Die sein/haben + zu + Infinitiv Konstruktionen in "Newen Zeitungen" des 16. und 17. Jahrhunderts


Magisterarbeit, 2004

154 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

I. Die Konstruktionen sein / haben + zu + Infinitiv in der Gegenwartssprache

1. Einleitung
2. Zum Wesen des Infinitivs
2.1 Historische Betrachtung des Infinitivs
2.2 Modale Infinitivkonstruktionen: sein und haben + zu
3. Die modale Relation bei sein + zu
3.1 Konkurrenzformen
3.1.1 Möglichkeit
3.1.1.1 Weitere Konkurrenzformen: sich lassen, –bar und –lich Ableitung
3.1.2 Notwendigkeit
3.1.3 Negierte Aussagen
3.1.4 Das Gerundivum
4. Modale Passivumschreibungen
5. Die modale Relation bei haben + zu
5.1 Konkurrenzformen
5.1.1 Notwendigkeit
5.1.2 Möglichkeit
5.1.3 Negierte Aussagen
6. Wechselseitiges Verhältnis zwischen sein + zu und haben + zu
7. Ambiguität der sein- und haben- Fügung
8. Modaler Infinitiv mit einem anderen Abhängigkeitsstatus
9. Zusammenfassung

II. Neue Zeitung als eine der öffentlichen Kommunikationsformen im 16. und 17. Jahrhundert

1. Einleitung
2. Zeitung heute
3. Die Entstehung der Zeitung aus dem brieflichen Verkehr
3. 1 Brief und geschriebene Zeitung
4. Flugblatt und Flugschrift
5. Zum Begriff Zeitung
6. Neue Zeitungen
6.1 Äußeres Erscheinungsbild
6.2 Inhalt
6.3 Produzenten und Druckorte
6.4 Zeitungsmerkmale
6.5 Die Sprache
7. Zusammenfassung

III. Die sein/ haben+ zu + Infinitiv- Konstruktionen in Neuen Zeitungen des 16. und 17. Jahrhunderts
1. Einleitung
2. Druckorte und Produzenten
3. Das zu untersuchende Korpus
4. Sein + zu + Infinitiv
4.1 Zu den häufigsten sein+ zu + Infinitiv Kombinationen
4.2 Konstruktionen mit potentialer Modalität
4.3 Konstruktionen mit adhortativer Modalität
5. Haben + zu + Infinitiv
5.1 Zu den häufigsten haben+ zu + Infinitiv Kombinationen
5.2 Konstruktionen mit adhortativer Modalität
5.3 Konstruktionen mit potentialer Modalität
6. Gerundivkonstruktionen
7. Analyseergebnisse

Resümee

Literaturverzeichnis

Vorwort

Das Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit besteht in der Darstellung bisher wenig beachteter sein/ haben+ zu + Infinitiv Konstruktionen[1], die als modale Konstruktionen betrachtet werden, d. h. als freie syntaktische Verbindungen, die verschiedene Schattierungen der modalen Bedeutung bezeichnen können. Die Modalität der Fügungen besteht in einem besonderen Verhältnis zwischen dem Subjekt des Satzes und dem Vorgang, der durch den Infinitiv bezeichnet wird, nicht jedoch in dem Verhältnis des Sprechenden zu dem Inhalt der Äußerung. Es ist also keine kommunikativ-grammatische, sondern eine logisch- grammatische Modalität.[2] Die beiden Fügungen schaffen eine einheitliche Aussageweise dafür, dass der Träger der Handlung (Tätigkeit) diese Handlung erfüllen kann oder muss. Die Verbindung mit haben bezeichnet häufiger eine Notwendigkeit und die mit sein eine Möglichkeit, es sind aber auch entgegengesetzte Fälle denkbar.

Der Unterschied in der Anwendung der beiden Fügungen wird durch Genus- verbi bestimmt, wobei die Verbindung mit haben aktivische Bedeutung und die mit sein passivische hat.

Ich habe gerade diese Konstruktionen für meine Untersuchung ausgewählt, weil sie eine Sonderstellung im Vergleich mit den anderen Verben, die die Modalität kennzeichnen, einnehmen.

Die Notwendigkeit für die Erstellung eines eigenen Korpus ergab sich allerdings aus meinem umfassenderen Ansatz, für den übliche Ausgangspunkte und Fragestellungen durchweg zu einseitig ausgerichtet waren. So hat zwar Gelhaus[3] den modalen Infinitiv systematisch anhand einer Fülle von Beispielsätzen untersucht, aufgrund des formalen Kriteriums und seines einzelsprachlichen Ausgangspunktes sind seine zweifellos sehr kompetenten Ausführungen jedoch nur bedingt aussagekräftig.

Ich beschränke mich in der Untersuchung der sein/ haben + zu+ Infinitiv- Konstruktionen nicht nur auf den Bereich der deutschen Gegenwartssprache, sondern greife in der Analyse auf Belege aus früheren Sprachepochen zurück. Damit soll gezeigt werden, dass die Existenz dieser Konstruktionen keine rein gegenwartssprachliche Erscheinung des Deutschen ist, sondern schon wesentlich früher eine Rolle in der Sprachverwendung gespielt hat.

Die vorliegende Arbeit besteht aus drei Teilen. In den ersten zwei Teilen wird zunächst der theoretische Rahmen errichtet, auf den sich dann die praktische Analyse stützen kann.

Die Aufgabenstellung ist somit eine dreifache: Einerseits soll die Arbeit den Gebrauch der sein/ haben+ zu + Infinitiv- Konstruktionen in der Gegenwartssprache darstellen, um aufzuzeigen, welche Bedeutungen den Konstruktionen zukommen. Andererseits ist ein Beitrag zur Geschichte und Entstehung der Neuen Zeitungen beabsichtigt, da sie das eigentliche Untersuchungskorpus bilden.

Etwas anders stellt sich die Lage im funktionalen Teil der Untersuchung dar, in welchem die Bedeutung der sein/ haben+ zu + Infinitiv- Konstruktionen der deutschen Schriftsprache des 16. und 17. Jahrhunderts im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Im folgenden werde ich die theoretischen und systematischen Untersuchungen zum Gebrauch dieser Konstruktionen im Deutschen mit einer empirisch- historischen Analyse dieser Gefüge in Neuen Zeitungen konfrontieren.

In meiner Arbeit konzentriere ich mich darauf, eine erste Grundlage zu schaffen und der Frage der Regelhaftigkeit in Form und Gebrauch der sein/ haben+ zu + Infinitiv- Konstruktionen nicht nur in der Gegenwartssprache, sondern auch in der deutschen Schriftsprache des 16. und 17. Jahrhunderts nachzugehen.

