Sprache dient dazu sich zu verständigen, sich mitzuteilen, Dinge zu beschreiben, Sachverhalte aufzuklären oder diese - in ihrer negativen Umkehr - zu verschleiern. Im zerbrochenen Krug versucht die Hauptfigur, der Dorfrichter Adam, sich aus seiner misslichen Lage mit Verwirrung stiftenden gar fantastischen Erklärungen und Geschichten, einfach gesagt mit Lügen, zu winden. Dem Leser oder dem Zuschauer wird aber sehr schnell klar, dass Adam, je mehr er versucht sich aus der Situation herauszuwinden, immer mehr ins „straucheln" gerät und letztendlich fällt.
Die Zweideutigkeit der Sprache, die sich hier offenbart, ist bezeichnend für das gesamte Stück. Kleist verwendet die Sprache um die Problematik aufzuzeigen, die in der Sprache selbst liegt. Um diese Problematik dreht es sich in den folgenden Ausführungen. Liegt es tatsächlich in der Sprache selbst, dass sie scheitert oder ist das Scheitern der Sprache und der Kommunikation gewolltes Mittel Adams seine Schuld im Dunkeln zu lassen und sich den Konsequenzen seiner Tat an Eve Rull zu entziehen? Was führt zum Scheitern der Sprache? Diese und ähnliche Fragen sind es, die sich stellen, wenn man sich mit diesem Thema in Kleists Lustspiel auseinandersetzt.
Die zwei Fassungen, die 1811 gedruckte Kurzfassung und die 1808 von Goethe inszenierte Langfassung, die Kleist als Variant der Kürzeren beifügte, machen die Komplexität dieses Stückes deutlich. Hier soll nur auf die kurze Fassung eingegangen werden. Aus den unzähligen Interpretationen, die sich in der Kleist Forschung aufgetan haben und zum Teil sehr widersprüchlich sind, lässt sich herauslesen, dass eine alles aufdeckende Deutung offensichtlich bisher noch keinem gelungen ist und wahrscheinlich auch nicht gelingen wird. Deshalb soll lediglich ein Ausblick auf die möglichen Interpretationsansätze gegeben werden, die sich hinsichtlich dieses Themas ergeben.
Dieser Ausblick klärt zunächst einmal die Begriffe Sprache und Kommunikation und wirft ein Licht auf das Verhältnis Heinrich von Kleists zur Sprache. Die Symbolik, die Kleist den Namen seiner Figuren beigemessen hat, ist ein weiterer Untersuchungsgegenstand. Schließlich werde ich am Beispiel Adams und seiner Gegenspieler die Problematik der Sprache und Kommunikation im „zerbrochenen Krug" verdeutlichen um schließlich ein Resümee der gewonnenen Ergebnisse und Einblicke zu ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sprache und Kommunikation
3. Das Verhältnis Heinrich von Kleists zur Sprache
4. Namensymbolik im Zerbrochenen Krug
5. Dorfrichter Adam
6. Resümee
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Scheitern von Sprache und Kommunikation in Heinrich von Kleists Lustspiel "Der zerbrochne Krug". Dabei wird analysiert, inwieweit die Hauptfigur, Dorfrichter Adam, Sprache gezielt zur Verschleierung seiner Schuld einsetzt und ob das sprachliche Versagen als Ausdruck einer grundlegenden Problematik des menschlichen Austauschs zu verstehen ist.
- Die Funktion von Sprache als Mittel zur Verständigung versus Verschleierung
- Das Verhältnis von Wahrheit, Lüge und sprachlichem Ausdruck
- Kleists spezifisches Sprachverständnis und dessen Auswirkungen auf seine Dramatik
- Die symbolische Bedeutung der Figurennamen für den Handlungsverlauf
- Die Rolle der Machtverhältnisse bei der Kommunikation zwischen verschiedenen sozialen Gruppen
Auszug aus dem Buch
3. Das Verhältnis Heinrich von Kleists zur Sprache
„Tumultös", „lebensgefährlich", „schauerlich", „grauenvoll", „unheimlich", „gräßlich", „krass", so bezeichnet Thomas Mann die Erzählungen Kleists in dessen Essay. Er spricht von einem „Extremismus der Sprache". Gehört die Sprache in Kleists Prosa „zum Besten (...), was je in deutscher Sprache geschrieben worden" ist, so ist die „Notwendigkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der in den Novellen die Wirklichkeit zur Sprache kommt", in seinen Dramentexten „verflogen". Das Scheitern der Sprache ist in diesen Texten charakteristisch. Die Figuren sind nicht in der Lage sich der Sprache derart zu bedienen, dass sie ihre Gedanken, ihre Absichten in die richtigen Worte fassen.
