Die Objektivitätsproblematik der mittelalterlichen Geschichtsschreibung am Beispiel Gregors von Tours


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG - DAS LEBEN GREGORS VON TOURS

2. DIE OBJEKTIVITÄTSPROBLEMATIK HISTORISCHER QUELLEN

3. DIE GRUNDSÄTZE MITTELALTERLICHER GESCHICHTSSCHREIBUNG
3.1. Historiarum LIBRI DECEM - Ein Beispiel der heilsgeschichtlichen Ausrichtung MITTELALTERLICHER Geschichtsschreibung
3.2. Spezifische Problematiken der mittelalterlichen Geschichtsschreibung

4. BETRACHTUNG AUSGEWÄHLTER AUSZÜGE AUS DEN 10 BÜCHERN GESCHICHTE

5. FAZIT - DIE INTENTION GREGORS VON TOURS

6. QUELLENVERZEICHNIS

7. LITERATURVERZEICHNIS

8. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1. Einleitung - Das Leben Gregors von Tours

Gregor von Tours wurde als Georgius Florentius am 30. November 538 oder 539 in Clermont geboren und entstammte einer Familie des römischen Senatorenadels1. Bedingt durch seine Abstammung war er, wie zuvor schon einige Verwandte, für ein hohes Amt qualifiziert. Zu diesen zählte beispielsweise sein Onkel Gallus, der das Amt des Bischofs von Clermont inne hatte2. Eben dieser nahm sich, nach dem frühen Tod seines Bruders Florentius, seines Neffen Georgius an. In den Jahren von 548 bis 551, in dem Gallus am 14. Mai starb hielten sich Gregor3 und seine Mutter viele Male in Clermont auf, wo er des öfteren in Kontakt zu seinem Onkel trat. Zu dieser Zeit litt Gregor unter einer schweren Magenerkrankung. Er gelobte in den Klerikerstand einzutreten, sollte er nach seiner Pilgerfahrt an das Grab des hl. Illidius geheilt werden. Entgegen der eigentlichen Familienplanung, in der Gregor zur Weiterführung des Geschlechts vorgesehen war4, verschrieb er sich der Kirche und begann seine Ausbildung bei Avitus in Clermont. Während einer zweiten schweren Erkrankung im Jahre 563, von der er sich keine Heilung versprach, pilgerte Gregor an das Grab des hl. Martin. Auf der Rückreise wurde seinem Gefährten in einer Vision aufgetragen, die von ihm mitgenommene Reliquie an den Diakon Gregor (״Gregorio diacono“ VM I 355 ) zu überreichen6. Für die folgenden zehn Jahre bis zu seiner Erhebung zum Bischof von Tours gibt es kaum Informationen über die Tätigkeiten Gregors. Schließlich empfing er im Jahr 573 die Weihe zum Bischof.

Zu Beginn von Gregors Episkopat Stand Tours unter der Herrschaft von Sigibert, der jedoch 575 getötet wurde. Nach dessen Ableben wurde die Stadt durch König Chilperich eingenom­men und besetzt. Dennoch hielt Gregor an Sigiberts Sohn und Erben Childebert fest und datierte seine Schriften an dessen Regierungsjahren. Dadurch und durch die Verteidigung des Asyl­rechts der Martinskirche wurde er der Verschwörung gegen den König verdächtigt. Durch einen Eid7 vor dem König in Berny-Rivière konnte er die Vorwürfe beseitigen und gewann somit das Vertrauen Chilperichs. Gregor konnte ab diesem Zeitpunkt politisches Geschick und ein, wenn auch durch einige Konflikte geprägtes, stabiles Verhältnis zum König vorzeigen. Bei der Schilderung von Chilperichs Tod kommt jedoch Gregors Abneigung ihm gegenüber zum Aus­druck, indem er ihn als ״Nero und Herodes“ betitelt, der seine ״schwarze Seele“ aushaucht8. Letztendlich gewann Gregor durch diverse Rollen als Vermittler zwischen Herrschern auch auf weltlicher Ebene an politischer Macht. Als Todestag wird aufgrund einer späteren überliefe­rung der 17. November 594 angenommen9.

