Autonomes Fahren im Diskurs der angewandten Ethik. Ist die Abgabe menschlicher Verantwortung an autonome Fahrzeuge moralisch erlaubt?


Hausarbeit, 2018
26 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1. FRAGEN & FORSCHUNGSZIEL
1.2. ÜBERBLICK

2. EMPIRISCHE FAKTEN
2.1. AUTONOMES FAHREN
2.2. DEONTOLOGISCHE VS. UTILITARISTISCHE PRINZIPIEN DER ETHIK

3. AUTONOMES FAHREN IM DISKURS DER ANGEWANDTEN ETHIK
3.1. IMPLEMENTIERUNG ETHISCHER PRINZIPIEN
3.2. VERANTWORTUNG
3.3. POTENTIALE & MORALISCHE RECHTFERTIGUNG

4. FAZIT

1. EINLEITUNG

Im heutigen Zeitalter der Digitalisierung und Automatisierung übertragen wir unsere menschliche Handlungsfreiheit und Entscheidungsautonomie zunehmend an Maschinen. Es hat sich herausgestellt, dass digitale Technologien in der Lage sind, zahlreiche Aufgaben schneller und effizienter zu lösen, weshalb wir auch einen immer größeren Teil unserer menschlichen Verantwortung an diese abgeben. Heute existieren bereits verschiedene Modelle künstlicher Intelligenzen, welche kontinuierlich weiterentwickelt, immer mehr akzeptiert und populärer werden. In der Automobilindustrie wird kaum mehr ein Auto ohne digitale Fahrassistenzen hergestellt, die uns bei diversen Fahraufgaben unterstützen und intelligent auf die Umgebung im Straßenverkehr reagieren. Diese ersten Schritte der Automatisierung lassen bereits erkennen, welche Innovation aktuell im Fokus großer Automobilhersteller steht: Das Autonome Fahren. Hier werden die Technologien stetig weiterentwickelt und miteinander vernetzt, sodass Fahrassistenzen nicht mehr bloß in einzelnen Bereichen eingesetzt werden, sondern als Ziel eine gesamte Einheit bilden sollen, welche den menschlichen Fahrer komplett von seiner Fahraufgabe entlastet.

Ein Beispiel eines anderen digitalen Systems, welches uns das Leben erleichtern soll, bietet das Smart-Home-Gerät „Alexa“ der Firma Amazon. Diese intelligente Maschine ist in der Lage, Musik abzuspielen, Wettervorhersagen zu machen, Wecker zu stellen, Onlinebestellungen direkt in die Wege zu leiten, Fragen zu beantworten und Weiteres. Kürzlich beschloss Alexa jedoch, hin und wieder unaufgefordert zu lachen, woraufhin ihr das Lachen seitens der Hersteller „verboten wurde“. Solch eine Art der Verselbstständigung ist im Falle der Alexa zwar etwas verunsichernd, aber nicht ernsthaft (lebens)gefährlich. Im Falle des Autonomen Fahrens können solche Entwicklungen künstlicher Intelligenz jedoch drastische Folgen haben und bis hin zum Tod von Straßenverkehrsteilnehmern führen. Aus diesem Grund erweist es sich als unumgänglich, eine Maschinenethik in die Software der Fahrzeuge zu implementieren und moralischen Fragen einen gleichwertigen Stellenwert bei der Entwicklung zuzuschreiben wie technologischen Aspekten. Immerhin könnten wir selbst bald mit einem automatisierten Straßenverkehr konfrontiert sein und unsere Eigenverantwortung über Entscheidungen an autonome Autos abgeben. Sicherlich ist es dabei wünschenswert, dass diese neuartige Technologie zumindest beim Großteil der Bevölkerung Wohlbefinden auslöst, sich diese zur dauerhaften Nutzung bereiterklärt und das Autonome Fahren letztendlich als eine Erleichterung des Fahrerlebnisses empfindet und nicht als Killermaschinen, welche über unser Leben und Tod entscheiden. In anderen Worten: Die gesellschaftliche Akzeptanz spielt bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge eine äußerst zentrale Rolle, weshalb die Auseinandersetzung mit einer Maschinenethik umso essentieller ist.

1.1. FRAGEN & FORSCHUNGSZIEL

Folgende Hauptfrage und Folgefragen leiten die vorliegende Seminararbeit und werden im Verlauf der nächsten Sektionen analysiert und diskutiert:

HAUPTFRAGE

Ist die Abgabe menschlicher Verantwortung an autonome Fahrzeuge moralisch erlaubt?

