Schulabsentismus. Warum Hilfe suchen keine Schwäche & Schulmeidung keine Lösung ist


Seminararbeit, 2018

42 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Hinführung
Kapitel 1: Schulabsentismus und was darunter zu verstehen ist
- Absentismus
- Begriffsbestimmung - theoretische Einordnung von Schulabsentismus
- Zusammenfassung wichtiger Punkte im Bezug auf Schulabsentismus
- Formen von Schulabsentismus
- Die Wichtigkeit einer genauen Differenzierung der verschiedenen Formen
- Ursachen und Hintergründe von Schulabsentismus
- Hinweise und Warnsignale für die Entstehung von Schulabsentismus
- Auswirkungen von Schulverweigerung
Kapitel 2: Maßnahmen gegen Schulabsentismus
- Intervention bei Schulabsentismus
- Prävention bei Schulabsentismus
- Beantwortung der Frage 2: Mit welchen Erwartungen/Personengruppen wirst du konfrontiert? Wie gehst du damit um? Bitte erkläre deine Vorgehensweise

II. Literaturverzeichnis

III. Anhang

Schulabsentismus - und jetzt?

Hinführung

Trotz Schulpflicht schwänzt jeder dritte Schüler gelegentlich den Unterricht; einer von 20 hat massive Schwierigkeiten mit dem regelmäßigen Schulbesuch. Solche Fälle zählen mittlerweile zur Realität an den verschiedenen Schulzweigen in Deutschland.

Eine nach wie vor hohe Anzahl an Schülerinnen und Schülern, die unentschuldigt absent sind, stellt eine immer größer werdende Problematik dar und birgt neue Herausforderungen für das bis jetzt bestehende Schulsystem, welches vermehrt immer weiter dagegen anzugehen versucht.

In diesem Kontext fällt zunehmend der Begriff ״Schulabsentismus". Ein Phänomen, welches seit der Einführung der Schulpflicht besteht.

Aber was wird eigentlich unter Schulabsentismus verstanden und was sind ausschlaggebende Faktoren, die zu Absentismus führen und diesen begünstigen? Wie kann wirksam dagegen vorgegangen werden?

Bevor den Fragen in Form dieser schriftlichen Ausarbeitung nachgegangen wird, ist vorab eine genauere definitorische Auseinandersetzung mit dem Begriff notwendig, um ihn in seiner Fülle an Bedeutungszuschreibungen und Unterformen begreifen und differenzieren zu können.

Kapitel 1: Schulabsentismus und was darunter zu verstehen ist

Absentismus

Der Begriff Absentismus lässt sich auch über den Rahmen Schule hinaus antreffen. Darunter wird generell eine ״im Zusammenhang mit Fehlzeiten auftretende spezielle Verhaltensweise"1 verstanden. Es handelt sich dabei um einen ״motivational bedingten, durch die Person entscheidbare(n) Entschluss zur Abwesenheit."2

Begriffsbestimmung - theoretische Einordnung von Schulabsentismus

Schulabsentismus - das unrechtmäßige Versäumen von Schulunterricht oder anders gesagt, das Fernbleiben vom Unterricht, aus einem nicht gesetzlich vorgesehenen Grund - stellt ein äußerst komplexes Phänomen mit zahlreichen Einflussfaktoren auf der sozialen, schulischen, familiären und individuellen Ebene dar.3

״Schulversäumnisse als Verletzung der gesetzlichen Schulpflicht"4 werden aktuell mit einem breiten Spektrum von Bezeichnungen umschrieben, wie etwa mit ״Schulverweigerung, Schulabgewandtheit, Schuldistanzierung, Schulverdrossenheit, Schulphobie, Schulunlust, Schulschwänzen, Schulaversion"5 usw. - alles Begrifflichkeiten, die kontextabhängig verwendet werden und in ihrer Bedeutung die vielfältigen und verschiedenen Facetten von Schulpflichtverletzungen beschreiben.

