Die Kontrastive Idiomatik des Deutschen und Polnischen


Magisterarbeit, 2004

110 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I. Der theoretische Teil
1. Mentale Repräsentationen von phraseologischen Einheiten
1.1 Zur Terminologie
1.2 Das mentale Lexikon
1.3 Neurophysiologische und psychologische Aspekte des
2. Phraseolexeme im mentalen Lexikon
2.1. Bedeutungserweiterung der Wörter und die Entstehung
2.2 Phraseologische Repräsentationen
3. Die lexikalische Ebene
3.1. Die substantivischen Phraseologismen.
3.2. Die adjektivischen Phraseolexeme
3.3 Die adverbialen Phraseolexemen.
3.4 Die verbalen Phraseolexeme
4. Die semantische Ebene
4.1 Idiomatizität
4.2 Semantisch-syntaktische Stabilität
4.3 Zur Konnotation der Phraseologismen
4.4 Die denotative Bedeutung der Wörter
4.5 Zusammenfassung zum Kapitel „Die semantische Ebene“.
5. Die konzeptuelle Ebene
5.1 Zusammenfassung zum Kapitel „Die konzeptuelle Ebene“.

II. Der empirische Teil
1. Einleitung zum empirischen Teil.
2. Das Korpus
2.1 Die Vorgehensweise
3. Die kontrastive Darstellung der phraseologischen Einheiten im
3.1 Die lexikalische Ebene
3.2 Schematische Darstellungen der Komponentenkategorien in den beiden Sprachen
3.3 Schematische Gegenüberstellung der deutschen und polnischen phraseologischen Komponentenkategorien.
4. Die semantische Ebene – eine qualitative Auswertung der Untersuchung.
4.1 Eine tabellarische Gegenüberstellung der Konzepte in den semantischen Feldern, auf die sich die phraseologischen Komponenten der lexikalischen Ebene beziehen.

III. Der empirische Teil –
1.Sprachliche Indikatoren der politischen Sprache.
2.Die Vorgehensweise.
3. Die lexikalische Ebene.
4. Die semantisch - konzeptuelle Analyse der Phraseologismen.
4.1 Die Komponentenkategorie „Die Kommunikation“.
4.2 Die Komponentenkategorie „Die nächste Umgebung“.
4.3 Die Komponentenkategorie „Naturerscheinungen“.
4.4 Die Komponentenkategorie „Der Krieg“.
4.5 Die Komponentenkategorie „Theater“.
4.6 Die Komponentenkategorie „Die Körperteile“.
4.7 Die Komponentenkategorie „Bewegung“.
4.8 Die Komponentenkategorie „Der Raum“.
4.9 Die Komponentenkategorie „Reisen“.
5.Zusammenfassung

Literaturverzeichnis:

Vorwort

Die Verwendung der natürlichen Sprache ist eine der kompliziertesten menschlichen kognitiven Aktivitäten. Trotz ihrer großen Komplexität verwenden Menschen Sprache mit großer Leichtigkeit wie das Atmen oder das Gehen. In Gegensatz zu anderen geistigen Aufgaben gibt es Stufen der natürlichen Sprachrezeption und -produktion. Verschiedene Fachrichtungen, unter anderem die Sprachpsychologie, auch die Psycholinguistik genannt, versuchen die der natürlichen Sprache und kognitiven Sprachverarbeitung zugrunde liegenden Fähigkeiten zu untersuchen. Die psychologische Seite sprachlicher Strukturen bildet eine Grundlage der linguistischen Theoriebildung. Verhalten, Wahrnehmung, Lernen, Gedächtnis, Motivation sind Schlüsselbegriffe für die Psychologie, und Wort, Satz, Grammatik, Bedeutung, Lautform gehören zur Linguistik und stehen im engen Zusammenhang mit dem mentalen Lexikon und umschreiben Gegenstandsaspekte, auf die die psycholinguistische Theoriebildung angelegt ist (Vgl. Dijkstra/Kempen 1993: 12).

Das Ziel der Sprache ist die zwischenmenschliche Kommunikation, die konstitutiver Bestandteil des realen gesellschaftlichen Lebensprozesses ist. Sie spielt sich im Rahmen verschiedenartiger sozialer Strukturen ab. Sprachliche Äußerungen beziehen stets auch die Kenntnissysteme ein, die dem Aufbau konzeptuell strukturierter Gedanken zugrunde liegen. Die Forschung sprachlicher Kommunikationsvorgänge schafft die Möglichkeit, die Wiedergabe konzeptueller Strukturen zu vermitteln und den Mikrokosmos der menschlichen Kognition zu entdecken.

Die Aufgabe der Psycholinguistik ist es, Theorien über die menschlichen kognitiven Prozesse zu entwickeln, die beim Sprachgebrauch auftreten. Gegenstand der Untersuchungen ist deshalb der primäre Sprachgebrauch: das Erzeugen von Sprachäußerungen (Sprachproduktion) und ihr Verstehen (Sprachrezeption). Die Sprachwissenschaft beschäftigt sich mit dem Produkt der sprachlichen Prozesse. Die Psycholinguisten versuchen, aufgrund der Daten, die aus der empirischen Analyse der Produkte des sprachlichen Prozesses resultieren, die internen Regeln und Prinzipien der sprachlichen Repräsentationen zu entschlüsseln (Vgl. Levelt 1989: 9).

Es gibt eine große Klasse von sprachlichen Einheiten, wie Phraseolexeme, Metaphern, Sprichwörter, deren Bedeutung auf Grund der Konnotationen entsteht. Diese Elemente der Kommunikation wurden über einen langen Zeitraum in der linguistischen Forschung ignoriert. Doch dieses Phänomen ist keine Randerscheinung und es ist erforderlich, die ihnen zugrunde liegenden Repräsentationen, Regeln und Prinzipien zu erforschen und darzustellen. Repräsentationen sind die Form, in der die Informationen intern dargestellt werden. Sie sind strukturiert gemäß den Regeln, die zu dem für den jeweiligen Erfahrungsbereich zuständigen Kenntnissystem gehören. Dieses System von Regeln wiederum ist strukturiert gemäß den zugrunde liegenden Prinzipien, die den Aufbau des jeweiligen Regelsystems determinieren, und damit auch die allgemeine Form der zugehörigen Repräsentation.

Die in dieser Arbeit angedeutete Darstellung der mentalen Repräsentationen der phraseologischen Einheiten basiert auf Chomsky´s Theorie über Regeln und Repräsentationen der menschlichen Sprache und mit dem damit zusammenhängenden Begriff der Tiefenstruktur und der Oberflächenstruktur. Der Impuls zu meinen Überlegungen lieferte vor allem das Werk Chomsky´s „Rules and Representations“ (1980), wo er die Fragen erörtert, die sich auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen und auf die mentalen Strukturen beziehen, die der Anwendung dieser Fähigkeiten zugrunde liegen. Chomsky vertritt auch den modularen Ansatz. Für ihr eine Sprache zu kennen, heißt in einem gewissen Zustand zu sein, der als eine relativ beständige Komponente von transitorischen Zuständen fortdauert (Chomsky 1980: 54).

