Common Law und Civil Law. Einflüsse im UN-Kaufrecht. Eine glückliche Kombination?

Erkenntnisgewinn durch Rechtsvergleichung?


Seminararbeit, 2011
34 Seiten, Note: 13,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitang

II. Wesentliche Merkmale und historischer Hintergrund
1. Civil Law
2. Common Law

III. Zentrale Unterschiede und stilprägende Faktoren
1. Rechtsquellen: Gesetz VS. Richterrecht
2. Verfahrensrecht und materielles Recht
3. Trennung zwischen öffentlichem Recht und Privatrecht

IV. Common Law und Civil Law-Einflüsse im UN Kaufrecht
1. Beispiel : Der Anspruch auf Erfüllung in Natur
a) Civil Law
b) Common Law
c) Regelung des CISG
2. Beispiel: Die Widerruflichkeit des Angebots
und das Wirksamwerden der Annahme
a) Civil Law
aa) Die Widerruflichkeit des Angebots
bb) Das Wirksamwerden der Annahme
b) Common Law
aa) Die Widerruflichkeit des Angebots
bb) Das Wirksamwerden der Annahme
c) Regelung des CISG
aa) Die Widerruflichkeit des Angebots
bb) Das Wirksamwerden der Annahme
3. Beispiel: Die Vertragsänderung oder -anpassung
a) Civil Law
b) Common Law
c) Regelung des CISG
4. Zusammenfassung weiterer Einflüsse im UN-Kaufrecht

V. Auswertung und abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

Anmerkung:

Die in der Arbeit aufgeführten Autoren und Autorinnen werden mit ihrem Nachnamen sowie der betreffenden Seitenzahl oder Randziffer zitiert, sofern nicht anders angegeben.

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I. Einleitung

Das zum 1. Januar 1991 für die Bundesrepublik Deutschland in Kraft getretene Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 11. April 1980 nimmt die ?besondere Herausforderung“1 an, als internationales Ein­heitsrecht zu funktionieren. Hervorgerufen durch das Bedürfnis nach mehr Rechtssicherheit2 im internationalen Warenverkehr bildet nunmehr das UN-Kaufrecht den Knotenpunkt einer langen Episode der Rechtsver- einheitlichung 3. Durch die Mitwirkung etlicher Nationen an der Ausge­staltung des CISG prallten die verschiedenen Rechtssysteme, vor allem die der kontinentaleuropäischen (Civil Law) und angloamerikanischen Länder (Common Law), aufeinander. Da sich das Common Law und Civil Law erheblich unterscheiden4, musste sich - wenn sie sich zwar auch im Wege der Globalisierung zwangsweise immer stärker annäher- ten5 - um einen Ausgleich der noch bestehenden Gegensätze bemüht werden. Das UN-Kaufrecht stellt demnach eine Kompromisslösung dar, die die unterschiedlichen Interessen der jeweiligen Rechtssysteme in sich beherbergt6, wobei dies mit besonderer Note in einzelnen Normen zum Ausdruck kommt. Ob demzufolge Rabel mit seiner Aussage ?Common Law and Civil Law are like oil and water, which do not mix”7 richtig liegt, soll auf den nachfolgenden Seiten anhand ausgewählter Beispiele einer kritischen Analyse unterzogen werden. Als Türöffner dient der Makrovergleich beider Rechtstraditionen, der mit gebotener Kürze die wesentlichen Merkmale der Systeme sowie deren historischen Hinter­grund aufzeigen soll. Auf dieser Grundlage werden sodann mustergültige Normen des CISG auf ihre Common Law und Civil Law -Einflüsse hin untersucht, um letztlich auch auf die Frage nach einer ?glücklichen Kombination“ der divergierenden Einflüsse replizieren zu können.

II. Wesentliche Merkmale und historischer Hintergrund

1. ?Civil Law”

Das kontinentaleuropäische Recht zeichnet sich nicht nur durch eine sehr lange Entwicklungsgeschichte8 aus, sondern gilt auch als das wohl am weitesten verbreitete Rechtssystem der Welt9. Denn neben den typischen kontinental európai sehen Rechtsordnungen, wie z. B. Frankreich und Deutschland, gehören auch ganz Lateinamerika, gewisse Teile Schott­lands sowie Teile Afrikas zum Rechtskreis des Civil Law. Da das Civil Law im Recht des alten Rom wurzelt, dieses sich aber in einem mehr als tausend Jahre andauernden Prozess erheblich gewandelt hat, lässt sich das Civil Law als das ? [...] römische Recht in verbesserter Form [...] “ verstehen, ,,/.../ ohne jedoch hierbei nur Nachahmung“ zu sein10. Dabei galten die im ?Corpus Iuris Civilis“ gesammelten Rechtsquellen sehr lange11 als richtungsweisend. Auf dieser Grundlage entstand auch das französische Recht mit seinem ?Code Civil“, welches 1804 eingeführt und von vielen anderen Ländern übernommen wurde.12 Grundlegend für das Civil Law ist hierbei der Vorrang geschriebenen Rechts bei den Rechtsquellen, was mitunter auf den Umstand zurückzuführen ist, dass im kontinentaleuropäischen Rechtssystem die Legislative die einzige Rechtsquelle bildet13.

