Zur Konzeption des Ich bei Jacques Lacan


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. Im Anfang war der Mangel (und das Begehr)

2. Das Spiegelstadium – Die Entstehung des imaginären Ich
2.1 Zusammenfassung

3. Das Unbewusste und die Sprache
3.1 Ödipuskomplex und Sprache
3.2 Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache
3.3 Vom Auge zum Ohr

Schlussbetrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis

EINLEITUNG

Die strukturalistische Tätigkeit Lacans dezentriert das Subjekt, demaskiert das Ich als Illusion, entlarvt das Selbstbewusstsein als imaginäre Struktur... Das methodische Vorgehen, das Lacan hierzu anwendet, gestattet es dem Leser indes nicht auf zusammenhängende Argumentations- und Gedankengänge zu stoßen, um auf diesem Wege zu einem Erkennen zu finden, sondern mutet ein Wirrwarr von Gedanken zu, die umherkreisen, abreißen und wieder auftauchen, Klärung versprechen, wieder vernebeln und in Frustration zurückzulassen...

Lacan vollzieht gewissermaßen in seinem Schreib- und Sprachstil die Auflösung von imaginärer Ganzheit und Einheit, die Auflösung von Ego- und Logozentrismus, indem er das Subjekt aus seiner selbstgenügsamen Haltung herauszustoßen sucht, welche der Täuschung unterliegt ein an sich bestehender Kern eines Selbst oder autonomer Gestalter seines Verhältnisses zur Welt zu sein.

Dies ist nun in der Tat eine der westlichen Denktradition verpflichtete sehr befremdliche und wohl auch nicht ganz willkommene Auffassung, aber ebendies fasziniert und gruselt zugleich und es drängt sich förmlich auf von hier aus an die indische Philosophie anzuknüpfen, was ich in einigen Fußnoten zur vorliegenden Auseinandersetzung auch tun werde. Denn dem östlichen Denken ist die Annahme, dass das Erleben von Ich und Welt Wahncharakter hat seit alters her grundlegend und es ist durchaus die Absicht des Autors auf die vorliegende Arbeit, durch die hier nur angedeuteten Begegnung mit dieser Denktradition, einen inspirierenden Einfluss zuzulassen.

Im ersten Kapitel werden wir uns der Lacanschen Auffassung der conditio humana zuwenden, in der er den Menschen als begehrendes Mängelwesen versteht, um uns von hier ausgehend in die Lacansche Theorie der Ich-Bildung einzulassen, indes das Spiegelstadium von signifikanter Bedeutung sein wird. In einem dritten Schritt werden wir uns der unbewussten Struktur der Sprache und v. a. der sprachlichen Struktur des Unbewussten widmen, da Lacan gerade in dieser Auseinandersetzung die Bedingtheit und Gefangenheit des Menschen in seiner Selbsttäuschung aufdeckt und zu einer Sprache hinführen will, deren Sprechen befreit werden muss. In einer Schlussbetrachtung sollen die Ergebnisse der Arbeit noch einmal zusammengeführt und kommentiert werden.

1. Im Anfang war der Mangel (und das Begehr)

Wir werden unfertig geboren, sind konstitutionelle Frühgeburten, unfähig uns fortzubewegen, uns zu ernähren und v. a. unfähig zwischen uns selbst und unserer Umwelt zu unterscheiden. Wir haben in der ersten Zeit unseres nachgeburtlichen Lebens dasselbe Verhältnis zum eigenen Finger wie zum Busen der Mutter. Alles gehört einfach so in unsere symbiotische Welt hinein. Bis wir glauben lernen, dass die Quellen unserer Bedürfnisbefriedigung außerhalb sind, vergeht einige Zeit.[1]