Neben den hagiographischen Werken über das Leben verschiedener Heiliger, wie zum Beispiel das des Heiligen Martin, befasste sich Gregor bis wenige Jahre vor seinem Tod mit der Anfertigung der Historiarum libri decent, was sein Interesse die Ereignisse seiner Zeit festzuhalten verdeutlicht. Durch die Ausführlichkeit dieses hi storiographi sehen Werkes gehören die Zehn Bücher Geschichte zu den Quellen des 6. Jahrhunderts, die für die heutige Mediävistik als unentbehrlich gelten10. Sie umfassen fast ein komplettes Jahrhundert der Geschichte der Merowinger.

Auch wenn Gregors Schilderungen für die moderne Forschung von großer Bedeutung sind, so soll dennoch im Rahmen der vorliegenden Seminararbeit die Frage beantwortet werden, mit welchen Problematiken hinsichtlich ihrer Objektivität die Historiarum libri decem behaftet sind. Gleichzeitig sollen mögliche Einflüsse des Autors aufgezeigt werden. Dazu wird zunächst eine Betrachtung der Objektivitätsproblematik von historischen Quellen, wie sie grundlegend bei sämtlichen Quellengattungen und Epochen auftreten können, vorgenommen. Im Anschluss daran wird ein Überblick über die mittelalterliche Geschichtsschreibung gegeben und deren Grundzüge aufgeführt. In diesem Kapitel soll ebenfalls festgehalten werden, wer überhaupt Geschichtsschreibung betrieben hat und warum dies geschah. Dabei soll auch der Aufbau von Gregors Werk berücksichtigt werden, der als Musterbeispiel mittelalterlicher Ge schi chts schrei­bung gesehen werden kann. Schließlich sollen die gewonnenen Erkenntnisse auf die mittelalterliche Historiographie im Allgemeinen und zur Untersuchung ausgewählter Quellen aus den Historiarum libri decem im Speziellen genutzt werden.

2. Die Objektivitätsproblematik historischer Quellen

״Als historische Quellen bezeichnen wir im weitesten Sinne alle Zeugnisse, die über geschichtliche Vorgänge informieren.“11 Mit diesen Worten definiert Hans-Werner Goetz in seinem Buch, Proseminar Geschichte: Mittelalter, den Begriff ״Quelle“. Diesen an dieser Stelle des Kapitels zu definieren ist unausweichlich, denn wie sollen Problematiken in Bezug auf Objektivität und Wahrheitsgehalt hervorgehoben werden, wenn dieser abstrakte Begriff nicht näher erläutert wird. Als ein Zeugnis versteht man dabei Gegenstände, Texte und auch Tatsachen, die zum Erkenntnisgewinn beitragen12. Während einfach erkennbar ist, inwiefern Gegenstände und auch Texte eine historische Aussagekraft aufweisen, stellt sich der Begriff Tatsache als eher abstrakt und unverständlich dar. Dabei sind es gerade diese Tatsachen, die wir im täglichen Leben permanent beobachten und selbst durchführen, ohne sie hinsichtlich ihrer historischen Bedeutung zu hinterfragen. Gemeint sind damit unsere Traditionen, unsere Lebensweise, sowie die über die Zeit gewachsenen gesellschaftlichen Normen13.

