Ein bewegliches Heer von Metaphern? Nietzsches Dimension der Erkenntniskritik durch die Metapher


Hausarbeit, 2018

16 Seiten, Note: 1,0

Felina Schüle (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Stil Nietzsches

3. Die Funktion der Metapher

4. Detailanalyse

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Eine Entdeckung also.“ - Philippe Lacoue-Labarthe, Der Umweg [1]

So bezeichnet Lacoue-Labarthe Nietzsches Beschäftigung mit der Rhetorik. Als wäre Nietzsche eines Tages „zufällig“ darüber gestolpert und hätte sich ihrer angenommen. Dass gerade diese Begegnung nicht zufällig war, sieht Josef Kopperschmidt im Gehalt des für ihn erkenntniskritischen Textes „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“.[2] Was macht diese Betrachtungsweise so besonders? Eine Frage, die man dem Text zunächst stellen sollte, wäre die nach der Polemik, die sich in der Gestalt einer Fabel zu Beginn des ersten Abschnitts äußert: „kluge Thiere [erfanden] das Erkennen“ und leiteten somit die „hochmüthigste und verlogenste Minute der [‚]Weltgeschichte[‘] ein“.[3] Sie überschätzten sich und ihren Intellekt maßlos, obwohl ihr Dasein, wie bei jedem anderen Tier, gefühlt nur einen Augenblick währt. Einige Sätze später lassen sich diese Wesen einer konkreten Art Mensch zuordnen: dem Philosophen.[4] Nietzsche führt hier eine Rationalismuskritik gegen die Philosophie ins Feld, die später nochmals von Hans Blumenberg aufgegriffen wird, wenn er sich in seinen „Paradigmen zu einer Metaphorologie“ einleitend den Verlauf einer Philosophie zugunsten des Programms Descartes vergegenwärtigt.[5] Demnach mündet die philosophische Sprache früher oder später in einen Zustand, der sich durch vollständige Konkretisierung auszeichnet und in dem nicht nur alles definiert werden kann, sondern auch definiert werden muss.[6] Als Resultat wird alles innerhalb einer logischen Begrifflichkeit darstellbar und somit gelten auch „[a]lle Formen und Elemente übertragener Redeweise im weitesten Sinne […] als vorläufig und logisch überholbar.“[7] Blumenberg skizziert, ausgehend von Descartes‘ Visionen, den vollständigen Ausschluss der Rhetorik und ihrer Mittel aus der Philosophie. Es stellt sich in diesem Kontext die Frage nach dem „Warum?“. Wie gesagt, erkannte bereits Nietzsche, dass die Philosophen zu seiner Zeit die Rhetorik kategorisch ausklammerten und sie als Gegensatz zu ihrem Handeln im Sinne der Erkenntnis und Wahrheit betrachteten. Vor allem die Metapher, eine der wichtigsten Tropen der Rhetorik, fand in ihrem Studium der Sprache und Umwelt keinerlei Verwendung.

Nun mag es nicht verwundern, dass im „Historischen Wörterbuch der Rhetorik“ ein langer und detaillierter Beitrag zur Metapher und ihrer Geschichte angelegt wurde (in dem sich übrigens auch mehrere Hinweise dafür finden lassen, dass die Metapher in ein philosophisches Begriffsfeld eingeordnet werden kann).[8] Jedoch verwundert es dann durchaus, wenn man der Doktrin der Philosophen zur Zeit Nietzsches konsequent folgt, dass sich im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ ebenfalls ein Beitrag zur Metapher lokalisieren lässt.[9] Falls die Rhetorik wirklich das Pendant zur Philosophie ist, unvereinbar per definitionem, wären derartige Lexikoneinträge hinfällig. Um noch einen Schritt weiterzugehen: 2011 publizierte Ralf Konersmann ein „Wörterbuch der philosophischen Metaphern“.[10] Ein solches Werk impliziert den figurativen Charakter der Philosophie geradezu. Was Nietzsche also bereits 1873 zu postulieren versuchte, erfuhr in den letzten Jahrzehnten eine Neuausrichtung hin zu der Tatsache, dass die Metapher nicht nur im Repertoire der Rhetorik, sondern auch in dem der Philosophie ihre Daseinsberechtigung beansprucht.