I. Die Konstruktionen sein / haben + zu + Infinitiv in der Gegenwartssprache

1. Einleitung

In dem ersten theoretischen Teil der Arbeit werde ich auf die sein/ haben+ zu + Infinitiv – Problematik und die Verwendung dieser Konstruktionen in der deutschen Gegenwartssprache eingehen. Im vorliegenden Fall handelt es sich um den modalen Infinitiv. Die Konstruktionen sein/ haben+ zu + Infinitiv nehmen eine Sonderstellung im Vergleich mit den anderen Verben ein, die die Modalität kennzeichnen. Sie werden nie zu den Modalverben im eigentlichen Sinne gerechnet, wohl weil sie den Infinitiv mit zu erfordern. Während Modalverben nur eine Modalität ausdrücken, enthalten sein/ haben Konstruktionen vielmehr eine Variable für verschiedene modale Bedeutungen, die je nach dem Kontext interpretiert werden muss.

Hinsichtlich der Abwandlungsmöglichkeiten in der deutschen Syntax lässt sich die Form sein+ zu + Infinitiv eng mit einer Gerundivkonstruktion verbinden: einer Umformung des Infinitivs in eine Partizipialkonstruktion. In diesem Zusammenhang möchte ich die semantisch- syntaktische Nähe zwischen den beiden Konstruktionen im Kapitel 3. erwähnen.

Die Funktion des Gerundivs als Attribut statt einer Form sein+ zu + Infinitiv liegt darin, dass es eine kürzere und komprimierte Bildung der Satzglieder erlaubt und damit eine Tendenz des deutschen Satzbaus in der Gegenwart verstärkt – den Rückgang der Hypotaxe und die Zunahme der Verbalsubstantivgruppe.[4]

Während bei dem sein+ zu + Infinitiv die Umwandlung zu einem (vorangehenden) Attribut möglich ist, kann der haben+ zu + Infinitiv nicht zu einer Substantivgruppe umgeformt werden.

Im Unterschied zur semantisch passivischen Bedeutung der Konstruktion sein+ zu + Infinitiv bezeichnet die Konstruktion haben+ zu + Infinitiv eine aktivische Handlung.

Im ersten Teil der Arbeit findet sich ein wissenschaftsgeschichtlicher Überblick. Nach einer kurzen Charakteristik des Infinitivs werden Kriterien gegeben, die im Zusammenhang mit der jeweiligen Problematik der einzelnen Abschnitte besprochen werden.

Ich halte es für notwendig, das Phänomen von den unterschiedlichsten Standpunkten her zu beleuchten, um ein umfassendes Bild davon zu geben, welche Bedeutung und welchen Charakter diese Konstruktionen in der Gegenwartssprache tragen. Erst dann werde ich auf ihre Analyse in Neuen Zeitungen des 16. und 17. Jahrhunderts eingehen.

2. Zum Wesen des Infinitivs

Üblicherweise unterscheidet man in der traditionellen Grammatik drei Nominalformen, wie man die infiniten Verbformen auch nennt[5], und zwar den Infinitiv und die beiden Partizipien. Die Infinitive haben vorwiegend substantivischen, die Partizipien adjektivischen Charakter.

Entsprechend unterscheidet man bei den infiniten Formen den Infinitiv singen, das Partizip I (Präsens) singend und das Partizip II (Perfekt) gesungen. Noch differenzierter äußert sich Bech[6] zum System der infiniten Verbformen. Er hat die infiniten Verbformen auf Grund morphologischer Kriterien in zwei Stufen und drei Status eingeteilt, erwähnt als weitere Form das Gerundiv (zu lieben) und gelangt so zu einem zweidimensionalen System:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Infinitive gehören zur ersten Stufe (Supinum) und sind in dem 1. und 2. Status vertreten.

Der Infinitiv wird im Unterschied zu den finiten Verbformen nicht nach Person, Numerus, Tempus, Genus und Modus des Verbs differenziert, er wird aus dem Tempusstamm I. in Verbindung mit dem Infinitivsuffix –en gebildet:

sag – en, brenn – en, lauf – en

In einigen Fällen lautet die Infinitivendung –n, bei Verben mit Suffix –el- und –er-:

wechsel n, lächel n, zitter n

und bei den Verben:

sei n und tu n

Infinitiv (lat. infinitus: unbegrenzt, unbestimmt)... [7]

Der Infinitiv ist morphologisch überhaupt nicht gekennzeichnet, er stellt die semantische Nullform des Verbs dar.

Man unterscheidet folgende Infinitivformen:

- den bloßen, also reinen Infinitiv ohne zu: singen

und

- den Infinitiv mit zu, also den sogenannten „präpositionalen“ Infinitiv: zu singen

Zu betrachtet man als Bestandteil der Verbform Infinitiv, also als Verbaffix, das niemals topologisch vom Infinitiv abgetrennt wird. Bei Verben mit abtrennbarem Verbpräfix wird zu zwischen Präfix und Verbstamm eingeschoben z. B. ein zu kaufen.

Die Infinitivformen lassen sich schematisiert folgendermaßen darstellen:[8]

Im Zentrum meines Interesses steht jedoch nur eine der unbestimmten Verbformen, nämlich der Infinitiv mit zu in der Verbindung mit sein und haben.

2.1 Historische Betrachtung des Infinitivs

Der präpositionale Infinitiv erscheint noch im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen in der flektierten Form ze sezzene und wird deshalb oft als flektierter Infinitiv oder Gerundium bezeichnet. Diese Form erscheint meist als Dativ in Verbindung mit der Präposition ahd. za, zi, mhd. ze (zuo): mhd. ze sezzen(n)e; seltener im Genitiv: mhd. ze sezzen(n)es. [9]

Im Althochdeutschen erscheinen aber schon vereinzelt zi mit dem Infinitiv und der bloße Infinitiv. Im Mittelhochdeutschen kommen Gerundiumsformen auch mit einfachem –n vor: suochenes, suochene und mit eingefügtem –d (ze suochende). Ferner wird der Gebrauch der Gerundiumsform immer mehr durch die Infinitivform beschränkt. Seit dem 13. Jh. wurde neben dem Gebrauch des Gerundiums mit ze auch der des Infinitivs mit ze üblich, der späterhin das Gerundium verdrängte. Im Neuhochdeutschen setzt sich der Infinitiv mit zu immer mehr durch und kommt mit der gewöhnlichen Infinitivendung –en (zu setzen) aus.

So entwickelte sich aus dem häufigen mhd. ze lesene nhd. zu lesen.