Aus diesem Urzustand des Mangels heraus entsteht ein Begehr nach Ganzheit und Identität, die das kleine Mängelwesen nie hatte. Im Spiegel nun vermeint das Menschenkind (s)eine (zumindest körperliche) Ganzheit zu finden. Diese jedoch ist eine Illusion, denn das Selbst- und Welterlebnis ist kein einheitliches und entspricht nicht der im Spiegel gesehenen „orthopädischen Ganzheit“. Aber dennoch identifiziert sich das Kind mit dem Gegenüber im Spiegel (als realer Spiegel oder als Selbst-Objekt) und täuscht sich somit über seinen wahren Zustand hinweg. Im aus-langen nach der Ur-Erinnerung des symbiotischen Einheitserlebnisses – aus dem es sich als herausgefallen erlebt – nimmt das Kind sich selbst im Einheit verheißenden Bild des Spiegels als eine Ganzheit wahr, die es de facto niemals hatte. Dieses Geschehnis ereignet sich jedoch, so Lacan, um den Preis der Aneignung eines falschen Ich (moi), worauf wir später noch ausführlicher zu sprechen kommen werden (Kapitel II, imaginäres Ich).

Lacan zeigt, dass der Weg, den das Subjekt zu gehen hat, zwischen zwei Mauern des Unmöglichen verläuft. In diesem Sinne spricht er von einer Struktur des Aufklaffens zwischen der realen Befriedigung auf der einen und der imaginären Erfüllung auf der anderen Seite. Diese Suche verwehrt es dem Menschen einsam zu bleiben. Denn der Trieb ist auf ein Gegenüber, die begehrte und begehrende Andere angewiesen. Der Drang des Triebes treibt uns unentwegt voran, so der Trieb sich als Begehren erweist, das nach einem Mehr an Lust drängt. Es besteht zwischen dem, was die Realität bietet, und dem verloren geglaubten Glück, wonach das Menschenwesen trachtet, eine unüberbrückbare Kluft. Insofern uns das Reale als die eine Schranke des Unmöglichen begegnet.[2] Denn in der „realen Objektwelt“ wohnt per se nicht die Möglichkeit inne diesen Durst zu löschen.

„Es ist sogar das Charakteristische des Lustprinzips, daß das Unmögliche in ihm so gegenwärtig ist, daß es als solches nie erkannt wird (...) unterscheidet man am Ausgangspunkt der Dialektik des Triebes die Not vom Bedürfnis – so geschieht dies deshalb, weil kein Objekt irgendwelcher Not/besoin imstande wäre, den Trieb zu befriedigen.“[3]

D. h. der Trieb resultiert aus einem Mangelerleben heraus und ist somit verhaftet an eine Not. Dieser Mangel wiederum lässt den Trieb in seiner Not nach einer Ganzheit und einem Wohl trachten, was im Erleben des Subjekts nicht ist. Insofern ruft die dem Trieb verhaftete Not das Auftauchen eines Gegenüber, einer andern auf den Plan und zwar als eine, der ich ein Begehrenswerter bin – und meinem Trieb nicht allein als bedürfnisbefriedigendes Objekt dient.

Demzufolge das Bild vom wilden Tier, das, vom Bedürfnis gedrängt, seine Höhle auf der Suche nach einem Objekt verlässt, das es verschlingen kann, um sodann befriedigt zu seinem Ausgangspunkt zurückzukehren, nicht passt.[4] Dies bedeutet, dass der Trieb sich nicht allein auf den Vollzug der aktiven Bedürfnisbefriedigung richtet, sondern v. a. auch nach imaginärer Erfüllung im begehrt werden durch die andere drängt, um auf diesem Wege Ganzheit und Einheit zu erlangen.

Ergo bezieht sich die zweite Mauer des Unmöglichen auf die Einlösung des imaginären Liebesanspruchs. Es wechselt hier der unstillbare Trieb seine Objekte, verschiebt das Ziel und verlagert es gewissermaßen ins Unendliche, in eine Offenheit der ZuKunft, indes der Trieb vielleicht einst einmal seine Erfüllung gefunden und zur Ruhe gekommen sein wird...[5]

Die Unmöglichkeit Bedürfnis und Begehren zur Deckung zu bringen, schreibt der Triebstruktur eine unaufhebbare Negativität ein, die die Seinserfahrung des Menschen als die des Mangels, des Entzugs an Sein, bestimmt. In diesem „Seinsverfehlen“ sieht Lacan die conditio humana verankert. Doch wie Lacan deutlich macht, lässt sich der Mangel an Sein nicht reduzieren auf eine biologische Mangelausstattung, wie sie in der anthropologischen Bestimmung des Menschen als Mängelwesen impliziert ist. Ihm liegt als Antriebskraft vielmehr das Erleben des Mangels und das hieraus resultierende Begehren als das fundamentale Verlangen nach Liebe, Ganzheit und Erfüllung zugrunde.[6]

