Wenn wir in der alltäglichen Kommunikation genauer darauf achten, können wir feststellen, dass wir uns relativ häufig bei anderen entschuldigen oder Adressat von Entschuldigungen sind. Oft ist uns der Vorgang des Sich-Entschuldigens gar nicht bewusst, weil er in vielen Fällen stark automatisiert und konventionalisiert ist. So leiten wir etwa, wenn wir eine fremde Person nach der Uhrzeit fragen, diese Frage mit einem Entschuldigung oder Entschuldigen Sie bitte ein; ebenso wie wir uns kurz dafür entschuldigen, wenn wir jemanden versehentlich anstoßen oder einen Gesprächspartner beim Erzählen unterbrechen. Natürlich gibt es auch Entschuldigungen, die wir weniger ‚automatisch‘ äußern zum Beispiel wenn wir einen Freund ernsthaft gekränkt haben, uns dieser Kränkung bewusst sind und wissen, dass es nun angemessen und wichtig ist, sich zu entschuldigen.
In dieser Arbeit soll nun der relativ hoch frequentierte Sprechhandlungstyp der Entschuldigungen - und ihrer Erwiderungen - genauer betrachtet werden. Zuerst soll im Zusammenhang der Entschuldigungen der Frage nachgegangen werden, wann wir uns entschuldigen, das heißt: Welche Konstellationen in der Interaktion müssen gegeben sein, was muss vorgefallen sein, damit wir es für nötig halten, eine Entschuldigung zu äußern? Des Weiteren muss geklärt werden, was uns zu einer Entschuldigung motiviert und welche Funktion der Entschuldigung im Gespräch zukommt - warum entschuldigen wir uns und was tun wir, wenn wir uns entschuldigen? Zudem sollen verschiedene Entschuldigungs-Strategien betrachtet werden - wie entschuldigen wir uns?
Im zweiten Abschnitt der Arbeit soll dann auf die verschiedenen Möglichkeiten der Erwiderung auf eine Entschuldigung eingegangen werden. Da sich in der Forschungsliteratur zu diesem Aspekt nur wenige Hinweise finden und der Schwerpunkt dieser Arbeit auf dem Sprechhandlungstyp der Entschuldigung, bzw. der Entschuldigungsbitte liegt, wird dieser Teil der Arbeit allerdings etwas knapper ausfallen.
Abschließend möchte ich im dritten Abschnitt der Arbeit kurz anreißen, in welchem Verhältnis Entschuldigungen zum Phänomen der Höflichkeit stehen und hier insbesondere der von Claus Ehrhardt aufgeworfenen Frage nachgehen, ob „Entschuldigungen tatsächlich immer im Dienste der Höflichkeit stehen [...].“ (EHRHARDT (2002), S. 158).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Entschuldigungsbitten
1.1 Wann entschuldigen wir uns?
1.2 Warum entschuldigen wir uns?
1.3 Wie entschuldigen wir uns?
2. Erwiderungen auf Entschuldigung(sbitt)en
3. Entschuldigung(sbitt)en und Höflichkeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den linguistischen Sprechhandlungstyp der Entschuldigung und deren Erwiderungen. Dabei steht insbesondere die Analyse von Entschuldigungsbitten im Fokus, um die Motivation, die zugrunde liegenden Strategien sowie das Verhältnis zwischen Entschuldigungshandlungen und dem sozialen Phänomen der Höflichkeit zu ergründen.
- Grundlagen und Definition der Sprechhandlung Entschuldigung
- Klassifizierung verschiedener Entschuldigungsstrategien
- Analyse von Erwiderungen auf Entschuldigungsbitten
- Untersuchung der sozialen Funktion von Entschuldigungen
- Verhältnisbestimmung zwischen Entschuldigung und sprachlicher Höflichkeit
Auszug aus dem Buch
1.1 Wann entschuldigen wir uns?
In seinem Aufsatz Poison to Your Soul beschreibt Florian COULMAS Entschuldigungen als „reactive speech acts“ (COULMAS, S. 71), als Sprechhandlungen also, denen eine wie auch immer geartete Intervention im Lauf der Geschehnisse vorangegangen sein muss, die als Grund für eine Entschuldigung angesehen wird. Diese Intervention – die Tat – wird als unangenehm und ungewollt für den Rezipienten der Entschuldigung, das Opfer, gewertet. Wir entschuldigen uns also, wenn wir uns bewusst sind, dass wir in irgendeiner Form in den Distanzbereich unseres Gesprächspartners eingedrungen sind; wenn wir glauben, ihm etwas Unangenehmes zugefügt zu haben. Dabei lässt sich beobachten, dass die Tat oft in einem Verstoß gegen bestimmte soziale Regeln beziehungsweise Konventionen besteht – und zwar vor allem in einem Verstoß gegen „Regeln der Höflichkeit“ (vgl. EHRHARDT (2002), S. 161). So ist es, um ein Beispiel von EHRHARDT aufzugreifen, nur „schwer vorstellbar, dass man sich für einen Verstoß gegen Gesetze entschuldigt“ (ebd.).
In den meisten Fällen treten Entschuldigungen nach der Tat auf – schließlich reagieren sie ja auf diese. In Ausnahmefällen ist es aber möglich, eine vorwegnehmende Entschuldigung zu äußern; so zum Beispiel, wenn ich mich genötigt sehe, mich durch eine Menschenmenge zu drängeln und dies vorher ankündige: Entschuldigung, aber ich muss jetzt mal hier durch. Hier übernimmt die Entschuldigung die Funktion, einen unausweichlichen Regelverstoß anzukündigen – in diesem Fall das Drängeln und das dadurch verursachte Berühren fremder Menschen. EHRHARDT spricht in diesem Zusammenhang von einer „prophylaktische[n] Entschuldigung“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Entschuldigungsbitten: Dieses Kapitel erläutert die Bedingungen, Motivationen und verschiedenen formalen sowie strategischen Möglichkeiten des Sich-Entschuldigens in der Kommunikation.
2. Erwiderungen auf Entschuldigung(sbitt)en: Dieser Abschnitt befasst sich mit den Reaktionen des Opfers auf eine Entschuldigung, wie etwa Annahme, Bagatellisierung oder Konversion, und deren Bedeutung für die Wiederherstellung sozialer Balance.
3. Entschuldigung(sbitt)en und Höflichkeit: Das Kapitel untersucht das Verhältnis von Entschuldigungen zum Höflichkeitsphänomen und diskutiert anhand von Fallbeispielen, ob Entschuldigungen zwangsläufig immer im Dienste der Höflichkeit stehen.
Schlüsselwörter
Entschuldigung, Sprechhandlung, Höflichkeit, Interaktion, soziale Harmonie, Täter, Opfer, Entgegenkommen, Entschuldigungsbitte, Rechtfertigung, Wiedergutmachung, verbale Strategien, nonverbale Kommunikation, soziale Normen, korrektive Tätigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Sprechhandlungstyp der Entschuldigung, ihre Funktionen in der zwischenmenschlichen Kommunikation sowie die verschiedenen Möglichkeiten der Erwiderung durch den Adressaten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die Definition von Entschuldigungssituationen, die verschiedenen Strategien der Entschuldigungsformulierung, die Bedeutung von Entgegenkommen und die theoretische Verknüpfung von Entschuldigungen mit dem Höflichkeitsbegriff.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu verstehen, warum und unter welchen Bedingungen wir uns entschuldigen, welche Funktionen die Entschuldigung im Gespräch erfüllt und in welchem Verhältnis sie zur sprachlichen Höflichkeit steht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Analyse linguistischer Fachliteratur (u.a. Coulmas, Fraser, Lange, Ehrhardt) und wendet diese Erkenntnisse auf alltägliche sowie öffentliche Gesprächssituationen an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst das „Wann“, „Warum“ und „Wie“ der Entschuldigung analysiert, gefolgt von einer Untersuchung der Reaktionen (Erwiderungen) und abschließend der kritischen Reflexion über den Zusammenhang von Entschuldigung und Höflichkeit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Sprechhandlung, Entschuldigungsbitte, korrektive Tätigkeit, soziale Normen und Höflichkeit geprägt.
Welche Rolle spielen „Tat“, „Täter“ und „Opfer“?
Diese Begriffe dienen als analytische Werkzeuge, um die Interaktionsstruktur zu beschreiben: Die „Tat“ ist der Auslöser, der „Täter“ die Person, die sich entschuldigt, und das „Opfer“ der Adressat, dessen Entgegenkommen für den Erfolg der Entschuldigung entscheidend ist.
Kann eine Entschuldigung auch nonverbal erfolgen?
Ja, es gibt nonverbale Formen wie eine bestimmte Körperhaltung, Mimik oder Gestik, jedoch argumentiert die Arbeit (unter Bezugnahme auf Ehrhardt), dass eine „erfolgreiche“ Entschuldigung meist eine verbale Manifestation erfordert, um konventionell anerkannt zu werden.
Warum analysiert die Arbeit die Rede von Michel Friedman?
Die Rede dient als Fallbeispiel, um zu demonstrieren, dass Entschuldigungen in der Öffentlichkeit nicht immer nur aus Höflichkeit motiviert sind, sondern oft dem Ausdruck persönlicher Schuld und Verantwortung bei schwerwiegenderen Vergehen dienen.
- Quote paper
- Mareike Henrich (Author), 2003, Entschuldigung(sbitt)en und ihre Erwiderungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43820