Der etwas sperrige Begriff Schulabsentismus (vielen immer noch nicht bekannt) hat sich heute in der Pädagogik für das Fortbleiben aus der Schule durchgesetzt, um zunächst allgemein ursachenneutral der Problematik nachzugehen, dass Schüler der Schule in wiederholten Ausmaß fernbleiben. Bei Schulabsentismus ist es wichtig, ein genaues Bild von den dahinterliegenden Ursachen zu ermitteln, um von seitens der Schule entsprechend wirksame Maßnahmen einleiten zu können.6

Zusammenfassung wichtiger Punkte im Bezug auf Schulabsentismus

„Schulabsentismus als Sammelbegriff:

- beschreibt unterschiedliche Ausformungen von über einen längeren Zeitraum andauernden manifestierten Verhaltensmuster, die sich prozesshaft entwickeln> beschreibt Verhaltensweisen, die die Abneigung gegen und/oder die Abwendung von der Schule [...] darstellen
- ist abhängig von der oder dem Beobachtenden, der [...] diese Verhaltensweisen nur subjektiv beschreiben kann
- weicht als maladaptive Verhaltensweise von den gesellschaftlichen und schulischen Erwartungen ab und wird so in der Regel von Beobachtenden bzw. Bewertenden durch negative Reaktionen beantwortet
- wird aus Blickwinkeln der Betroffenen meist als problemlösend empfunden> ist multifaktoriell bedingt [...]
- kann dazu führen, dass die Bildungschancen und das Teilhaben am gesellschaftlichen Leben [...] stark gefährdet sind"7

Drei wesentliche Merkmale für die Entstehung von Schulabsentismus8:

1. Fernbleiben vom Unterricht bzw. von der Schule wird als subjektiv [...](erfolgreiches) problemlösendes (Fehl)-Verhalten erlebt
2. Schulabsentismus entsteht aus Lernprozessen und Vermeidungsstrategien
3. Über- bzw. Unterforderung und Nichtbeachtungs- bzw. Versagenserleben spielen eine große Rolle bei diesem Lernprozess

Um eine Einschätzung hinsichtlich bestimmter Schulprobleme tätigen zu können, müssen mindestens die drei Einflussbereiche Schule, Familie und der Schüler selbst, beleuchtet werden.

Verursachungsbereiche von Absentismus9:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Formen von Schulabsentismus

Schulmeidende Verhaltensmuster lassen sich angesichts ihrer Bedingungskonstellationen in vier Formtypen [Unterformen) untergliedern, wobei in den meisten Fällen eine gemischte Symptomatik vorliegt: das Schulschwänzen, die Schulangst, die Schulphobie und das elterliche Zurückhalten oder auch als fremdgesteuerte Schulversäumnisse bezeichnet.[10]

a. Schulangst

Heutzutage gilt Schule als ein Ort, der Kinder und Jugendliche vor vielfältige Anforderungen stellt, die meist über die reine Bewältigung des Lernens hinausgehen und potentielle Anlässe für Ängste darstellen.

Schule, als sozialen Raum betrachtet, erfordert eine hohe Anpassungsfähigkeit an viele verschiedene Persönlichkeiten, darunter Lehrkräfte und Mitschüler. Für viele Schüler sind diese Begegnungen mit sozialen Ängsten verknüpft. Verstärkt werden können diese durch ungünstiges Lehrerverhalten und Dynamiken innerhalb der Peergroup (z.B. Formen des Mobbings usw.). Nicht zu unterschätzen ist in dem Kontext die Schule als Lernort, mit dem das Abverlangen von gewissen Leistungen und diese wiederum mit Erwartungen seitens der Lehrkräfte, als auch beispielsweise durch das Elternhaus bedingt, verknüpft sind. Es bestehen Leistungsanforderungen, denen sich Schüler immer auf ein Neues stellen müssen. Dahingehend liegt es nahe, dass ein selbst entwickelter Druck, diesen Leistungsanforderungen gerecht zu werden, bei ständigen schulischen Misserfolgen, zu Ängsten führen kann.