FOLGEFRAGEN

(1) Inwiefern kann eine „moralische Haltung“ in die Software der Fahrzeuge implementiert werden und

welche moralischen Prinzipien sollen die Programmierung leiten?

(2) Wer wird bei negativen Ausgängen im Straßenverkehr zur Verantwortung gezogen?

(3) Wie lässt sich Autonomes Fahren moralisch rechtfertigen?

Das hier verfolgte Forschungsziel besteht grundlegend darin, die Hauptfrage zu diskutieren und bestenfalls zu beantworten. In dieser ethisch-philosophischen Auseinandersetzung mit der hochaktuellen und vermutlich uns alle bald betreffenden Thematik werden dafür die Folgefragen diskutiert und kritisch reflektiert. Deren Ausarbeitung soll schlussendlich zur Beantwortung der Hauptfrage beitragen. Dabei orientiert sich die Diskussion hauptsächlich an ethischen Gesichtspunkten. Denn die Frage, welche im Raum steht, ist nicht, OB Autonomes Fahren eingeführt wird, sondern WANN die (technologischen und) ethischen Grundlagen so weit entwickelt sein werden, sodass die Realisierung der Innovation in den Straßenverkehr möglichst problemlos ablaufen kann. Anders ausgedrückt bedeutet das, welche Maßnahmen getroffen werden müssen, sodass eine Balance hergestellt wird - individuell zwischen dem Wohl und der bisherigen Autonomie des Menschen über das Fahrzeug als potentieller Nutzer und kollektiv, dem Vermeiden eines ökonomischen Zusammenbruchs, sowie der erfolgreichen Erzielung globaler Vorteile, welche Autonomes Fahren birgt. Grundsätzlich zielen all diese Überlegungen im Rahmen dieser Seminararbeit neben der Beantwortung der Hauptfrage auf ein zentrales Ziel hin, nämlich Lösungsvorschläge herauszuarbeiten, welche aus ethischer Sicht eine möglichst weitreichende Akzeptanz bei allen Beteiligten generieren könnten.

Im vorliegenden Text wird oft der Begriff der „Entscheidung“ fallen. Um Missverständnisse zu vermeiden, ist klarzustellen, dass der Begriff folgendermaßen verwendet wird: Im Zusammenhang mit menschlichen Entscheidungen im Straßenverkehr ist zu beachten, dass diese meist intuitiv, spontan und impulsartig getroffen werden und keineswegs als gut überlegte und bewusst reflektierte Entscheidungen zu verstehen sind. Wenn von Entscheidungen autonomer Autos die Rede ist, bedeuten diese eben maschinelle Entscheidungen, welche im Gegensatz zu den menschlichen mithilfe einer Datenanalyse in Sekundenschnelle ausgewertet werden. Ein autonomes Auto besitzt weder Gefühle, noch Intuition und kann daher in dem Sinne keine wirklichen „Entscheidungen“ treffen, sondern berechnet lediglich aufgrund seiner Softwareprogrammierung die „beste“ Handlungsvorgabe für die jeweilige Situation. Zur Vereinfachung bietet sich der Begriff der Entscheidung trotz, oder gerade wegen der Unterschiede zwischen menschlichen und maschinellen für den Kontext dieser Seminararbeit gut an. Denn auch unser Verständnis über Entscheidungen wird sich parallel zur Einführung und Weiterentwicklung künstlicher Intelligenzen, welche uns zunehmend Aufgaben abnehmen, verschieben und anpassen. Aus diesen Gründen sind die hier verwendeten „Entscheidungen“ stets im weiten Sinne zu verstehen.

1.2. ÜBERBLICK

Die vorliegende Seminararbeit gliedert sich in 4 Sektionen. Die erste besteht aus der Einleitung, woraufhin in der zweiten Sektion das Autonome Fahren, sowie deontologische und utilitaristische Prinzipien der Ethik durch einige zentrale empirische Fakten charakterisiert werden. Die dritte Sektion bildet den Hauptteil der Arbeit. Hier werden die zuvor charakterisierten ethischen Prinzipien auf das Themenfeld des Autonomen Fahrens angewandt und mögliche Ansätze zur Implementierung einer „moralischen Haltung“ in die Software der Fahrzeuge diskutiert. Diese Sektion beinhaltet zudem Lösungsvorschläge für Dilemmas. Danach erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Frage nach der Verantwortungszuschreibung bei negativen Ausgängen im Straßenverkehr. Der Hauptteil wird abgeschlossen mit einer Analyse negativer sowie positiver Potentiale und einer moralischen Rechtfertigung Autonomen Fahrens. Die vierte und letzte Sektion bildet das Fazit, in welchem zentrale Ergebnisse zusammengetragen und aufgrund dieser die Hauptfrage beantwortet wird. Außerdem wird auf nicht behandelte Fragestellungen hingewiesen, welche im Zuge weiterer Forschungen an die hier bearbeitete Thematik anschließen könnten und ebenso relevant wären.

