Die Ursachen der Gewalt bei Kleist. "Der Findling" und "Die Verlobung von Santo Domingo" im Vergleich


Hausarbeit, 2015

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Findling

3. Die Verlobung von Santo Domingo

4. Zusammenfassung

1. Einleitung

Kleists Erzählungen erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit. So gut wie kein Schulkind kommt im Laufe seiner Schullaufbahn an Kleists Erzählungen herum. Kleist schafft es auf einzigartige Art und Weise, dass ״Schauer und Schrecken“ den Leser überfällt. Auf den ersten Blick mögen sie ״ein Stück trivialer Schauerliteratur“1 sein, doch bei näherem Hinsehen entdeckt man, wie konstruiert und durchdacht diese Erzählungen sind. Man bekommt das Gefühl, dass bei Kleist Gewalt immer eine nötige Folge sei, nicht geschieht ohne Grund. Gewalt ist bei Kleist aber nicht nur etwas Notwendiges, sondern auch etwas Abstoßendes. Seine detaillierten Beschreibungen des Gewaltaktes erzeugten nicht nur beim damaligen Leser eine abstoßende Wirkung. Zwar ist in Zeiten von großangelegten Action-Blockbustern die beim heutigen Leser erzeugte Wirkung nicht mehr ganz so dramatisch, aber sie erscheint dennoch als etwas nicht ganz Alltägliches.

Wilhelm Grimm wollte einst den Lesern der Zeitschrift für die elegante Welt den Findling als ״das grause Gemälde wilder Leidenschaft und schändlicher Bosheit“2 nicht empfehlen. Der Findling kann also exemplarisch für das Phänomen der Gewalt bei Kleist herangezogen werden. Um die Kontinuität der Motive für Gewalt bei Kleist aufzuzeigen, wird eine weitere Erzählung betrachtet: Die Verlobung von Santo Domingo. Gerade weil bestimmte Muster und Verhaltensweisen aus diesem Werk in Der Findling aufgegriffen und radikalisiert werden, lässt sich hier besonders gut die Gewalt und deren Ursachen herausarbeiten. Die folgende Abhandlung soll also nun die beiden angeführten Werke untersuchen und die Motive und Ursachen für die Gewaltanwendung herausarbeiten. Hierbei sollen beide Werke unter bestimmen Gesichtspunkten verglichen und abschließend ein gemeinsames Fazit gezogen werden. Grundsätzlich soll in zwei verschieden Gruppen von Faktoren unterschieden werden. Auf der einen Seite externe, wie das Umfeld oder nicht von den Akteuren beeinflussbare Zufälle, und auf der anderen Seite interne Faktoren, wie die Biographie der einzelnen Personen oder die familiären Umstände. Der Schwerpunkt soll hierbei auf dem Werk Der Findling liegen. Nach dessen ausführlicher Bearbeitung sollen in der Verlobung von Santo Domingo auf der Grundlage des Vorangegangenen einzelne Aspekte verglichen und vertieft werden. Selbstverständlich ist es unmöglich in einem derartig beschränkten Rahmen alle Interpretationsansätze aufzuführen, aber dennoch soll versucht werden, einen möglichst guten Überblick zu geben.

2. Der Findling

Die Quellenlage für diese Novelle ist sehr dünn. Zwar wurde sie im zweiten Band der Erzählungen von 1811 publiziert, aber sonst gibt es keine Handschrift oder weitere Quelle. Allerdings geht die heutige Forschung davon aus, dass es sich um ein spätes Werk von Kleist handelt.3

Die Diegese der Erzählung ist eine Krisensituation eingebettet. In Teilen Italiens herrscht die Pest. Die Familie selbst ist als bürgerlich einzustufen, denn Piachi wird als ein ״wohlhabender Güterhändler“4 vorgestellt. Er ist in zweiter Ehe mit einer jungen Frau namens Elvire verheiratet. Diese Ehe allerdings ist wohl eher pragmatischer Natur, denn trotz ihrer Schönheit erwartet sie von ihrem Ehemann ״keine Kinder mehr“5. Sie erfüllt somit wohl eher repräsentative Aufgaben, um das bürgerliche Bild zu wahren.6 Aus erster Ehe hat Piachi einen Sohn, Pablo7. In Zeiten, in denen das bürgerliche Selbstverständnis Piachis sich primär über das Ansehen des Hauses, im konkreten Fall also die Kontinuität der Handelsbeziehungen definiert, ist es nachvollziehbar, weshalb Piachi seinen elfjährigen Sohn auf seine Geschäftsreisen mitnimmt und ihn sogar der Gefahr der Pest aussetzt.8 Es sieht in ihm seinen Nachfolger, er will, dass sein zeitliches und materielles Werk nach seinem Tod fortbesteht.

