Das Erleben von Schwarzen People of Color in Bezug auf Positivrassismus

Ein Fully Integrated Mixed Studiendesign zur Erschließung von ausgelösten Affekten und angewendeten Coping-Strategien bei Konfrontation mit Rassismus im Zusammenhang mit biographischen Gegebenheiten


Bachelorarbeit, 2018
35 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Forschungsfragen

Methoden
Untersuchungen
Voruntersuchungen der Studie
Stichprobenbeschreibung der Hauptuntersuchung
Hypothesen, dazugehörige Messinstrumente und ihre statistische Prüfung

Ergebnisse
Berechnungen der Mittelwerte von positivem und negativem Affekt
Varianzanalysen
Auswertung der qualitativen Daten

Diskussion
Affektive Valenz und Rassismus
Coping und Rassismus
Affektivität hinsichtlich Rassismus unter Berücksichtigung des Geburtsortes

Ausblick

Abstract

Literaturverzeichnis

Danksagung

Bevor die eigentliche Bachelor-Arbeit beginnt, möchte ich den Menschen danken, die zu ihrer Entstehung ihren persönlichen Teil beigetragen haben. Als erstes möchte ich meiner Familie danken, die insbesondere in der letzten Zeit durchgehend mit viel liebevoller Unterstützung an meiner Seite stand. Das bedeutet mir unendlich viel. Ich möchte meinem Betreuer Professor Dr. Stefan Troche für das Gespräch danken, durch das die Idee entstanden ist, über das Thema Positivrassismus eine Bachelor-Arbeit zu schreiben. Ich möchte Ihm für seine großartige Unterstützung und Zeit danken, die er sich stetig für meine Anliegen genommen hat. Seine umfängliche Betreuung meiner Arbeit war für mich eine besondere Erfahrung. Ich danke auch Käthe Fetz und Tuğba Kapanci für ihr Engagement mich darin zu unterstützen, einen Überblick bzgl. gesammelter Daten zu bekommen und eine Systematik für deren Auswertung zu entwickeln. Ich möchte Elena Bah danken, mit der ich die Voruntersuchungen der Studie durchführen durfte. Sie spielte für die Entstehung dieser Arbeit eine wichtige Rohe. Ich möchte meinen Freunden und Kommilitonen danken. Sie haben mir wichtige Hinweise gegeben, die mir dabei geholfen haben eine Bachelor-Arbeit zu schreiben, mit der ich zufrieden bin. Zuletzt danke ich allen Teilnehmenden dieses Fragebogens. Viele von ihnen haben mir bestärkende E-Mails geschrieben, die mich motivierten haben, weiter an dieser Arbeit dran zu bleiben. Ohne ihre sehr persönlichen Antworten hinsichtlich der Untersuchung, wäre diese nicht realisierbar gewesen. In dem vorliegenden Schriftstück steckt die Energie und Hingabe der Menschen, die mich in dem Schreibprozess dieser Arbeit unterstützt haben neben der meinen. Vielen Dank, dass Ihr mich in diesem Prozess begleitet habt.

Witten, den 17.04.2018

Vorwort

“Irefuse to accept the view that mankind is so tragically bound to the starless midnight of racism and war that the bright daybreak of peace and brotherhood can never become a reality... I believe that unarmed truth and unconditional love will have the final word. ”

(King Jr., 1964)

Obwohl die Gleichheit der Menschen Verfassungsrang hat (GG Artikel 3), werden Schwarze und andere People of Color in unserer Gesellschaft als nicht gleich angesehen. Der normative Rahmen garantiert nicht, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe nicht benachteiligt werden.