Bei den Historiarum libri decent handelt es sich um schriftliche Werke Gregors von Tours. Aus diesem Grund soll diese Quellengattung in diesem Kapitel vordergründig behandelt und untersucht werden. Schriftquellen können, wie alle anderen Quellengattungen auch, in Überrest und Tradition gegliedert werden. Als Überrest werden Quellen bezeichnet, deren eigentlicher Zweck nicht die Aufzeichnung von Geschehnissen für die Nachwelt darstellen sollte. Dazu können beispielsweise Urkunden oder Verwaltungsschriften zählen, die dazu dienten ein Rechtsgeschäft festzuhalten, sodass dieses nicht anfechtbar war. Ihnen wird jedoch zugespro­chen, dass sie aufgrund ihres ursprünglichen Zwecks, verlässliche und glaubhafte Quellen für Historiker darstellen. Traditionsquellen hingegen wurden vom Verfasser mit dem Zweck der Unterrichtung der Nachwelt angefertigt14. Auch wenn die letztgenannte Gattung es den Geschichtswissenschaftlern ermöglicht einzelne Ereignisse einzuordnen und Zusammenhänge zu erkennen, so birgt sie auch Herausforderungen und Risiken. Während eine vom König Unterzeichnete Urkunde, die zweifellos als Überrest identifiziert werden kann, aufgrund ihrer Tendenzlosigkeit als zuverlässige Quelle angesehen wird, muss der Historiker bei Chroniken oder Annalen stets hinterfragen wer diese angefertigt hat und warum er dies tat. Trotz aller Bemühungen seitens des Geschichtsschreibers Ereignisse und Handlungen so festzuhalten, wie sie tatsächlich geschehen sind, darf dabei nicht vergessen werden, dass er dies aus seiner spezifischen Perspektive tat. Somit kann ein subjektiver Einfluss, der auf Basis der Normen und des Rechtsempfindens des Verfassers besteht, nicht ausgeschlossen werden. Dieses durch­aus gängige Phänomen wird von der Geschichtswissenschaft als Standortgebundenheit bezeichnet. Bei dieser Art der subjektiven Einflussnahme muss jedoch unbedingt von der der Parteilichkeit unterschieden werden. Während bei parteilicher Geschichtsschreibung vom Autor bewusst Geschehnisse und Tatsachen ausgelassen oder verändert werden, um somit einen bestimmten Zweck zu erreichen, führt eine Standortgebundenheit zu einer unabsichtlichen sub­jektiven Beurteilung oder Darstellungsweise eines Ereignisses, da dies aufgrund der Perspek­tive des Autors gar nicht anders möglich ist. Aus diesem Grund ist es für den Historiker an dieser Stelle unausweichlich sich im Vorfeld seiner Aufarbeitung und Interpretation der Schrift­quelle über den Verfasser zu informieren und mögliche Faktoren einer Standortgebundenheit mit einfließen zu lassen.

Neben der zuvor beschriebenen Herausforderung muss hinterfragt werden, wie nah der Verfasser dem beschriebenen Ereignis überhaupt Stand. Hat der Autor das beschriebene Eréig- nis selbst miterlebt? Wenn dies nicht der Fall ist, auf welchen Quellen basieren dann seine Berichte?15 Sind diese Fragen durch den Historiker geklärt worden, ist eine entsprechende Nutzung des vorliegenden Materials als historische Quelle zur Bildung eines Urteils möglich.

Grundlegend darf die Fälschung einer Quelle, sei es eine Überrest- oder Traditionsquelle, niemals von vornherein ausgeschlossen werden. Eine Echtheitsprüfung stellt somit den ersten Schritt bei der Quellenarbeit dar. Dazu müssen häufig Hilfswissenschaften16 herangezogen werden, da diese Prüfungen zu Teilen anderen Fachbereichen zufallen. Dennoch könnte auch eine Fälschung, sofern sie in der entsprechenden Zeit angefertigt wurde weitere interessante Fragen aufwerfen. In diesem Fall könnte dann erforscht werden, warum es im Interesse einer Partei lag dieses Schriftstück zu fälschen.

Konnten die hier aufgeführten Herausforderungen überwunden werden, stellen historische Quellen einen unmittelbaren Zugang zu den Ereignissen der Geschichte dar und ermöglichen es dem Historiker diese zu interpretieren und in einen größeren Zusammenhang zu setzen.

3. Die Grundsätze mittelalterlicher Geschichtsschreibung

In diesem Kapitel soll beschrieben werden, welche Grundsätze die Geschichtsschreiber im Mittelalter bei der Anfertigung ihrer Schriften verfolgten. Als historiographisches Werk werden Schriften dann gezählt, wenn sie mit dem Zweck verfasst wurden Zeitgenossen oder auch der Nachwelt von den Geschehnissen der Vergangenheit oder Gegenwart zu berichten17. Doch wer betrieb überhaupt Geschichtsschreibung im Mittelalter? Diese Frage lässt sich recht kurz beantworten, denn um diese zu betreiben musste zunächst einmal die Grundvoraussetzung des Lesens und Schreibens erfüllt sein. Dieser Umstand engt den Kreis derer, die dazu in der Lage waren erheblich ein, denn diese Fähigkeiten beherrschten zu dieser Zeit in der Regel nur Geistliche oder gebildete Adelige, wobei bei den Letztgenannten davon auszugehen ist, dass diese sich nicht persönlich mit Geschichtsschreibung befassten. Bei ihrer Arbeit verfolgten die mittelalterlichen Autoren stets ein aus ihrer Sicht übergeordnetes Ziel18, wie beispielsweise eine didaktische Wirkung auf den Leser. Mit anderen Worten: Der Leser sollte aus der Geschichte Lehren für die Zukunft ziehen und gemachte Fehler umgehen. Damit setzten sie sich ähnliche Ziele, wie es bereits antike Historiographen, wie der Römer Cicero, dem die Phrase ״historia magistra vitae “19 zugesprochen wird, taten. Ein mit diesem Motiv verfasstes Werk konnte beispielsweise auch als ethische Handlungsvorlage für Könige und anderer Herrscher dienen, die anhand der beschriebenen Ereignisse die Aspekte einer ordentlichen Regierung erkennen und Umsetzen sollten20. Eine politische Einflussnahme seitens des Geschichtsschreibers war somit nicht ausgeschlossen.