Der Infinitiv erscheint demnach als ein beliebtes Mittel zur Satzkürzung, wenn auch sein Entstehen nicht aus dem Bestreben, den Nebensatz zu kürzen, hergeleitet werden darf. Klarer tritt dieses noch bei den Infinitiven mit um zu und ohne zu hervor.

Der Infinitiv mit zu gilt also im Neuhochdeutschen fast überall, wo früher der reine Infinitiv gebraucht wurde. Er hat sich auf Kosten des bloßen Infinitivs weit verbreitet.

Der von zu begleitete Infinitiv bei sein und haben hatte schon im Althochdeutschen die Bedeutung der Möglichkeit und Notwendigkeit gewonnen. Dabei wird die Richtung auf die Zukunft bezeichnet, also auf den Eintritt einer Handlung und die Modalität der Möglichkeit und Notwendigkeit. Bei haben kennzeichnet der Infinitiv eine aktive, bei sein eine passive Handlung.

Ich habe zu melden.

das heißt:

Ich habe eine zukünftige, erst noch bevorstehende, daher auch wohl notwendige Meldung.

Inhaltlich aber weist dieser Satz auf etwas Vergangenes hin, weil die Information schon bekannt ist.

Im Neuhochdeutschen entstand aus der mhd. Form auf -ende die passivische Partizipform mit zu, also: der kaum zu ertragende Schmerz. Diese Form, also das Gerundivum, diente auch dazu, den sein + zu + Infinitiv attributiv zu setzen.

Der Schmerz ist kaum zu ertragen.

Gerundivum:

Der kaum zu ertragende Schmerz.

Der präpositionale Infinitiv steht ursprünglich in derselben syntaktischen Funktion wie der reine Infinitiv, nämlich als Ergänzung von Substantiven, Adjektiven, und Verben zur Bezeichnung von Absicht oder Folge.

2.2 Modale Infinitivkonstruktionen: sein und haben + zu

Sein und haben verwenden wir als Vollverben, Hilfsverben und als modale Verben. Sie haben zwei Funktionen, temporale:

- dienen vorwiegend der Tempusbildung und kommen zusammen mit Infinitiv und Partizip II vor, Er hat die Arbeit zu machen gehabt

Er hat die Arbeit machen müssen. [10]

Die Sache war nur unter vier Augen zu klären gewesen. ®

Die Sache hatte nur unter vier Augen geklärt werden können.

Diese Sätze sind aber in der Schriftlichkeit nicht akzeptabel. Als Tempusmarkierung wird bei diesen Konstruktionen in der Regel nur Präsens und Präteritum zu erwarten sein. Die sein/ haben+ zu + Infinitiv Konstruktionen in Perfektform kommen sehr oft in Neuen Zeitungen vor, auf die ich im Teil III meiner Untersuchung zurückkomme.

und modale Funktion:

- sein hat passivischen
- und haben aktivischen Charakter

Unter dem „modalen Infinitiv“ versteht man die beiden Konstruktionen:

- sein + Infinitiv mit zu

und

- haben + Infinitiv mit zu

Beispiele:

Das ist zu machen.

Das habe ich zu machen.

Nach Brinkmann[11] ist der modale Infinitiv ein Bestandteil des verbalen Formensystems. Er geht von folgender Opposition aus:

- Die Türe ist zu schließen. (modaler Infinitiv)
- Die Türe ist geschlossen. (Zustands- Passiv)
- Ich habe die Türe zu schließen. (modaler Infinitiv)
- Ich habe die Türe geschlossen. (Vollzugsstufe)[12]

Der modale Infinitiv bei Brinkmann unterscheidet sich von Passiv und Vollzugsstufe dadurch, dass sein und haben nicht mit Partizip II (geschlossen), sondern mit Infinitiv (schließen) verbunden werden, wobei als morphologisches Zeichen für Infinitiv das obligatorische zu vorkommt, das dem Vollzugssignal ge- beim Partizip II entspricht.[13]

Gelhaus[14] bezweifelt aber, ob die Zuordnung von Brinkmann treffend ist, weil die Bildung der Opposition nur unter formalen Gesichtspunkten erfolgt:

- modaler Infinitiv ® (Zustands- Passiv)
- modaler Infinitiv ® (Vollzugsstufe)

Gelhaus untersucht beide Konstruktionen auf ihre semantischen Funktionen, ihr gegenseitiges Verhältnis und ihr Verhältnis zu konkurrierenden Konstruktionen (u.a. zu den Modalverben).

Die beiden Fügungen drücken stets eine Modalität[15] aus, sind aber semantisch mehrdeutig. Ihre Modalität besteht in einem besonderen Verhältnis zwischen dem Subjekt des Satzes und dem Vorgang, der durch den Infinitiv der ausgedrückten Handlung bezeichnet wird.[16]

„Modal“ ist dabei nicht im Sinne der kommunikativ – grammatischen Modalität zu verstehen, sondern im Sinne der logisch – grammatischen Modalität. Beide Fügungen drücken, ebenso wie die Modalverben, eine Möglichkeit und eine Notwendigkeit aus. Während aber die Modalverben auf jeweils eine der beiden Relationen (notwendig oder möglich) festgelegt sind, lässt vor allem sein + zu, aber auch haben + zu beide modale Relationen zu.[17]

Andere Grammatiker[18] zählen die beiden Fügungen zu „Modalitätsverben“.

3. Die modale Relation bei sein + zu

Der modale Infinitiv mit sein kann von den meisten Verben gebildet werden, die passivfähig im Sinne des werden - Passiv sind. Diese Konstruktion kann als besondere Form des Passivs mit folgender Leseart gedeutet werden:

Die Aufgabe ist zu lösen.

Es ist möglich / notwendig die Aufgabe zu lösen.

Eisenberg[19] bezeichnet diese Konstruktion als modales Passiv.

Gelhaus aber beschreibt sie auf folgende Weise:

„Es wird ein kommunikativer Effekt erzielt, der aus zwei Komponenten zusammengesetzt ist, nämlich:

- einer modalen

und

- einer passivischen Komponente.“ [20]

Die modale Komponente kann nach Gelhaus entweder mit Möglichkeit oder mit Notwendigkeit umschrieben werden.

3.1 Konkurrenzformen

Die sein- Konstruktion ist vielseitig, sie kann sowohl eine „Möglichkeit“ als auch eine „Notwendigkeit“ ausdrücken. Dabei hängt diese sein- Fügung mit -bar, –lich Ableitungen, sich lassen und Gerundiv - Konstruktionen zusammen. Sie haben genauso wie die sein- Konstruktion einen passivisch- modalen Charakter, weil sie semantisch bestimmten Modalverb- Gefügen nahe stehen und mit ihnen teilweise auch konkurrieren.