Ich nehme Rassismus als ein omnipräsentes Phänomen wahr, welches tief in unserer Gesellschaft verankert ist und mit dem wir von Geburt an aufwachsen. Ich verstehe Rassismus nach Dr. King als etwas Erlerntes und als eine aufgenommene Struktur, die nicht der Natur des Menschen entspricht. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass sich die Erfahrung von Rassismus bzw. der Versklavung Schwarzer u.a. in maladaptiven Verhaltensweisen und DNA-Sequenzen wiederspiegelt (Baharian et ab, 2016; DeGruy, 2017; Yehuda et ab, 2016). Auch wenn sich eine Struktur durch epigenetische Prozesse in unserem Körper manifestieren kann, glaube ich, dass jeder Mensch die Fähigkeit hat, diese aufzulösen. Dr. King steht als kraftvolle Symbolfigur dafür, dass vieles möglich ist, wenn Menschen einer Gesellschaft die ״starless midnight of racism“ überwinden, indem sie Rassismus mit seinen Auswirkungen erleben sowie erkennen und sich mit den kollektiven Machtstrukturen, durch die er aufrechterhalten wird, auseinandersetzen. Denn die durch Rassismus sich manifestierenden Machtverhältnisse, in denen Schwarze an unterster und Weiße an oberster Stelle hierarchisiert sind, beeinflusst alle. Das Ausschöpfen des Potentials jedes Menschen wird verhindert und das friedliche Miteinander beeinträchtigt, indem Menschen unterdrückt werden oder unterdrücken.

In Deutschland befassen sich Studien zu Rassismus meist mit denjenigen, die ihn ausüben und/oder sie sind aus einer ״Weißen Perspektive“ heraus verfasst worden. Diese Studie soll einen Beitrag dazu leisten, dass Schwarze People of Color aus ihrer Perspektive als Subjekte ihr Erleben hinsichtlich Rassismus beschreiben und ihre Gefühle hierzu ausdrücken. Damit soll People of Color ein Raum gegeben werden, ihre Lebensrealität für eine Öffentlichkeit zu zeigen. Denn die Lebensrealität von Schwarzen PoCs hat in unserer Weiß geprägten Gesellschaft meistens keinen Platz und wird oftmals nicht wahrgenommen, nicht mit einbezogen oder ignoriert. Ein Beispiel dafür ist, dass helle Nylon-Strumpfhosen als ״hautfarben“ bezeichnet werden. Weiß wird als Norm angesehen und alles, was dieser Nomi nicht entspricht, gilt als ״anders“ und immer mehr auch als ״besonders“ oder ״exotisch“. Die Arbeit soll dazu beitragen, dass sich eine Person, die sich vorher als von Rassismus nicht betroffen gefühlt hat, sich in People of Color hineinversetzen kann. Durch die Konfrontation mit den durch Rassismus ausgelösten schmerzvollen und traumatischen Erfahrungen und Gefühlen können Menschen in der Weißen Mehrheitsgesellschaft sensibilisiert werden. Dies ermöglicht, dass Empathie und Einheit über die verfangenden Machtverhältnisse hinaus wachsen. Ich bin tief davon überzeugt, dass das Grundrecht auf Gleichheit aller Menschen eingelöst werden kann, wenn sie gemeinsam Erfahrungen von Verbundenheit machen und damit subtilen Machtstrukturen und Ungleichheit der Nährboden entzogen wird. Je mehr Menschen sich entschließen, Ungleichheitsstrukturen zu überwinden und ihrer natürlichen Befähigung zu Mitgefühl und zur bedingungslosen Liebe nachkommen, rückt der Traum von Dr. Martin Luther King näher:

“I have a dream that one day [...] little black boys and black girls will be able to join hands with little white boys and white girls as sisters and brothers. ”

(King Jr., 1963)

Einleitung

People of Color (PoC) werden in Deutschland regelmäßig mit Rassismus konfrontiert. Der Begriff People of Color bezieht sich auf Menschen, die Rassismus-Erfahrungen miteinander teilen. Er ist ein politischer Begriff, der sich nicht auf kulturelle, nationale, ethnische oder religiöse Zugehörigkeit stützt und so eine Solidarität zwischen Menschen ermöglicht, die verschiedene Fomien der Diskriminierung erleben (Sow, 2018). Rassismus hat Folgen für die Beteiligten. Auf der Seite der ihn Erlebenden kann es zum Auftreten von traumatischen Stress-Symptomen kommen, wie Carter (2007) berichtet. Sie reichen von Depression, Vermeidung und Intrusionen über Ärger, Übererregung und physischen Reaktionen bis zu einem geringen Selbstwert (Robert T Carter et ah, 2013). Zudem ist ähnlich einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) die Erfahrung von Rassismus mit negativen und unangenehmen Gefühlen verbunden, liegt außerhalb der eigenen Kontrolle und tritt plötzlich auf (Robert T. Carter et ah, 2016). Zudem kann Rassismus auf mehreren Ebenen auftreten, nämlich auf einer institutionellen, kulturellen, umweltbedingten und/oder interpersonellen (Harrell, 2000). Diese Arbeit soll dazu beitragen, die Art und Weise, wie PoCs rassistische Übergriffe in einem interpersonellen Kontext erleben, abzubilden. Ihre Sichtweise wurde in Deutschland unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten bisher nur wenig beleuchtet und diskutiert. Ich behandele hier ausschließlich die Perspektive Schwarzer PoCs, da ich selbst einen schwarzen-deutschen Hintergrund habe und meine eigenen Erfahrungen in einer Weiß­dominierten Mehrheitsgesellschaft für den wissenschaftlichen Prozess dieser Arbeit bedeutsam sind.