2. EMPIRISCHE FAKTEN

Um ein ausreichendes Verständnis für die hier behandelte Thematik zu erhalten, werden im Folgenden einige empirische Fakten zum Thema Autonomes Fahren und anschließend zu deontologischen und utilitaristischen Prinzipien der Ethik dargelegt. Diese beiden Felder erweisen sich in diesem Zusammenhang als zentral, da sie in ihrer Verbindung einen ethischen Diskurs um das Autonome Fahren zulassen, was auch im Fokus dieser Arbeit steht.

2.1. AUTONOMES FAHREN

Unter autonomen Fahrzeugen versteht man solche, die keine menschliche Hilfe für den Transport von A nach B benötigen (vgl. Hevelke/Nida-Rümelin 2014: 620). Autonome Autos übernehmen also die Kontrolle über sich selbst und können selbstständig lenken, bremsen, Hindernisse umfahren, die Geschwindigkeit anpassen und parken. Den höchsten Grad, der dabei angestrebt wird, nennt man Vollautomatisierung, was bedeutet, dass der gesamte Straßenverkehr ausnahmslos autonom abläuft (vgl. Maurer 2015: 3). Als vor weniger als 300 Jahren das Automobil erfunden wurde und den Transport mithilfe von Pferden nach und nach ablöste, bestand bereits der Grundgedanke darin, selbstbeweglich zu sein, was auch die Zusammensetzung des Namens verrät: „autòs“ bedeutet „selbst“ und „mobilis“ beweglich (vgl. Maurer 2015: 2). Ohne die bisherigen Einschränkungen und Probleme des pferdegesteuerten „Fahrens“, erlangte der Mensch die exakte Kontrolle über Lenkrad, Bremsen und Gas, was einen enormen Freiheits- und Autonomiegewinn für die damalige Bevölkerung darstellte. Jedoch hatte diese Entwicklung auch eine Schattenseite, nämlich resultierte sie in vielen tödlichen Unfällen, welche andernfalls vermeidbar gewesen wären. (Vgl. Kröger 2015: 42) Bis heute besteht das Problem des menschlichen Versagens beim Autofahren, das in erschreckend vielen Toden endet. 2010 starben beispielsweise 1,24 Millionen Menschen durch Unfälle im Straßenverkehr (vgl. Maurer 2015: 4). Aus diesem Grund wuchs das Interesse für Fahrzeuge, bei welchen menschliche Fehler ausgeschlossen und so eine weitaus größere Sicherheit hergestellt werden kann (vgl. Winkle 2015: 372). Die Anfänge Autonomen Fahrens sind bereits im 20. Jahrhundert wiederzufinden, als der erste Autopilot Flugzeuge selbstständig ausbalancierte und später sogar den Kurs autonom kalibrierte. Auch die Radiotechnik ermöglichte schon damals eine Fernsteuerung von Fahr- und Flugzeugen. (Vgl. Kröger 2015: 43 f.)

Menschen geben immer mehr Tätigkeiten und somit auch Verantwortung an Maschinen ab, auch im Straßenverkehr. Schon heute helfen uns zahlreiche Assistenzsysteme bei verschiedenen Fahraufgaben, wie zum Beispiel dem Einparken, Tempo oder Abstand einhalten und sind vermutlich in der Lage, allgemein das Risiko von Unfällen zu senken. Das angestrebte Ziel dieser Entwicklung ist letztendlich die Vollautomatisierung im Straßenverkehr. (Vgl. Scholz/Kempf 2015: 2) Diese verspricht nicht nur eine höhere Sicherheit, sondern auch erweiterte Mobilitätsmöglichkeiten für bisher ausgeschlossene Gruppen, sowie einen weitaus flüssigeren und effizienteren Verkehrsfluss. Doch auf der anderen Seite generieren diese positiven Potentiale gleichzeitig auch negative, mitunter weil sich die Aufgabe der Realisierung als äußerst komplex darstellt. Von einer problemlos funktionierenden, vollautomatisierten Verkehrswelt ist kann vorerst nicht ausgegangen werden, denn vorher müssen vermutlich etliche Fehler gemacht werden und Probleme sich erst zeigen, bis alle möglichen Systemgrenzen gefunden und Systemfehler behoben wurden, so wie es auch bei anderen Maschinen der Fall ist.