Schüler fehlen also in der Schule und meiden den Schulunterricht, um Ängsten - die auf die Schule bezogen sind - auszuweichen. Darunter fallen Faktoren wie überfordernde Bedingungen in Form von Leistungsangst, Prüfungsangst und/oder die generelle Angst vor schulischen Misserfolgen; die Diskrepanz der gewünschten und erwarteten Anforderungen zwischen dem Elternhaus und der Schule; Soziale Angst bezüglich Lehrern und Mitschülern (vorwiegend vor Gruppen); Angst vor Strafen; Mobbing, Bedrohungen und/oder Ausgrenzungen durch andere Mitschüler; Phobien in Form von emotionalen Störungen sowie eine schlechte schulische Perspektive.11 Die Institution Schule ist zudem Projektionsfläche, auf der sich familiäre Konfliktlagen widerspiegeln und zum Ballast von Kindern und Jugendlichen werden (z.B. ungünstige Erziehungsstrategien, dysfunktionale Erziehungsdynamiken o.ä.).

Fest steht, dass bei Schulangst ein realer Anlass besteht, der ״Sozialen, Leistungs- und Bewährungssituationen zugeordnet werden kann." Den Schülern sind die Beweggründe ihrer Ängste meistens bekannt und können diese bei einer direkten Befragung demnach konkret verbal äußern.

Bei schulängstlichen Schülern sind verschiedene Leistungsniveaus vorzuweisen. Dies kann von Überforderung bis Unterforderung reichen.

Die Schulangst geht einher mit körperlichen Beschwerden, die sich durch beispielsweise Kopf- und Bauchschmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Zittern, Übelkeit usw. äußern können und damit als Gründe für Fehlzeiten angegeben werden - oft unwissend, dass Angst als Ursache dahintersteckt. Des Weiteren können auch Anlässe bestehen, die nicht direkt ersichtlich sind und die von Seiten der Schüler aus Angst oder Scham nicht genannt werden wollen (z.B. verdeckte Mobbing-Problematik).

Um angstauslösenden Situationen auszuweichen, stellen Vermeidungsstrategien eine typische menschliche Reaktion auf Ängste dar, mit dem Ergebnis eine kurzfristige Entspannung zu schaffen, die mit einer Belohnung gleichgesetzt wird. Allerdings liegt genau hier das Problem: Ein Angst- bewältigendes-Verhalten kann so nicht erlernt werden. Gerade schulängstliche Schüler weisen ein großes Vermeidungsverhalten auf, welches zu unregelmäßigen Schulbesuchen führt.

Der Unterschied zum Schwänzen besteht hierbei, dass Eltern oftmals wissen, warum das Kind nicht zur Schule will, sind jedoch hilflos und handeln problemstabilisierend, indem sie ihr Kind zu Hause lassen und entschuldigen.

Tab.: Bedingungszusammenhänge für angstinduziertes Schulmeidungsverhalten12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

b. Schulphobie

Die Schulphobie stellt für alle Beteiligten eine belastende Problematik dar. Sie führt fast immer zu komplexen Fehlinterpretationen bei Diagnosen und Interventionsmaßnahmen.

Bei Phobien allgemein handelt es sich um ״irrationale Ängste, die losgelöst von ״realen" Auslösern heftige Gefühls-und Verhaltensreaktionen bewirken"12 13.