Der Zeitpunkt der Entstehung von Rassismus ist nur schwer nachvollziehbar. Es gibt jedoch stichhaltige Evidenz für die Annahme, dass bereits im frühen zweiten Jahrhundert durch arabische Handelsleute und später durch den arabischen Sklavenhandel Schwarze Menschen von Nord- und Ostafrika auf die arabische Halbinsel deportiert und dort zu körperlicher Arbeit und Prostitution gezwungen wurden (Azumah, 2014). Mit der transatlantischen Expansion Europas ab dem 15. Jahrhundert zur Erschließung anderer Kontinente und Handelswege, angeführt von Portugal, trafen Weiße Europäer erstmalig auf People of Color (Curtin, 1972). Die Versklavung und Ausbeutung von Schwarzen rechtfertigten die im Sklavenhandel involvierten Nationen mit der Anschauung der gottgegebenen Ordnung (Thomas, 1997). Zur Zeit der Aufklärung wurden Theorien entwickelt, die versuchten, Menschen verschiedenen Phänotyps in eine jeweilige ״Rasse“ einzuteilen. Es wurde von da an bis zum heutigen Zeitpunkt versucht, Rassentheorien biologistisch zu belegen. Biologisch sind Rassentheorien bezogen auf Menschen widerlegt, denn die durchschnittlichen genetischen Unterschiede zwischen den Individuen, die als eine ״Rasse“ galten, sind größer als der zwischen den als ״Rassen“ bezei ebneten Menschengruppen selbst (Horst & Kattmann, 1995). Dennoch wird Rassismus als Konstruktion weltweit auf individueller, politischer, institutioneller, kultureller und wissenschaftlicher Ebene aufrechterhalten.