3.1.1 Möglichkeit

„Möglichkeit“ ist die primäre und frequentere Bedeutung der sein- Konstruktion. Es handelt sich hier um die Variante der Fügung, deren Modalität mit dem Modalverb können paraphrasiert werden kann. Das Subjekt des Ausgangssatzes wird beibehalten.

Die Paraphrase dieser Konstruktion nimmt folgende Struktur an:

- sein + zu + Infinitiv -> können + Partizip II + werden

Die Fügung sein + zu drückt allein die Modalität des Könnens aus:

- bei den Verben der sinnlichen Wahrnehmung mit sein + zu ist ausschließlich potentiale Deutung möglich und sinnvoll:

sehen, hören, fühlen, spüren

Die Musik war zu hören. ®

Die Musik konnte gehört werden.

aber:

Die Musik ist unbedingt zu hören. ®

Unbedingt deutet auf die Modalität des Müssens. Die Konkurrenzen dieser Art werden im Kapitel 3.1.2 behandelt.

Ihre Niederlage war zu sehen. ®

Ihre Niederlage konnte gesehen werden.

Der Weg ist zu sehen. ®

Der Weg kann gesehen werden.

- Die können- Variante kommt sehr häufig in Distribution mit einer Negation: kaum, nicht, kein-, unmöglich, nie, niemals, auf keinen Fall, keineswegs u. ä.

oder konzessiver Bedeutung: nur, bloß, höchstens, wohl, usw.

Es beruhet hierum alles / Gott Lob / in friedlichem Stande / und ist von Kriegs=Sachen nur auß der Ferne zu vernehmen. ®

Es beruhet ... / und kann von Kriegs=Sachen nur auß der Ferne vernommen werden. [21]

Verneint ist hier die können- Variante, also „Möglichkeit“ des modalen Infinitivs:

Das Problem ist kaum zu lösen. ®

Das Problem kann kaum gelöst werden.

das heißt:

Es ist kaum möglich, das Problem zu lösen.

Das Problem ist nur mit deiner Hilfe zu lösen. ®

Das Problem kann nur mit deiner Hilfe gelöst werden.

das heißt:

Es ist nur mit deiner Hilfe möglich, das Problem zu lösen.

Die Sache ist nicht in einer Stunde zu erledigen. ®

Die Sache kann nicht in einer Stunde erledigt werden.

das heißt:

Es ist nicht in einer Stunde möglich, die Sache zu erledigen.

Es sind auch in diesen Fällen Transformationen in Aktivsätze möglich, wobei sein durch können umschrieben wird. Das Subjekt des Ausgangssatzes wird zum Akkusativobjekt und in die Stelle des Subjekts treten man oder wir (manchmal auch andere Personalpronomina).

Die Sache ist nur in einer Stunde zu erledigen. ®

Die Sache kann man nur in einer Stunde erledigen.

Die Anwesenheit eines Negationszeichens schließt bereits häufig die „Müssen“- Modalität aus und lenkt die Modalität der sein+ zu + Infinitiv Konstruktion in eine potentiale Modalität.

3.1.1.1 Weitere Konkurrenzformen: sich lassen, –bar und –lich Ableitung

Das sein + zu - Gefüge kann nicht nur mit den Modalverben konkurrieren, sondern auch mit –bar- Ableitungen und Konstruktionen mit sich lassen.

Die Transformation durch sich lassen ist aber nicht immer möglich. Vor allem dann, wenn das Subjekt belebt ist, hat lassen die Bedeutung von zulassen oder veranlassen.

Die Frage ist zu beantworten. ®

Die Frage lässt sich beantworten. ®

Die Frage kann beantwortet werden.

Wie die sich lassen - Konstruktion ist die sein zu- Konstruktion agensabgewandt. In der Bedeutung „Möglichkeit“ sind die beiden Konstruktionen nahezu synonym.

Die Aufgabe ist zu lösen.

Die Aufgabe lässt sich lösen.

Die Aufgabe ist lösbar.

aber:

Zucker ist nur in heißen Getränken zu lösen.

Zucker kann nur in heißen Getränken gelöst werden.

Zucker lässt sich in heißen Getränken lösen.

Zucker ist nur in heißen Getränken lös lich.

Der Infinitiv der sein- Konstruktion lässt sich auch durch ein Adjektiv mit dem Suffix –bar oder –lich ersetzen, wobei das Adjektiv aus dem Stamm des betreffenden Verbs und dem Suffix -bar –lich gebildet ist (denk –bar, lös –lich). Das Adjektiv mit dem Suffix – lich kann in manchen Fällen auch zur Wortfamilie des betreffenden Verbs gehören (z. B. verständ-lich, käuf-lich).

Wenn das sein- Gefüge negiert ist, ist auch eine Substitution durch ein Adjektiv mit dem Präfix „ un- “ möglich.

Die Aufgabe ist nicht zu lösen. ®

Die Aufgabe ist unlösbar.

3.1.2 Notwendigkeit

Die sein- Fügung drückt in der nachstehenden Variante allein die Modalität des Müssens (oder des Sollens) aus. Sie wird häufig in Instruktionstexten und Vorschriften verwendet und nimmt folgende Struktur an:

- sein + zu + Infinitiv -> müssen / sollen + Partizip II + werden

Eine präpositionale Agensangabe in der 3. Person Singular („von einer bestimmten Person“) ist in der sein zu - Konstruktion bei der Bedeutung Notwendigkeit möglich, aber selten. Die Agensgröße kann ja als Subjekt der haben zu - Konstruktion ausgedrückt werden.

Die Frage ist von mir zu beantworten.

Die Frage muss von mir beantwortet werden. ®

Ich habe die Frage zu beantworten.

Ich muss die Frage beantworten.

Auf die Modalität des Müssens deuten folgende Adverbien hin:

sofort, unbedingt, alsbald, notwendig,

Die Frage ist sofort zu beantworten.

Die Frage muss sofort beantwortet werden. ®

Man hat die Frage sofort zu beantworten.

Man muss die Frage sofort beantworten.

Die Verben der sinnlichen Wahrnehmung weisen zwar auf die „Möglichkeit“ hin, aber in Verbindung mit bestimmten Ausdrücken wie unbedingt ändert sich die Modalität und führt zur „Notwendigkeit“.

Wie diese Beispiele zeigen, kann das sein- Gefüge mit dem haben- Gefüge konkurrieren, aber nur wenn es um die Modalität des Müssens geht.

In dieser Variante ist auch aktivische Transformation möglich.

Die Frage muss man beantworten.