Dabei ist die Bezeichnung ״Schulphobie" alleine schon irreführend. Viele der Beteiligten sind der Annahme, die Ursachen hierfür lägen in der Schule begründet. Allerdings ist diese Annahme falsch. Schulphobie ist eine Trennungsangst, resultierend aus einer engen Eltern-Kind-Bindung, die sich ״auf dem Hintergrund ungünstiger familiärer Bedingungen (Symbiotische Beziehungen, Trennungen, Krankheiten, Tod, Überbehütung, usw.) entwickelt" und immer mit somatische Beschwerden verbunden ist (Gründe für Fehlzeiten die angegeben werden: Kopf-, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, diffuses Unwohlsein ohne medizinischen Befund). Schulphobie und das daraus resultierende Fernbleiben Stehen oftmals ohne einen direkten Bezug zum Unterricht und werden häufig durch das soziale Umfeld toleriert und dadurch noch begünstigt.14

Schüler fehlen in der Schule aufgrund eines Angstgefühls sich von ihrem Zuhause bzw. ihren Eltern trennen zu müssen. Dabei liegt keine Phobie direkt gegen die Schule vor, sondern gegen das Gefühl der Trennung und der Angst, sein gewohntes und vertrautes Umfeld zu verlassen. Aus diesem Grund kommt es zur Vermeidung von Trennungssituationen wichtiger Bezugspersonen.

Oft handelt es sich hierbei um konkrete Verlustängste oder einer begründeten Angst verlassen zu werden, nicht selten aufgrund familiärer Konfliktsituationen wie Elternstreitigkeiten, Vernachlässigung, mangelnder Sicherheit oder Misshandlungen.15

Schulphobiker weisen häufig keine Leistungsprobleme auf, oft handelt es sich sogar um leistungsstarke Schüler, die schon in der Vergangenheit durch unregelmäßige Fehlzeiten auffällig geworden sind. Mögliche Gründe können von Seiten des Betroffenen nicht benannt werden, weshalb bei Bedrängungen in Gesprächen meist Angaben zu schulinternen Gründen geäußert werden, die nicht selten zu Fehleinschätzungen und falschen Interventionsmaßnahmen führen. Angstauslöser lassen sich aber in der Regel nicht im Feld ״Schule" lokalisieren.

An dieser Stelle lässt sich zusätzlich erwähnen, dass Schulphobie in den entsprechenden Alterskategorien wissenschaftlich differenziert wird. Während bei 4 bis 12-Jährigen unter der Schulphobie die typische Trennungsangst gefasst wird, bezeichnet man diese bei älteren Schülern als soziale Phobie, denn es liegen übersteigerte Ängste vor, wie Z.B. : Blamieren, von anderen Personen ausgelacht oder ausgegrenzt zu werden usw.

Eine konkrete Abgrenzung zur Schulangst ist bei einer sozialen Phobie allerdings sehr schwierig. Nichtsdestotrotz geschieht das Fernbleiben vom Schulunterricht, genau wie bei der Schulangst auch, in Kenntnis der Erziehungsberechtigten.16

c. Schulschwänzen

Darunter zu fassen ist das bewusste und wiederholte Fernbleiben vom Schulunterricht - ohne die Kenntnis der Erziehungsberechtigten.

״Chronisches Schwänzen" gilt als schleichender Prozess, der Ausdruck ausbleibender schulischer Erfolge und zunehmender Entfremdung von Schule ist. Zudem zeugt ״Schwänzen" von einem problematischen Sozialverhalten: Das Fehlen (nicht angstgeleitet) lässt sich auf erhebliche Motivationsdefizite und/oder fehlender Akzeptanz von Regeln zurückführen.

Demnach sind aufkommende Ängste nicht auf die Schule als Institution bezogen, die ein Fernbleiben begründen, sondern - von seitens des betroffenen Schülers - nur auf das Informieren der Eltern und das Ahnden von Fehlzeiten bezogen.

Schüler weisen eine schulaversive Einstellung gegenüber dem Schulalltag und Schule als umfassende Institution auf und lehnen den Unterricht und/oder die Lehrer dauerhaft und nachdrücklich ab. Diese Haltung äußern sie durch das Zuspätkommen und/oder dem Fernbleiben des Unterrichts - zu Beginn durch stundenweises Fehlen, bis hin zu ganzen Tagen.