Ich verstehe Rassismus nach Jones and Carter (1996) als Anwendung von Vorurteilen, gestützt auf den Gebrauch von Macht. Rassismus zielt auf Individuen ab, die zu einer inferioren rassifizierten Gruppe gezählt werden und erfolgt mit der intentionalen oder nicht intentionalen Unterstützung der dominierenden Mehrheit. Rassifizieren meint hier die Klassifizierung von Personen als ״rassisch“ andersartig, womit auf die künstliche Konstruktion dieser Zuordnung verwiesen werden soll (Sow, 2018). In der psychologischen Forschungsliteratur wird Rassismus nicht nur als eindimensionales Konstrukt betrachtet, sondern als mehrere Dimensionen umfassend, wie beispielsweise die Bereiche feindseliger, aversiv-feindseliger und vermeidender Rassismus. Letztere Form dient dazu, Distanz zwischen Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft und denjenigen der Minderheit aufrecht zu erhalten. Hostile rassistische Diskriminierung ist der Versuch, dem Anderen seinen ״vorgegebenen, untergeordneten Status“ wegen seiner Zugehörigkeit zu einer nicht dominanten Gruppe innerhalb eines rassifizierten Machtgeialles zu kommunizieren. Aversiv-feindseliger Rassismus bezeichnet die Herstellung von Distanz durch feindseliges Verhalten, nachdem eine Person, die einer Minderheit angehört, die mit ihrem Status assoziierten Grenzen überwindet (Jones & Carter, 1996). Sowohl im Volksmund als auch in der Weiß geprägten Wissenschaft wird unter Rassismus meist nur die Zuschreibung von negativen Eigenschaften aufgrund äußerer Merkmale wie Religion, Nationalität und Kultur verstanden. Dabei bleibt häufig die Form von Rassismus unbeachtet, die sich vemieintlich positiver Zuschreibungen bedient, z. B. dass alle Schwarzen PoCs musikalisch seien. Diese Erscheinungsform von Rassismus wird als ״positiv“ oder ״benevolent“ bezeichnet. Im Folgenden werde ich ausschließlich von Positivrassismus sprechen, da der Begriff benevolent suggeriert, dass die Anwendung dieser Form von Rassismus aus einer wohlwollenden Absicht heraus motiviert ist. Dies ist jedoch weder hinreichend erforscht noch belegt. Deswegen entscheide ich mich für das Adjektiv, das lediglich die Art der Assoziation (positiv) beschreibt und die unklare Motivation hinter einer solchen Zuschreibung unberührt lässt. Das hat gleichzeitig zur Folge, dass der Begriff verharmlosend und missverständlich wirken kann, da darunter auch ״guter Rassismus“ verstanden werden könnte und dieser die von der Assoziation untrennbaren ״Machtverhältnisse, d.h. Weiße Dominanz, Privilegierung und Urheberschaft rassistischer Verhältnisse“ (Arndt & Ofuatey-Alazard, 2011) außer Acht lässt und negiert. Positivrassismus könnte ohne die bestehenden Machtverhältnisse zwischen People of Color und Weißen nicht existieren. Er basiert, genau wie andere Formen von Rassismus, auf der alten kolonialen Einteilung von Weißen, innerhalb derer Menschen verschiedenen Phänotyps in Rassen eingeteilt und diese auf Basis zugeschriebener Fähigkeiten hierarchisiert wurden. Positivrassismus, Z.B. die Annahme, dass Schwarze besser als Weiße tanzen könnten, ist folglich genauso rassistisch wie die Zuschreibung, dass Schwarze Menschen krimineller als Weiße wären. Beides geht auf die kolonialen Zuschreibungen zurück, die Schwarzen Menschen Triebhaftigkeit und Unkontrolliertheit zugeschrieben werden und in der Weiße Menschen Attribute wie zivilisatorischen und kulturellen Fortschritt, rationales Denken, die daraus entspringende Definitionsmacht und damit zusammenhängende Dominanzposition für sich beanspruchen (Arndt & Ofuatey-Alazard, 2011). Neben jeder positiv rassistischen Assoziation existiert immer ein negativ rassistisches Gegenstück als auch die Bewertung der eigenen vermeintlichen (Weißen) Rasse, was zu der Aufrechterhaltung der bestehenden Machtverhältnisse zwischen ״inferioren“ People of Color und ״Superioren“ Weißen beitragen soll. Das genannte Zuschreiben von positiven Eigenschaften in Bezug auf Schwarze ist folglich nicht unbedenklicher oder harmloser als Negativrassismus, weil es aus derselben Quelle kommt und dasselbe Ziel hat. In Folge dessen wird Positivrassismus in dieser Arbeit definiert als Verhaltensweisen, Einstellungen und Äußerungen, die sich positiven Assoziationen bedienen und dennoch eine rassistische Behandlung umfassen. Dabei wird eine essentialisierte (das heißt, mit einer angenommenen biologisch unveränderlichen Basis verknüpften) Zuschreibung scheinbar bzw. in der Wahrnehmung der rassifizierenden Person, positiver und zugleich stereotyper Eigenschaften von Minderheitengruppen vorgenommen, die ein bestehendes Machtungleichgewicht zwischen People of Color und Weißen stützt. Und obwohl diese zugeschriebenen Eigenschaften positiv konnotiert sind, tragen sie - ähnlich wie die Zuschreibung von negativen Eigenschaften - dazu bei, die Unterschiedlichkeit zwischen Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft zu untermauern. Bisher hat der Begriff Positivrassismus (bzw. benevolenter Rassismus) in der psychologischen Literatur nur wenig Beachtung gefunden (für Ausnahmen siehe Aleksie (2002), Czopp (2008), Araeen (2000) und Ramasubramanian and Oliver (2007).