In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, welchen Mehrwert bzw. welche Dimension, in Bezug auf die Erkenntniskritik, Nietzsche in der Metapher sah. Für ihn schließen sich die Metapher und ihr Gebrauch in der Philosophie nicht aus und dies versucht er exemplarisch mithilfe des zuvor genannten Textes zu belegen. Warum war sie für ihn so wichtig? Bevor sich dieser Frage gewidmet wird, folgt zunächst ein Versuch, den Stil Nietzsches einzufangen, um daraus eventuell schon schlussfolgern zu können, ob dieser paradigmatisch für seine Thesen steht. Im Anschluss daran rückt die Metapher ins Zentrum der Betrachtung. Was bezweckt die Metapher bei Nietzsche, insbesondere in seinen Werken? Hierzu werden verschiedene Positionen gegenübergestellt, um zu demonstrieren, wie konträr die Interpretationen ausfallen können. Der Text „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ dient als Exempel für Nietzsches Erkenntnis- und Sprachkritik. Die Detailanalyse einer ausgewählten Metapher des Textes soll Aufschluss darüber geben, wie Nietzsche versucht, mit ihrer Hilfe seine Argumentation zu untermauern und auch zeigen, ob er das praktiziert, was er in seinen Annahmen versucht hat zu verdeutlichen. Im Fazit werden schlussendlich die wichtigsten Ergebnisse und Standpunkte zusammengefasst, um eine Antwort auf die Frage nach der Dimension der Erkenntniskritik der Metapher bei Nietzsche zu erhalten oder ihr zumindest ein Stück näher zu kommen.

2. Der Stil Nietzsches

Nietzsche ist paradox, schreibt provokativ, oft polemisch, manchmal sogar nihilistisch.[11] Dies sind nur einige Eigenschaften, die ihm und seiner Ausdrucksweise zugeschrieben werden. Weitgehende Einigkeit besteht darüber, dass viele seiner Schriften in einem aphoristischen Stil verfasst worden sind und sich dieser vor allem durch seine späteren Werke zieht.[12] Dass es Nietzsches Intention entsprach, sich eher mit seinem Stil als mit seinen Ansichten auseinanderzusetzen, führt Schlaffer ins Feld.[13] Doch bevor man sich mit der äußeren Form der Texte befasst, sollte man ihre kleineren, nicht weniger auffälligen Formalien betrachten.

Wenn Schlaffer in seinem Buch „Das entfesselte Wort“ eine Überschrift mit der Phrase „Zwischen den Wörtern“[14] betitelt, besteht Grund zu der Annahme, dass es bei Nietzsche mit stoischem Verbinden von Buchstaben zu Wörtern und Wörtern zu Sätzen nicht getan ist. Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur in Schlaffers Beispielpassage aus Der Fall Wagner[15], sondern auch in dem für diese Arbeit relevanten Text, lassen sich neben den verbalen Aspekten der Schrift auch verschiedene paraverbale Aspekte finden, die Nietzsches Stil einzigartig und besonders machen. Schlaffer spricht von den „Besonderheiten […] der typographischen Erscheinung“[16], die sich in den Texten Nietzsches finden lassen. Und es fällt tatsächlich ein ungewöhnlich diverser Gebrauch an Satzzeichen auf, der einem im Vergleich mit der Lektüre ähnlicher Texte vorerst fremd erscheinen vermag. Wer der Schulgrammatik fähig ist, weiß, wie Sätze im Allgemeinen aufgebaut sein müssen und an welchen Stellen dementsprechend Satzzeichen zu stehen haben. Nietzsches Verwendung der Satzzeichen geht über dieses Regelwerk hinaus, indem er versucht, seinem geschriebenen Wort mündlichen Charakter zu verleihen. Ein Vortrag hat, durch die verschiedenen Mittel der Intonation und der Unmittelbarkeit der Sprache, gewisse Vorzüge gegenüber der Schrift. Diese Vorzüge wollte Nietzsche in die Schrift einarbeiten. Um dies zu verwirklichen, musste er versuchen, „Bedingung und Grenzen der Schrift aufzuheben“.[17] Sein Umgang mit den Satzzeichen soll den Lesern das Gefühl geben, dass sich die Stimme des Autors durch die Schrift hindurch verändert, dem Gelesenen anpasst. Der Leser soll sich also wie in einem mündlichen Vortrag fühlen; nur dass sich dieser hier in einem rein kognitiven Prozess des Rezipienten widerspiegelt, der durch den Gebrauch typographischer Mittel erzeugt worden ist. Natürlich, so Schlaffer, spricht der Text nicht wirklich.[18] Aber dieser Stil erzeugt dennoch eine andere Art des Lesens, die dem Sprechen sehr nahekommt.

