Selbstinszenierung von Briefschreibenden durch die Schreibszene. Analyse eines Briefes von Droste-Hülshoff an Levin Scheckig


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die schriftliche und zeichnerische Inszenierung des Schreibens
2.1. Die Schreibszene
2.2. Das Schreibwerkzeug
2.3. Räumlichkeiten

3. Beigefügte Skizzen und Zeichnungen von Räumlichkeiten in Briefen

4. Intentionen und Selbstdarstellung am Beispiel von Levin Schücking
4.1. Der Brief: Schücking an Droste
4.2. Die Zeichnung: Das Zimmer

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

Selbstinszenierung von Briefschreibenden durch die Schreibszene

1 Einleitung

Ein literarisches Werk - wie beispielsweise ein Brief - entsteht, indem es geschrieben wird. Was banal klingen mag umschließt bei näherer Betrachtung eine geistige und gleichzeitig sinnlich­körperliche Vielfalt an Erfahrungen für den Schreibenden (und später für den Lesenden). Der Akt des Schreibens konstruiert - vereinfacht nach Roland Barthes - loslösbar vom Autor das Werk als solches. Schreiben als Tätigkeit ist eine sinnliche Erfahrung des ganzen Körpers, insbesondere, wenn klecksende Tinte und ein kratzender Federkiel, rauer Löschsand zur Vermeidung von Tintenflecken und glattes, faltbares Papier den Schreib Vorgang rahmen.

Ein Brief gilt schon seit jeher als Mittel der Kommunikation und der Selbstdarstellung. Der Privatbrief bot früher einen Raum für die schriftlich-literarische Darstellung von intimen Gedanken und Gefühlen, die Möglichkeit zur realen und fiktiven Selbstdarstellung und zur Selbstreflexion.

In der florierenden Briefkultur des 18./19. Jahrhunderts nutzen insbesondere Frauen diesen Weg, weil sie durch das Briefeschreiben neben der Kontaktpflege einen Zugang zur Literaturszene und ersten Autorschaft bekamen. Das weibliche Leben und Erleben konnten in Briefen den Ausdruck finden, der in der Literaturlandschaft noch nicht gewährt wurde. Auch konnten Frauen im Rahmen des Briefeschreibens leichter Beziehungen eingehen und unterhalten, als es ihnen im täglichen Leben möglich war. Ein Brief diente daher im 18./19. Jahrhundert nicht nur der Übermittlung von Informationen1, sondern ersetzte die vielen Facetten, die auch eine direkte Begegnung aufweisen würde: Das tiefgehende Gespräch, die sinnliche Berührung von Hand (zu Papier) zu Hand, die in der Handschrift erkennbare individuelle Gestik eines Menschen, das hörbare Knistern des Papiers und die sichtbare Einzigartigkeit der Schrift mitsamt Schönheitsflecken und Korrekturen und sogar im erotischen Sinne das Erleben vom ״Entkleiden“ des Briefes2 beim Aufbrechen des Siegels, Entfalten und (glatt) Streiche(l)n des Papiers.

Einen Brief zu Verschicken war also ein sehr persönlicher Akt; manchmal sogar ein Liebes- oder Freundschaftsdienst3, in welchem sich Schreibender und Lesender in einer Intensität begegnen und einander präsentieren konnten, die in dieser Arbeit am Beispiel von einem Brief von Levin Schücking an Annette Droste-Hülshoff aufgezeigt werden soll. Sein Brief vom 7. Dezember 1840 eignet sich besonders gut zur Analyse der Selbstinszenierung des Briefschreibenden, weil die Schreibszene von Schücking sowohl im Text als auch im skizzierten Bild dargestellt wird. Die Beschäftigung der Forschung mit der ״Schreib Szene“ ist noch neu, Z.B. in den Veröffentlichungen aus der Reihe: Zur Genealogie des Schreibens4.

2 Die schriftliche und zeichnerische Inszenierung des Schreibens

2.1 Die Schreibszene

Eine Schreibszene kann sich im Akt des Schreibens als solchen manifestieren und damit den Moment einfangen, der sich im Augenblick des Schreibens vollzieht, oder die äußerlichen Begebenheiten einer Szene definieren, in welcher der Schreibakt vollzogen wird oder wurde. Rüdiger Campe definiert die Schreibszene als nicht-stabiles Ensemble von Sprache, Instrumentalität und Geste5. Ich möchte diese Definition um die Unterscheidung zwischen zeitlicher und räumlicher Schreibszene erweitern.