Es geht in der vorliegenden Untersuchung darum, das Erleben und Wahmehmen von Schwarzen PoCs, die seit mindestens fünf Jahren in Deutschland leben, in Bezug auf alltägliche positiv als auch negativ rassistische Situationen abzubilden, miteinander zu vergleichen und zu reflektieren. Die Forschungslage bzgl. der Wahrnehmung von Negativrassismus ist zufriedenstellend und sagt voraus, dass das Erleben dessen mit negativen Affekten wie Angst und Traurigkeit als auch generell mit seelischem Leid und depressiven Symptomen positiv assoziiert ist (beispielhaft dafür sind Befunde von Brondolo et al. (2008), Sellers and Shelton (2003) und Pieterse, Todd, Neville, and Carter (2012)).

Der Umgang mit Rassismus auf Seiten der Betroffenen gestaltet sich als sehr divers, u.a. in der Anwendung von Coping-Strategien. Coping besteht nach Lazarus and Folkman (1987) aus ״[...] cognitive and behavioral efforts to manage specific external or internal demands (and conflicts between them) that are appraised as taxing or exceeding the resources of the person.” Des Weiteren gehen sie davon aus, dass Coping aus einer Emotion heraus entsteht und vom Individuum beabsichtigt wird, die Bedingungen dieser oder die Emotion selbst zu verändern. Zudem beeinflusse Coping nachfolgende Bewertungen (reappraisal) und könne somit die Ursache der darauffolgenden Emotion sein (Folkman & Lazarus, 1988). Die Autoren beschreiben in ihrem transaktionalen Stressmodell, dass - nachdem ein Stressor (z.B. Streit mit einer nahestehenden Person) auftritt - das Individuum im ersten Schritt die Bedeutung dessen Erscheinens für die eigene Situation als irrelevant, günstig oder stressend bewertet (primary appraisal). Im darauffolgenden Schritt schätzt das Individuum ein, ob die Situation auf Basis der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten bewältigbar ist. Wenn diese Einschätzung verneint wird, treten bei der Person Stressreaktionen, wie bspw. eine erhöhte Herzschlagrate, auf. Anschließend kann das Ereignis mit zwei unterschiedlichen Arten von Coping bewältigt werden. Das problemfokussierte Coping zielt auf die Veränderung der Situation ab, Z.B. die Beseitigung des Stressors, der persönlichen Einstellungen, Werte oder Merkmale. Dahingegen versucht das Individuum, mit emotionsfokussierten Coping-Strategien Gefühle wie bspw. Angst, Scham, Schuld und Ärger zu beeinflussen. Letztendlich kann der Umgang mit einer stressauslösenden Situation die Bewertung eines in der Zukunft auftretenden Stressors verändern. Bei einer erfolgreichen Bewältigung können ähnliche Ereignisse, die vorher als Bedrohung erlebt wurden, jetzt als eine lösbare Herausforderung neu bewertet werden (reappraisal).

Wie bereits oben erwähnt, ist rassistische Diskriminierung als behaviorale Manifestation von Rassismus ein Stressor, der sich gleich anderen Stressoren negativ auf die psychische und physische Gesundheit der von ihm Betroffenen auswirken kann (Clark, Anderson, Clark, & Williams, 1999). Zudem wurde durch diverse Untersuchungen festgestellt, dass PoCs gegenüber Weißen eine höhere Ausprägung von Symptomen aufweisen, die mit einer PTBS assoziiert werden (R. T. Carter, 2007; Norris et ah, 2002).