Folglich ist die Kreisbahn des Triebes nicht an den Organismus geschmiedet, sondern nimmt ihren Anfang am Ort des Begehrens des anderen. Das Kind selbst will, im Modell der Psychoanalyse, Phallus/Lustobjekt der Mutter sein, so das Begehren der Mutter der Phallus ist, das Kind im Begehren selbst begehrt zu werden, Phallus sein will.

Die Leerstelle der Mutter (der fehlende Penis) lässt folglich aus dem Mangelerleben des Kindes heraus den Wunsch entstehen, ihr diesen zu ersetzen, um den brennenden Durst im gegenseitigen Begehren zu löschen. Denn das Kind sucht in der Mutter seine Einheit und Vollkommenheit. Doch seine Idealvorstellung von der vollkommenen Mutter – mit der es eins sein will, sein will, was sie begehrt, um ihr in diesem Sein ihre Vollkommenheit zu bestätigen und daran teilhaben zu können – findet sich negativiert. Diese Negation schreibt sich als das Erfahrungsmoment der Kastration ein, als ein „Habens- bzw. Seinsverfehlen“, dessen Merkmal sich für Junge und Mädchen, gemäß Lacan, gleichermaßen anzeigt.[7]

Wenn Freud nun die Gleichung Penis = Kind aufstellt, dann deshalb, weil er davon ausgeht, dass der unbewusste Wunsch niemals verloren geht, sondern, nach den Gesetzen der Verschiebung, durch einen anderen ersetzt wird.[8]

Lacan bezeichnet den Phallus als den Signifikanten, der an einer Leerstelle am Ort der anderen seinen Platz einnimmt, womit er die Ableitung Freuds zu bestätigen scheint, dass das Begehren der Mutter der Phallus ist und das Kind, um dieses Begehren zu befriedigen, selbst Phallus sein will, folglich die Gefühle der Mutter geprägt sind von jenem verdrängten Begehren nach dem naturgegebenen Penis des Mannes und das Kind ihr diesen unbewussten Wunsch zu erfüllen vermeint.

Freilich ist es hierbei wichtig im Auge zu behalten, dass Lacans Festhalten am phallischen Aspekt der Kastration jeden Bezug auf einen biologisch–anatomischen Mangel weit von sich weist. Mehr noch: „Das Begehren um den Phallus kann sich weder an objektiven Realitäten befriedigen, noch kann es sich erfüllen im imaginären Anspruch an den anderen, z. B. an die Mutter.“[9]

Denn anders als Freuds Herleitung des Kastrationskomplexes geht es hier nicht mehr um die Annahme der Geschlechtlichkeit gemäß der Alternative: Den Phallus besitzen oder seiner beraubt zu sein. (...) Eingebettet in die Struktur des Begehrens lässt sich der „Signifikant Phallus“ weder auf eine naturbedingte Realität reduzieren, noch ist er eindeutig als Symbol von Macht und Herrschaft auf das eine männliche Geschlecht beziehbar. Das Begehren beider Geschlechter – ob Junge oder Mädchen – zentriert sich auf ein gemeinsames „Hab und Gut“: Die Mutter. Ihr Begehren ist es, an der das kindliche Begehren sich erprobt. Und das entscheidende Moment der geschlechtsspezifischen Erfahrung liegt – wie Lacan betont – nicht darin, dass das Subjekt die Existenz bzw. Nichtexistenz seines „realen“ Penis erfahren kann, sondern „dass es erfährt, dass die Mutter ihn nicht hat“. Der Phallus, der hier die Signifikanz einer Leerstelle bei der Mutter bezeichnet, ist das „Symbol“ für den Mangel schlechthin – für den Mangel, der sich in immer neuer Gestalt in jenen Objekten verkörpert, die das menschliche Begehren auf seiner Suche nach libidinöser Erfüllung umkreist. Denn jede Mangelerfahrung sucht nach Erfüllung und bedingt so das Begehren. Gemäß Lacans Interpretation symbolisiert der (fehlende) Penis den Mangel an Sein, nach dessen Aufhebung uns dürstet.[10]