Auffällig bei Nietzsche wären zum einen die vielen Gedankenstriche in seinen Texten. Gedankenstriche bedienen in der Regel keine syntaktische Funktion und auch Schlaffer bemerkt, dass sie bei Nietzsche „einen stilistischen, [aber] keinen grammatischen Wert“[19] besitzen. Viel eher sind sie hier eine Art Marker, die einen Transfer vom offensichtlich Gesagten hin zu verborgenen Gedanken kennzeichnen.[20] Ein Gedankenstrich lädt ein, über den Horizont hinauszudenken. Ob danach im geschriebenen Sinne tatsächlich noch etwas folgt, ist in dem Fall nicht von Belang. In den meisten Fällen fehlt bei Nietzsche das „Weitergedachte“ und die Gedankenstriche verweisen über das, was bereits geschrieben wurde, auf das, was noch zu schreiben wäre.[21] Somit stellt Nietzsche seine Rezipienten vor die Aufgabe, seine Texte nicht nur durchzulesen, sondern in ihnen auch den versteckten Inhalt, die weiterführenden Gedanken zu erschließen. Neben dem häufigen Gebrauch der Gedankenstriche lassen sich noch weitere Satzzeichen vermehrt bei Nietzsche vorfinden:

„Zu Komma und Punkt, der üblichen Ausstattung von Sätzen, tritt hier die anspruchsvollere Interpunktion mit Doppelpunkten, Frage- und Ausrufezeichen. Ungewöhnlich gehäuft sind Gedankenstriche, eingefügt mit Vorliebe an unerwarteten Stellen (nach Komma, Punkt und Doppelpunkt), mehr noch die sogenannten >drei Pünktchen<, die außerhalb von Privatbriefen und erzählender Prosa kaum vorkommen. Außerdem sorgen Anführungszeichen, Sperrungen und ungleichmäßige Länge der Absätze für ein unruhiges Druckbild. An manchen Stellen nehmen die Nicht-Wörter, d.h. Zeichen und Lücken, fast so viel Platz ein wie die Wörter […]“[22]

All diese typographischen Mittel dienen dem Zweck, das Lesetempo zu verlangsamen und Pausen in der Lektüre zu verursachen, wo ansonsten keine wären. Ausrufezeichen verstärken die Aussagen, hinter denen sie stehen (es wirkt wie ein Ausruf) und die Lücken, die oft sogar einzelne Wörter in die Länge ziehen, zwingen den Leser, die Wörter mit mehr Sorgfalt zu lesen, um vielleicht auch ihre besondere Bedeutung für den Autor mithilfe der Schreibweise zu erkennen. Nietzsche möchte in seinen Texten präsent erscheinen. Die Rezeption soll nicht losgelöst von ihm vollzogen werden, sondern mit ihm im Hintergrund. Seine Gedankengänge und Empfindungen während des Schreibprozesses „leben“ durch diese bewusst eingesetzte Zeichensetzung weiter und sollen dem Leser ein Gefühl dafür geben, wie das Werk „zwischen den Zeilen“ zu lesen ist. Er soll nachdenken, ungeduldig weiterlesen, „[b]egierig, der verborgenen Wahrheit teilhaftig zu werden“.[23] Schlaffer sieht in dieser Struktur Nietzsches ein Werkzeug, welches „den bedeutenden Worten das Versprechen bedeutender Gedanken hinzu[fügt], die vielleicht in Zukunft die Gestalt von Worten annehmen werden“.[24] Und wenn dies nicht der Fall sein sollte, soll der Leser selbst versuchen, diesen Weg weiterzugehen. Besonders durch die freien Stellen in einem Wort, die es nochmals hervorheben, wird der Rede- bzw. Lesefluss unterbrochen und man wird gezwungen, den einzelnen Wörtern mehr Gewicht zu geben. Letztendlich bleibt aber auch die Interpretation der Zeichen immer nur ein Versuch, die Gedankengänge Nietzsches nachvollziehen zu können.

Wie zu Beginn des Kapitels bereits erwähnt, sind die meisten Werke Nietzsches aphoristisch geschrieben. Ein Aphorismus ist ein geistreicher, oft knapp formulierter Gedanke, der eine Lebensweisheit vermitteln soll.[25] Daher werden Aphorismen im Allgemeinen in Spruchform verfasst. Nietzsches Intention, seine Werke mündlich zu inszenieren und der damit verbundene Umgang mit den Satzzeichen, ebnen einen Weg, der dafür prädestiniert ist, im Spruch zu enden. Er ist die bündigste Form des Sprechens und vereint sowohl die „einprägsame Knappheit einer mündlichen Lebensregel [als auch] […] die grammatische Vollständigkeit des schriftlichen Satzes“[26]. Demnach ist diese Form des Schreibens ganz im Sinne Nietzsches. Sprüche kann man losgelöst von einem Buch betrachten und sie besitzen eher einen zeitlosen Charakter. In ihrer Kürze liegt, wie das Sprichwort besagt, die Würze. Schon bei den griechischen Philosophen war diese Form des Schreibens bekannt und so sind viele der noch vorhandenen Fragmente kurze, metrisch geordnete Merksprüche.[27] Dies bestätigte Nietzsche in seinem Schaffen, da auch er sich intensiv mit der griechischen Philosophie auseinandergesetzt hatte. So ist die Spruchform die einzig logische Konsequenz, die aus dem Stil Nietzsches gezogen werden kann und der er sich dann vollends hingab. Natürlich hat er auch Bücher verfasst und viele seiner Aphorismen befinden sich in selbigen. Allerdings war für ihn, eben ausgehend von seinem Studium der griechischen Philosophie, die Spruchform „die älteste und elementare Form der Erkenntnis“.[28] Ein Buch kann Gedanken und die Erkenntnis nicht in der Form wiedergeben, wie es ein Spruch kann. Es ist ein langwieriger Prozess, ein Buch zu verfassen und im Endeffekt ist der Funke, der zu Beginn eines Buches aufflammte, am Ende vermutlich nicht mehr als ein Glühen. Im Spruch verarbeitet man den Funke, noch bevor er verglüht ist.

3. Die Funktion der Metapher

Dass die Metapher für Nietzsche einen besonderen Stellenwert besaß, wurde in der Einleitung bereits ins Feld geführt. Sie war für ihn mehr als ein einfacher, sprachlicher Ausdruck oder ein rhetorisches Mittel. Sein Gebrauch der Metapher ist nicht arbiträr, sondern wissentlich gesetzt. Doch welche Funktion kann man ihr in seinen Werken zuweisen? Über die tatsächliche Funktion und den Charakter der Metapher bei Nietzsche existieren verschiedene Theorien. Im folgenden Kapitel sollen zwei Ansätze aus einer Fülle an Ausarbeitungen vorgestellt werden.

Für Anne Tebartz-van Elst ist der Gebrauch der Metapher bei Nietzsche klar mit seinem Interesse für die Rhetorik und ihrem Verhältnis zur Philosophie verbunden. So erkannte Nietzsche, laut Tebartz-van Elst, „die fundamentale Bedeutung des Rhetorischen für die Philosophie lange vor dem linguistic turn[29] und der Ansatz wurde daher zu seiner Zeit eher verhalten aufgenommen. Dies hielt Nietzsche jedoch nicht davon ab, einen Text über die Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne zu verfassen und darin, nach Tebartz-van Elst, den Weltbezug der Metapher zu skizzieren und vor allem die Sinnbildung als ein metaphorisches Verfahren des freien Intellekts zu werten.[30] In ihrem Aufsatz stellt sie die These auf, dass die Metapher bei Nietzsche eine epistemische, also erkenntnistheoretische, Funktion besitzt; dies wird bereits im Titel deutlich: „Zur epistemischen Funktion der Metapher bei Nietzsche“.[31] Um ihre These zu untermauern, beginnt sie zunächst mit Nietzsches Kritik an der Metaphysik. Im Folgenden postuliert Tebartz-van Elst drei Punkte, unter denen sich Nietzsches Metaphysikkritik zusammenfassen lässt: erstens durch den Glauben an eine Art vollkommene Wahrheit der Vernunft, zweitens die Tatsache, dass das Modell dieser Wahrheit ein Erzeugnis der Sprache ist und drittens die Hypostasierung, also quasi die Vergegenständlichung, sprachlicher Symbole, die zwangsläufig zu Vorurteilen in der Metaphysik führen.[32] Der erste Punkt hat zur Folge, dass neben dem Wissen auch der Glauben eine Art der Erkenntnis darstellt, diese aber von der Philosophie nicht als solche betrachtet wird. Der Glaube wird hier noch als etwas Unvollständiges gesehen, da er im Gegensatz zum Wissen eben keine vollständige Gewissheit voraussetzt. Dass aber der Glauben dem Wissen vorausgeht, wird ausgeblendet. Durch diesen Fakt jedoch wird das Wissen in seinem Wert herabgewürdigt und die traditionelle Trennung zwischen Glauben und Wissen verliert an Autorität.[33] Diese Befunde, zusammen mit den zwei anderen Punkten der Metaphysikkritik Nietzsches, zielen letzten Endes, so Tebartz-van Elst, darauf ab, „die ästhetische Dimension der Sprache in der Sprache wieder bewußt zu machen.“[34] Für eine Bewerkstelligung dieser Aufgabe braucht Nietzsche die Metapher. Aber was genau bezweckt diese? Welchen Erkenntniswert kann man ihr zuschreiben? Um einer Antwort näherzukommen, zitiert sie Nietzsches Metaphern-Definition aus den Jahren 1872/1873:

Metapher heißt etwas als gleich behandeln, was man in einem Punkte als ähnlich erkannt hat.“[35]

Im weiteren Verlauf heißt es dann, dass die Metapher nicht nur Dinge gleich behandelt, die einander ähnlich sind, sondern dass man sie auch als „Analogieschluss“ bezeichnen kann und dieser zu einer Art neuem Erleben oder Entdecken von Ähnlichkeiten führt.[36] Aufgrund dieser Aussage deutet Tebartz-van Elst zum einen Nietzsches Definition als eine Erweiterung der aristotelischen Metaphern-Theorie, indem er der Metapher eine prädikative Eigenschaft zuspricht.[37] Zum anderen erschließt sich für sie daraus die ästhetische Dimension der Metapher: ausgehend davon, dass das Finden bzw. Erkennen von Ähnlichkeiten durch die menschlichen Sinne und unser Gedächtnis gegeben ist und der Prozess somit als kognitiver Akt bezeichnet werden kann, heißt Erkennen also, den Zusammenhang des Einzelnen trotz aller Unterschiede dennoch zu sehen.[38] Wenn es ein kognitiver Akt ist, ist er von Mensch zu Mensch verschieden, da jeder von seinem Horizont aus andere Ähnlichkeiten erkennen oder bilden kann. Dennoch sind diese Bildungen logisch, auch wenn ihnen unter den gegebenen Umständen keine Regeln zugrunde gelegt werden können. Dieser Leistung wurde eben wegen fehlender Regeln oft Irrationalismus vorgeworfen. Tebartz-van Elst teilt die Kritik allerdings nicht, da es sich um das ästhetische Vermögen des Menschen handelt und er somit in keinerlei Beweispflicht steht.[39] Nun ist die Metapher das Beispiel par excellence für den Prozess, der hier beschrieben wurde. Mit ihr können die Ähnlichkeiten gesehen werden, von denen zuvor gesprochen wurde. Daher spricht Tebartz-van Elst ihr im Namen Nietzsches auch eine erkenntnistheoretische Rolle zu.[40] Sie wird gebraucht, um die Welt als solches zu erschließen. Um es noch einmal mit den Worten Tebartz-van Elsts zu vergegenwärtigen:

[...]


[1] In: Nietzsche aus Frankreich / Essays zu Georges Bataille… Hrsg. von Werner Hamacher. Hamacher, Werner (Hrsg.). – [Hamburg]: Europ. Verl.-Anst., 2007, S.129

[2] Nietzsches Entdeckung der Rhetorik oder Rhetorik im Dienste der Kritik der unreinen Vernunft. In: Nietzsche oder „Die Sprache der Rhetorik“ / Josef Kopperschmidt; Helmut Schanze (Hrsg.). – München: Fink, 1994, S.42

[3] Zitiert wird auf den folgenden Seiten nach: Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli und M. Montinari, Berlin u.a.: DTV de Gryter, 1967-77 und 1988 (2., durchgesehene Auflage). In der abgekürzten Fassung wäre das dann jeweils „KSA“, gefolgt von der Bandnummer und der entsprechenden Seitenzahl. Hier: KSA 1, S.875

[4] Vgl. ebd. S.875

[5] Paradigmen zu einer Metaphorologie. Bonn: Bouvier 1960 (Archiv für Begriffsgeschichte 6), S.7

[6] Vgl. ebd. S.7

[7] Ebd. S.7

[8] Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Teil: Bd. 5., L – Musi / Gregor Kalivoda (Ed.) et al. Gert Ueding (Hrsg.). – Tübingen: Niemeyer, 2001, Spalte 1099ff.

[9] Siehe Joachim Ritter/ Karlfried Gründer: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Teil: Bd. 5.; L – Mn. Basel: Schwabe. 1980, Spalte 1179-1186

[10] Wörterbuch der philosophischen Metaphern / hrsg. von Ralph Konersmann. Studienausgabe 2014 (unveränderter Nachdruck der 3., erweiterten Auflage 2011). – Darmstadt: WBG, [Abt. Verl.], 2014

[11] Vgl. Wilfried Stascheit: Nietzsche: [ein Sachcomic] / Laurence Gane & Piero. [Übers.: Julia Kockel; Wilfried Stascheit]. Wilfried Stascheit (Hrsg.). Reihe: INFOcomics. Mülheim an der Ruhr: TibiaPress-Verl., 2014, S.35

[12] Vgl. ebd. S. 35 und Heinz Schlaffer: Das entfesselte Wort / Nietzsches Stil und seine Folgen. München: Hanser, 2007, S.94

[13] Vgl. Schlaffer, Das entfesselte Wort, 2007, S.20

[14] Ebd. S.29

[15] Schlaffer bezieht sich in seinem Buch vor allem auf eine Passage aus dem Vorwort von Der Fall Wagner und vollzieht an ihr exemplarisch eine Untersuchung zum Stil Nietzsches.

[16] Ebd. S.24

[17] Ebd. S.31

[18] Vgl. ebd. S.31

[19] Ebd. S.35

[20] Vgl. ebd. S.35

[21] Vgl. ebd. S.35

[22] Ebd. S.29

[23] Ebd. S.37

[24] Ebd. S.37

[25] Vgl. Duden: Die deutsche Rechtschreibung / herausgegeben von der Dudenredaktion auf der Grundlage der aktuellen amtlichen Rechtschreibregeln. Scholze-Stubenrecht, Werner (Hrsg.). 26., völlig neu bearb. und erw. Auflage, Berlin: Dudenverlag, 2016, S.189

[26] Schlaffer, Das entfesselte Wort, 2007, S.89

[27] Vgl. ebd. S.91

[28] Ebd. S.91

[29] Ästhetischer Weltbezug und metaphysische Rationalität. Zur epistemischen Funktion der Metapher bei Nietzsche. In: Nietzsche oder „Die Sprache der Rhetorik“ / Josef Kopperschmidt; Helmut Schanze (Hrsg.). – München: Fink, 1994, S.109

[30] Vgl. ebd. S.118

[31] Ebd. S.109

[32] Vgl. ebd. S.112

[33] Vgl. ebd. S.113

[34] Ebd. S.117

[35] Ebd. S.114, zitiert nach: KSA 7, S.498

[36] Vgl. ebd. S.115

[37] Vgl. ebd. S.115. Für Aristoteles war die Metapher „die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird), und zwar entweder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung, oder von einer Art auf eine andere, oder nach den Regeln der Analogie.“ – Aristoteles: Poetik: Griechisch/Deutsch, übers. und hrsg. von Manfred Fuhrmann, Stuttgart: Reclam, 1982, S.67. In dieser Definition lässt sich kein Hinweis auf eine vermeintlich prädikative Struktur der Metapher finden.

[38] Vgl. ebd. S.115

[39] Vgl. ebd. S.115

[40] Vgl. ebd. S.115

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ein bewegliches Heer von Metaphern? Nietzsches Dimension der Erkenntniskritik durch die Metapher
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Germanistik und Kommunikation)
Veranstaltung
Seminar "Metaphern-Theorien"
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V438033
ISBN (eBook)
9783668782020
ISBN (Buch)
9783668782037
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Metapher, Erkenntniskritik, Philosophie, Rhetorik, Friedrich Nietzsche
Arbeit zitieren
Felina Schüle (Autor), 2018, Ein bewegliches Heer von Metaphern? Nietzsches Dimension der Erkenntniskritik durch die Metapher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438033

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