Die Frage nach dem Umgang mit rassistischer Diskriminierung ist folglich eine naheliegende und wichtige. Polanco-Roman, Danies, and Anglin (2016) zeigten einen negativen Zusammenhang zwischen aktiven Coping-Strategien und dissoziativen Symptomen. Spezifischer haben Proband*innen, die hauptsächlich ein hohes Intemalisierungsverhalten zeigten und in erster Linie auf Rassismus bezogene Coping-Strategien, die von Empowerment und Widerstand geprägt waren, zurückgriffen, weniger psychische Symptome als Teilnehmende anderer Clustergruppen in Bezug auf Rassismus (Forsyth & Carter, 2012). Außerdem habe die Anwendung von problemfokussierten Coping- und das Ausbleiben von Vermeidungsstrategien in Bezug auf durch rassistische Diskriminierung ausgelösten Stress auf diesen einen lindernden Effekt und erhöhe das Wohlbefinden (Barnes & Lightsey Jr, 2005). Diese und viele andere Studien zu Rassismus spezifischem Coping basieren auf unterschiedlichen Modellen, die die verschiedenen von Rassismus betroffenen Menschen angewandten Strategien in diverse Kategorien einteilen. Einige dieser Modelle gliedern sich an Coping- und Stresstheorien durch die Postulierung von vemieidungs- versus aktionsorientiertem Coping, Suche nach sozialer Unterstützung und problemfokussiertem Coping (Danoff-Burg, Prelow, & Swenson, 2004; Scott Jr, 2004; Scott Jr & House, 2005). Allerdings ist diese statische Organisation von Rubriken unzureichend für das weite Spektrum und die Einordung der von Schwarzen People of Color angewandten Coping-Strategien, auf die sie in Situationen zurückgreifen, in denen sie mit Rassismus konfrontiert werden (Meilor, 2004). Davon ist zum Beispiel die Suche nach sozialer Unterstützung betroffen, welche bei der Konfrontation mit Rassismus in der Literatur Z.B. als eine emotionsfokussierte Strategie (Tull, Sheu, Butler, & Comelious, 2005), problemfokussierte Strategie (Noh & Kaspar, 2003), aktionsorientierte Strategie (Scott Jr, 2004; Scott Jr & House, 2005) und Vermeidungsstrategie (Brondolo, Ver Halen, Peneille, Beatty, & Contrada, 2009) klassifiziert wird. Meilor (2004) plädiert im Rahmen einer von ihm durchgeführten und auf qualitativen Interviews basierten Studie mit Kooris (native Australiens) für eine andere Organisation der im Zusammenhang mit Rassismus auftretenden Coping-Strategien. Er ordnet die von den Kooris geäußerten Bewältigungsstrategien in die Taxonomien ״Protecting the self‘ (PtS), ״Self-control“ (SC) und ״Confronting the racism” (CtR) ein.

Ein Teilziel dieser Bachelorarbeit ist es, sowohl zu untersuchen, ob die Konfrontation mit Positivrassismus in gleicher Weise positive und negative Affekte hervorruft wie die mit Negativrassismus. Zudem habe ich mittels des Onlinefragebogens erhoben, welche Coping- Strategien die Betroffenen bzgl. des Umgangs mit Rassismus anwenden. Es wird zusätzlich nach dem Geburtsort der Proband*innen gefragt um festzustellen, ob es bezüglich ihres Erlebens einen Unterschied macht, ob sie in einem Land aufgewachsen ist, in dem die Mehrheitsgesellschaft Schwarz oder Weiß ist. Ich schlussfolgere, dass Schwarze, die in einem Land geboren und aufgewachsen sind, in dem die Mehrheitsgesellschaft Weiß ist, Z.B. Deutschland, einen erhöhten negativen Affekt auf die sowohl positiv als auch negativ rassistischen Aussagen im Vergleich zu Schwarzen PoCs zeigen, die in einem Land geboren und aufgewachsen sind, in dem die Majorität der Bevölkerung Schwarz ist. Es erscheint mir als möglich, dass die Rassifizierung von den Menschen, denen sich eine Person am zugehörigsten fühlt, also der Referenzgruppe (Ingroup), bei ihr stärkere aversive Gefühle auslöst als die einer Fremdgruppe (Outgroup). Dennoch ist es wichtig zu sehen, dass die Wahrnehmung der Eigengruppe an dieser Stelle flexibel sein kann und auch unter Berücksichtigung der demographischen Daten einer*s Probandin*en oft nicht vorhersehbar ist. PoCs können sich unabhängig davon, ob ihr Geburtsort innerhalb oder außerhalb Deutschlands hegt, einer Diaspora, der deutschen Gesellschaft und vielen weiteren Gruppen zugehörig oder nicht zugehörig fühlen.