Der mentale Zustand verfügt über ein System von Regeln und Prinzipien, die mentale Repräsentationen erzeugen. Er definiert die Sprache als ein bestimmtes System von Dispositionen und analysiert die Sprache mithilfe von mentalen Strukturen von Regeln und Repräsentationen. Die Regeln ermöglichen die Bildung von syntaktischen Konstruktionen oder phonologischen oder semantischen Mustern verschiedenster Art (Chomsky 1980: 55).

Für Chomsky ist die Sprache kein einheitliches System, sondern in mehrere Komponenten aufgelöst werden kann:

- „Die Berechnungsapekte“- die sprachlichen Regeln und Repräsentationen
- Das System des Referierens auf Gegenstände, sowie Relationen wie „Agens“, „Ziel“,
- „Instrument“, die manchmal als thematische Relationen bezeichnet werden.
- Das konzeptuelle System (Chomsky 1980: 61)

Die Hauptfrage ist hier nicht mehr die Untersuchung des äußeren sprachlichen Verhaltens, sondern eine Untersuchung des zugrunde liegenden sprachlichen Wissens, das ein Muttersprachler beherrscht, was zur Unterscheidung zwischen der Kompetenz und der Performance führt. Die Kompetenz definiert er als ein integriertes Wissen und die Performance als Verwendung der Sprache. Chomsky stellte fest, dass sich die sprachlichen Fähigkeiten des Menschen durch ein komplexes integriertes System der Regel und Repräsentationen erklären lassen.

In seinem Werk „Aspekts of the theory syntax“ (1965) erforschte er das Kenntnissystem und er hat neue Akzente in der Sprachforschung gesetzt. Chomsky hat die Wende in der Linguistik rückblickend folgendermaßen beschrieben:

„… the shift was from behavior or products of behavior to states of the mind/brain that enter into behavior“ (Schwarz 1996: 13).

Seit dieser Zeit wurde Linguistik ein Teilgebiet der kognitiven Psychologie, die sich mit

den mentalistischen Repräsentationen der Sprache und ihr zugrunde liegenden Regeln. Damit standen nicht mehr das sprachliche Produkt im Zentrum des linguistischen Interesses, sondern die mentalistischen Repräsentationen der Sprache, und ihr zugrunde liegende Regeln. Dadurch wurde sie eine erklärende Wissenschaft, die von Chomsky als „Generative Grammatik“ aufgefasst wurde.

Die phraseologischen Einheiten bilden vor allem eine wichtige Herausforderung für Linguisten, die daran interessiert sind, ein Modell für Sprachverständnis zu bauen, denn meines Erachtens, bilden gerade diese sprachlichen Elemente eine Grundlage für die Kommunikationsforschung, weil sie alle Phänomene der sprachlichen Repräsentationen und ihnen zugrunde liegenden Regeln beinhalten. Für mich verdienen die Phraseolexeme besondere Beachtung, weil sie vorwiegend durch das emotionale und motivationale System bestimmt werden und die Gesamtheit der natürlichen und gesellschaftlichen Umweltbedingungen findet darin ihren Ausdruck.

Der kognitive Bereich der sprachlichen Repräsentationen bildet eine Basis für meine Darstellung des allgemeinen Charakters der phraseologischen Strukturen. Dabei konzentriere ich mich speziell auf den semantischen Aspekt. Die Bedeutung phraseologischen Ausdrücke ist eine Widerspiegelung der äußeren und inneren Realität. Semantik hängt mit den Disziplinen zusammen, die mit der konzeptuellen Ebene des menschlichen Bewusstseins fußen.

Der Grund für die Untersuchung liegt nicht in erster Linie im Suchen nach Phraseologismen, auch nicht in der Beschreibung lexikalischer Eigenschaften der phraseologischen Einheiten, sondern ich versuche die semantischen Felder, die durch die phraseologischen Einheiten hervorgerufen werden, aufzuspüren und beschreiben. Diese Analyse soll die Verdeutlichung der der Realisierung und Wahrnehmung der phraseologischen Einheiten zugrunde liegenden Strukturen zur Geltung bringen. Anhand der bisherigen Forschungsergebnisse auf dem Gebiet des Sprachsystems habe ich die phraseologische Struktur in drei Ebenen eingeteilt, nämlich die lexikalische, semantische und konzeptuelle Ebene, um ihre Mehrdimensionalität auszudrücken. Die Mehrdimensionalität der phraseologischen Einheiten verkörpert ein komplexes System, das nicht nur mit den sprachlichen Aspekten der menschlichen Kognition zu tun hat, wirkt auch mit emotionalen, kulturellen und diachronalen Faktoren zusammen.

Die konfrontative Darstellung der phraseologischen Ausdrücke im Deutschen und Polnischen findet in dieser Arbeit auf der lexikalischen und semantisch-konzeptuellen Ebenen statt, wobei ich die äußere und innere Gestalt der Phraseolexeme in den beiden Sprachen vergleichen möchte. Die empirische Gegenüberstellung der deutschen und polnischen phraseologischen Einheiten betrifft speziell die semantischen Felder, die in der Kognition durch die phraseologischen Einheiten hervorgerufen werden, um die kulturspezifischen Äquivalente der phraseologischen Ausdrücke zu finden.

Das Korpus beschränke ich auf die verbalen Phraseologismen. Dabei berücksichtige ich die Gebrauchspräferenzen der Muttersprachler. Weswegen habe ich die deutschen und polnischen Muttersprachler um die Selektion der phraseologischen Einheiten gebeten. Infolgedessen möchte ich zuerst die primäre und sekundäre Analyse durchführen.

In der primären Analyse vergleiche ich die üblichsten phraseologischen Einheiten im deutschen und polnischen Sprachsystem auf der lexikalischen und semantisch-konzeptuellen Ebene, und in der sekundären Analyse möchte ich die semantischen Felder der verbalen Gruppe aufzeigen, um die zwischensprachlichen Korrespondenzen in der politischen Sprache zu finden.

I. Der theoretische Teil

1. Mentale Repräsentationen von phraseologischen Einheiten

1.1 Zur Terminologie

Die Kultur als allgemeine Entwicklung einer Gesellschaft findet in der Sprache ihren Ausdruck. Infolge der raschen zivilisatorischen Entwicklung entstehen immer wieder neue Konzepte, die lexikalisch auf eine relativ verständliche und schnell begreifbare Weise verbalisiert werden müssen.