3.1.3 Negierte Aussagen

Der modale Infinitiv realisiert in negierten Aussagen folgende Bedeutungen:

- nicht müssen, nicht brauchen (verneinte Notwendigkeit)
- nicht dürfen (verneinte Forderung, die ein Verbot ausdrückt)

Diese Konstruktion lässt sich folgendermaßen paraphrasieren:

- sein + zu + Infinitiv -> nicht müssen/ nicht brauchen + Partizip II + werden
- sein + zu + Infinitiv -> nicht dürfen + Partizip II + werden
- In diesem Fall wird immer die „Müssen“- Variante negiert, also die Notwendigkeit des modalen Infinitivs:

Davon ist in diesen Erinnerungen nichts zu sagen.

Davon braucht nichts gesagt zu werden. [22]

(aber auch: Davon kann nichts gesagt werden.)

also:

Es ist nicht nötig / notwendig, davon etwas in diesen Erinnerungen zu sagen.

- Bei der folgenden Variante wird nicht die Notwendigkeit des modalen Infinitivs verneint, sondern der angesprochene Sachverhalt:

Ein wütender Straußenhahn ist nicht zu unterschätzen.

Ein wütender Straußenhahn darf nicht unterschätzt werden. [23]

das heißt:

Es ist notwendig / nötig, einen wütenden Straußenhahn nicht zu unterschätzen.

3.1.4 Das Gerundivum

Mit den oben erklärten Konstruktionen hängt die Gerundiv- Konstruktion zusammen, die aus zu + infiniter Verbform (als Partizip Präsens) gebildet ist und in attributiver Stellung flektiert erscheint:

Der abzuholende Brief. ®

Der Brief, der abzuholen ist. ®

Der Brief, der abgeholt werden kann / muss.

Die zu lösende Aufgabe. ®

Die Aufgabe, die zu lösen ist. ®

Die Aufgabe, die gelöst werden kann / muss.

Auch diese Gerundiv- Konstruktion ist eine Konkurrenzform zum Passiv und kann in der gleichen Weise homonym sein wie die Form, in der sein + zu + Infinitiv im Prädikat steht.

Wie jedes Adjektiv richtet sich das Gerundivum in Kasus, Numerus und Genus nach seinem Beziehungswort.

Beispiele:

ein zu lese- nd -es Buch

ein Buch, das man lesen muss / kann

Man kann es sich als eine Art Partizip Präsens Passiv vorstellen, das unter bestimmten Bedingungen futurischen und damit auch Aufforderungscharakter annehmen kann.

Im adhortativen[24] Sinne kommt das Gerundivum häufig in der Sprache der Administration vor[25] und ist eine viel gebrauchte Form des Darstellens und Beschreibens. Die Modalität der Gerundiv- Konstruktion ist aber an sich nicht eindeutig und ergibt sich höchstens aus der Natur des Sachverhalts, der beschrieben ist, und aus dem Redezusammenhang.

4. Modale Passivumschreibungen

Da alle von uns angeführten Modalverbparaphrasen der sein - Konstruktion einen passivischen Nebensinn aufweisen, werden sie zu den Konkurrenzformen des Passivs gezählt.

Außer dieser Fügung gibt es noch weitere Möglichkeiten der Passivumschreibung:

- Gerundiv - Konstruktion
- Konstruktionen sein + Adjektiv (auf –bar, -lich, -fähig)
- Konstruktionen mit es gibt + zu + Infinitiv
- Konstruktionen mit bleiben (stehen, geben)+ zu + Infinitiv
- Konstruktionen mit gehen + zu + Infinitiv
- Konstruktionen mit sich lassen + Infinitiv

Alle diese Konstruktionen haben einen Modalfaktor und können entweder Nezessivität[26] oder Possibilität[27] ausdrücken. In der Grammatiken und Einzeluntersuchungen der deutschen Gegenwartssprache findet man sie unter Bezeichnungen wie:

Ersatzformen des Passivs[28], Passivvarianten[29], Passivumschreibungen[30], Passivverkleidungen[31], Konkurrenzformen des Passivs[32].

Brinker[33] ist durch Informantenbefragung zu dem Ergebnis gekommen, dass die Fügung sein+ Infinitiv mit zu als Passiv – Variante zu betrachten ist, sofern sie die Modalität des Müssens / Sollens ausdrückt.[34] Damit ist impliziert, dass die Können - Modalität nicht als Passiv- Variante zu gelten habe.

Die Tür ist von ihm zu öffnen

Die Tür muss von ihm geöffnet werden.

„Sätze mit einer Agensangabe werden von den Informanten grundsätzlich nicht als Ausdruck der Möglichkeit, sondern der Aufforderung verstanden.

Soll die Fügung aber die Modalität des Könnens ausdrücken, so wirkt die Agensangabe insofern als sehr störend.“ [35]

Wenn man jedoch folgende Agensangaben betrachtet:

Die Tür ist von allen (von jedermann) zu öffnen. ®

Die Tür kann von allen (von jedermann) geöffnet werden.

ist sofort zu bemerken, dass die Modalität der Möglichkeit auch zur Passivvariante gehört und nicht wie es Brinker ermittelte, dass Fügungen mit einer Agensangabe stets der Müssen/ Sollen - Modalität zugeordnet würden. Da er keine andere Agensangaben (außer von ihm, d.h. „von einer bestimmten Person“) berücksichtigt hat, konnte er nur zu einem solchen Ergebnis kommen.

5. Die modale Relation bei haben + zu

Auch die Fügung haben + zu + Infinitiv lässt sich mit Modalverbkonstruktionen paraphrasieren, allerdings in aktiver Bedeutung.

Nach Eisenberg[36] wird die Konstruktion haben + zu als modales Aktiv bezeichnet. Das haben- Gefüge ist eine persönliche Konstruktion, in der es um Anordnungen für eine Person oder bestimmte Personengruppen geht.

Diese Konstruktion bezeichnet also eine personengerichtete Forderung bzw. Verpflichtung und personengerichtete Feststellung.

5.1 Konkurrenzformen

Die haben- Konstruktion drückt meistens eine Verpflichtung oder einen Zwang aus und bedeutet im allgemeinen eine „Notwendigkeit“.

Holl und Gelhaus[37] sind der Meinung, dass die Konstruktion haben+ zu + Infinitiv keine Möglichkeitslesart zulässt. Brinkmann[38] ist ebenso der Ansicht, dass bei dem haben- Gefüge die Vorstellung einer Möglichkeit ausscheidet. Mit dieser Feststellung stimme ich aber nicht überein. Das haben- Gefüge kann unter bestimmten Bedingungen, je nach Kontext und Situation, auch eine „Möglichkeit“ ausdrücken. Auf diese Problematik werde ich im Kapitel 5.1.2 genauer eingehen.

