Schenkt man dem einleitenden Zitat Glauben, lässt sich daraus ableiten, dass dem Beruf des Finanzanalysten kein Nutzen für den Kapitalmarkt und seine Teilnehmer beigemessen werden kann. Analysten werden nicht benötigt, denn in Phasen allgemein positiver Börsenstimmung nehmen die Aktienkurse auch ohne die Empfehlungen der Analysten an Wert zu, während es in Zeiten tendenziell sinkender Aktienkurse besser ist, auf Aktienbesitz zu verzichten. Es hat den Anschein, als würden Finanzanalysten in Zeiten zunehmender Digitalisierung an Bedeutung verlieren. Jahresabschluss und Geschäftsberichte von Unternehmen an der Börse sind für jeden frei im Internet zugänglich. Zudem wird bezweifelt, dass sich zukünftige Entwicklungen durch die Analyse historischer Daten und bereits vergangener Geschäftsjahre vorhersagen lassen. Nicht zuletzt leidet das Berufsbild der Analysten seit deren Tätigkeit in Zusammenhang mit Unternehmenszusammenbrüchen für Kursverluste vieler Anleger verantwortlich gemacht wird. Sie werden mit dem Vorwurf konfrontiert, durch Interessenskonflikte zu optimistische Aktienempfehlungen und Gewinnprognosen abzugeben, um das Investmentbanking und Wertpapierhandelsgeschäft ihrer Bank anzukurbeln. Aufgrund der bestehenden Kritik und der steigenden Komplexität der Kapitalmärkte setzt sich auch die wissenschaftliche Forschung zunehmend mit Analysten auseinander. Vor diesem Hintergrund lautet die zentrale Fragestellung dieser Arbeit, welche Marktteilnehmer von den Einschätzungen und Prognosen der Analysten profitieren. Um eine Diskussionsgrundlage für die Bearbeitung des Themas zu schaffen, ist es zunächst notwendig, die begrifflichen und theoretischen Grundlagen zum Forschungsgebiet der Finanzanalysten zu erörtern. Im Vordergrund der Betrachtung steht anfangs die Tätigkeit und Funktion des Analysten. Im dritten Kapitel werden drei Untersuchungsperspektiven definiert und anhand deren individuellen Persönlichkeitsprofilen der potentielle Nutzen von Finanzanalysten eruiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung und Fragestellung
2. Theoretische Grundlagen zu Analysten
2.1 Begriffsbestimmung des Analysten
2.2 Arten von Analysten
2.3 Aufgaben des Analysten
2.4 Funktionen von Finanzanalysten
3. Perspektivengetriebene und kriteriengeleitete Analyse
3.1 Definition der Untersuchungsperspektiven
3.2 Definition der Beurteilungskriterien
3.3 Perspektive 1: Der private Investor
3.4 Ergebnisse der Untersuchungsperspektive 1
3.5 Perspektive 2: Der Anlageberater
3.6 Ergebnisse der Untersuchungsperspektive 2
3.7 Perspektive 3: Der Fondsmanager
3.8 Ergebnisse der Untersuchungsperspektive 3
4. Analyse konfligierender und harmonisierender Beziehungen
4.1 Kriterium der Motive
4.2 Kriterium der Reaktionszeit nach Prognosebekanntgabe
4.3 Kriterium des Informationsumfangs
4.4 Kriterium der Informationsobjektivität
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den ökonomischen Nutzen von Finanzanalysten für verschiedene Akteure am Kapitalmarkt. Dabei steht die Forschungsfrage im Vordergrund, welche Marktteilnehmer durch die Einschätzungen und Prognosen der Analysten tatsächlich profitieren, unter Berücksichtigung theoretischer Modelle und empirischer Belege.
- Rolle und Aufgaben von Finanzanalysten auf globalen Märkten
- Untersuchung verschiedener Anlegertypen (Privatanleger, Anlageberater, Fondsmanager)
- Einfluss von Analystenprognosen auf das Handelsvolumen und Kursreaktionen
- Analyse von Interessenkonflikten (Prinzipal-Agenten-Problematik)
- Vergleich von Analystenprognosen mit quantitativen Modellen
Auszug aus dem Buch
2.4 Funktionen von Finanzanalysten
Die Funktionen von Finanzanalysten auf dem Kapitalmarkt sind abhängig von den vorherrschenden Finanzierungstheorien und unterscheiden sich je nach unterstellter Kapitalmarkttheorie erheblich.
Ursprung der theoretischen Grundlagen bildet die traditionelle neoklassische Kapitalmarkttheorie, die von der Annahme vollkommener Märkte ausgeht. Nach herrschender Meinung impliziert ein vollkommener Markt ein streng rationales Verhalten der Wirtschaftsubjekte und vollständige Markttransparenz durch uneingeschränkte und kostenlose Information aller Markteilnehmer. Folglich bilden Wertpapierpreise ein perfektes Informationssystem, da sie zu jedem Zeitpunkt alle am Markt vorhandenen Informationen unverzerrt widerspiegeln. Bezogen auf Informationsintermediäre wie Finanzanalysten besteht unter solchen Annahmen kein Bedarf an ihren Diensten, da sämtliche Informationen frei verfügbar sind und optimal verwertet werden.