Schulschwänzen nimmt mit dem Alter zu und ist häufig, aus schulischer Perspektive betrachtet, mit schulischen Misserfolgen und/oder Konflikten mit Lehrpersonal und Mitschülern verknüpft. Ebenso können auf der familiären Ebene Faktoren, wie fehlende Unterstützung, Interesse und eine mangelhafte Betreuung, die von Seiten des Kindes ausgenutzt werden, ein schulschwänzendes Verhalten fördern. Oftmals besteht ohnehin eine geringe Motivation zum Lernen von Schulinhalten und ein ebenso geringer Bezug zur Schule als solche.17

Die Nutzung der Zeit während des Schwänzens gilt angenehmeren Aktivitäten, wie beispielsweise dem ״Abhängen in Einkaufsstraßen".

Es geht beim Schule schwänzen aber nicht nur um das Meiden des als lästig empfundenen Schulunterrichts an sich, weshalb die Unterrichtszeit zugunsten anderer Freizeitaktivitäten bewusst gemieden wird, sondern es ist auch der Reiz für das Neue, Erlebbare, in der unbeaufsichtigten Zeit ganz frei von Vorschriften über seine Zeit zu verfügen.18

Für viele Schüler stellen die belebten Plätze in der Stadt, wie eben Einkaufsstraßen, eine attraktive Alternative zum negativ erlebten Schulalltag. ״Krankheit" dient dabei oft als Vorwand um die Abwesenheit im Unterricht zu erklären.19 20

An dieser Stelle sei anzuführen, dass Schulschwänzen nicht mit körperlichen Symptomen verbunden ist.2 u Zudem kommt es nicht selten vor, dass sich ״Schulschwänzer" während der eigentlichen Unterrichtszeit dennoch auf dem Schulgelände, wie dem Pausenhof in der Raucherecke oder im Schülerbistro aufhalten. Aus diesem Grund wird bei einem solchen Verhaltensmusterder Begriff ״Schulschwänzen", dem der ״Schulversäumnisse" vorgezogen.21 ״Schwänzer" zeigen oftmals schwache Schulleistungen und fallen durch ihr grundsätzlich respektloses oder aggressives Verhalten gegenüber anderen Mitmenschen auf.22 Ihr Handeln wird durch Unlust zur Schule zu gehen, Disziplinlosigkeit und zunehmenden Desinteresse an der Schule bestimmt.23

Die Erziehungsberechtigten, wissend um die Probleme des Kindes, allerdings oft ahnungslos in was für einem Umfang sich ihr Kind vom Schulunterricht fernhält, erfahren erst durch die in Kenntnissetzung der Schule von den unentschuldigten Fehlstunden bzw. Fehltagen.24 Demnach fehlen die Kinder bzw. Jugendlichen bis zum Informieren der Eltern über die Schule, unentschuldigt.

״Um den Schaden für ihr Kind und sich selbst aus Gründen der Scham, mangelnden Erziehungswillen oder Defiziten in der Erziehungskompetenz gering zu halten, entschuldigen Eltern [...] (daraufhin weiteres Fehlen, so dass die für eine Verhaltensänderung notwendige Konsequenz für die Jugendlichen ausbleibt."25 In den meisten Fällen entstammen Schulschwänzer aus Familien, deren Familienleben ohnehin durch ungünstige Strukturen gekennzeichnet sind. Darunter können sich die Faktoren ״zu viel Freiheit", Vernachlässigung und fehlende Strukturierung, bei den Elternteilen selbst, nennen lassen.