5.1.1 Notwendigkeit

„Notwendigkeit“ ist die primäre Bedeutung der haben- Konstruktion.

Das haben- Gefüge drückt in dieser Variante die Modalität des Müssens aus und wird häufig in Anweisungen und Vorschriften gebraucht. Sie ist die fundamentale und vorrangige Bedeutung der Verpflichtung und des Zwanges.

Das Gefüge lässt sich wie folgt paraphrasieren:

- haben + zu + Infinitiv -> müssen / sollen + Infinitiv

Karl hat Verträge ein zu halten. ®

Karl muss /soll Verträge einhalten.

Die Telefonistin hat dem Kunden das Ferngespräch zu vermitteln. ®

Die Telefonistin muss / soll dem Kunden das Ferngespräch vermitteln.

Jeder Schüler hat eine Aufgabe zu lösen. ®

Jeder Schüler muss eine Aufgabe lösen.

Peter hat noch ein Referat zu halten. ®

Peter muss / soll noch ein Referat halten.

Du hast das bis morgen zu erledigen

Du musst das bis morgen erledigen. ®

Peter hat zu tun. ®

Peter muss tun (muss arbeiten).

Interessant ist die Verbindung von haben+ zu mit dem Infinitiv tun, die sehr häufig gebraucht wird. In dem Syntagma x hat zu tun drückt haben+ zu eine Notwendigkeit aus, die Äußerung ist etwa gleichbedeutend mit x muss arbeiten, was ihre hohe Frequenz erklärt. Diese Form bezeichnet den Adressaten der Aufforderung als Subjekt. Die durch Akkusativobjekt etwas erweiterte haben+ zu Konstruktion mit tun bedeutet ebenfalls eine Notwendigkeit/ Verpflichtung.

Er hat etwas zu tun. ®

Er muss/ soll etwas tun. Er hat etwas, das er tun müsste/ sollte.

Gelhaus[39] und Raynaud[40] sind der Ansicht, dass die haben+ zu + tun Konstruktion mit Akkusativobjekt zu gewissen stereotypen Wendungen geführt hat, in denen man kaum noch den Ausdruck der Notwendigkeit oder den der Möglichkeit erkennt.

5.1.2 Möglichkeit

Das haben- Gefüge drückt auch die Modalität des Könnens aus, was sich aber nur durch einen spezifischen Kontext und eine spezifische Situation ergibt. Bei der haben- Konstruktion ist der Begriff der Möglichkeit gegenüber dem der Notwendigkeit eine weitere, logische Modalitätsäußerung.

Die Modalität ist aber in diesem Fall oft ambig. Sie kann zwar die Möglichkeit ausdrücken, besitzt aber gleichzeitig die Modalität der Notwendigkeit.

Jemand hat etwas zu erzählen /berichten /sagen.

Jemand hat etwas mitzuteilen /auszuführen / vorzutragen.

Jemand hat ein Päckchen aufzugeben. ®

Jemand kann / muss ein Päckchen aufgeben.

Peter hat etwas abzugeben.

Alle diese Beispiele weisen sowohl auf die Faktizität der Feststellung als auch auf die Faktizität der Aufforderung hin.

Was hat das zu bedeuten? ®

Was kann / muss/soll das bedeuten?

Die Sache hast du am Dienstag zu erledigen. ®

Die Sache kannst / musst du am Dienstag erledigen.

Es gibt also keine Aussagen mit haben - Gefügen, die nur die Modalität des Könnens ausdrücken.

5.1.3 Negierte Aussagen

Das Gefüge haben + zu + Infinitiv realisiert in dieser Variante stets eine „verneinte Notwendigkeit“:

- nicht müssen; nicht brauchen

oder eine von Personen oder Umständen erhobene „verneinte Forderung“:

- nicht dürfen

Der kommunikative Effekt lässt sich in der zweiten Variante als ein „ Nicht- Erlaubtsein “ oder „ Nicht- Gestattetsein“ beschreiben.[41]

Sie hat von ihm nichts zu befürchten.

Sie braucht von ihm nichts befürchten.

Sie muss von ihm nichts befürchten.

- Die Negation bezieht sich in diesem Beispiel auf die Notwendigkeit des modalen Infinitivs, also auf den Operator:[42]

Ich habe diese Aufgabe nicht zu lösen.

Ich brauche diese Aufgabe nicht zu lösen.

das heißt:

Es ist nicht nötig, dass ich diese Aufgabe löse.

Verneint wird hier der angesprochene Sachverhalt, also das Argument:[43]

Du hast diesen Menschen nicht hereinzulassen.

Du darfst diesen Menschen nicht hereinlassen.

das heißt:

Es ist notwendig, dass du diesen Menschen nicht hereinlässt.

nicht aber:

Es ist nicht notwendig, dass du diesen Menschen hereinlässt.

Sie hat keine Zeit zu verlieren.

Sie darf keine Zeit verlieren.

das heißt:

Es ist notwendig, dass sie keine Zeit verliert.

nicht aber:

Es ist nicht notwendig, dass sie keine Zeit verliert.

Der Geltungsbereich der Negation lässt sich also aus der Gesamtbedeutung des Satzes erschließen, nicht aus der Stellung.

6. Wechselseitiges Verhältnis zwischen sein + zu und haben + zu

Die sein- und haben- Gefüge konkurrieren nicht nur mit den Modalverben, sondern auch untereinander, aber nur in bestimmten Funktionsbereichen:

müssen, nicht brauchen und nicht dürfen.

Man hat die Frage sofort zu beantworten.

Man muss die Frage sofort beantworten

Die Frage ist sofort zu beantworten.

Die Frage muss sofort beantwortet werden.

Ihr habt die Angelegenheit zu erledigen.

Ihr müsst die Angelegenheit erledigen

Die Angelegenheit ist von euch zu erledigen.

Die Angelegenheit muss von euch erledigt werden.

Man hat Steuern nicht unbedingt am 1. des Monats zu zahlen.

Man braucht Steuern nicht unbedingt am 1. des Monats zu zahlen. ®

Steuern sind nicht unbedingt am 1. des Monats zu zahlen.

Steuern brauchen nicht unbedingt am 1. des Monats gezahlt zu werden.

Er hat keine Zeit zu verlieren. ®

Er darf keine Zeit verlieren.

Von ihm ist keine Zeit zu verlieren. Es ist keine Zeit zu verlieren. ®

Es darf (von ihm) keine Zeit verloren werden.

Er hat sich in der neuen Schule unbedingt einzuordnen.