Die Neoinstitutionalistische Finanzierungstheorie löst die strengen Annahmen der neoklassischen Theorie eines vollkommenden Marktes auf und berücksichtigt realitätsnähere ökonomische Zusammenhänge durch Einbezug von Marktmacht, Transaktionskosten oder asymmetrischen Informationen. Ein für Analysten relevantes Teilgebiet ist der Prinzipal-Agenten-Ansatz, dessen Gegenstand Informationsasymmetrien zwischen dem Auftraggeber (Prinzipal) und der beauftragten Person (Agent) darstellt. Diese Informationsasymmetrien entstehen bei Unsicherheit durch den Informationsvorsprung des Agenten. Der Prinzipal kann die Leistung des Agenten nicht am Endergebnis messen und selbst dessen Leistungsbemühungen aufgrund der Delegation der Aufgabe nicht beobachten. Der Agent wird bei Interessenskonflikten die Informationsasymmetrien ausnutzen und seinen Nutzen zu Lasten des Prinzipals erhöhen.
Auch ein Finanzanalyst hat in der Regel eigene Absichten, die oftmals nicht mit den Zielen seines Arbeitgebers, des Managements des betreuten Unternehmens und der Investoren übereinstimmen. Durch die einzelnen Beziehungen und Interessenskonflikte innerhalb der Finanzanalyse kann ein komplexes System von Abhängigkeiten entstehen. Der Finanzanalyst ist dabei Teil einer mehrstufigen Prinzipal-Agenten-Beziehung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung und Fragestellung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Nutzens von Finanzanalysten ein und stellt die zentrale Forschungsfrage der Arbeit vor.
2. Theoretische Grundlagen zu Analysten: Hier werden Definitionen, Aufgabenbereiche und die verschiedenen Arten von Analysten erläutert sowie die theoretischen Hintergründe (neoklassische Theorie, Neoinstitutionalismus) geklärt.
3. Perspektivengetriebene und kriteriengeleitete Analyse: In diesem Kapitel werden drei verschiedene Investorenperspektiven definiert und mittels spezifischer Beurteilungskriterien hinsichtlich ihres Nutzens aus Analystenempfehlungen untersucht.
4. Analyse konfligierender und harmonisierender Beziehungen: Hier findet eine detaillierte Analyse der Beziehungen zwischen den Akteuren anhand von Motiven, Reaktionszeiten, Informationsumfang und Objektivität statt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass während professionelle Investoren profitieren, für private Kleinanleger kein klarer zusätzlicher Nutzen erkennbar ist.
Schlüsselwörter
Finanzanalysten, Kapitalmarkt, Aktienresearch, Prognosequalität, Informationsasymmetrie, Prinzipal-Agenten-Ansatz, Behavioral Finance, Gewinnprognose, Anlegerverhalten, Investitionsentscheidung, Markteffizienz, Rendite, Diversifikation, Handelsvolumen, Interessenkonflikt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und für welche Marktteilnehmer die Arbeit von Finanzanalysten einen ökonomischen Nutzen bietet oder ob der Beruf kritisch zu hinterfragen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Rollen von Finanzanalysten, der empirischen Prognosegüte, dem Beziehungsgeflecht zwischen Analysten und Investoren sowie der Behavioral Finance.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage lautet, welche spezifischen Marktteilnehmer von den Prognosen und Einschätzungen der Analysten profitieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine perspektivengetriebene theoretische und empirische Analyse durchgeführt, wobei drei verschiedene Investorentypen (Privatanleger, Anlageberater, Fondsmanager) gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Basis, die Definition der Untersuchungsperspektiven sowie die detaillierte Analyse konfligierender und harmonisierender Beziehungen anhand definierter Kriterien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Finanzanalysten, Kapitalmarkt, Informationsasymmetrie, Prognosequalität und Behavioral Finance.
Warum profitiert der Fondsmanager stärker als der Privatanleger?
Der Fondsmanager nutzt den sogenannten "Track Record", um gezielt die besten Analysten auszuwählen, während der Privatanleger meist nur auf öffentlich zugängliche und oft verspätete Presseberichte zurückgreifen kann.
Welche Rolle spielt die Behavioral Finance in dieser Arbeit?
Die Behavioral Finance dient dazu, die begrenzte Rationalität von Marktteilnehmern zu erklären und zu begründen, warum Investoren trotz ungenauer Prognosen häufig Herdenverhalten zeigen.
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- Anonym (Autor), 2018, Wer braucht Analysten? Eine perspektivengetriebene theoretische und empirische ökonomische Analyse, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437367