Im Folgenden tritt nun Nicolo in das Leben von Piachi. Als pestkranken Jungen nimmt er ihn aus Mitleid auf, sein eigentlicher Sohn stirbt an der Pest, er adoptiert daraufhin Nicolo und setzt ihn in die ersten Geschäfte ein9. Er erwartet also von Nicolo die Übernahme der Rolle seines verstorbenen, leiblichen Sohnes. Nicolo selbst wird aber nicht gefragt, ob er diese Rolle überhaupt übernehmen möchte. Er lässt sich anfangs vielmehr schweigend in diese Rolle setzten10 Doch nicht lange. Bereits früh sucht er den Kontakt zu einem Karmeliterkloster, die allerdings nur wegen seines zukünftigen Erbes ihm ״mit großer Gunst zugetan waren“11. Auch geht er bereits im Alter von 15 Jahren eine außereheliche Beziehung zu einer Mätresse des örtlichen Bischofs mit dem Namen Xaviera ein. Für den Vater, ein Feind der ״Bigotterie“12 und Verfechter der bürgerlichen Gesellschaft, ein Affront. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten überlässt Piachi Nicolo seinen ganzen Besitz und verheiratet ihn mit einer Nichte Elvires.13

Damit verliert Plachi seine existentielle Grundlage. Mit dieser drastischen Methode versucht er, Nicolo doch noch ״zum formbaren Repräsentanten des Bürgertums“14 zu machen.

Im Folgenden lässt Kleist eine Menge kleiner Zufälligkeiten aufeinander treffen. Nicolo trifft sich heimlich auf einem Maskenball mit seiner ehemaligen Geliebten. Er trägt dabei die Maske eines genuesischen Ritters. Elvire hingegen wurde einst in ihrer Jungend das Leben von einem genuesischen Ritter gerettet, in den sie sich verliebte, der aber bei ihrer Rettung starb. Sie hat diesen Tod nie überwunden. Als nun Nicolo tief in der Nacht von dem Maskenball zurückkommt, trifft er zufällig Elvire in der Küche an. Sie erschrickt beim Anblick des scheinbaren genuesischen Ritters und stürzt. Aus Angst vor Plachi hilft ihr Nicolo allerdings nicht, sondern flüchtet in sein Zimmer.15 Neben dem Zufall spielt hier noch ein weiterer Faktor eine wichtige Rolle. Nicolo weiß nämlich nichts von Elvires Vergangenheit und versteht somit nicht ihre Reaktion. Diese fehlende Aussprache hat in dieser stelle und aber auch noch im Verlauf der Handlung verheerende Folgen.16

Der Zufall bestimmt auch weiterhin das Geschehen. Ein Jahr später stirbt Nicolos Ehefrau mitsamt ihres frisch geborenen Kindes. Nicolo, scheinbar unberührt davon, öffnet ״seinem Hange zu den Weibern wieder Tür und Tor“17. Seine Ehefrau ist noch nicht einmal begraben, so erwischt ihn Elvire mit einer Zofe Xavieras im Bett. Elvire selbst verrät aber niemandem etwas von dieser Begegnung. Wie durch Zufall (!) begegnet Plachi der Zofe selbst, als diese gerade das Haus verlässt und zwingt ihr einen Brief von Nicolo an Xaviera ab, mit einer Bitte um ein Treffen. Plachi verfasst daraufhin ein gefälschtes Antwortschreiben, in welchem er Nicolo bittet, am Abend zur Magdalenenkirche zu kommen. Plachi sagt das für den nächsten Tag angesetzte Begräbnis ab und lässt am Abend in dem Gewölbe der Magdalenenkirche den Leichnam vor den Augen Nicolos in aller stille beisetzten. An dieser stelle wechselt der Erzähler von einer größtenteils extern fokalisierten zu einer nullfokalisierten Erzählweise, die sich allerdings stark auf die inneren Gefühle Nicolos beschränkt. Der Leser betrachtet das Geschehen förmlich allein aus seiner Perspektive. In Nicolo, der glaubt, Elvire hätte ihn verraten, entsteht ein ״brennender Hass“18 gegen diese. An dieser stelle spitzt der Konflikt sich dramatisch zu. Plachi bestraft seinen Adoptivsohn mit dem ״Mittel der Beschämung“19, da er ihn als herzlos öffentlich bloßstellt. Diese Strafe schlägt bei Nicolo durchaus an, denn er gelobt Besserung (allerdings nur, um das Erbe seiner verstorbenen Ehefrau nicht einbüßen zu müssen).20 Plachi anfängliches Wohlwollen gegenüber dem Findling schlägt in einen enttäuschten Frust und einen Hass gegenüber ebendiesem um. Nicolo ist eben nicht zu dem von ihm gewünschten würdigen Nachfolger der Familiengeschäfte geworden. Nicolo selbst versucht als junger Mann aus diesem vorgegebenen Rahmen auszubrechen und will sich seinerseits an seinem Ziehvater für die an ihm ergangene Schmach zu rächen.21 Die Gelegenheit zu dieser Rache sieht er in der Beschämung Piachis. Nicolo deutet nämlich ״den Unwille, der sich mit sanfter Glut auf ihren [Elvires] Wangen entzündete“22 als eine romantisches Interesse Elvires ihrerseits an ihm. Er möchte durch die Erfüllung von Elvires falsch vermuteter Begierde Piachi beschämen und sich sogleich für den ebenfalls falsch vermuteten Verrat Elvires rächen.

Ein weiterer Zufall für nun vollends zum Ausbruch des Konflikts. Nicolo erspäht zufällig durch Geräusche angelockt durch das Schlüsselloch zu Elvires Zimmer, wie sie in einer ״Stellung der Verzückung“23 verharrt und den Namen ihres scheinbaren Geliebten flüstert: Colino. Neugierig geworden, wer der heimliche Geliebte Elvires sei, wartet er, bis Elvire das Zimmer verlässt, findet aber nur das Bild eines Ritters vor. Um herauszufinden, wer dieser Unbekannte sei, führt er Xaviera und ihre kleine Tochter in das Zimmer. Nicolo erschrickt, als die kleine Tochter Xavieras den Ritter als Nicolo selbst identifiziert. Später entdeckt Nicolo durch das Spiel mit ein paar hölzernen Buchstaben, das Anagramm zwischen dem Namen des Ritters (Colino) und seinem eigenen Namen (Nicolo). Diese Entdeckung lässt ihn sich noch weiter in sein Netz aus falschen Annahmen verstricken, denn er erinnert sich an die Nacht zurück, in der er mit einer Maske eines genuesischen Ritters Elvire erschreckte.24 Seine Begierde zu Elvire und seine Rachegefühle erreichen einen neuen Höchststand und treiben ihn immer weiter an. Der Leser selbst weiß natürlich um die wahren Begebenheiten, muss aber hilflos dabei Zusehen, wie Nicolo sein eigenes Verderben weiter vorantreibt.

Ein weiterer interessanter Aspekt über die familiären Umstände ergibt sich aus dieser Textpassage. Elvire hat den Tod ihres geliebten Lebensretters nie überwunden. Folglich ist auch die jetzige Ehe zu Piachi nur noch existent, um den Schein einer funktionierenden, bürgerlichen Familie zu wahren. Da Piachi diesen Umstand respektiert, erscheint sein anfängliches ״Mitleid“25 in einem neuen Licht. Es handelte sich hier vielmehr um das kühl­rationale Interesse, sein Ansehen als Geschäftsmann zu wahren und einen Nachfolger für die Geschäfte zu finden. Die Familie ist also nach innen keinesfalls intakt, er herrschen vielmehr Kälte und Lieblosigkeit. Ein perfekter Nährboden für Gleichgültigkeit, Gemeinheit und Gewalt.26

Nachdem Nicolo die Zusammenhänge zwischen seinem Namen und dem Namen des Ritters herausgefunden hat und die hölzernen Buchstaben vor ihm liegen, fällt Elvires Blick darauf.

[...]


1 Blamberger, Günther: Art. ״Der Findling“, in: Breuer, Ingo (Hrsg.): Kleist Handbuch. Leben - Werk­Wirkung. Stuttgart 2013. s. 133.

2 Ebd.

3 Vgl. Blamberger(2013): 133.

4 Kleist, Heinrich von: ״Der Findling“, in Ders.: Heinrich von Kleist Sämtliche Erzählungen, Anekdoten, Gedichte, Schriften. Hrsg. Müller-Saget, Klaus. Band 5. Frankfurt am Main 2005. s. 265

5 Ebd.: 267.

6 Vgl. Gönner, Gerhard: Von ״zerspaltenen Herzen“ und der ״gebrechlichen Einrichtung der Welt“. Versuch einer Phänomenologie der Gewalt bei Kleist. Stuttgart 1989. s. 111.

7 Vgl. Kleist (2005): 265.

8 Vgl. Gönner (1989): 111-112.

9 Vgl. Kleist (2005): 265-267.

10 Vgl. Heutger, Ulrike Stefanie: Gewalt in ausgewählten Erzählungen Heinrich von Kleists. Ihre Funktion und Darstellung. Stuttgart 2003. s. 81-82.

11 Kleist (2005): 267.

12 Ebd.

13 Vgl. Ebd.: 268.

14 Gönner (1989): 115.

15 Vgl. Kleist (2005): 270-271.

16 Vgl. Heutger (2003): 85-86.

17 (Kleist (2005): 271.

18 Ebd.: 272.

19 Gönner (1989): 115.

20 Vgl. Kleist (2005): 273.

21 Vgl. Heutger (2003): 88-89.

22 Kleist (2005): 273.

23 Ebd.

24 Vgl. Ebd.: 273-277.

25 Ebd.: 265.

26 Vgl. Heutger (2003): 92-93.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Ursachen der Gewalt bei Kleist. "Der Findling" und "Die Verlobung von Santo Domingo" im Vergleich
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V438017
ISBN (eBook)
9783668785854
ISBN (Buch)
9783668785861
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Heinrich Kleist, Ursachen, Abstoßend, Der Findling
Arbeit zitieren
Andreas Schumacher (Autor), 2015, Die Ursachen der Gewalt bei Kleist. "Der Findling" und "Die Verlobung von Santo Domingo" im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438017

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