2. Common Law

?The Common Law was the law common to the king's court”.14 Anders als im Civil Law entwickelte sich das Common Law durch die Recht­sprechung der Gerichte und nicht aufgrund staatlicher Rechtsetzung15. Von der Grundidee ausgehend, dass Urteile höherer Gerichte Bindungs­Wirkung für die Urteile nachfolgender Gerichte entfalten, entwickelte sich eine Hierarchie an Präzedenzfällen, von denen nur noch unter be­stimmten Aspekten abgewichen werden durfte (auch bekannt als Case Law)16. Dieses Fallrecht gilt neben England auch in vielen Ländern des ehemaligen Kolonialismus wie den USA und Australien. Die zentralen Merkmale des Common Law bilden demnach neben dem Case Law und dem Umstand, dass dem Verfahrensrecht Vorrang eingeräumt wird, auch die Tatsache, dass zwischen öffentlichem und privatem Recht keine Trennung stattfindet. überdies sei eine Rezeption des römischen Rechts im Common Law nicht erfolgt.17

III. Zentrale Unterschiede und stilprägende Faktoren

Die Rechtssysteme des Common Law und Civil Law weichen in einigen Bereichen erheblich voneinander ab. Um diese dem Civil Law-Juristen in der Regel ungeläufige Systematik des angloamerikanischen Rechts bes­ser verständlich machen zu können, müssen - wenn auch nur Schemen­haft - die zentralen Unterschiede mit seinen historischen Wurzeln als Einführung in die Thematik dienen.

1. Rechtsquellen: Gesetz VS. Richterrecht

Während im Civil Law das geschriebene (kodifizierte) Recht als primäre Rechtsquelle dient18, ist das Common Law überwiegend vom Richter­recht {Case Law) geprägt19. Die Rechtssicherheit im jeweiligen System knüpft demnach an verschiedenen Stellen an. Im Common Law wird sie durch den Grundsatz der ?Stare decisis“20 gewährleistet, im Civil Law durch das System der Gesetzesinterpretation21 und die Bindung daran. Hierbei sei jedoch ergänzend daraufhingewiesen, dass die Kodifikatio­nen im Civil Law ebenso wie der Grundsatz der Präjudizenbildung im Common Law relativ späte Ausprägungen darstellen. Denn die Bindung an Entscheidungen anderer Gerichte konnte sich erst mit einer Hierarchie zwischen den Gerichten ergeben. Verschiedene Instanzen bildeten sich aber erst im 19. Jahrhundert. Auch das System des Civil Law hatte sich längst etabliert, bevor die drei großen Kodifikationswellen durch Europa liefen, ebenso wie auch in Common Law -Ländern seit jeher eine Kodifi- zierung des Rechts gefordert wurde.22 Und auch heute nähern sich die Rechtsfamilien wieder zunehmends an. So werden in Civil Law-Ländern bestimmte Rechtsgebiete überwiegend vom Richterrecht beherrscht, wie z. B. das Arbeitsrecht in Deutschland, während in Common Law- Ländern durchaus Rechtsgebiete durch geschriebene Gesetze kodifiziert sind.23 Der Großteil des Common Law aber bleibt - nicht zuletzt durch das Festhalten der Juristen an der Tradition des jahrhundertealten Rieh- terrechts - dem Case Law treu.24