Die Bereicherung des Wortschatzes einer Sprache erfolgt nicht nur durch die Bildung neuer Wörter, Entlehnung aus den anderen Sprachen oder durch den so genannten Bedeutungswandel. Viel mehr wird die Sprache leistungsfähiger auf dem Weg der Verbindung verschiedener Formen auf allen Ebenen. Somit entstehen syntaktische Wortverbindungen, Wortgruppen, die sich im Bewusstsein einer Gesellschaft etablieren. Derartige „feste“ Wortverbindungen können unterschiedliche syntaktische und semantische Strukturen haben.

Für die Bezeichnung der festen Wortverbindungen werden unterschiedliche Ausdrücke verwendet. International verbreitet sind heute Ausdrücke, die entweder auf griechischem – lateinischem phrasis – „rednerischem Ausdruck“ oder auf griechische idiōma- „Eigentümlichkeit, Besonderheit“ zurückzugehen (vgl. Fleischer 1997: 2).

Zum ersten gehören Bildungen wie Phraseologie, Phraseologismus, zum zweiten Idiom, Idiomatik, Idiomatismus. Die semantische Entwicklung der erstgenannten Wortfamilie ist im Deutschen durch die Ausprägung einer Bedeutunsvariante mit pejorativer Schattierung bestimmt: Die im 17.Jh. aus dem Französischen entlehnte Phrase hat neben dem „rednerischer Ausdruck“ auch die Bedeutung „nichts sagende, inhaltsleere Redensart“ (vgl. Fleischer 1997: 3) und die im DWB angeführten Belege zeigen fast alle die pejorative Bedeutungsvariante.

Der Ausdruck „Phraseologismus“ wird in älteren Fremdwörterbüchern nur als „ inhaltsleere Schönrednerei und Neigung dazu “ erläutert (vgl. Blanca 1997: 15).

Im Vorwort von B. Schmitz´ Werk „ Deutsch-französische Phraseologie in systematischer Ordnung nebst einem Vocabulaire systématique. Ein Übungsbuch für jedermann, der sich im freien Gebrauch der französischen Sprache vervollkommnen will “ (1872) wird die Phraseologie erläutert:

„Die Gesamtheit der in einer Sprache oder einem Autor eigentümlichen Redensarten nennt man ihre Phraseologie…, unter welcher Bezeichnung alltäglich nur eine Sammlung von Redensarten verstanden wird. Sie ist jedenfalls auch unbedenklich zu fassen als die Lehre von der Bedeutung und dem Gebrauch der Phrasen“ (Pilz 1978, 781).

Die semantische Entwicklung der Wortfamilie Idiom ist demgegenüber durch die Bedeutungsvariante des „ Eigentümlichen, Besonderen “ gekennzeichnet. „ Idiom “ erscheint im Deutschen seit Ende des 17. Jhs. als „ eigentümliche Mundart “. Gottsched definiert als „ die unserer Sprache allein zuständigen Redensarten die sich in keine andere Sprache von Wort zu Wort übersetzten lassen “. Ältere Fremdwörterbücher zeichnen Idiomatologie als die „ Lehre von den Spracheingenheiten; Darstellung, Lehre von den Mund- oder Spracharten “ und idiomatisch „einer Mundart oder Sprache eigen(tümlich)“ An Stelle von Idiomatologie wird heute vielfach Idiomatik verwendet (Fleischer 1997: 3).

In dieser Arbeit benutze ich den neutralen Begriff phraseologische Einheiten, um diese allen Konnotationen und Assoziationen zu vermeiden.

1.2 Das mentale Lexikon

Der menschliche Wortspeicher wird als mentales Lexikon bezeichnet. Doch es besteht nur relativ wenig Ähnlichkeit zwischen den Wörtern in unserem Kopf und den Wörtern in Wörterbüchern, weil der Inhalt eines Wörterbuchs aus einer begrenzten Menge an Wörtern besteht, die man zählen kann. Wörterbücher sind zwangsläufig veraltet, weil sich die Sprache fortwährend ändert. Der Inhalt des mentalen Lexikons hingegen ist keineswegs begrenzt und fossil. Unablässig fügt man seinem Wortschatz neue lexikalische Einheiten hinzu und die semantische Dimension verschiedener lexikalischer Einheiten wird ständig erweitert. Manche Elemente des mentalen Lexikons werden zusammengesetzt und infolge der Vermischung verschiedener Bedeutungsmerkmale dieser Einheiten entstehen immer wieder neue semantische Konstellationen der semantischen Merkmale.

Der Unterschied zwischen dem lexikalischen und mentalen Lexikon besteht auch darin, dass im mentalen Lexikon die Wörter nicht alphabetisch aufgelistet sind, nun gibt es spezielle Assoziationsregeln, die bisher nicht ganz in der Wissenschaft erklärt werden.

Nach der Auffassung von Emmorey/Fromkin (1988: 125) ist das mentale Lexikon dieser Bestandteil der Kognition, der alle phonologischen, morphologischen, semantischen und syntaktischen Informationen, die dem Sprecher behilflich sind. Im mentalen Lexikon gibt es sprachliche Module, beispielsweise phonologische, semantische, die eng miteinander verbunden sind und in ständiger Wechselbeziehung stehen. Die Wörter werden mit allen sowohl phonologischen, syntaktischen, als auch semantischen Informationen gespeichert, infolgedessen der normale Gebrauch des Wortes ohne ein Element nicht möglich ist (vgl. Emmorey/Fromkin 1988: 125).

Die drei Subsysteme – phonologisches, morpho-syntaktisches und semantisches - bildeten ihre Regeln und Prinzipien gemäß der universalen Grammatik, wobei gleichzeitig jedes Teilsystem eigene Regeln herausgebildet hat. Die semantische Repräsentation besteht aus komplexen Regeln, die bei der Identifizierung einer Äußerung behilflich sind. Die internen Regeln der semantischen Ebene bestimmen die Wahl der einzelnen lexikalischen Elemente. Dagegen die syntaktischen Regeln, die die Verknüpfung von Teilregeln zu der komplexen Funktion bestimmen, determinieren die formale Wohlgeformtheit der gesamten Äußerung (Vgl. Bierwisch 1983: 45).

Auch Levelt (1989) beschreibt das mentale Lexikon, allerdings aus etwas anderer Perspektive. Er geht von einer modularen Beschreibung des mentalen Lexikon aus. Es geht um die Zuweisung von einem Konzept zu einer lexikalischen Äußerung. Levelt nennt die grundlegende Instanz für diese Aufgabe „Formulator“ (vgl. Levelt 1989: 9). Der Prozess der Sprachproduktion- oder wahrnehmung wird von ihm in „die Konzeptualisierung“, „Formulator“, der aus „dem grammatischen und phonologischen Kodierer“ besteht, „Artikulator“, „das Sprachverständnis-System“ und „Audition“ eingeteilt.

