweils voneinander abgetrennt sind und im Grunde keine direkte Verbindung haben was das Erzählen betrifft, kann argumentiert werden, dass die Kapitel in denen die Ich-Instanzen auftreten keine Rahmenerzählung durch einen anderen Erzähler vorweisen. Somit stellen die Erzählungen von Natalia und Pablo auch Rahmenerzählungen dar, was sie somit zu extradiegetisch-autodiegetischen Erzählern machen würde.

[...]


[1] Santos Sanz Villanueva: „Carmen Martín Gaite“ , in: ders.: Historia de la novela social espa ñ ola (1942-1975), Madrid Alhambra, 1980, 372.

[2] Ibid., 372.

[3] cf. José Jurado Morales: La trayectoria narrativa de Carmen Martín Gaite (1952-2000), Madrid, Gredos 2003, 110.

[4] cf. Ibid., 105.

[5] cf. Annette Paatz: Vom Fenster aus gesehen? Perspektiven weiblicher Differenz im Erzählwerk von Carmen Martín Gaite, Frankfurt/M., Vervuert 1994, 91.

[6] Carmen Martín Gaite: Entre visillos, Barcelona, Ediciones Destino 2008, 87.

[7] cf. Morales op. cit., 90ssq.

[8] Gaite: op. cit., 241.

[9] Gaite op. cit., 49.

[10] cf. Morales op. cit., 109.

[11] Gaite op. cit., 254.

[12] cf. Morales op. cit., 91sq.

[13] Gaite op. cit., 75.

[14] Gaite zit. bei Annette Paatz, op. cit., 110.

[15] cf. Morales op. cit., 105.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Polyperspektivische Gestaltung in "Entre Visillos" als Mittel diagnostischer Eigenleistung und Angebot zu einer differenzierten Sichtweise von Wirklichkeit
Hochschule
Universität Mannheim  (Romanisches Seminar)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V437346
ISBN (eBook)
9783668777644
ISBN (Buch)
9783668777651
Sprache
Deutsch
Schlagworte
polyperspektivische, gestaltung, entre, visillos, mittel, eigenleistung, angebot, sichtweise, wirklichkeit
Arbeit zitieren
Christina Gaus (Autor), 2014, Polyperspektivische Gestaltung in "Entre Visillos" als Mittel diagnostischer Eigenleistung und Angebot zu einer differenzierten Sichtweise von Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437346

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