Die Schreibszene als zeitlicher Abschnitt, in welchem der Akt bzw. Prozess des literarisch­künstlerischen Schreibens stattfindet, benötigt, neben einem schreibenden Menschen, nach Vilém Flusser6 eine Oberfläche (z.B. Papier), ein Schreibwerkzeug, Zeichen (Buchstaben mit festgelegter Bedeutung), Orthographie, Grammatik, ein Sprachsystem und eine ״Idee“7, also eine zu schreibende Botschaft.

Eine Sprachszene als räumliches Szenario, also Schauplatz, an dem geschrieben wird oder geschrieben wurde, enthält notwendigerweise nur einen Raum - wobei es kein Innenraum sein muss - sowie eine Oberfläche und ein Schreibwerkzeug. Ergänzend können materielle Dinge wie Tisch und Sitzgelegenheit, weitere Schreibwerkzeuge, Tintenfass, Bücher, Karten, Unterlagen und eine Lichtquelle die Szene komplettieren und ausschmücken.

Natürlich fallen die zeitliche und räumliche Dimension der Schreibszene oft zusammen. Beides verknüpft umfasst die Schreibszene den Akt des literarischen Schreibens, die Körperlichkeit und Instrumentalität der Szene, das Handwerk als solches und das schreibende Individuum, welches durch seine Kreativität die Schreibszene nicht nur ״bespielt“, sondern sie im Akt des Schreibens erst erschafft8.

In der Bildkunst wurden im seit dem 16. Jahrhundert einige solcher Schreibszenen dargestellt9. Wenn man sich die kreative Leistung des Schreibenden in der Erschaffung der Schreibszene, sowie die Briefschreibeszene als erste Teilnahmemöglichkeit der Frauen an der Literaturszene und damit ihrem ersten schriftlichen Entfaltungsraum vor Augen führt, wird verständlicher, wieso die Schreibszene eine solche Bedeutung hatte. Es ging nicht nur um den einen konkreten Brief, sondern um Erweiterung der Identität und die Teilhabe in einer ganz neuen Welt. Einer Welt des Wissens, der schönen Künste, der Grenzüberwindung und der Erforschung des eigenen Innenlebens und der (ernstzunehmenden) Reaktion eines Gegenübers. Daher war der Raum des Schreibens ein fast geheiligter Ort und auch alle zum Schreiben benötigten Requisiten von Bedeutung.

2.2 Das Schreibwerkzeug

Materielle und körperliche Voraussetzungen für das Schreiben sind eine Sprache, die Instrumentalität eines Schreibwerkzeuges und die Körperlichkeit (Geste) des Schreibenden10. Der Ausdruck ״Schreiben“ bezieht sich im Folgenden ausschließlich das Schreiben mit der Hand, ermöglicht durch das Führen der Hand mit einem Schreibwerkzeug auf einem beschreibbaren Körper.

Martin Stingelin analysiert in seinem Aufsatz mit dem Titel ״Schreiben“ die Bedeutung der Schreibinstrumente für die Schreibenden, insbesondere, mit Blick auf die Hinderlichkeiten am Schreib“flow“ durch spezielle Merkmale verschiedener Schreibwerkzeuge:

[...] die Körperlichkeit und die Instrumentalität des Schreibakts als Quelle von Widerständen die beim Schreiben überwunden werden müssen [ist] in der Literaturwissenschaft bislang weitgehend ausgeblendet worden11

Ein Schreibkörper konnte also den Schreibenden bei seinem Akt ״unterstützen“, indem er keinen Widerstand gab, oder, er konnte das Schreiben verlangsamen, unterbrechen und erschweren.

In diesem Sinne griff ich Weit lieber zum Bleistift, welcher williger mir die Züge hergab: denn es war mir einigemale begegnet, daß das Schnarren und Spritzen der Feder mich aus meinem nachtwandlerischen Dichten aufweckte, mich zerstreute und ein kleines Produkt in der Geburt erstickte.12

Stingelin verdeutlicht i. o. Zitat Goethes Wunsch nach einem kontrollierbaren, nicht vom Gedankenfluss ablenkenden und daher einfach zu nutzenden Bleistift, den jener in Momenten der Inspiration dem ״Schnarren und Spritzen der Feder“ vorzieht. Die Kontrollierbarkeit des Schreibwerkzeugs spielt folglich insbesondere dann eine wichtige Rolle, wenn spontane Einfälle ohne Unterbrechung der Gedanken und ohne Ablenkung vom inneren Monolog festgehalten werden sollen. Das erzwungene Pausieren des Schreibens zum Eintunken einer Feder in Tinte sowie eine zu starke Drucknotwendigkeit auf dem Papier oder die Geräusche der kratzenden Feder - all das konnte ein zerbrechliches Gedankengerüst zum Einsturz bringen und dem Schreibenden die Führung und damit die Kontrolle über das Geschriebene entziehen. Umgekehrt schien beim Schreiben mit der Feder nicht immer eindeutig, wer eigentlich die Führung innehat bzw. ״Regie“ führte13.