Abb. 1 Das Sprachproduktionsmodell von Levelt (1989: 9)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Konzeptualisierer“ erzeugt eine präverbale Botschaft. Auf dieser Stufe wird der Inhalt der Äußerung festgelegt. Ausschlaggebend der nächsten Phase „Der Formulator“ stellen die semantische und die syntaktische Informationen dar. Auf der Stufe der Formulierung findet die Transformation der konzeptuellen Struktur, d.h. des Inhalts der geplanten Äußerung, in eine spezifisch sprachliche Struktur statt. Dazu ist es nötig die passenden lexikalischen Einheiten aus dem mentalen Lexikon abzurufen. Unter den Einträgen im mentalen Lexikon sind die so genannten Lemmata zu unterscheiden. Lemmata beinhalten Bedeutung und syntaktische Struktur. Zu „der grammatischen Kodierer“ gehört auch der Aufbau einer syntaktischen Struktur anhand der aktivierten Lemmata, die grammatischen Relationen erzeugen (vgl. Vater 2002: 211). Sie haben noch keine phonologische Spezifizierung (Form). In der Phase „des phonologischen Kodierers“ bekommen die Lemmata eine phonologische Form. Der Lexikon-Eintrag mit seiner phonologischen Repräsentation wird als Lexem bezeichnet. In der Phase „Artikulation“ geht es um die motorischen Aktivitäten der Sprechorgane.

„Das Sprachverständnis-System“ erlaubt dem Sprecher, seine Äußerungen wahrzunehmen und gegebenenfalls zu korrigieren. „Die Audition“ ist der Input bei Sprachrezeptionsprozessen, beim Sprechen hört der Sprecher, was er sagt (Vater 2002: 210).

Obwohl es auf der Ebene der Konzeptualisierer noch relativ große bewusste Kontrolle gibt, und auf der Ebene der Formulator werden manche Strukturen automatisiert, also unterliegen sie keiner bewussten Kontrolle, kommt es beim Muttersprachler auf der Ebene der Artikulation fast zu keinerlei Kontrolle. Bei den Fremdsprachen werden viele Vorgänge kontrolliert. Levelt (1989) nimmt an, dass Sprachproduktionsprozesse ständig von „Monitoren“ überwacht werden. Die Hauptfunktion der Monitore ist es, die Fehler im Verlauf des sprachlichen Prozesses möglichst schnell zu entdecken und zu korrigieren (vgl. Levelt 1989: 14).

Ton Dijkstra gemeinsam mit Gerard Kempen haben 1993 anhand der bisherigen Forschungsergebnisse ein Sprachbenutzermodel entwickelt, das sie in ihrem Werk „Einführung in die Psycholinguistik“ (1993) dargestellt haben. Sie gehen davon aus, dass man beim Wahrnehmen von Sprache (Sprachrezeption) die Sprachlaute zu erkennen (das Spracherkennungssystem), Wörter zu identifizieren (Worterkennungssystem), Satzäußerungen zu zergliedern (Satzanalysesystem) und Äußerungen zu interpretieren (das konzeptuelle System) in der Lage sein muss. Beim Erzeugen von Sprache (Sprachproduktion) muss der menschliche Geist in solch einem Zustand sein, der der Kognition die Gedanken und Absichten im Rahmen eines Gesprächs zu formen (das konzeptuelle System), sie in Sätzen auszudrücken (das grammatische Kodierungssystem), passende Wörter zu suchen und zu deklinieren oder zu konjugieren (das phonologische System), die Aussprache von Wörtern und Sätzen zu steuern (der Artikulator) ermöglicht (Dijkstra/Kempen 1993: 15).

Abb. 2 Das Sprachbenutzermodell nach Dijkstra/Kempen (1993: 16). Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Modell wird nach Komponenten gegliedert, die das bestimmte Sprachwissen beinhalten. Das Wissen beinhaltet die Mechanismen, die bei der Sprachverarbeitung verwendet werden. Es umfasst auch Module für die Wahrnehmung und die Produktion von gesprochener Sprache. Jedes dieser Module benötigt Regeln und Informationen über die Sprache: Sprachkenntnisse. Die Informationen über die Sprache-an-sich müssen dauerhaft gespeichert werden und sind im Langzeitgedächtnis (LTM, long-term memory) abgelegt. Beispielsweise wird ein Sprachsignal in Lauteinheiten zerlegt, dann gebraucht man dazu bestimmte Regeln: phonologische Regeln. Und um eine Satzäußerung zergliedern zu können, braucht man morphologische und syntaktische Regeln. Verschiedene Komponenten benutzen die sprachlichen Einheiten, die aus dem mentalen Lexikon entnommen werden. Weltwissen findet das konzeptuelle System in einem Datenbestand, der als das konzeptuelle Gedächtnis genannt werden kann (vgl. Dijkstra/Kempen 1993: 15).

Aufgrund der Tatsache, dass das sprachliche System mehrere Module beinhaltet, braucht man ein System der Kontrolle, das Dijkstra und Kempen 1993 als Monitor genannt haben. Der Monitor überwacht die Sprachrezeptions- und Sprachproduktionsprozesse, um die einzelnen Module zu koordinieren und Fehler zugig zu erkennen und korrigieren (Dijkstra/Kempen 1993: 16).

Die reale Welt durch das Prisma der Konzepte wahrgenommen wird. Die „Bedeutung“ des Wortes und sein Konzept fallen großteils zusammen. Doch die Dimension des Konzeptes ist umfangreicher als der semantische Bereich des Wortes. Mehrere Linguisten und Philosophen, wie beispielsweise Aristoteles, nehmen an, dass Wörter einen harten Kern wesentlicher Bedeutung besitzen, der sich im Prinzip herauslösen und bestimmen lässt. Um diesen Kern herum befinden sich eine Reihe mehr oder weniger zufälliger Merkmale, die man hinzufügen oder weglassen kann, ohne dass sich die Grundbedeutung in wichtigen Hinsichten ändert. Das Problem besteht in der Bestimmung des semantischen Kerns. Aitchison (1987: 37) empfehlt, dafür den „Das ist unmöglich“ Test heranzuziehen. Die Analyse der Bedeutung des Wortes Junggeselle verhilft bei der Erklärung der Funktionsweise des Tests. Wenn man zu jemandem sagt: „Harry ist ein Junggeselle, der schon zehn Jahre verheiratet ist“, bekämen Sie wahrscheinlich zur Antwort: „Das ist unmöglich“. Daraus ließe sich schließen, dass unverheiratet eine Kernbedingung für Junggesellen ist. Nach Aitchison (1987: 37). wird der semantische Kern als die semantischen Primitiven genannt. Die semantischen Primitive sind universell, also in jeder Sprache gültig, jedoch werden sie in verschiedenen Sprachen unterschiedlich kombiniert und von den einzelnen Sprachen unterschiedlich verwendet.