״Mittelalterliche Geschichtsschreibung [... ] hält in chronologischer Folge die Erinnerung an wahre, denkwürdige Taten fest.“21 Aus diesem Zitat von Hans-Werner Goetz lassen sich weitere Grundsätze herausarbeiten. Bei den meisten Werken des Mittelalters handelt es sich um chronologisch angelegte Schriften, die sich an verschiedenen Möglichkeiten der Zeitzählung orientierten. Dazu zählten zum Beispiel Regierungsjahre einzelner oder mehrerer Herrscher. Der genaue zeitliche Ablauf spielte dabei für die Verfasser eine entscheidende Rolle22.

Im zweiten Teil des Zitats lassen sich zwei weitere Aspekte erkennen, die die mittelalterliche Geschichtsschreibung prägen. Im Gegensatz zur Moderne, in der sich das Geschichtsbild

[...]


1 Vgl. Anton, H.H., Gregor von Tours, in: LDM, 1989, Sp. 1679.

2 Vgl. Buchner, Rudolf, Einleitung, 1990, s. X.

3 Wie der als Georgius geborene zu diesem Namen gelangte wird später im Kapitel erläutert.

4 Sein älterer Bruder Petrus war bereits in Langres in den Klerikerstand eingetreten.

5 Siehe Abkürzungsverzeichnis.

6 Vgl. Heinzeimann, Martin, Gregor von Tours, 1994, S.29

7 Vgl. Gregor von Tours, Hist. V, Kap. 49 (Buchner s. 377)

8 Vgl. Gregor von Tours, Hist. VI, Kap. 46 (Buchner s. 83)

9 Vgl. Buchner, Rudolf, Einleitung, 1990, s. XI

10 Vgl. Ebd., 1990, S. VII

11 Goetz, Hans-Werner, Proseminar, 2006, s. 80

12 Vgl. Sellin, Volker, Einführung in die Geschichtswissenschaft, 2008, s. 44

13 Vgl. Ebd. s. 45

14 Vgl. Ebd. s. 82

15 Vgl. Goetz, Hans-Werner, Proseminar, 2006, s. 81f

16 Auf eine genaue Ausarbeitung und Aufzählung der Hilfswissenschaften soll hier verzichtet werden, da dies den Rahmen der Seminararbeit überschreiten würde.

17 Vgl. Goetz, Hans-Werner, Proseminar, 2006, s. 99

18 Vgl. Kortüm, Hans-Henning, Geschichtsschreibung in: RGA, 1998, s. 478f

19 Historia magistra vitae - übersetzt: Die Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens: Cicero, De oratore II

20 Vgl. Goetz, Hans-Werner, Von der res gesta, 1989, s. 711

21 Goetz, Hans-Werner, Proseminar, 2006, s. 100

22 Vgl. Goetz, Hans-Werner, Von der res gesta, 1989, s. 709

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Objektivitätsproblematik der mittelalterlichen Geschichtsschreibung am Beispiel Gregors von Tours
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V438040
ISBN (eBook)
9783668786189
ISBN (Buch)
9783668786196
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gregor von Tours, Objektivitätsproblematik, mittelalterliche Geschichtsschreibung
Arbeit zitieren
Christopher Horn (Autor), 2018, Die Objektivitätsproblematik der mittelalterlichen Geschichtsschreibung am Beispiel Gregors von Tours, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438040

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