2.3 Räumlichkeiten

Der Raum hat für das Briefeschreiben eine besondere Bedeutung. Schon für die Übermittlung eines Briefes muss Raum (im Sinne von Strecke) überwunden werden. Ein Brief selbst ist ein ״Ort im Raum“14.

Das Wort Raum lässt die meisten Menschen höchstwahrscheinlich an einen tatsächlichen, abgrenzbaren Raum denken. Die Mehrdimensionalität des Begriffs wird auf den zweiten Blick deutlich: Es gibt reale Räume, wie einen Wald oder eine Bahnhofshalle, erdachte Räume, wie das Schlaraffenland oder Arkadien. Dann es gibt Räume, die ihre Verortung nicht natürlicherweise im wirklichen Raum haben, sondern erst gesellschaftlich als Orte definiert werden. Sie reflektieren in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse, indem sie diese repräsentieren, negieren oder umkehren.

Foucault beschreibt sie wie folgt wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.15 Ein Kurort beispielsweise ist deswegen ein Kurort, weil Menschen ihn so nennen und dementsprechend nutzen. Ein Friedhof verliert seine sakrale Aufladung, wenn jemand nicht weiß, dass er sich auf einem Friedhof befindet. Dann könnte es auch einfach um eine Wiese oder einen Park handeln. Foucault nennt solche kulturell-etablierten, funktionalen Verortungen von Themen, Ritualen, Bräuchen, Gedanken und Teilen der Gesellschaft Heterotopien.

Heterotopien setzen immer ein System von Öffnung und Schließung voraus16. Sie heben sich vom ״normalen“ Raum ab, weil sie eine bestimmte Bedeutung und Funktion künstlich von der Gesellschaft auferlegt bekommen habe17. Dadurch sind sie nicht für jeden zugänglich und können diejenigen, für die sie da/offen sind, manchmal zu Teilhabern einer bestimmten Gemeinschaft werden lassen18.

Briefe als Heterotopie: Ein Brief ist ein Ort im Raum, durch welchen er sich bewegt. Briefe haben ein utopisches Element, da der Empfänger sie nie genauso verstehen wird, wie es vom Schreibenden initiiert war19. Dennoch handelt es sich um greifbare, rationale Orte, die nicht ohne weiteres zugänglich sind und ein geschlossenes System darstellen.

[...]


1 Withölder: Von Schreib- und Schriftkörpem. Zur Materialität der Briefschreibeszene, s. 91

2 ebd. s. 99

3 Vgl. Wiethölter: Von Schreib- und Schriftkörpem. Zur Materialität der Briefschreibeszene, s. 112

4 Fink (Hg.): Zur Genealogie des Schreibens.

5 Campe...

6 Flusser: Die Geste des Schreibens, s. 33

7 ebd. s. 33

8 Vgl. Ruf: Erlebte Poetik, s. 10

9 z.B. Gerhard ter Borch: Dame, einen Brief schreibend, öl auf Leinwand 1655 oder Jan Vermeer: Briefschreiberin in Gelb,·öl auf Leinwand 1665-1770

10 Campe: Die Schreibszene, s. 760

11 Campe: Die Schreibszene, s. 12

12 Goethe: Dichtung und Wahrheit s. 80-81

13 Stingelin: Schreiben, s. 9

14 Blasberg: Zum Ort des Subjekts in Drostes Briefen, s. 217

15 Foucault: Andere Räume, s. 39

16 ebd. s. 44

17 ebd. s. 40f

18 ebd. s. 44

19 Blasberg: Zum Ort des Subjekts in Drostes Briefen, s. 217

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Selbstinszenierung von Briefschreibenden durch die Schreibszene. Analyse eines Briefes von Droste-Hülshoff an Levin Scheckig
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V438087
ISBN (eBook)
9783668785816
ISBN (Buch)
9783668785823
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Droste-Hülshoff, Levin Schücking, Briefroman, Schreiben, Schreibszene, Schreibwerkzeug, Selbstinszenierung, Selbstdarstellung, Schreibende Frauen, Inszenierung, Raum, Briefwechsel
Arbeit zitieren
Master of Arts Elisa Kapp (Autor), 2016, Selbstinszenierung von Briefschreibenden durch die Schreibszene. Analyse eines Briefes von Droste-Hülshoff an Levin Scheckig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438087

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