Die Theorie über die semantischen Primitiven bildet den Ansatz für die Theorie über die semantischen Felder.

Aitchison (1987: 38) schreibt, dass zwischen den Wörtern zahlreiche Abhängigkeiten bestehen. Ein Wort ist ohne Kenntnis der benachbarten Wörter schwer zu verstehen: Die Bedeutung von warm versteht man am besten als Übergangszone zwischen heiß und kalt. Es gibt zwei Theorien, die das Modell der wechselseitigen Abhängigkeiten der Wörter erklären: „ Atomkügelchenansatz “ und „ Spinnennetzansatz “.

Die Anhänger des Atomkügelchenansatzes behaupten, dass es eine Ähnlichkeit zwischen der Aufspaltung der Atome und der Speicherung der Wörter gibt. Es werden die semantischen Netze gebaut, die von den einzelnen Wörtern stammen und die Wortfamilien entwickeln. Diese Theorie entstammt der Philosophie von Leibniz, der im 17. Jahrhundert behauptete, dass die Menschen mit einem grundlegenden „ Alphabet menschlicher Gedanken “ geboren würden, das heißt, mit einem „Katalog jener Konzepte, die sich aus sich selbst erklären und aus deren Kombination alle unsere Ideen gebildet werden“ (zitiert in Aitchison 1987: 75).

Die Anhänger der Spinnennetztheorie behaupten, dass man verwandte Wörter erkennt, weil die Sprecher Verbindungen zwischen ihnen aufgebaut haben. Die Wörter soll man als Einheiten mit verschiedenen Merkmalen, die zu anderen Wörtern in Beziehung treten, betrachten (Aitchison 1987: 75).

Für die phraseologischen Einheiten als größere Einheit als Wörter, die doch ihre Worteigenschaften in der Tiefenstruktur behalten haben und in der Oberflächenstruktur sich nach syntaktischen Regeln richten, ist meiner Meinung nach die Spinnennetztheorie angebracht. Ich meine, dass jede phraseologische Einheit ihren Nukleus (Kern), ein sinntragendes Element hat, das mit der anderen Komponente den phraseologischen Sinn bildet. Diese sprachliche Einheit entsteht, meiner Meinung nach, infolge der Verbindung verschiedener Merkmale mehrerer lexikalischer Einheiten. Nach der Vermischung der Merkmale entsteht eine ganz neue semantische Substanz, die ein anderes Konzept verbalisieren kann. Die lexikalische Ebene dient meines Erachtens zur Rezeption und grammatischen Analyse der phraseologischen Einheiten oder, bei der Produktion, zu ihrer wörtlichen Realisation. Nach der Rezeption unterliegen sie der semantischen Analyse, wo sie bearbeitet und situativ angepasst werden.

1.2.1 Semantische Felder

Die semantische Stufe wird durch die konzeptuelle Ebene determiniert, wo sich verschiedene konzeptuelle „Institutionen“ beispielsweise „Institution der Höflichkeit“ befinden (Makkai 1972: 67).

Die „Institutionen“ bilden meiner Ansicht nach die semantischen Felder, wo bei der Sprachproduktion bestimmte semantische Komponenten aktiviert werden. Stellen wir uns einen Baum vor. Das was den Baum am Leben hält, sind seine Wurzeln. Den Existenzsinn einer Aussage stellt diese Institution dar. Das sind die Wurzeln einer Aussage.

Für Baumgärtner (1967) gibt es für die semantischen Felder zwei Kriterien:

- Logisch-semantisches Kriterium
- Syntaktisches Kriterium (vgl. Vater 2002: 151).

Das System der semantischen Felder wird im Buch von Heinz Vater „Einführung in die Sprachwissenschaft“ (2002: 151) bildlich zum Ausdruck gebracht:

„Die Beziehungen zwischen zwei verwandten Lexemen werden durch Implikationsrelationen bestimmt (…) z.B. ein Implikationsverhältnis zwischen den Verben besteht: Schlendern impliziert spazieren, und spazieren impliziert gehen, aber nicht umgekehrt.“

Somit „gehen“, „trippeln“, „stampfen“ gehören zum Wortfeld FORTBEWEGUNGSVERBEN. Fortbewegung impliziert Bewegung, aber nicht umgekehrt:

Abb. 3 Verben der aufrechten Fortbewegung auf dem Boden nach Baumgärtner (1967: 186).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(zitiert in Vater 2002: 154)

Die Fortbewegungsverben lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen, wobei eine Kategorie impliziert die andere. Das Feld der Verben „der aufrechten Fortbewegung auf dem Boden“ wird im Deutschen durch das Hyperonym „gehen“ repräsentiert.

Nach Miller / Johnson- Laird (1976) sind die Bedeutungsfelder die konstituierenden Bestandteile der Sprache. Wörter werden nicht isoliert gespeichert, sondern bilden sie infolge des Assoziationsverfahrens und aufgrund der semantischen Ähnlichkeiten semantische Netzwerke und stehen in ständiger Beziehung zur konzeptuellen Struktur.

Zur Grundausstattung des mentalen Lexikons gehören einige semantische Basisfelder, die sehr früh gelernt werden und die Bewegungsverben stellen solch ein Basisfeld dar (vgl. Vater 2002: 153).

1.2.1 Zusammenfassung zum Kapitel „Das mentale Lexikon“.

Zum semantischen Wissen wird auch das mentale Lexikon eingerechnet. Nach Auffassung von Emmorey/Fromkin (1988) ist das mentale Lexikon der Bestandteil der Kognition, der Lexik, mit allen phonologischen, morphologischen, semantischen und syntaktischen Informationen enthält. In diesem Kapitel versuchte ich einen Überblick über die Komponenten und Strukturen im mentalen Lexikon zu schaffen. Die grundlegenden Elemente des mentalen Lexikons sind die Konzepte, das Lemma und der Formativ. Wenn ein Sprecher eine Information vermitteln will, muss er eine präverbale Bedeutung in Worte fassen. Levelt (1989) unterscheidet drei Phasen in diesem Prozess: die Konzeptualisierung, Formulierung und Artikulation. In diesen drei Phasen kommt es zur Transformation eines Konzeptes in eine verbale Äußerung.

Aitchison (1987) stellt die Worte in bestimmten Netzwerken dar. In den Netzwerken geht es um die Art der Verbindung zwischen den einzelnen Wörtern. Die Grundlagen für die Theoriebildung über die semantischen Netzwerke sind Experimente, die von ihr beschrieben wurden.

1.3 Neurophysiologische und psychologische Aspekte des Gedächtnisses

1.3.1 Neurophysiologische Grundlagen des Gedächtnisses

Steuerungsorgan für alle Funktionen im Organismus sind das Rückenmark und das Gehirn mit mehreren hundert Milliarden Nervenzellen, den sog. Neuronen, die eine elektrische Spannung aufweisen. Dabei hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die bei der Geburt bestehende Anzahl der Neuronen zeitlebens konstant bleibt. Besonders die Großhirnrinde ist für die geistigen Aktivitäten verantwortlich. Sie ist in zwei Hirnhälften gegliedert: in linke und rechte Hemisphäre. Die beiden Hemisphären sind miteinander verbunden. Die Bewegungs- und Wahrnehmungsvorgänge zwischen den Hemisphären und den anderen Körperteilen des Menschen sind typischerweise contralateral, d. h. die linke Hemisphäre kontrolliert die rechte Körperhälfte und umgekehrt angeordnet (vgl. Hüholdt 1993: 189).

Auditive Informationen erreichen beide Hemisphären und werden auch beidseitig verstanden. Die beiden Hirnhälften sind durch mehrere Bündel von Nervenfasern verbunden und können somit ihre Informationen austauschen. Visuelle Informationen werden normalerweise contralateral wahrgenommen. Die wichtigste Querverbindung zwischen den Hemisphären ist der Balken (Corpus Collosum), ein aus sehr vielen Nervenfasern bestehendes Band, über welches die beiden Hemisphären miteinander kommunizieren.

Eine weitere strukturelle Grundlage der Gedächtnisbildung sind die Kontaktstellen zwischen den einzelnen Nervenzellen, die Synapsen. Beim Lernen können sie sich bis zu 30% vermehren (vgl. Hüholdt 1993: 245). Synapsen sind die Schaltstillzellen für die komplexen Vorgänge der Informationsübertragung und -speicherung. Sie sind sehr flexibel und variabel mit Neuronen verbunden. Flexibilität und Variabilität werden in der Fachwissenschaft als Synaptische Plastizität benannt. Hier sei es zu betonen, dass die geistige Aktivität zum Auf- und Ausbau der synaptischen Strukturen führt und umgekehrt die geistige Inaktivität zum Abbau synaptischer Verbindungen zur Folge haben kann.

Abb. 4 Ein Neuron mit seinen Synapsen, die elektrische Spannung aufweisen (die leuchtende Stellen auf der Fläche des Neurons).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach Hüholdt 1993: 143)

Abb. 5 Eine Gehirnzelle mit Verdrahtungen in 1000facher Vergrößerung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(nach Hüholdt 1993: 161)

Neuronen mit Synapsen werden durch die sog. Axone verkabelt (die Axone sind auf der Abbildung 2 zu sehen). Die Länge aller Axonen beträgt ca. 500.000 Km. Das ist ungefähr das 12-fache des gesamten Erdumfangs. Ein Gedanke fließt durch diese Kabel mit der Geschwindigkeit von ca. 400Km pro Stunde (Vgl. Hüholdt 1998: 195).

Bevor ein Gedanke aufgrund von Assoziationen zu seinem entsprechenden Ort gelangt, müssen erst Millionen Synapsen an- und zugleich wieder ausgeschaltet werden, damit die unendlich vielen Gedankenströme kontrolliert werden können. Die Synapsen besitzen winzige Bläschen, sie auf verschiedene Reize reagieren. Wird ein Impuls gesetzt, d.h. kommt es zu einer von außen gesteuerten elektrischen Explosion, dann senden die Bläschen Transmitterstoffe aus, die den Spalt zwischen zwei Nervenzellen ausfüllen und somit das Aktionspotential weiterleiten.

Neuronen können ihre Empfangenschaft erhöhen oder erniedrigen. Werden Nervenzellen häufig gleichzeitig in bestimmten Gruppierungen erregt, verbinden sich die Neuronen. Diese Verbindung wird Engramm genannt (Vgl. Hühold 1998: 205).

1.3.2 Die Struktur des Gedächtnisses.

Infolge der oben genannten Vorgänge entsteht eine Architektur des Gedächtnisses. Der Prozess von der Informationseingabe bis zum Informationsabruf erfolgt in wenigstens drei Phasen: dem Ultrakurzzeitgedächtnis (UKZG), Kurzzeitgedächtnis (KZG), und Langzeitgedächtnis (LZG).

Abb. 6 Das Gedächtnis – Diagramm

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wir werden mit Millionen von Reizen konfrontiert. Die aufgenommene Information gelangt zuerst in einen sensorischen Speicher, das Ultrakurzzeitgedächtnis, wo sie für etwa eine Drittelsekunde gespeichert wird. Sie wird dann entweder gelöscht oder in das KZG weitergeleitet, wo sie durch Hinzufügung von Wissen aus dem LZG bearbeitet wird. (vgl. Hüholdt 1998: 199).

Das UKZG bewahrt Spuren von Sinneseindrücken. Es behält eine Information in Form der treuen Reproduktion des Reizes. Das ist die erste Stufe der Selektion der Reize.

Die nächste Station ist das KZG. Es hat eine beschränkte Anzahl von Speicherzellen. Die maximale Zahl an Informationseinheiten, die im KZG behalten werden kann, wird die Gedächtnisspanne genannt. Wenn die Kapazität des KZG-Speichers überschritten ist und neue Informationen hinzukommen, werden die präsenten Informationseinheiten verdrängt, und die Speicherplätze des KZG werden mit den neuen Informationen besetzt. Dieser Mechanismus wird Interferenz genannt. Miller hat 1956 nachgewiesen, dass die Gedächtnisspanne, d. h. die maximale Zahl an Informationseinheiten, die behalten werden kann, im KZG ungefähr 7+2 Einheiten umfassen kann (vgl. Vater 2002: 205). Die Kapazität des KZG kann aber durch Organisationsprozesse erweitert werden. Der Umfang der Einheiten, die verarbeitet und behalten werden können, ist begrenzt, aber die Anzahl der Einheiten kann variieren. So können 5 bis 9 Buchstaben, 5 bis 9 Wörter oder 5 bis 9 Phrasen behalten werden. Die KZG-Leistungen hängen von den Möglichkeiten des LZG ab. Das Langzeitgedächtnis (LZG) ist ein permanenter Speicher (vgl. Vater 2002: 205).

Jeder von uns sieht bestimmte Elemente durch das Prisma schon im LZG vorhandenen Wissens. Die neuen Informationseinheiten werden modifiziert und an das vorhandene Wissen im LZG angepasst. Das KZG transferiert die aufgenommenen Reize in das LZG in einem speziellen einzigartigen Kode (vgl. Vater 2002: 206).