Aus psychiatrischer Perspektive lässt sich festhalten, dass Schulschwänzen auch als eine soziale Fehlanpassung oder ״dissoziale, externalisierende Störung"26, sprich als gestörtes Sozialverhalten und dem Verlust von entsprechendem Regelverhalten verstanden werden kann.27

Einige Gründe aus Schülerperspektive zum Thema Schulschwänzen (Ergebnisse einer Längsstudie aus den Jahrgangsstufen 6 und 7):

- weil ich keine Lust auf Schule hatte
- weil ich ausschlafen wollte/verschlafen habe
- weil ich mit dem Lehrer nicht zurecht kam
- weil ich Hausaufgaben nicht gemacht hatte
- weil meine Freunde das auch gemacht haben
- weil ich eine Klassenarbeit nicht mitschreiben wollte
- weil ich mich mit Freunden verabredet hatte
- weil ich von Mitschülern gehänselt/geärgert werde
- weil ich lieber Computer spielen wollte
- weil ich von Schülern mit Gewalt bedroht wurde28

Tab.: Bedingungszusammenhänge beim Schulschwänzen29

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammengefasst: ״Schwänzen" fußt auf bereits länger bestehenden Erfahrungen schulischer Misserfolge, permissiver Erziehung, fehlender Lernmotivation und einer unzureichenden positiven Anbindung an die Schule.30

Des Weiteren kann Schulschwänzen einsetzen, ״wenn Jugendliche durch die Inhalte des Unterrichts nicht erreicht werden, weil ihnen die Sinnhaftigkeit des Schulbesuchs nicht deutlich ist und sie gegen bestehende Normen und Regeln rebellieren möchten."31 Dies bedeutet, dass hinsichtlich des Lernstoffes, sowohl eine Überforderung, also auch eine Unterforderung Auslöser für ein schulschwänzendes Verhalten darstellen können.

d. Zurückgehalten werden vom Schulbesuch durch Erwachsene/Fremdeinwirkung

Eine besondere Unterform von Schulabsentismus stellt das Zurückhalten von der Schule durch Erwachsene dar.

In der Literatur oft ausgeklammert, ist das Fernhalten von schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen durch Elternteile von größerer Bedeutung als immer vermutet wird.

Bei dieser Form geht das Fernbleiben nicht vom Kind selbst aus. Die Initiative für das Versäumen des Schulstoffs geht von Seiten der Erziehungsberechtigten aus oder ist durch ein direktes Abkommen zwischen den Eltern und Schülern beschlossen.

Es handelt sich um eine bewusste Vermeidung des Schulbesuchs, aufgrund fehlender Einsicht in die Bildungsnotwendigkeit des Kindes. Kriterien dafür können andere Wertevorstellungen und kulturelle/religiöse Hintergründe sein oder aber Elternteile waren bereits selbst schulaversiv.

In der Literatur werden verschiedene Motive bezüglich dieses Phänomens als ursächliche Einflussfaktoren aufgeführt, darunter beispielsweise Desinteresse, Gleichgültigkeit, kulturelle Divergenzen, Aversionen der Erziehungsberechtigten, die letztendlich ausschlaggebend dafür sind, dass eine weitere Beschulung für nicht erforderlich erachtet wird. Ebenso können konkurrierende Verpflichtungen bzw. Tätigkeiten, Ursachen für das Fernhalten vom Schulunterricht darstellen, wie Z.B. Haushaltsführung, Mithilfe im Betrieb, Beaufsichtigung jüngerer Geschwister, Beaufsichtigung kranker Angehöriger etc.