Der Unterschied zu diesen anderen Maschinen besteht jedoch im Fall des Autonomen Fahrens darin, dass sogar Entscheidungen über Leben und Tod der Maschine übertragen werden und wir somit individuell als Menschen unsere Handlungsautonomie im Straßenverkehr zugunsten eines vermuteten kollektiven Gewinns an Sicherheit und Menschenleben aufgeben. Dafür sollten alle vorstellbaren Situationen im Straßenverkehr - klare sowie unklare wie Dilemmas - durchdacht werden, um das „Verhalten“ der Fahrzeuge programmieren zu können. Dadurch ergibt sich die hier thematisierte Verkettung zwischen Technik und Ethik, welche bei der Entwicklung eines vollautomatisierten Straßenverkehrs fundamental ist. (Vgl. Maurer 2015: 3 f.) Doch die Umsetzung programmierter Verhaltensalgorithmen ist keineswegs eindeutig oder unkompliziert, da die menschliche Moral - wie der Mensch selbst - fehlbar und wechselhaft ist, sich selbst, den damit verbundenen Reaktionen (Handlungen), oder den moralischen Prinzipien anderer wiederspricht und in komplexer Weise mit dem Fluss der ständigen Veränderung und Weiterentwicklung verstrickt und keineswegs konstant ist.

Eine der fundamentalen Überlegungen, welche beim ethischen Diskurs um das Autonome Fahren zwingend nötig ist, bildet die gesellschaftliche Akzeptanz. Nur, wenn wenig Wiederstand herrscht, sich also aktuell bestehende gesellschaftliche, moralische und rechtliche Normen in der realen Umsetzung autonomer Autos wiederspiegeln, ist auch der Markterfolg gewährleistet (vgl. Scholz/Kempf 2015: 2). Wie eine möglichst weitreichende Akzeptanz erreicht werden kann, wird später im Text analysiert.

Für dieses Kapitel der Fakten über Autonomes Fahren ist zuletzt wichtig, individuelle von kollektiven Interessen abzugrenzen. Auf individueller Ebene besteht das Interesse in mehr Sicherheit, größerem Komfort, dem effizienten Nutzen der Fahrtzeit, dem Vertrauen in und die Verlässlichkeit auf die Technologie und einem attraktiven Preis. Aus kollektiver Sicht soll die Zahl der Todesopfer durch Verkehrsunfälle gesenkt werden, der Verkehrsfluss verbessert und bisher unfähige Gruppen, wie Behinderte, Alte oder Kinder inkludiert werden. Das kollektive Interesse besteht zudem darin, künstliche Intelligenz im Allgemeinen zu akzeptieren und zu lernen, mit einer globalen Realisierung dieser zu leben und umzugehen. Denn letztendlich ist beinahe jeder von technologischen Innovationen betroffen, was zum heutigen Zeitpunkt bereits daran zu erkennen ist, dass sogar Kinder in den ärmsten Slums der Welt ein Smartphone besitzen.

2.2. DEONTOLOGISCHE VS. UTILITARISTISCHE PRINZIPIEN DER ETHIK

Die zentrale Funktion der normativen Ethik ist es, Handlungsanweisungen zu geben und diese mit guten Begründungen zu rechtfertigen (vgl. Nasher 2009: 11). Auch für das Forschungsfeld des Autonomen Fahrens ist es essenziell, solche Anweisungen herauszuarbeiten, auf welchen das Verhalten der selbstfahrenden Autos basieren soll. Grundsätzlich sind der Standartauffassung nach alle normativen Ethiken entweder utilitaristisch (teleologisch) oder deontologisch geprägt (vgl. Werner/Düwell 2013: 159). Deshalb werden im Folgenden die Leitgedanken dieser zwei zentralen ethischen Prinzipien erläutert und ihre Probleme aufgezeigt, um sie anschließend im Hauptteil auf das Themenfeld des Autonomen Fahrens anwenden zu können.

DEONTOLOGISCHES PRINZIP

Handlungen, welchen das deontologische Prinzip der Ethik unterliegt, basieren auf vorher festgelegten absoluten Regeln, Geboten, Verboten, Werten oder Verpflichtungen (vgl. Werner/Düwell 2013: 158). Eine solche Pflicht könnte im Falle des Autonomen Fahrens heißen: „überfahre keinen Menschen“. Diese Handlungsanweisungen sind auch unter dem Begriff des „Kantianismus“ bekannt, denn nach Immanuel Kants kategorischem Imperativ ist vordergründig nach allgemeingültigen Regeln oder Normen zu handeln. Diese Form der Sittlichkeit steht dabei stets über individuellen subjektiven und situationsbedingten Bedürfnissen. (Vgl. Höffe 1977: 354) Gleichzeitig schreibt der kategorische Imperativ vor, Menschen niemals nur als Mittel zum Zweck zu behandeln (vgl. Scholz/Kempf 2015: 4). Im Fall des Autonomen Fahrens könnte dies bedeuten, dass kein Mensch geopfert werden darf, um andere dafür zu retten. Die allgemeine Vermehrung des Glücks spielt dem deontologischen Prinzip nach keine so große Rolle wie ein pflichtkonformes Verhalten, denn dieses ist Grundlage für die Bewertung von richtigen und falschen Handlungen (vgl. Werner/Düwell 2013: 159). Diese Definition des deontologischen Prinzips scheint im Allgemeinen klar zu sein, jedoch weist sie einen großen Interpretationsspielraum auf, was die Grenzen des deontologischen Handelns wiederum unklar macht. Bei der Implementierung dieses Prinzips auf das Autonome Fahren könnten sich deshalb Schwierigkeiten ergeben, nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass es no-win Situationen im Straßenverkehr geben wird, in welchen zwischen Leben und Tod verschiedener Personen(gruppen) entschieden werden muss.

UTILITARISTISCHES PRINZIP

Im Gegensatz zum deontologischen Prinzip gibt der Utilitarismus vor, Handlungen aufgrund ihrer Konsequenzen zu beurteilen und abzuwägen, weshalb dieses Prinzip auch als „Konsequentialismus“ bezeichnet wird. Intrinsische Motive stehen deshalb nicht so sehr im Fokus wie die Folgen bestimmter Handlungen in der jeweiligen Situation. (Vgl. Nasher 2009: 14) Diese Form der Ethik nennt sich teleologisch: Eine Handlung ist genau dann moralisch richtig, wenn sie das Glück maximiert (vgl. Werner/Düwell 2013: 159), also möglichst viel Glück für möglichst viele Menschen generiert. Da das psychologische Bedürfnis nach Glück im Menschen verankert ist, wird bei der Argumentation für den Utilitarismus keine weitere Berücksichtigung aktuell bevorzugter Tugenden benötigt, wie es beim deontologischen Prinzip der Fall ist (vgl. Nasher 2009: 11). Dies scheint auch für den Erfolg der realen Umsetzung ein Vorteil zu sein. In no-win Situationen könnte daher abgewogen werden, mit welcher Handlung am meisten Leid verhindert, beziehungsweise das kleinste Übel bewirkt werden kann. Hierbei muss das Glück aller Beteiligten berücksichtigt werden, denn nur so kann vorurteilsfrei und gerecht abgewogen werden, was zu tun ist. Zudem ist das Glück lediglich auf die Konsequenzen (Zukunft) der Handlung bezogen und nicht auf Motive oder Absichten (Vergangenheit). (Vgl. Birnbacher 2006: 23-57) Neben dem Glück als Ziel wird beim Utilitarismus auch vom allgemeinen Nutzen der zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen gesprochen, welcher bei der Beurteilung ebenso maximiert werden muss (vgl. Nasher 2009: 13). Auch dieses ethische Prinzip weist einige Probleme auf, wie zum Beispiel die Unmöglichkeit, alle erdenklichen Folgen aller Handlungsmöglichkeiten voraussehen und berücksichtigen zu können. Außerdem stehen utilitaristische Handlungsvorgaben nicht immer im Einklang mit der moralischen Intuition einzelner Akteure, obwohl, wie oben beschrieben, generell das psychologische Bedürfnis besteht, Glück zu maximieren. Denn der Utilitarismus erfordert das Vermeiden emotionaler Beeinflussung und somit eine völlig neutrale Bewertung der Konsequenzen, was sich in der Realität oftmals als schwierig erweisen kann, vor allem wenn es um Entscheidungssituationen im Straßenverkehr gehen soll. (Vgl. Scholz/Kempf 2015: 4)