Die im LZG gespeicherten Kenntnisse bilden die Grundlage für unsere allgemeine Leistungsfähigkeit. Es ist die Aufbewahrung aller Erfahrungen, Ereignisse, Informationen, Emotionen, Fertigkeiten usw. Die vom KZG übertragenen Informationen werden infolge der Modifizierung und Anpassung der Merkmale ähnlicher Elemente der Wirklichkeit assoziiert.

Je strukturierter und umfassender ein Wissensbereich im LZG ist, desto leichter lassen sich neue Informationen zu diesem Bereich lernen, da sie in die vorhandenen Strukturen integriert werden können (Hühold 1998: 211).

Monika Schwarz (1996: 84) schreibt, dass die Kernannahme der Kognitionsforschung ist, dass die im Gedächtnis gespeicherten kognitiven Strukturen die äußere Welt mental repräsentieren und dass die von den Forschern erstellten Modelle diese mentale Welt repräsentieren. Konzepte bilden die Grundlage unseres Kognitionssystems und ermöglichen die ökonomische Speicherung und Verarbeitung der Informationen in Klassen nach bestimmten Merkmalen. Diese Merkmale bestimmen den Inhalt eines Konzepts. Beispielsweise das Konzept „Hund“ wird als ein Tier mit vier Beinen und Schwanz identifiziert. Konzepte sind im Gedächtnis nicht isoliert abgespeichert, sondern sie sind durch verschiedene Relationen mit anderen Konzepten verknüpft.

Für mich ist die Theorie über die Bedeutung der sprachlichen Ausdrücke von Manfred Bierwisch zutreffend:

„Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke hat eine direkte Beziehung zur begrifflich strukturierten Widerspiegelung der äußeren und inneren Realität und durch diese vermittelt zu dem, worüber die Ausdrücke etwas sagen, worauf sie verweisen“ (Bierwisch 1983: 58).

Assoziationen existieren in Form von Konzepten, d. h. den kleinsten Einheiten des Denkens. Die Konzepte bilden die innere Welt des Menschen. Es geht hier also um das Verhältnis zwischen dem Menschen und der äußeren Welt. Unter Konzept versteht man die logischen Klassen, die durch Wörter benannt werden (vgl. Schwarz 1996: 87).

Die Klassen werden nach bestimmten Regeln gebildet. Jeder von uns besitzt solche Klassifikationsregeln, infolgedessen verschiedene Kategorien entstehen. Die Begriffsbildung ist kein rein sprachlicher Prozess und kann unabhängig von der Sprache verlaufen, obwohl diese Prozesse wechselseitig aufeinander wirken. Die Sprache dient nicht nur als Instrument zur Übersetzung und Umsetzung von Denkvorgängen, sondern die Gedanken werden durch die Etikettierung leichter handhabbar und verfügbar. Die Sprache reguliert Denkprozesse, so dass sie gezielter und konsequenter ablaufen können (Oerter 1980: 89).

Die Kategorisierung ermöglicht die ökonomische Speicherung und Verarbeitung subjektiver Erfahrungseinheiten durch die Einteilung der Informationen in Klassen nach bestimmten Merkmalen. Sie ermöglichen dem Menschen eine Organisation der diffusen Elemente der Wirklichkeit. Diese Speicherung erfolgt aufgrund der Zusammenstellung ähnlicher Eigenschaften bestimmter Objekte derselben Kategorie. Diese Tatsache heißt nach Rolf Oerter das Prinzip der Äquivalenz (vgl. Oerter 1980: 91) genannt.

Nach Oerter lässt uns das Prinzip der Identität ein Objekt unabhängig von der Zeit und dem Raum identifizieren. So ist es möglich, dass wir unseren Nachbarn auch in zwei Wochen in einem Restaurant als den Mann identifizieren können, der normalerweise neben uns wohnt. Identität und Äquivalenz stellen fundamentale Prinzipien der Kategorisierung der Welt. Der Inhalt eines Konzepts, der durch die jeweilige Menge an Merkmalen festgelegt wird, bestimmt die Menge aller Instanzen, die dem jeweiligen Konzept zugerechnet werden können (vgl. Oerter 1980: 92).

Wissen ist also keine statische Ansammlung von Erfahrungsinhalten, sondern die Fähigkeit, mit diesen Inhalten zu operieren. Die allgemeine kognitive Kompetenz des Menschen umfasst somit strukturelles (deklaratives – „Wissen dass“) und prozedurales Wissen („Wissen wie“) (vgl. Oerter 1980: 42) .

Das deklarative Wissen wird noch in semantisches und episodisches Wissen gegliedert. Das semantische Gedächtnis hat abstrakt–begrifflichen Charakter und enthält allgemeines Wissen, wozu auch das mentale Lexikon einer Sprache gehört. Informationen, die im semantischen Gedächtnis gespeichert sind, geben beispielsweise an, dass der Mensch sterblich ist. Das episodische Gedächtnis umfasst die autobiographischen Erfahrungen und wird somit auch autobiographisches Gedächtnis genannt (vgl. Oerter 1980: 42).

Das allgemeine und autobiographische Wissen stehen in einer ständigen Wechselbeziehung. Allgemeines Wissen wird benutzt, um partikulares Wissen zu verstehen; autobiographisches Wissen dient der Modifikation und Erweiterung des allgemeinen Wissens. Episodische Wissensrepräsentationen können zudem im Laufe der Zeit kategoriellen Charakter annehmen. Das prozedurale Wissen beinhaltet die Programme, die im Kognitionssystem gespeichert sind und die Voraussetzung für die tatsächlichen Realisierungsmechanismen darstellen. Prozesse sind in der Zeit aktuell ablaufende Vorgänge, also Realisierungen von Prozeduren (vgl. Oerter 1980: 44).

Im Bereich des deklarativen und prozeduralen Wissens erfolgt noch eine Gliederung in explizites und implizites Gedächtnis, also bewusstes und unbewusstes Wissen.

Der implizite Bestandteil unseres Bewusstseins, oder besser gesagt, Unbewusstseins, bildet eine Grundlage unseres gesamten Verhaltens und auch Lernvermögens. Das implizite Wissen ist viel umfangreicher als das explizite. Das explizite (bewusste) Wissen ist in unserem Bewusstsein verankert, infolgedessen wir es jederzeit hervorrufen können (vgl. Levelt 1989: 10).

Das menschliche Verhalten wird durch ein komplexes System kognitiver Strukturen und Prozesse determiniert, das mit den emotionalen und motivationalen Grundlagen des Verhaltens zusammenwirkt. Das kognitive System gliedert sich in Teilsysteme, die teils auf spezifischen, teils generellen Grundlagen beruhen. Sie bilden ein kaum überschaubares Netzwerk der zusammenhängenden Bedeutungsbeziehungen, die keineswegs symmetrisch sind. Für das sprachliche System gibt es einerseits Mechanismen, die die Realisierung der entsprechenden Leistungen garantieren, und andererseits die systemspezifischen Kenntnisse, die den Inhalt der Leistung determinieren. Diese Kenntnisse und Mechanismen sind der bewussten Kontrolle weitgehend entzogen, ihre Identifizierung muss deshalb im Wesentlichen auf indirektem Wege geschehen. Das Kenntnissystem der Sprache liegt sowohl dem Produzieren wie dem Verstehen von Äußerungen, aber auch der Bildung von Urteilen über die Eigenschaften von Äußerungen zugrunde (vgl. Bierwisch 1983: 55).