Er muss sich in der neuen Schule unbedingt einordnen.

nicht aber:

Von ihm ist in der neuen Schule unbedingt einzuordnen.

Sie haben sich sofort beim Direktor zu melden.

Sie müssen sich sofort beim Direktor melden.

nicht aber:

Es ist sofort von Ihnen beim Direktor zu melden.

Die haben- Konstruktion drückt in diesem Beispiel zwar die Modalität des Müssens aus, konkurriert aber nicht mit der sein- Konstruktion. Zwar können alle sein- in ein haben- Gefüge, aber nicht alle haben- in ein sein- Gefüge transformiert werden.

Die haben- Konstruktion ist nur unter bestimmten Bedingungen durch die sein- Konstruktion ersetzbar:

- Das Akkusativobjekt des Ausgangssatzes wird Subjekt.

- Das Subjekt des Ausgangssatzes rückt an die Stelle einer präpositionalen Adverbialbestimmung, die als Agensangabe fungiert. In bestimmten Fällen ist die Agensangabe nicht möglich, oder man kann auf sie verzichten, wenn nämlich ein unbestimmtes man oder wir das Subjekt des Ausgangsatzes bildet.

- Das Verbum des Ausgangssatzes darf kein Reflexivum sein oder einer Subkategorie angehören, die in einem sein- Gefüge nicht vorkommen kann, d. h. das Verbum muss passivfähig sein.[44]

7. Ambiguität der sein- und haben- Fügung

Die Modalität in beiden Gefügen ist oft nicht eindeutig. Sie können sowohl als Ausdruck der „Möglichkeit“ als auch der „Notwendigkeit“ verstanden werden. Es liegt also eine Ambiguität (Mehrdeutigkeit) vor, weil der Kontext des Satzes nicht genügend Anhaltspunkte für eine Entscheidung liefert.

Je nach Kontext haben also die beiden Gefüge verschiedene semantische Varianten:

Man hat die Frage zu beantworten. ®

Man muss / kann die Frage beantworten

Das Zimmer ist abzuschließen. ®

Das Zimmer kann/ muss abgeschlossen werden.

Anträge sind im Sekretariat abzuholen. ®

Anträge können/ müssen im Sekretariat abgeholt werden.

Die Konstruktionen können verschieden interpretiert werden, wenn sie z. B. im Konjunktiv II stehen und mit Verben des Sagens und Denkens verbunden sind:

Es wäre noch eine Geschichte zu erzählen. ®

Es könnte / müsste noch eine Geschichte erzählt werden.

Peter hätte noch eine Geschichte zu erzählen. ®

Peter könnte / müsste noch eine Geschichte erzählen.

Daß auch die Poßpolite Russenie annnoch auffsitzen würde / daher man noch einiges von Gewichte zu vernehmen hätte. ®

Daß auch ... / daher man noch einiges von Gewichte vernehmen könnte / müsste. [45]

aber:

Die Aufgabe ist unbedingt zu lösen. ®

Die Aufgabe muss unbedingt gelöst werden.

Es gibt also Adverbiale, die nur eine bestimmte Lesart zulassen. Adverbiale können also die Zweideutigkeit des Satzes beseitigen. Je mehr Anhaltspunkte ein Satz enthält, desto eindeutiger wird er.

Bei den Sätzen mit der Form:

Es ist zu ...-en.

ist die modale Bedeutung schwer zu interpretieren, weil der Satz zu wenig Informationen liefert.

Interessant zu erwähnen, ist die Verbindung von haben+ zu mit dem Infinitiv bedeuten und sagen.

Das hat nichts zu bedeuten. = Das hat nichts zu sagen. ®

Das bedeutet/ sagt nichts.

Das muss/ kann nichts bedeuten/ sagen.

Diese Fügungen sind auch als modal zu betrachten und haben verschiedene Verwendungsweisen. Von Gelhaus[46] werden sie als idiomatische Wendungen betrachtet, weil sie sich keiner der von ihm genannten Varianten (u. a. können, müssen, sollen) zuordnen ließen. Wegen der Häufigkeit des Vorkommens der Fügungen bezeichnet Zorn[47] sie als eine Herausbildung dynamischer Stereotype und rechnet sie den Redewendungen zu. Sie gehören jedoch zum Modalfeld und sind keine idiomatische Wendungen. Je nach dem Kontext können sie pragmatisch verschiedene Verwendungsweisen tragen: entweder Faktizität der Feststellung oder der Aufforderung.

8. Modaler Infinitiv mit einem anderen Abhängigkeitsstatus

Es gibt einige Verwendungsweisen der sein- und haben- Konstruktionen, die nicht zu dem modalen Infinitiv gezählt werden können.

Der Infinitiv bei den sein- und haben- Gefügen hat in solchen Fällen eine attributive Funktion. Sein bedeutet dabei „Existenz“ und haben „Besitz, Zugehörigkeit“. Folgende Beispiele haben die gleiche Konstruktion wie der modale Infinitiv, sind aber nicht durch Modalverben substituierbar und haben einen anderen Abhängigkeitsstatus.

- zu + Infinitiv adjektivisch gebraucht:

Es ist schön anzusehen. ®

Es ist schön, es anzusehen.

Mit Adjektiven sind aber die Sätze nicht eindeutig:

Die Aufgabe ist schwer zu lösen. ®

Es ist schwer, die Aufgabe zu lösen.

Die Aufgabe ist schwer. Die Aufgabe ist zu lösen.

In diesen Beispielen haben wir zwei parallele Sätze mit dem selben Subjekt. Zwei Prädikate gehören zu zwei verschiedenen Sätzen.

- zu + Infinitiv nominal gebraucht:

Man kann eine Transformation durchführen, in der das Verbum sein durch das Syntagma es gibt substituiert wird.

Hier ist nichts zu essen. ®

Hier gibt es nichts, was gegessen werden kann.

oder:

Hier kann man nichts essen.

Hier ist nichts essbares.(ess-bar-es)

Hier ist nichts zum Essen.

Das Prädikativsverbum wird in diesem Beispiel durch besitzen substituiert.

Ich habe nichts zu essen. ®

Ich besitze/ habe nichts, was ich essen kann/ könnte.

Ich besitze/ habe nichts zum Essen.

oder:

Peter hat Zeitungen anzubieten. ®

Peter besitzt/ hat Zeitungen, die er anbieten kann/ muss.

Nicht die Handlung des Subjekts steht im Vordergrund, sondern das Besitzverhältnis, das für das Subjekt Vorhandene wird genannt und haben ist in solchen Sätzen ursprünglich ein Vollverb mit dem Akkusativobjekt. Der Infinitiv ist auf das Akkusativkomplement des Vollverbs haben bezogen, im Sinne eines modalisierten Prädikativs.