3. AUTONOMES FAHREN IM DISKURS DER ANGEWANDTEN ETHIK

Nachdem alle für diese Seminararbeit relevanten Fakten über Autonomes Fahren und deontologische, sowie utilitaristische Prinzipien der Ethik offengelegt wurden, erfolgt nun der Hauptteil. Hier werden im Allgemeinen die Folgefragen diskutiert und beantwortet, was gleichzeitig Grundlage für die Beantwortung der Hauptfrage bietet. Im Verlauf des Hauptteils wird die Position, dass Autonomes Fahren moralisch gerechtfertigt und deshalb erlaubt ist, nach und nach herausgearbeitet. In der letzten Sektion des Hauptteils wird sich schlussendlich herausstellen, dass die positiven Potentiale vor allem gesamtgesellschaftlich und global gesehen ein größeres Gewicht haben als die negativen, und Autonomes Fahren deshalb moralisch gerechtfertigt ist.

3.1. IMPLEMENTIERUNG ETHISCHER PRINZIPIEN

(1) Inwiefern kann eine „moralische Haltung“ in die Software der Fahrzeuge implementiert werden und welche moralischen Prinzipien sollen die Programmierung leiten?

Stellen wir uns eine möglicherweise bald existierende Welt vor, in welcher der gesamte Straßenverkehr vollautomatisiert ist und wir unsere Handlungs- und Entscheidungsfreiheit völlig der Maschine überlassen. Bisher entschied der Mensch selbst, wie er sich beim Autofahren verhält; die Reaktionen basierten vorwiegend auf Intuitionen und nicht, wie im Falle eines autonomen Autos, auf Berechnungen aller nötigen Daten für das „richtige“ Handeln. Doch nicht immer wird die optimale Lösung auf der Hand liegen, beziehungsweise für das Auto errechenbar sein. Und wie wir auch am Menschen selbst erkennen können, gibt es nicht nur eine Art und Weise eines akzeptablen Verhaltens. Besonders problematisch wird die Frage nach der richtigen Verhaltensweise bei Situationen, in welchen dem Auto keine andere Möglichkeit bleibt, als mindestens einen Menschen zumindest zu verletzen, wenn nicht zu töten. Da autonome Autos die Möglichkeit haben werden, den nächsten Schritt relativ exakt zu berechnen und diesen nicht wie der Mensch intuitiv vollziehen, wird von Entwicklern erwartet, die Autos so zu programmieren, dass das Verhalten im Einklang mit den Werten und Normen der potentiellen Nutzer steht. Nur so kann eine breite gesellschaftliche Akzeptanz erreicht werden, was, wie bereits angedeutet, für den Erfolg des Autonomen Fahrens eine zentrale Rolle spielt. Denn bestenfalls sollen Nutzer sich mit der Technik wohl fühlen, ihr vertrauen und die Fortbewegung im autonomen Fahrzeug nicht als Horrortrip ohne Möglichkeiten des Eingreifens wahrnehmen.

Zunächst sollen zwei Beispiele von möglichen Dilemma Szenarien, welche in jedem Fall für mindestens eine Person tödlich ausgehen müssen, das erläuterte Problem illustrieren:

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Autonomes Fahren im Diskurs der angewandten Ethik. Ist die Abgabe menschlicher Verantwortung an autonome Fahrzeuge moralisch erlaubt?
Note
1,00
Autor
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V437637
ISBN (eBook)
9783668776593
ISBN (Buch)
9783668776609
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ethik, autonom, auto, verkehr, angewandte ethik, ethische prinzipien, utilitarismus, deontologie, moralische rechtfertigung, maschine, digitale technologie, intelligent, fahraufgabe, Straßenverkehr, Technologie, Fahrassistent, Automobilindustrie, künstliche Intelligenz, praktische Philosophie, autonomes Fahren, Philosophie, Digitalisierung, Automatisierung, Verantwortung, Dilemma, Moral, Mensch, Autonomie, Entscheidung, Innovation, Maschinenethik, Software, Implementierung, automatisierter Straßenverkehr, gesellschaftliche Akzeptanz, Akzeptanz, Skepsis, moralische Haltung, Veranwortungszuschreibung, Lösungsvorschläge, negative Potentiale, positive Potentiale, fahrzeug, autonome Fahrzeuge, moralische Fragen, Unfälle, Unfall
Arbeit zitieren
Andjelika Eissing-Patenova (Autor), 2018, Autonomes Fahren im Diskurs der angewandten Ethik. Ist die Abgabe menschlicher Verantwortung an autonome Fahrzeuge moralisch erlaubt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437637

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