2. Verfahrensrecht und materielles Recht

Ein weiterer folgenschwerer Unterschied zwischen Civil Law und Com­mon Law stellt in letztgenanntem Rechtssystem der Vorrang prozessua­len vor materiellen Rechts dar. Während sich unsereins verstärkt dem materiellen Recht zuwendet, ist das Common Law ein ?Recht der Prakti­ker“25 und Verfahrenstechniker. Der dahinterstehende Gedanke war, dass alles Recht einem nichts nutzte, sofern es nicht durchgesetzt werden konnte. Demnach wurde dem Verfahrensrecht größere Bedeutung einge­räumt als beispielsweise in Deutschland. Folgenschwer ist dieser Vorrang des Verfahrensrechts in Common Law-Ländern vor allem auch deshalb, da daraus weitere Unterschiede resultieren. Während z. B. der Prozess im Civil Law von der Rechtsnorm ausgeht, geht er im Common Law von der Seite der Tatsachen aus26, d. h. der Schwerpunkt liegt in der Sachverhaltsermittlung, nicht in der Ermittlung, ob ein Anspruch be­gründet ist oder nicht. Der kontinentale Zivilprozess dient dem Rechts­schütz der Partei, im anglo-amerikanischen Prozess liegt der Zweck vielmehr in der Wiederherstellung des Friedens, als in der Geltendma­chung eines Anspruchs. Auch die Beweislastregeln sind unterschiedli­chen Ursprungs. Sofern im Civil Law grundsätzlich derjenige die Be­weislast trägt, der ein Recht in Anspruch nimmt, wird sie im Common Law je nach Fallgestaltung deijenigen Partei auferlegt, für die der Beweis entweder einfacher zu erbringen ist oder welche sich näher am Beweis­mittel befindet 27. Eine weitere Folge stellt der Umstand dar, dass der Common Law-Richter zwischen den Parteien steht, der Richter im Civil Law dagegen eine übergeordnete dominierende Stellung einnimmt. Wo der deutsche Richter die Expertenrolle inne hat, indem er das Gesetz an­wenden und durchsetzen muss, nimmt der Common Law-Richter viel­mehr die Position eines Schlichters zwischen den Parteien ein.28 Dieser Umstand wirkt sich auch auf die Stellung der Parteien im Prozess aus. Im Common Law-System ist den Parteien nicht bereits mit der Mitwirkung am Prozess durch ein schriftliches Vorverfahren genüge getan. Vielmehr muss ihr Gelegenheit zur Beweiserbringung und Sachverhaltsfeststellung im Wege einer mündlichen Verhandlung gegeben werden, so dass dem Grundsatz rechtlichen Gehörs entsprochen wird 29. Einmal mehr wird die dominante Position des Verfahrensrechts im Common Law bei Betrach­tung des sog. ? Writ-System “ deutlich. Anders als im Civil Law war die Klageerhebung bis 1875 kein Recht, sondern vielmehr ein Privileg, das den Untertanen erteilt wurde oder auch nicht.30

3. Trennung zwischen öffentlichem Recht und Privatrecht

Im Civil Law sorgte einst Napoleon Bonaparte für die Trennung zwi- sehen öffentlichem Recht und Privatrecht. Er schuf hierdurch ein Subor­dinationsverhältnis zwischen Bürger und Staat, welches bis heute im Common Law nicht existiert. Dort Stehen Bürger und Staat auf derselben Ebene. Auch anders als z. B. in Deutschland wird in Common Law- Systemen nur das Individualinteresse des Einzelnen geschützt, während hierzulande auch eine Abwägung mit dem öffentlichen Interesse stattfin­den muss und der Wille des Gesetzgebers zu berücksichtigen ist.

IV. Common Law und Civil Law -Einflüsse im UN Kaufrecht

Wie nunmehr dargelegt, differieren die Systeme des Civil Law und Common Law nicht nur in Detailfragen, vielmehr ist das komplette Rechtsdenken ein völlig anderes. Wenn auch das UN-Kaufrecht keinem der Rechtssysteme vollständig folgte, so sind doch einzelne Normen entweder vom Common Law oder Civil Law beeinflusst. Einige wenige stellen sogar ?ganz eigene Kompositionen31 dar, bestehend aus Elemen­ten beider Systeme. Nachfolgende Beispiele sollen darlegen, wie sehr das unterschiedliche Rechtsdenken das CISG in einzelnen Normen beein- flussi hat. Ob und inwiefern es den Verfassern des UN-Kaufrechts gelun­gen ist eine ?Vermischung verschiedener Rechtstraditionen“32 stattfln- den zu lassen, soll vorerst aber noch offen bleiben.

1. Beispiel: Der Anspruch auf Erfüllung in Natur

Das im UN-Kaufrecht getroffene Arrangement führt einerseits zu einem hohen Maß an Eigenständigkeit, hat aber ebenso zur Folge, dass es allen Vertragsstaaten in seinen Denkansätzen und seiner Substanz zum Teil fremd ist.33 Um einem Abrücken der Vertragsstaaten von der Anwen­dung des CISG aufgrund für sie befremdlicher Regelungen entgegenzu­wirken, wurde versucht, es gewissermaßen ?jedem Recht zu machen“. Die den Anspruch auf Erfüllung regelnde Norm zeigt daher mustergültig, wie man sich um eine Vereinheitlichung beider Systeme bemüht hat, ohne aber die Interessen der anderen Tradition völlig zu ignorieren.

a) Civil Law

Im System des Civil Law gilt der Anspruch auf Erfüllung in Natur als selbstverständlich und ergibt sich bereits als einfache Folge aus dem Grundsatz ?pacta sunt servanda‘34. In Deutschland beispielsweise ist der Schuldner gemäß § 249 BGB verpflichtet, den Zustand wiederherzustel­len, der bestehen würde, wenn das schädigende Ereignis nicht eingetreten wäre. Auch im niederländischen Schuldrecht wird deutlich, dass der Er- füllungsanspruch problemlos gerichtlich durchgesetzt werden kann, in Frankreich bringt dies Art. 1184 II 2 Code Civil zum Ausdruck.35 Anders als in Deutschland und Dänemark ist der französische Richter aber nicht verpflichtet dem Klagebegehren auf Erfüllung in natura statt zu geben. Vielmehr liegt es in seinem Ermessen statt Naturalrestitution eine Ersatz­Vornahme oder Schadensersatz zu gewähren36. Die Regelungen hierzu sind also durchaus nicht in allen Civil Law-Ländern homogen. Wenn aber auch das Vorherrschen des Erfüllungsanspruchs in Ländern wie Deutschland, Dänemark und Frankreich laut Lando und Rose für die ge­richtliche Praxis kaum von Bedeutung sein soll37, so bleibt dennoch un­bestritten, dass das Verlangen auf Erfüllung in Natur hier mehr Regelfall als Ausnahme darstellt 38.

b) Common Law

Anders stellt sich dies im Common Law dar. Hier kann der Gläubiger nicht grundsätzlich Erfüllung verlangen und am Vertrag festhalten.39 So ist gemäß § 2-716 ucc40 der Erfüllung in natura nur dann zu entspre­chen, wenn die betroffene Ware unersetzlich ist oder andere ähnliche Umstände vorliegen. Im Unterschied zu Civil Law-Ländern stellt die Naturalrestitution einen absoluten Ausnahmefall dar. Wenn auch der UCC nicht allein als Fundament für die Betrachtung dieser Thematik in Common Law-Familien dienen kann, so stellt er als vereinheitlichtes Handelsrecht der Vereinigten Staaten von Amerika zumindest eine Rechtsquelle dar, die für die USA als repräsentativ bezeichnet werden kann. Denn obwohl der ucc mangels Kompetenz kein Bundesrecht dar­stellt, wurde er mittlerweile von allen Bundesstaaten - bis auf Louisia­na - unverändert ins jeweilige Handelsrecht übernommen.41 Obwohl die USA die wichtigeren Handelspartner für Deutschland sind, kann aber dennoch ein weiterführender Blick nach England nicht ausbleiben. Zum einen stellt England das ?Mutterrecht“ des Common Law-Systems dar, zum anderen treten am ucc (da dieser bereits die Entwicklung vom Fall­recht weg hin zum Gesetzesrecht gemacht hat) die unterschiedlichen Strukturen weniger deutlich hervor .42 In England stellt demzufolge die ?specificperformance “ ähnlich wie in Frankreich ein Recht dar, das ?im Rahmen einer Ermessensausübung zugebilligt“ wird. Grundsätzlich führt eine Vertragsverletzung aber auch hier zuerst zum Recht auf Schadenser- Satz.43 Das Common Law gewährt folglich den Rechtsbehelf der Natural­restitution nur, wenn ein Ersatz in Geld unangemessen ist.44 Diese Dis­tanziertheit zum Anspruch auf Erfüllung in Natur mündet in historischen wie auch vollstreckungsrechtlichen Motiven und trägt dem Common Law-Erfordemis Rechnung, einen Schuldner wirtschaftlich nicht zwang­haft binden zu wollen45.

c) Regelung des CISG

Die Regelung des UN-Kaufrechts versucht den grundverschiedenen Konzepten des Civil Law und Common Law gerecht zu werden. Der in Art. 46 CISG sowie Art. 62 CISG normierte Anspruch auf Erfüllung wird durch die Regelung des Art. 28 CISG beschränkt. Es wird zwar der An­Spruch auf Erfüllung in Natur gewährt, seine gerichtliche Durchsetzbar- keit aber insofern beschränkt, als das zuständige Gericht dem Klagebe­gehren auf Erfüllung stattgeben kann, sofern dies nach dem eigenen in­nerstaatlichen Recht auch der Fall wäre46. Dies bedeutet aber nicht, dass jedes Common Law-Gericht die Erfüllungsklage abweisen muss. Viel­mehr liegt es in seinem Ermessen, der Klage stattzugeben oder nicht, unabhängig davon, ob die Entscheidung bei gleichartigen Kaufverträgen unter ?eigenem Recht“ dieselbe wäre 47. Ein Zwang, dem Klagebegehren auf Erfüllung in Natur stattzugeben, wird lediglich den Gerichten aufer­legt, die auch nach nationalem Recht so zu entscheiden hätten.48 Die Re­gelung des heutigen Art.

[...]


1 So Piltz, Rz. 1-2.

2 So Neumayer in Grasmann/David, s. 75.

3 Vgl. Piltz, Rz. 1-21.

4 Vgl. von Mehren/Gordley, s. 3.

5 Vgl. Zimmermann, s. 2.

6 Vgl Hellner, s. 78.

7 So Rabel, s. 312.

8 Vgl. Neumayer in Grasmann/David, s. 79.

9 Vgl. Merryman, s. 4.

10 So Müller-Gugenberger in Grasmann/David, s. 79.

11 in Deutschland bis zum Inkrafttreten des BGB um die Jahrhundertwende.

12 Vgl. Deutsch, s. 205.

13 Vgl. Fleiner, s. 580.

14 So Langbein/Lemer/Smith, s. 4.

15 Vgl. Bodenheimer/Oakley/Love, s. 9.

16 Vgl. Elliott/Quinn, s. 10.

17 Vgl. Will in Grasmann/David, s. 444.

18 Vgl. Grasmann in Grasmann/David, s. 162.

19 Vgl. Olzen in von Staudinger, BGB-??., Rz. 315.

20 Vgl. Burnham, s. 64.

21 Vgl Zweigert/Kötz, § 14, s. 177.

22 Vgl. Rolli, s. 2.

23 Vgl. Rolli, s. 2.

24 Vgl. Will in Grasimnn/David, s. 497.

25 Vgl. Will in Grasimnn/David, s. 471.

26 Vgl. Nakamura, s. 321.

27 Vgl. Nakamura, s. 314.

28 Fleiner, Wem Gott ein Amt gibt, s. 147.

29 Vgl. Basta/Fleiner, s. 170.

30 Vgl. Will in Grasmann/David, s. 442.

31 So Ludwig, s. 5.

32 Vgl. Scliwcnzcr/Fountoulakis. s. 351.

33 Vgl. Ludwig, s. 5.

34 Vgl. Müller-Chen in Schlechtriein/Schwenzer, Art. 28, Rz. 1.

35 Vgl. Sandrock s. 172.

36 Vgl. Sandrock s. 172.

37 Vgl. Lando/Rose, Paper 15, s. 2.

38 Vgl. Sandrock s. 173.

39 Vgl. Benicke inMüKo. HGB, Art. 28, Rz. 6.

40 Uniform Coimnercial Code

41 von Hopffgarten, http ://www. gtai.de/DE/Content/ SliaredDocs/Links- Einzeldokmnente-Datenbanken/fachdokmnent.html?fldent=MKT200908178012¦

42 Vgl. Ludwig, s. 4.

43 Brunner, Art. 28, Rz. 2.

44 Vgl. Schwenzer/Fountoulakis, s. 192.

45 Vgl. Müller-Chen in Schlechtriem/Schwenzer, Art. 28, Rz. 2.

46 Vgl. Schlechtriem/Butler, s. 92, Nr. 103.

47 Vgl. Ferrari, Art. 28, Rz. 1.

48 Vgl. Ferrari, Art. 28, Rz. 2.

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Details

Titel
Common Law und Civil Law. Einflüsse im UN-Kaufrecht. Eine glückliche Kombination?
Untertitel
Erkenntnisgewinn durch Rechtsvergleichung?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
13,00
Autor
Jahr
2011
Seiten
34
Katalognummer
V438668
ISBN (eBook)
9783668785984
ISBN (Buch)
9783668785991
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtsvergleichung, UN Kaufrecht CISG IPR Internationales Privatrecht Common Law Civil Law
Arbeit zitieren
Beate Lippmann (Autor), 2011, Common Law und Civil Law. Einflüsse im UN-Kaufrecht. Eine glückliche Kombination?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438668

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