Dieser Typ wird nicht zu dem eigentlichen modalen Infinitiv gezählt. Boon[48] sieht keinen großen Unterschied zwischen diesen und den anderen Konstruktionen.

9. Zusammenfassung

Es sollte deutlich geworden sein, dass wir im Deutschen sehr viele Möglichkeiten von Infinitiv- Konstruktionen haben. Für die Konstruktionen, die bearbeitet wurden, ist charakteristisch, dass beide eine modale Bedeutung ausdrücken, wobei sein + zu eine passivische und haben + zu eine aktivische Funktion trägt. Modale Bedeutungen können beide Konstruktionen nur im Satz und nur in Verbindung mit einem Infinitiv annehmen. Sie treten also nur in syntaktischer Kombination mit einem Vollverb auf, dessen Valenz für den Satzbauplan entscheidend ist, wobei zu obligatorisch ist.

Die Grammatiker bestreiten viele Hypothesen, die man in der wissenschaftlichen Literatur findet und anders benennt. Eisenberg[49] zum Beispiel unterscheidet zwischen modalem Passiv und modalem Aktiv. Viele Grammatiker betrachten die beiden Fügungen in dem gleichen Abgängigkeitsstatus wie Modalitätsverben[50] oder Modifikationsverben[51]. Die Bezeichnung dieser beiden Fügungen als „der modale Infinitiv“ kommt wahrscheinlich von Brinkmann.[52]

Nicht die Auxiliare haben und sein, sondern der zu- Infinitiv ist Träger der modalen Bedeutung.

Bei der sein + zu Fügung können Prädikate gegen Passivformen ausgetauscht werden, während die anderen Satzglieder, vor allem das Subjekt, unverändert bleiben. Das Subjekt des Aktivsatzes (das Agens, also der Handlungsträger) kann bei Umwandlung ins Passiv grundsätzlich in der Form einer Präpositionalergänzung mit von oder durch auftreten. Die Fügungen mit einer Agensangabe kommen aber in der Gegenwartssprache kaum vor. Obwohl in dieser Passivkonstruktion das Agens fehlt, ist die Umwandlung in Aktivsätze dennoch möglich. Dabei sind aber nur Subjekte unbestimmter Allgemeinbedeutung zulässig:

[...]


[1] [siehe unten]

[2] [vgl. Admoni, 1970, S.163]

[3] [Gelhaus, 1977, Der modale Infinitiv ]

[4] [vgl. Duden, 1998, S. 190]

[5] [vgl. Dal, 1966, S. 99; Erben, 1968, S. 46]

[6] [Bech, 1983, S. 12]

[7] [Lewandowski, 1994, S. 442]

[8] [Helbig/ Buscha, 1994, S. 106]

[9] [Dal, 1966, S. 100]

[10] [Der Satz trägt sowohl temporale als auch modale Funktion.]

[11] [Brinkmann, 1971, S. 323]

[12] [Vollzugsstufe = Perfekt und Plusquamperfekt]

[13] [vgl. Brinkmann, 1971, S. 363]

[14] [vgl. Gelhaus, 1977, S. 9]

[15] [Die Modalität einer Äußerung kann durch andere sprachliche Ausdrucksformen angezeigt werden, z.B. durch Modalverben und Modalwörter. Die Modalität wird als eine dem Modus übergeordnete grammatische Kategorie bezeichnet; nach Flämig, 1991, S. 403]

[16] [vgl. Admoni, 1970, S. 161]

[17] [Raynaud, 1977, S. 386]

[18] [Engel, 1991, S. 477]

[19] [Eisenberg, 1999, S. 341]

[20] [Gelhaus, 1977, S. 18]

[21] [ Europaeische FreytagsZeitung, ANNO 1670. Num. XLI.]

[22] [Gelhaus, 1977, S. 68]

[23] [ebd., S. 69]

[24] [lat. adhortari „ermahnen“, Aufforderung an sich selber oder an die 1. Per. Pl. im Konj. Präs., z.B. Seien wir ehrlich!; Lasst uns gehen!; Wir wollen gehen!; Gehen wir!].

[25] [vgl. Kolb, 1966, S. 194]

[26] [Pape- Müller, 1980, S. 169]

[27] [ebd., S. 169]

[28] [Duden, 1998, S. 180 ff.]

[29] [Erben, 1972, S. 117]

[30] [Kolb, 1966, S. 173]

[31] [ebd., S. 173 ff.]

[32] [Helbig/ Buscha, 1994, S. 186]

[33] [Brinker stützt sich auf ein Belegmaterial von etwa 400 Sätzen mit sein+ zu + Infinitiv, die verschiedenen Textsorten entstammen und gruppiert diese Sätze – unter Mitwirkung von Informanten – nach ihren Transformationsmöglichkeiten; vgl. Brinker, 1969, S. 23 ff.]

[34] [Brinker, 1969, S. 29]

[35] [ebd., S. 29]

[36] [Eisenberg, 1999, S. 341]

[37] [Holl in Müller/ Reis, 2001, S. 218]; [Gelhaus, 1977, S. 160]

[38] [Brinkmann, 1971, S. 363]

[39] [vgl. Gelhaus, 1977, S. 154 f.]

[40] [vgl. Raynaud, 1977, S. 392]

[41] [Gelhaus, 1977, S. 135]

[42] [Welke, 1965, S. 31]

[43] [ebd. S. 31]

[44] [vgl. Gelhaus, 1977, S. 124]

[45] [ Europaeische FreytagsZeitung, ANNO 1670. Num. XLI.]

[46] [vgl. Gelhaus, 1977, S. 151 f.]

[47] [vgl. Zorn, 1970, S. 15 f.]

[48] [Boon, 1982, S. 196]

[49] [Eisenberg, 1999, S. 340 f.]

[50] [Engel, 1991, S. 477]

[51] [Schieb, 1976, S. 47]

[52] [Brinkmann, 1971, S. 363]

Ende der Leseprobe aus 154 Seiten

Details

Titel
Die sein/haben + zu + Infinitiv Konstruktionen in "Newen Zeitungen" des 16. und 17. Jahrhunderts
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Germanistik: Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
154
Katalognummer
V437776
ISBN (eBook)
9783668782808
ISBN (Buch)
9783668782815
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Modalität, modale Infinitivkonstruktionen, die Enstehung der Zeitung aus dem brieflichen Verkehr, öffentliche Kommunikationsformen im 16. und 17. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Marzena Cichocki (Autor), 2004, Die sein/haben + zu + Infinitiv Konstruktionen in "Newen Zeitungen" des 16. und 17. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437776

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