Die psychologische Seite sprachlicher Strukturen bildet eine Grundlage der linguistischen Theoriebildung. Solche Schlüsselbegriffe wie Verhalten, Wahrnehmung, Lernen, Gedächtnis, Motivation für die Psychologie und Wort, Satz, Grammatik, Bedeutung, Lautform für die Linguistik stehen im engen Zusammenhang mit dem mentalen Lexikon und umschreiben Gegenstandsaspekte, auf die hin die Theoriebildung angelegt wird.

Ich möchte die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Sphären des menschlichen Bewusstseins systematischen klären, die ihren Anfang in der äußeren Realität finden und bilde eine innere Realität, was sich in der Sprache widerspiegelt.

1.3.3 Zusammenfassung zum Kapitel „Das Gedächtnis“.

Die neurophysiologischen Aspekte des Gedächtnisses sind die Grundlagen für alle kognitiven Aktivitäten. Das Gehirn mit seinen mehreren hundert Milliarden Neuronen, die durch Axone verbunden sind, ist in zwei Hälften eingeteilt. Für jede Hirnhälfte ist die Aufgabenverteilung anders. In diesem Kapitel habe ich keine detaillierte Darstellung der biologischen Eigenschaften aufgezeigt, sondern nur die, die für die Phraseologisierungsprozesse relevant sind. Beispielsweise liefert die synaptische Flexibilität möglicherweise eine plausible Erklärung für die Erscheinung, Zusammenstellung oder das Verschwinden verschiedener lexikalischer Einheiten, darunter natürlich auch die Phraseolexeme. Dabei stellen das wichtigste Element die Synapsen dar. Das sind die Schaltstillzellen eines Neurons, die flexibel und variabel mit einem Neuron verbunden sind. Es ist wichtig, dass sich bei der mentalen Aktivität diese Verbindungen zwischen den Neuronen bis zu 30% vermehren können. Dieser Vorgang ist auch rückwärts gültig, die geistige Inaktivität führt zum Abbau der synaptischen Struktur. Interessant ist die Frage, wie es zu einer Verbindung zwischen den Neuronen kommt. Werden die Neuronen und damit auch die Informationen häufig gebraucht oder mit besonderer emotionaler Intensivität, entsteht eine relativ feste Verbindung aufgrund der stofflichen Veränderungen. So entstehen bestimmte Informationspfade, die zusammen eine Wissensstruktur bilden. Noch interessanter für mich ist die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die ganze synaptische Struktur eine elektrische Spannung aufweist. Vielleicht deswegen scheinen manche so elektrisch aufgeladen zu sein. Es kommt zu einer Verbindung dieser Neuronen, die ähnliche oder gegensätzliche Informationen beinhalten. Doch bevor es zu diesen stofflichen Veränderungen in den Neuronen kommt und eine Information dauerhaft im Gedächtnis verankert wird, muss sie in drei Stufen verarbeitet werden. Das sind Ultrakurzzeitgedächtnis (UKZG), Kurzzeitgedächtnis (KZG) und letztendlich Langzeitgedächtnis (LZG). Die im LZG gespeicherten Kenntnisse bilden eine Grundlage für unsere allgemeine Leistungsfähigkeit. Die Struktur des Gedächtnisses wird infolge der Lebenserfahrung gebildet und ist auch ihre Widerspiegelung. Sie wird auch verbalisiert. Vielleicht deswegen sagen manche unter anderen W. Humboldt, dass die Sprache der Ausdruck der Seele ist.

1.3.4 Semantische Netzwerke

Nach Aitchison (1987: 105) das mentale Lexikon stellt ein komplexes System lexikalischer Einheiten:

„Stellen wir uns vor, das mentale Lexikon sei eine Art zusammenhängender Graph, wobei die lexikalischen Einheiten die Knoten bilden, welche durch Pfade miteinander verbunden sind“.

Aitchison´s bildliche Darstellung der Verbindungen zwischen den Worten hat in der Linguistik ihren Namen und wird als „ Netzwerktheorien“ genannt. Im Allgemeinen konzentrierten sich die früheren Arbeiten zu diesem Thema darauf, zu untersuchen, wie stark die Verbindung zwischen zwei bestimmten Wörtern ist. Die Resultate bildeten die Grundlage für spätere Forschungen, die mehr Zeit darauf verwandten, die Gesamtstruktur zu bestimmen, die den einzelnen Verbindungen zugrunde liegen.

Aitchison (1987: 106) beschreibt ein Assoziationsexperiment, wobei mindestens zwei wichtige Entdeckungen gemacht wurden. Erstens wählt man fast immer Einheiten aus dem „semantischen Feld“ des Ursprungswortes aus. Niemand sagte nail oder poker als Reaktion auf needle, obwohl es sich dabei auch um dünne, spitze Objekte handelt. Die Mehrheit entschied sich für einen Aspekt des Nähens: thread, pin(s), eye und sew. Die Wörter für die Nähutensilien schienen ihre Erwähnung wechselseitig auszulösen, was vermuten ließ, dass Gruppen von Wörtern, die sich auf dasselbe Thema beziehen, gemeinsam gespeichert werden.

Zweitens entscheidet man sich fast immer für das Partnerwort, wenn Einheiten zu einem Wortpaar gehören, wie in husband und wife, oder wenn sie einen eindeutigen Gegensatz bezeichnen, wie in big und small. Somit tritt ein Wort nicht isoliert auf, sondern wird in einer ganzen Gruppe präsentiert. Wenn sich die Assoziationen zu einem Wort so leicht durch den Kontext beeinflussen lassen, dann dürfen wir vermutlich nicht darauf hoffen, jemals feste und detaillierte Pfade zwischen den Wörtern im mentalen Lexikon bestimmen zu können (vgl. Aitchison 1987: 107).

[...]

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Die Kontrastive Idiomatik des Deutschen und Polnischen
Hochschule
Uniwersytet Szczeciński
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
110
Katalognummer
V437563
ISBN (eBook)
9783668796010
ISBN (Buch)
9783668796027
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kognitive Linguistik, Idiomatik, Deutsch Polnisch
Arbeit zitieren
Sylwia Wysluch (Autor), 2004, Die Kontrastive Idiomatik des Deutschen und Polnischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437563

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