Im unermüdlichen Streben des Menschen nach Lust und Genuss entpuppt sich jede Präsenz als verschleierter Mangel und jeder Akt von Lusterfüllung als Wiederholung eines fundamentalen Verlustes – bedingt ist hier die Wiederkehr eines ewig Gleichen, wie sie Nietzsche seinen Zarathustra lehren ließ und Freud in seiner Schrift Jenseits des Lustprinzips beschrieb. Der Trieb erweist sich hier als Begehren, das stets nach einem Mehr an Lust drängt, denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit![11]

„Die Angst, die den Menschen diesbezüglich befällt, ist nicht die Angst vor dem Mangel, sondern die, dass der Mangel fehlen könnte, der das Begehren und die Lust vorwärts treibt.“[12] D. h., dass ohne Mangel auch keine Lust ist, folglich die Mangellosigkeit Angst macht, da der Mangel das Bedürfnis bedingt und auf die Erfüllung des Bedürfnisses das ersehnte lustvolle Befriedigungserlebnis folgt. Nun ist der Glaube, dass, wenn der Mangel fehlt, mit ihm die Möglichkeit des Wohlgefühls entschwindet.[13]

In diesem Sinne ist der Mensch als Wesen zu verstehen, dessen Be-Findlichkeit bedingt ist durch Mangel und Begehr, ein Wesen das sich ständig auf der Suche nach Befriedigung einer Lust verzehrt, die letztendlich unstillbar ist.[14]

[...]


[1] Vgl. Lemke, Gemma. Narzisstische Störungen. Online-Text: http://premium-link.net/narzissmus_premium.html. S.2

[2] Vgl. Pagel. S.76.

[3] Lacan. Sem XI, S.175. Zit. n. Pagel. S.77.

[4] Vgl. Pagel. S.77.

[5] Von der Lacanschen Interpretation der Triebe ausgehend, fällt es leicht Anknüpfungspunkte in der indischen Philosophie zu finden. Im Buddhismus bspw. bieten die vier edlen Wahrheiten die Möglichkeit die existentielle Situation zu verstehen; zu erkennen, dass wir infolge unseres Begehrens leiden und zu sehen, dass wir uns des Begehrens frei machen müssen, um den Mangel zu beseitigen und somit Leidfreiheit zu erlangen. Der achtfache Pfad gilt als Vorgehensweise zur Auflösung des Begehrens als Ursache von Leiden.

[6] Vgl. Pagel. S.78.

[7] Vgl. Pagel. S.104f.

[8] Vgl. Pagel. S.90.

[9] Pagel. S.91.

[10] Vgl. Pagel. S.103f.

[11] Nietzsche: KSA4, S.286. Bedingt ist hierin das Samsara. Diesem zu entkommen, einen Ausweg aus dem endlosen Leidenskreislauf zu finden, das ist Ziel der indischen Philosophie.

[12] Pagel. S.106.

[13] Im Palikanon (Angereihte Sammlung: IX, 41) wird geschildert, wie das Zurücktreten von Sinnenwünschen den „Hausleuten“ wie ein Abgrund erscheint, so lange der Erfahrung kein höheres Wohl als das sinnliche zugänglich ist. (Näheres hierzu in: Schäfer. 2002. S.219ff.)

[14] Die Be-Findlichkeit des Menschen entspricht seinem dharma, also jenem karmischen „Ort“ im Netz der Verweisungen, an dem sich ein „Kraftfeld“ zeitigt, das sein Wesen bestimmt.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zur Konzeption des Ich bei Jacques Lacan
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Jacques Lacan - Ausgewählte Texte
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V43767
ISBN (eBook)
9783638414968
ISBN (Buch)
9783638657259
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konzeption, Jacques, Lacan, Ausgewählte, Texte
Arbeit zitieren
Klaus Itta (Autor), 2005, Zur Konzeption des Ich bei Jacques Lacan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43767

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