Die Krise des dualen Systems der Berufsausbildung in der Bundesrepublik Deutschland ist seit Ende der neunziger Jahre immer weiter in den Mittelpunkt der Problemlage des deutschen Bildungssystems gerückt. Ausschlaggebend für die aktuellen Debatten und Reformvorschläge rund um das Ausbildungssystem, sind der Abbau von Ausbildungskapazitäten seit Beginn der 90er Jahre sowie die Tatsache, dass das Berufsbildungsgesetz ohne grundlegende Änderungen seit 1969 besteht. Obwohl der Staat interveniert um das duale System zu stabilisieren, gelingt es nicht die gravierenden Probleme zu lösen, vor denen das deutsche Ausbildungssystem steht. Dabei befinden sich die angesprochenen Probleme nicht in einer bestimmten Sektion, sondern scheinen ein Netz aus kritischen Aspekten zu bilden, welches das duale System umschließt. Insofern verwundert es nicht, dass immer wieder die Frage nach der Tragbarkeit des deutschen Ausbildungssystems an sich gestellt wird.
Diese Hausarbeit soll die Problematik, in der sich das duale System der Berufsausbildung in der Bundesrepublik Deutschland momentan befindet, erläutern. Dabei werden zunächst die Krisensymptome, Ursachen und Krisenauswirkungen beschrieben. Die Arbeit bezieht sich bei dieser Beschreibung vor allem auf die Untersuchung zur Modernisierung des dualen Systems durch Prof. Dr. Dieter Euler, Universität Erlangen-Nürnberg, welche 1998 durch die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung veröffentlicht wurde, sowie auf das am 8. Oktober 2003 - auf dem BBiG-Fachkongress des DGB, Berlin - gehaltene Referat von Wolf-Dietrich Greinert, der das deutsche System der Berufsausbildung kritisch hinterfragt. Zuletzt sollen die aktuellen Reaktionen und Reformvorschläge - und damit vor allem die aktuelle Reform des Berufsbildungsgesetzes - vorgestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Problematik
3. Krisensymptome und Ursachen
3.1 Zur Fragwürdigkeit des Berufsprinzips
3.2 Zur strukturellen Diskrepanz zwischen Beschäftigungs- und Berufsausbildungssystem
3.3 Zum Rückgang des Ausbildungsstellenangebots. Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe als „Achillesferse“ des dualen Systems?
3.4 Zur Finanzierung der betrieblichen Ausbildung
3.5 Zum Attraktivitätsverlust der dualen Ausbildung bei den Jugendlichen
3.6 Zur Nichtbeachtung der Heterogenität der Auszubildenden
3.7 Zur betrieblichen Ausbildungsqualität
3.8 Zur schulischen Ausbildungsqualität
3.9 Zur mangelnden Lernortkooperation
4. Beeinflusste Mechanismen des dualen Systems
5. Auswirkungen auf das Ausbildungs- und Beschäftigungssystem
6. Aktuelle Reaktionen und Reformvorschläge:
6.1 Erleichterungen für Benachteiligte / Qualifikationsanrechnungen
6.2 Änderungen der schulischen Ausbildungslandschaft
6.3 Zur Beschleunigung der Modernisierung und Aktualisierung von Ausbildungsberufen
6.4 Zum Ausbau europäischer Ausbildungskooperation
6.5 Zur Erhöhung der Ausbildungsqualität
7. Résumé
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die tiefgreifende Krise des dualen Systems der Berufsausbildung in Deutschland, analysiert deren vielfältige strukturelle Ursachen und bewertet die Wirksamkeit aktueller Reformbestrebungen, insbesondere des Berufsbildungsgesetzes.
- Krisensymptome und strukturelle Probleme der beruflichen Bildung
- Wechselwirkungen zwischen Arbeitsmarkt, Beschäftigungssystem und Ausbildung
- Die Rolle der betrieblichen und schulischen Ausbildungsqualität
- Strategien und Reformvorschläge zur Modernisierung des dualen Systems
Auszug aus dem Buch
3.1 Zur Fragwürdigkeit des Berufsprinzips
Das Beschäftigungssystem hat sich alleine im Verlauf des letzten Jahrhunderts analog zum technischen Fortschritt mit starker Geschwindigkeit verändert. Eine enge Bindung der Arbeitskräfte an Betrieb und Region wird zunehmend durch eine weltoffene und flexible Arbeitsweise abgelöst. Arbeitszeit und Arbeitsort trennen sich vielerorts von ihren einst festen Regelungen. Im Rahmen der Globalisierung wird in vielen Betrieben vor allem die räumliche Mobilität von Mitarbeiterkräften erwünscht. Auf der anderen Seite gibt es auch „[…] Auslagerungen von [betrieblichen] Teilfunktionen in Gestalt teilweiser oder vollständiger elektronischer Heimarbeit.“ Aktuell wirken des Weiteren die Einrichtungen durch die Hartz Gesetze: So z.B. die Personal-Service-Agenturen und das damit verbundene System der Teilzeit- und Minijobs, durch welches eine Reintegration der Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt ermöglicht werden soll. Letztendlich entsteht hierdurch eine Vielzahl an informellen Arbeitsverhältnissen, die dem traditionellen Berufsbegriff gegenüberstehen.
Unter solchen Bedingungen verändern sich auch die mit dem Erwerbssystem assoziierten Sozialbindungen: Betriebe, Arbeit und Beruf verlieren als Ort einer Identitätsbildung zunehmend an Bedeutung; die Beschäftigungsbiographien wandeln sich dementsprechend.
Diese Umbrüche im Arbeitsmarktsystem wirken sich natürlich auch auf die Funktionsfähigkeit des deutschen Berufsbildungssystems aus. Berufsbilder und Curricula sind mit der Aufgabe konfrontiert, Grundlagen für eine dynamische Weiterentwicklung der Berufsqualifikationen zu legen. Qualifizierte Arbeit ist nicht mehr alleine nur durch fachliche Qualifikationen gesichert, sondern bildet sich durch Kompetenzen und Qualifikationen, welche normalerweise durch die allgemein bildenden Schulen vermittelt werden sollten, wie z.B. die Qualifikation zur Selbstregulation, Kreativität, Problematisierungsfähigkeit, Reflexionsvermögen, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, permanente Lernbereitschaft und -kompetenz.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die seit Ende der 90er Jahre wahrgenommene Krise des dualen Ausbildungssystems und stellt den Untersuchungsrahmen dar.
2. Zur Problematik: Dieses Kapitel liefert eine Bestandsaufnahme des sinkenden Ausbildungsplatzangebots und der resultierenden politischen Diskussion.
3. Krisensymptome und Ursachen: Hier werden die zentralen Strukturprobleme wie der Abbau von Ausbildungskapazitäten, der Modernitätsrückstand der Berufsschulen und die Schwierigkeiten in den neuen Bundesländern analysiert.
4. Beeinflusste Mechanismen des dualen Systems: Es wird erörtert, welche spezifischen Regelmechanismen – Rekrutierung, Finanzierung und Lernortkooperation – durch die Krise gestört sind.
5. Auswirkungen auf das Ausbildungs- und Beschäftigungssystem: Dieses Kapitel untersucht die Konsequenzen der Krise für die betroffenen Jugendlichen und den Arbeitsmarkt im Kontext aktueller Reformen.
6. Aktuelle Reaktionen und Reformvorschläge:: Hier werden die Maßnahmen des neuen Berufsbildungsgesetzes detailliert auf ihre Eignung hin untersucht, die identifizierten Schwachstellen zu beheben.
7. Résumé: Das Résumé fasst die Entwicklungen zusammen und hinterfragt kritisch das Gelingen der Reformen angesichts bestehender struktureller Probleme.
Schlüsselwörter
Duales System, Berufsausbildung, Krisensymptome, Berufsbildungsgesetz, Ausbildungsplatzangebot, Lernortkooperation, Modernisierung, Bildungsreform, Arbeitsmarkt, Fachkräftemangel, Berufsschule, Qualifikationsanforderungen, Strukturwandel, Beschäftigungssystem, Ausbildungsqualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die strukturelle Krise des deutschen dualen Ausbildungssystems und untersucht, wie aktuelle Reformen auf diese Herausforderungen reagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören der Rückgang von Ausbildungsplätzen, der Modernitätsrückstand von Berufsschulen, die mangelnde Lernortkooperation sowie die Auswirkungen der Globalisierung auf Berufsbiographien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Ursachen der Krise des dualen Systems zu identifizieren und zu bewerten, ob die geplanten Reformen des Berufsbildungsgesetzes ausreichen, um das System zukunftsfähig zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die insbesondere auf Untersuchungen zur Modernisierung des dualen Systems (u.a. von Prof. Dr. Dieter Euler und Wolf-Dietrich Greinert) sowie auf offiziellen Bildungsberichten beruht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Krisensymptome, die gestörten Mechanismen des Systems und die inhaltlichen Neuerungen des Berufsbildungsreformgesetzes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Duales System, Berufsbildungsgesetz, Lernortkooperation, Ausbildungsplatzangebot, Strukturwandel und Berufsprinzip.
Wie bewertet der Autor das Lernfeldkonzept?
Der Autor erkennt das Lernfeldkonzept als notwendigen Schritt zur Handlungs- und Prozessorientierung an, weist aber im eigenen Erfahrungsbericht auf die Diskrepanz zwischen Anspruch und der oft desolaten Realität an vielen Berufsschulen hin.
Warum wird das "Berufsprinzip" in der Arbeit kritisch hinterfragt?
Weil durch Globalisierung, technologischen Wandel und informelle Arbeitsverhältnisse die traditionelle Bindung an einen starren Berufsbegriff zunehmend an Bedeutung verliert.
- Quote paper
- Stéphane Diez (Author), 2005, Zur Krise des dualen Systems der Berufsausbildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43755