Im „zerbrochnen Krug" gerät die Hauptfigur, Dorfrichter Adam, ins „straucheln", weil sie an der Sprache scheitert. „Wirklichkeit und Wort decken sich nicht mehr". Die Probleme ergeben sich aus der Sprache selbst und die Formulierung der Gedanken in Worte wird von den Empfängern dieser Worte fehl gedeutet und endet im Missverständnis.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert die zentrale Fragestellung, ob das Scheitern von Sprache und Kommunikation in Kleists Lustspiel eine bewusste Strategie der Hauptfigur Adam zur Vertuschung seiner Schuld oder ein inhärentes Problem der Sprache selbst darstellt.
2. Sprache und Kommunikation: Das Kapitel definiert den Ideenaustausch durch Sprache und untersucht, wie soziale Unterschiede und Machtgefälle in der Gerichtskammer die Kommunikation zwischen den Figuren prägen.
3. Das Verhältnis Heinrich von Kleists zur Sprache: Hier wird Kleists gebrochenes Verhältnis zur Sprache analysiert und dargelegt, dass seine Dramenfiguren aufgrund einer fehlenden "verbindenden Kraft" des Wortes zwangsläufig an der Wirklichkeit scheitern.
4. Namensymbolik im Zerbrochenen Krug: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Kleist durch gezielte Namensgebung – etwa bei Adam oder Ruprecht – Charaktereigenschaften vorwegnimmt und die Handlung symbolisch auflädt.
5. Dorfrichter Adam: Die Analyse konzentriert sich auf Adams rhetorische Strategien und seine Unfähigkeit, die Kontrolle über seine eigenen, sich verselbstständigenden Lügen zu behalten.
6. Resümee: Die Zusammenfassung schließt mit der Erkenntnis, dass das Lustspiel das Scheitern der Lüge und die Unmöglichkeit einer reinen, gemeinschaftsbildenden Sprache thematisiert.
7. Literaturverzeichnis: Ein Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur, die als Grundlage für die wissenschaftliche Untersuchung dient.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug, Sprache, Kommunikation, Scheitern, Dorfrichter Adam, Lüge, Sprachverwirrung, Rhetorik, Namensymbolik, Schuld, Komödie, soziale Gruppenzugehörigkeit, Wirklichkeit, Missverständnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Versagen von Sprache und Kommunikation im Lustspiel "Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist und analysiert, wie diese Sprachproblematik die Handlung und die Entlarvung des Täters beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Funktion von Sprache als Mittel zur Wahrheitssuche versus Lüge, der Bedeutung der Namensymbolik und dem Einfluss sozialer Machtverhältnisse auf den kommunikativen Erfolg der Figuren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu ergründen, ob das Scheitern der Kommunikation in der Natur der Sprache selbst begründet liegt oder ob es eine gezielte Taktik von Dorfrichter Adam darstellt, um seine Schuld zu verschleiern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine literaturwissenschaftliche Analyse durch, die auf der Untersuchung des Textes, dem Einbezug von Forschungsliteratur sowie der Analyse von Sprach- und Kommunikationsstrukturen innerhalb des Dramas basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit Kleists persönlichem Verhältnis zur Sprache, der symbolischen Namensgebung der Akteure sowie dem rhetorischen Verhalten von Dorfrichter Adam und seiner Gegenspielerin Marthe Rull.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Kleist, Sprache, Kommunikation, Lüge, Dorfrichter Adam, Namensymbolik und das Scheitern der Sprache.
Wie unterscheidet sich Kleists Verwendung der Sprache in der Prosa von seinen Dramentexten?
Laut der Arbeit ist in den Novellen die Wirklichkeit noch selbstverständlich mit der Sprache verbunden, während in den Dramentexten diese Einheit verloren gegangen ist und ein charakteristisches Scheitern der Sprache dominiert.
Welche Rolle spielt die Figur des Gerichtsschreibers Licht?
Licht wird als taktisch agierende Figur beschrieben, die den Tathergang frühzeitig durchschaut, jedoch auf den richtigen Moment wartet, um Adam zu überführen und dessen Position selbst zu übernehmen.
Welche Bedeutung kommt der Namensgebung im Werk laut der Analyse zu?
Namen wie "Adam" (Bezug zum Sündenfall) oder der "Klumpfuß" (Bezug zu Ödipus) werden als bewusst gewähltes Mittel interpretiert, um die Charaktere und ihre moralische Verfehlbarkeit bereits vorab zu charakterisieren.
Zu welchem Schluss kommt der Autor bezüglich der Frage, ob Sprache oder Lüge scheitert?
Der Autor resümiert, dass letztlich die Lüge Adams in ihrer Eigendynamik scheitert, wobei jedoch gleichzeitig die grundlegende Skepsis Kleists gegenüber der Sprache als gemeinschaftsbildendes Mittel unterstrichen wird.
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- Frank Jakobs (Author), 2005, Das Scheitern der Sprache und der Kommunikation in Heinrich von Kleists 'Der zerbrochne Krug', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43794