Vergangenheitsbewältigung in der Wahrnehmung der Neuen Rechte


Hausarbeit, 2017
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1.Vergangenheitsbewältigung
2.2. Neue Rechte

3. Aufarbeitung der Vergangenheit

4. Wahrnehmung der Neuen Rechten
4.1. Schuldfrage
4.2. Holocaust
4.3. Umerziehungspolitik
4.4. Denazifizierung

5. Der Umgang mit der Vergangenheit als Merkmal der Ideologie

6. Fazit

Fußnoten und Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 war Deutschland sowohl materiell als auch geistig ruiniert. Die Niederlage im Zweiten Weltkrieg und die Ereignisse während der Herrschaftszeit der Nationalsozialisten hatten langen und schwerwiegenden Einfluss nicht nur auf das Deutschland der Nachkriegszeit, sondern auch auf die Bundesrepublik Deutschland. Das deutsche Volk musste nach 1945 nicht nur das Land wiederaufbauen. Vielmehr lag die Herausforderung darin die Vergangenheit aufzuarbeiten. Dies stellte sich als schwieriger und langwieriger heraus als der materielle Wiederaufbau, der bereits gegen Ende der 1950er Jahre bewältigt war. Die geistige Bewältigung der Vergangenheit dauerte im Vergleich deutlich länger und dauert nach wie vor an, wie die Verurteilungen von NS-Verbrechen im 21. Jahrhundert zeigen. Dass die Verurteilungen von NS-Verbrechen teilweise immer noch andauern verdeutlicht das Scheitern der Vergangenheitsbewältigung. Dies hat unterschiedliche Gründe. Eine der wesentlichen Gründe war die unterschiedliche Wahrnehmung der Vergangenheit und daraus resultierend die differenzierte Vergangenheitsbewältigung. Unterschiedliche ideologische Gruppierungen haben die Vergangenheit spezifisch aufgearbeitet und die von den Alliierten angeführte Vergangenheitsbewältigung distinguiert wahrgenommen.

Dementsprechend steht die Vergangenheitsbewältigung in der Wahrnehmung der Neuen Rechten im Fokus dieser Arbeit. Die Arbeit beginnt mit den terminologischen Klärungen bzw. Operationalisierungen zentraler Begriffe die einerseits für das Verständnis des wissenschaftlichen Gegenstandes von Bedeutung sind und andererseits dazu beitragen sich im Rahmen dieser Arbeit von jeglichen alltagstheoretischen Annahmen zu entfernen. Danach soll zunächst generell die Aufarbeitung der Vergangenheit Gegenstand der Untersuchung sein, da es die Grundlage für die spezifische Wahrnehmung der Vergangenheitsbewältigung der Neuen Rechten bildet. Daraufhin soll die Wahrnehmung der Vergangenheitsbewältigung in rechten Kreisen einer genaueren Untersuchung unterzogen werden. Dabei soll der Blick auf die vier Achsen Schuldfrage, Holocaust, Umerziehungspolitik und Denazifizierung gerichtet werden, die die Eckpfeiler der Vergangenheitsbewältigung bei den Neuen Rechten darstellen. Anhand der untersuchten Aspekte soll die Argumentationslinie der Neuen Rechten für die spezifische Wahrnehmung der Vergangenheitsbewältigung erarbeitet werden. Bevor ich zum Schluss noch einen Forschungsausblick aufzeige, wird der Fokus auf den Umgang mit der Vergangenheitsbewältigung als Merkmal der Ideologie der Neuen Rechten gelegt und ermittelt inwiefern die spezifische Wahrnehmung der Vergangenheitsbewältigung die Ideologie der Neuen Rechten geprägt hat. Zur Untersuchung der Fragestellung wurden diverse Quellen – Primärliteratur und Sekundärliteratur – ausgewertet, um einen möglichst breitgefächerten Überblick zu erlangen.

2. Begriffsdefinitionen

2.1. Vergangenheitsbewältigung

Mit Vergangenheitsbewältigung wird der Prozess der geistigen Auseinandersetzung einzelner Individuen oder eines Kollektivs mit der eigenen Vergangenheit beschrieben (vgl. Wöll 1997, 29). Zusätzlich zu dem Begriff Vergangenheitsbewältigung werden auch Begriffe wie „Aufarbeitung der Vergangenheit“ oder „Vergangenheitspolitik“1 zur Beschreibung des Prozesses der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit benutzt. Hierbei geht es um die Aufarbeitung der Geschehnisse während der Herrschaftszeit der Nationalsozialisten im Dritten Reich. Vergangenheitsbewältigung wird zum einen als ein Prozess der Verdrängung und Verleugnung und zum anderen als Ausdruck der Reflexionsbereitschaft und -fähigkeit gesehen (ebd.). Die Aufarbeitung zielt auf eine breite Teilnahme der Bevölkerung, um die Vergangenheit als Kollektiv aufzuarbeiten, denn ansonsten sei keine Vergangenheitsbewältigung in dem Sinne möglich (vgl. Förster 1997, 79). Gleichzeitig bedeutet dies, dass unterschiedliche Individuen und Gruppierungen die Vergangenheit unterschiedlich aufarbeiten und die Aufarbeitung der Vergangenheit unterschiedlich interpretieren und wahrnehmen (ebd.).

2.2. Neue Rechte

Der Terminus „Neue Rechte“ dient als eine Sammelbezeichnung für die geistig-intellektuelle Strömung des Rechtsextremismus und die moderne Form rechten antidemokratischen Denkens (vgl. Bruns/ Glösel/ Strobl 2015, 11; vgl. Brauner-Orthen 2001, 18f). Dabei handelt es sich um eine „Vielzahl kaderförmiger Kleingruppen“ (zitiert nach Gessenharter 1994, 44). Trotz der sinngemäß einheitlichen Begriffsdefinition bleibt der Terminus durchaus schwammig.2 Ideologisch orientiert sich die Neue Rechte primär an der Konservativen Revolution, d.h. an einem Netzwerk rechtsextremer Intellektueller mit antidemokratischen Ideen und Wertvorstellungen, die versucht diese wiederzubeleben (vgl. Goldberger 1994, 40). Die Orientierung an der Konservativen Revolution bedeutet auch, dass die Neue Rechte nicht nur aus Rechtsextremen, sondern auch Rechtskonservativen besteht. Im Zuge der Zusammenarbeit haben sich die Differenzen weitestgehend zwischen Konservativen und Rechtsextremen aufgelöst wodurch die Neue Rechte entstanden ist (vgl. Pfahl-Traughber 1994, 162). Demnach hat die Neue Rechte eine Scharnierfunktion zwischen beiden Ideologien und bildet ein „Brückenspektrum“ zwischen beiden politischen Traditionslinien (Pfahl-Traughber 1994, 163).

3. Aufarbeitung der Vergangenheit

Die Aufarbeitung der Geschehnisse in der NS-Zeit wurde bereits nach dem Krieg begonnen und gewissermaßen mit der Potsdamer Konferenz in demselben Jahr mit den fünf D´s konzeptualisiert. Von diesen fünf D´s sind insbesondere die Demokratisierung und Denazifizierung von großer Bedeutung für die Aufarbeitung der Vergangenheit, denn im Rahmen des Arbeitstitels liegt der Fokus auf die geistige und/oder psychologische Aufarbeitung der Vergangenheit. Nach dem Kriegsende gab es kein souveränes deutsches Handlungssubjekt und ein großes Misstrauen gegenüber den Deutschen, so dass der Prozess der Vergangenheitsbewältigung vorerst nicht den Deutschen überlassen worden ist (vgl. König 1997, 304f). Die deutsche Bevölkerung verfiel nach dem Krieg in eine Orientierungslosigkeit und war nicht in der Lage die Geschehnisse einzuordnen (vgl. Dudek 1992, 194). Der geistige Zustand der Bevölkerung, so belegt u.a. eine Untersuchung von Alexander und Margarete Mitscherlich über die Vergangenheitsbewältigung, mündete vor allem in der frühen Nachkriegszeit in der Unfähigkeit zu trauern 3 (vgl. Gumbrecht 2012, 40). Dieser geistige Zustand hielt für Jahre und Jahrzehnte an, so dass der geistige Zustand auch gegen Ende der 1950er Jahre von Latenz geprägt war (ebd.). Die Latenz beschränkte sich nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf die Kommunikation (vgl. König 1997, 307). Folglich war der „Ungeist des Nationalsozialismus“ zunächst nicht kommunizierbar, so dass es in der Nachkriegszeit zu keinen öffentlichen Debatten über die Geschehnisse in der NS-Zeit kam (vgl. König 1997, 303).

Des Weiteren verliefen die Demokratisierung und die Denazifizierung Deutschlands zögernd. Der Umerziehungspolitik der Alliierten stand vor allem die Jugend skeptisch gegenüber (vgl. Dudek 1992, 194f). Zudem retardierte die Demokratisierung in Form einer parlamentarischen Demokratie, weil die deutsche Bevölkerung für die Grundauffassung und die Ziele einer parlamentarischen Demokratie nicht vorbereitet war (ebd.). Außerdem konnte die Denazifizierung nicht den erhofften Erfolg erzielen bevor sie zu Beginn der 1950er Jahre nahezu komplett zum Erliegen kam. Dem Erliegen der Denazifizierung ging einerseits das „Gesetz zum sofortigen Abschluss der Entnazifizierung und einer Amnestie aller von den Folgen der bisherigen Entnazifizierung Betroffenen der Gruppe 3 und 4“, d.h. der Minderbelasteten und Mitläufer, voraus (Frei 1998, 80f). Dies führte zu einer halben Millionen Strafbefreiungen und über 250 000 Verfahrenseinstellungen (vgl. Frei 1998, 84). Andererseits führte das „Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen“, wodurch mehr als 300 000 ehemalige Nationalsozialisten in die Gesellschaft wiedereingegliedert worden sind (Frei 1998, 85f). Die Initiatoren dieser Gesetze zur Wiedereingliederung ehemaliger Nationalsozialisten in die Gesellschaft und vor allem in den öffentlichen Dienst waren Rechtsnationale (vgl. Frei 1998, 80). Damit haben die Rechten den Prozess der Denazifizierung konterkariert und die Grundlage für die NS-Kontinuitäten gelegt. Infolgedessen kam es zu „keine[m] oder eine[m] nur halbherzige[n] Bruch“ mit der Vergangenheit (Jaschke 1994, 135). Dieser Bruch führte dazu, dass die Vergangenheit unbewältigt blieb (vgl. Reichel 2001, 21).

Mit dem Scheitern der Denazifizierung konnte es nicht zu einer nachhaltigen Aufarbeitung der Vergangenheit kommen, da die Präsenz ehemaliger Nationalsozialisten neue Herausforderungen mit sich brachte. Die antisemitischen Schmierwellen in den 1950er Jahren, die 1959 in der Schändung einer Synagoge kulminierte, versiegelten das Scheitern der Aufarbeitung der Vergangenheit (vgl. König 1997, 308f). Die überpolitisierte Vergangenheitsbewältigung hat dazu geführt, dass sich ideologische Bruchlinien unterschiedlicher Gruppen verhärtet haben und die Integration in das neue Deutschland gescheitert ist (vgl. Hennecke 1997, 74). Somit hat das Scheitern der Vergangenheitsbewältigung zum Wiedererstarken der Rechten geführt (vgl. Jaschke 1994, 136). Diese möglichen Tendenzen im Falle eines Scheiterns der Vergangenheitsbewältigung prognostizierte Deiters bereits 19484, der die NS-Vergangenheit für nicht überwunden hielt (vgl. Dudek 1994, 277). Ihm zufolge steckte in dem Scheitern ein „revolutionäres Element“, das die Rechtsextremisten reanimieren könnte (ebd.). Das „Nachleben faschistischer Tendenzen“ in der und gegen die Demokratie stellte zudem für Adorno (1963)5 eine ernstzunehmende Gefahr dar, denn die Neue Rechte agierte im Gegenteil zu den „Alten Rechten“ im vorpolitischen Raum und konnte so ihr rechtes Gedankengut gezielter in den politischen Prozess einbringen (zitiert nach Dudek 1994, 278). Aufgrund der NS-Kontinuitäten hat es ungefähr zwei Jahrzehnte gedauert bis die NS-Vergangenheit Gegenstand von Analysen und Diskussionen wurde (vgl. König 1997, 314).

4. Wahrnehmung der Neuen Rechten

Wie bereits erwähnt hat das Scheitern der Vergangenheitsbewältigung ideologische Bruchlinien in der Gesellschaft forciert und das Gegenteil von dem bewirkt was sie erreichen wollte (a.a.O.) Das Wiedererstarken der Rechten darf allerdings nicht nur dem Scheitern der Vergangenheitsbewältigung zugeschrieben werden (vgl. Klönne 1990, 48). Wie die anderen ideologischen Gruppierungen haben auch die Rechten die Nachkriegszeit und insbesondere die Aufarbeitung der Vergangenheit im Rahmen ihrer Ideologie spezifisch interpretiert und wahrgenommen. Im Folgenden sollen einige Aspekte der Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf die spezifische Wahrnehmung der Neuen Rechten untersucht werden.

4.1. Schuldfrage

Angeführt von Theoretikern und Wissenschaftlern wie u.a. Armin Mohler6 und Bernd Willems haben die Neuen Rechten die alleinige Schuld vor allem bzgl. des Zweiten Weltkrieges kategorisch abgelehnt (vgl. Assheuer und Sarkowicz 1992, 185). So leugnet bspw. Armin Mohler die Schuld der Deutschen an den Geschehnissen während der NS-Zeit und führt an, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit keine „moralische[.] Läuterung [...], sondern [...] [ein] [...] [von den] Feinde[n] dieses Staates [eingeführter] [...] eigengesetzliche[r] Regelmechanismus [sei] (ebd.). Mit den Feinden bezieht sich Mohler auf „jüdische Kreise“ (ebd.). In Anbetracht der Tatsache, dass in einer von den Amerikanern durchgeführten Umfragen über die Schuldfrage lediglich 30 Prozent der Deutschen angegeben haben das Deutschland Schuld am Zweiten Weltkrieg sei, wird deutlich, dass die Worte Mohlers eine Grundlage im Volk hatten (vgl. Hoffmann 1992, 92).7 Die Ablehnung der Allein- und Kollektivschuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg wird zudem in das erste Parteiprogramm der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) 1967 eingebunden und als Lüge deklariert (vgl. Wetzel 1994, 94). Um die Deutschen von jeglicher Schuld zu befreien wird in intellektuellen Kreisen sogar die Verantwortlichkeit der deutschen Bevölkerung für den Reichstagsbrand abgestritten und die Bevölkerung als „Verführte“ dargestellt (Hoffmann 1992, 37). Dieser Geschichtsrevisionismus wurde durch Gerhard Frey, Inhaber von rechtsorientierten Zeitungen, verbreitet (vgl. Faulenbach 1990, 41). Zusätzlich zu der Ablehnung der Verantwortlichkeit reichen die Meinungen der Neuen Rechten bzgl. der NS-Vergangenheit von Apologie bis hin zur Beschuldigung anderer Völker (ebd.; vgl. Assheuer und Sarkowicz 1992, 186). Diese revisionistische Mentalität kann mit einem Gedicht von Renate Schütte verdeutlicht werden, in dem die Fremden für die (prekäre) Situation in Deutschland verantwortlich gemacht werden (siehe Abb. 1).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vergangenheitsbewältigung in der Wahrnehmung der Neuen Rechte
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V437628
ISBN (eBook)
9783668781061
ISBN (Buch)
9783668781078
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergangenheit, Politik, Krieg, Deutschland, Geist, Niederlage, Weltkrieg, Nationalsozialisten, Nazis, Ns
Arbeit zitieren
Altay Siakiroglou (Autor), 2017, Vergangenheitsbewältigung in der Wahrnehmung der Neuen Rechte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437628

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