״Ein weiterer Hintergrund von elterlich bedingtem Schulabsentismus kann überdies im körperlichen und seelischen Missbrauch von Kindern liegen."32

Den Kindern wird nicht gestattet die Wohnung zu verlassen, um deutlich erkennbare körperliche Verletzungen vor Außenstehenden fernzuhalten.33

Abschließend lässt sich festhalten, dass diese Form des ״Schulentzugs" klar von der des ״Schulschwänzens" abzugrenzen ist.34

Die unten aufgeführte Tabelle stellt das Zurückhalten als eine lose Sammelkategorie dar, wobei die aufgeführten Einflussfaktoren nicht nur einzeln, sondern auch in mehrfachen Kombinationen auftreten können.35

Tab.: Gründe für das Zurückhalten von Schülern durch Erziehungsberechtigte36

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Kontext sei auch nochmal auf die Unterscheidung der Absentismusformen von Getrud Plasse32 (siehe Tabelle auf der nächsten Seite) verwiesen, die eine Differenzierung zwischen Schulschwänzen, Schulangst und Trennungsangst tabellarisch vorgenommen hat, um das jeweilige Schülerverhalten besser elnordnen zu können (genauere Details siehe Tabelle).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

e. Gesonderte Unterform: Schulverweigerung

Im Zusammenhang der begrifflichen Einordnung von Schulabsentismus muss eine deutliche Unterscheidung zwischen Schulverweigerung und Schulschwänzen, beides Formen des Schulabsentismus, gezogen werden. Während sich das Schulschwänzen einzig und allein durch das Fernbleiben des Unterrichts, In Form der körperlichen Abwesenheit charakterisiert, kann Schulverweigerung ״Im Sinne einer demonstrativen Passivität, Leistungsverweigerung oder Störung des Unterrichts auch In Anwesenheit der Schüler vorliegen."33

Die Definition nach Preuß, aus dem Jahr 1978, stellt den Unterschied deutlich heraus:

״Von Schuleschwänzen wird gesprochen, wenn Kinder und Jugendliche, zeitweidig oder anhaltend - in der Regel - ohne Wissen der Eltern die Schule nicht besuchen und während der Unterrichtszeit einer ihrer Auffassung entsprechend angenehmeren Beschäftigung, vorwiegend im außerhäuslichen Bereich nachgehen.

Als Schulverweigerer sollten diejenigen beschrieben werden, deren Schulabwesenheit den Eltern bekannt ist und deren Verhaltensprobleme sich im emotionalen Bereich so verdichten, dass das Nicht-zur-Schule- gehen-können mit auffälligen psychogenen und/oder psychosomatischen Veränderungen einhergeht."34

[...]


1 www.individual-coaching.ch/pdfs/absentismus.pdf : Zugriff am: 20.6.2018

2 Ebd.

3 ״Phänomene und Formen des Schulabsentismus", PD Dr. Heinrich Ricking, Universität Oldenburg, Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik, O.J.

4 ״Schule und Absentismus. Individuelle und schulische Faktoren für jugendliches Schwänzverhalten", Christine Sälzer, 1. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2010

5 Ebd. 1

6 ״Schulabsentismus. Verstehen und wirksam begegnen", Dipl.-Psych. Michael Sylla, 1. Auflage, herausgegeben durch den Kreis Borken, Regionale Schulberatungsstelle, Kreis Borken 2015, S.6

7 ״Handbuch Schulabsentismus. Hintergründe und Handlungshilfen für den Schulalltag", Senatorin für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), ReBUZ Bremen, Mai 2013, S.7

8 Ebd., S.8

9 Ebd. 2

10 ״Phänomene und Formen des Schulabsentismus" PD Dr. Heinrich Ricking, Universität Oldenburg, Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik, O.J.

11 Ebd. 3

12 Ebd.

13 ״Schulabsentismus. Verstehen und wirksam begegnen", Dipl.-Psych. Michael Sylla, 1. Auflage, herausgegeben durch den Kreis Borken, Regionale Schulberatungsstelle, Kreis Borken 2015, S.12

14 ״Handreichung für Schulen im Umgang mit Schulabsentismus für den Landkreis Wesermarsch", Landkreis Wesermarsch (Hrsg.), 14.12.2016 4