Forschungsfragen

1. Gibt es einen signifikanten Unterschied hinsichtlich der affektiven Reaktion zwischen positiv und negativ rassistischen Situationen?

2. Beschreiben Schwarze People of Color für negativ rassistische Situationen die Anwendung derselben Coping-Strategien, die sie in Situationen anwenden, in denen sie mit Positivrassismus konfrontiert werden?

3. Lösen Negativ- und Positivrassismus bei Schwarzen People of Color, die in einem Land geboren sind, in dem die Mehrheit der Menschen Schwarz ist, das gleiche Ausmaß an positivem und negativem Affekt wie bei den PoCs aus, die gebürtig aus einem Land kommen, in dem die Mehrheitsgesellschaft Weiß ist?

Methoden

Für die Erhebung der Daten, auf denen diese Bachelor-Arbeit basiert, wurde ein eingebettetes quantitativ-qualitatives Mixed-Method-Design gewählt. Zu dem Thema Positivrassismus gibt es bisher zu wenig Forschung, die als Basis für die Kategoriebildung seiner ausgelösten Affekte und Bewältigungsstrategien dienen könnte, um damit einen reliablen und validen Fragebogen erstellen zu können. Ziel dieser Untersuchung ist es zu ermitteln, ob es Zusammenhänge zwischen erlebtem Positiv- und Negativrassismus und den Affekten und Coping-Strategien, die beide Formen auslösen, gibt. Dies wird durch die explorative Eigenschaft eines quantitativ-qualitativem Mixed-Method-Designs unterstützt.

In dem folgenden Abschnitt soll die Methode der vollzogenen Untersuchung dargestellt werden. Da für dessen Entstehungsprozess die durchgeführten Voruntersuchungen eine entscheidende Rolle gespielt haben, werde ich mit der Beschreibung dieser beginnen. Untersuchungen Die Datenerhebung der eingeführten Arbeit fand in drei Phasen mittels drei verschiedener Erhebungsinstrumente statt. Im ersten Schritt wurden teilstandardisiertes Interviews zur Itemgenerierung und Annäherung an das Konstrukt Positivrassismus mit Schwarzen People of Color geführt. Im Anschluss daran wurde ein quantitativer Fragebogen mit der Absicht konstruiert, das Konstrukt Positivrassismus zu erfassen und weitere Items zu generieren. Auf Basis der Daten aus den vorangegangenen Erhebungen wurde schließlich das dritte Untersuchungsinstrument zur Erhebung des Erlebens von Schwarzen People of Color in Bezug auf Positivrassismus konstruiert. Diese Untersuchung umfasst jeweils drei positiv- und negativ rassistische Fallvignetten, die deutsche Adaption der Positive and Negative Affect Scale (PANAS), zehn eigens hinzugefügte Empfindungen zur Exploration eines erweiterten Empfindungsspektrums und zwei offene Fragen zur Erhebung von reaktiven und verarbeitenden Coping-Strategien. In der folgenden Sektion werde ich zunächst die Vor- und daran anschließend die Hauptuntersuchung dieser Studie methodisch darstellen.

Voruntersuchungen der Studie, Anfangs erstellten meine Kommilitonin Frau Elena Ball (B.Sc.) und ich einen halbstandardisierten Interviewleitfaden. Dieser zielte darauf ab zu erfassen, ob und wenn ja, welche positiv und negativ rassistischen Erfahrungen, die insgesamt 20 People of Color in ihrem Leben bisher gemacht hatten. Die Befragten (N = 20) waren i.d.R.

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Das Erleben von Schwarzen People of Color in Bezug auf Positivrassismus
Untertitel
Ein Fully Integrated Mixed Studiendesign zur Erschließung von ausgelösten Affekten und angewendeten Coping-Strategien bei Konfrontation mit Rassismus im Zusammenhang mit biographischen Gegebenheiten
Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
35
Katalognummer
V437802
ISBN (eBook)
9783668784628
ISBN (Buch)
9783668784635
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, People of Color, POC, Positivrassismus, Schwarz, Coping, Coping-Strategien, Racism, Positive Racism, Black
Arbeit zitieren
Lanre Aranmolate (Autor), 2018, Das Erleben von Schwarzen People of Color in Bezug auf Positivrassismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/437802

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