15 Ebd.

16 Ebd.

17 ״Absentismus. Wenn Kinder nicht zur Schule gehen - Möglichkeiten von Beratung und Unterstützung", Referentin Dipl. Psych. Susanne Neubert, Workshop der LAG Fachtagung ״Erziehungsberatung im Kontext", 18.11.2016 in Hamburg 5

18 ״Phänomene und Formen des Schulabsentismus“׳, PD Dr. Heinrich Ricking

19 ״Handreichung für Schulen im Umgang mit Schulabsentismus für den Landkreis Wesermarsch", Landkreis Wesermarsch (Hrsg.), 14.12.2016, S.9

20 ״Handlungsempfehlung zum Vorgehen bei Schulabwesenheit für Schulen Im Saarpfalz-Krels", Saarpfalz-Kreis (Hrsg.), Homburg, Mai 2012

21 Ebd.

22 ״Handreichung für Schulen Im Umgang mit Schulabsentismus für den Landkreis Wesermarsch", Landkreis Wesermarsch (Hrsg.), 14.12.2016, s.9

23 ״Handlungsempfehlung zum Vorgehen bei Schulabwesenheit für Schulen Im Saarpfalz-Krels", Saarpfalz-Kreis (Hrsg.), Homburg, Mai 2012

24 ״Handreichung für Schulen Im Umgang mit Schulabsentismus für den Landkreis Wesermarsch", Landkreis Wesermarsch (Hrsg.), 14.12.2016

25 ״Handlungsempfehlung zum Vorgehen bei Schulabwesenheit für Schulen Im Saarpfalz-Krels", Saarpfalz-Kreis (Hrsg.), Homburg, Mai 2012

26 Ebd.

TI ״Absentismus. Wenn Kinder nicht zur Schule gehen - Möglichkeiten von Beratung und Unterstützung", Referentin Dipl. Psych. Susanne Neubert, Workshop der LAG Fachtagung ״Erziehungsberatung im Kontext", 18.11.2016 in Hamburg 6

28 ״Schulabsentismus und Eltern. Absentismus und Dropout", H. Ricking und K. Speck (Hrsg.), Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden 2018, S.105

29 ״Phänomene und Formen des Schulabsentismus", PD Dr. Heinrich Ricking, Universität Oldenburg, Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik, O.J.

30 ״Handbuch Schulabsentismus. Hintergründe und Handlungshilfen für den Schulalltag", Senatorin für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), ReBUZ Bremen, Mai 2013 , s. 9 f.

31 ״Handreichung für Schulen im Umgang mit Schulabsentismus für den Landkreis Wesermarsch", Landkreis Wesermarsch (Hrsg.), S.5 7

32 ״Phänomene und Formen des Schulabsentismus", PD Dr. Heinrich Ricking

33 Ebd.

34 ״Schulabsentismus. Verstehen und wirksam begegnen", Dipl.-Psych. Michael Syliä, Kreis Borken 2015

35 Ebd.

36 Ebd.

37 ״Erziehen: Handlungsrezepte für den Schulalltag in der Sekundarstufe - ״Schwänzen": Eingreifen, nicht wegsehen!", Getrud Plasse, Berlin: Cornelsen Verlag-Scriptor, 2004

38 ״Schule und Absentismus. Individuelle und schulische Faktoren für jugendliches Schwänzverhalten", Christine Sälzer, Wiesbaden 2010

39 Ebd. 9

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Schulabsentismus. Warum Hilfe suchen keine Schwäche & Schulmeidung keine Lösung ist
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
42
Katalognummer
V438648
ISBN (eBook)
9783668786028
ISBN (Buch)
9783668786035
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schule, Schwänzen, Klasse, Ausgrenzung, Schüler, Deutschland, Absentismus
Arbeit zitieren
Thea Barz (Autor), 2018, Schulabsentismus. Warum Hilfe suchen keine Schwäche & Schulmeidung keine Lösung ist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438648

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Schulabsentismus. Warum Hilfe suchen keine Schwäche & Schulmeidung keine Lösung ist



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden