Interkulturelle Literatur als Mehrwert für den Deutschunterricht in multikulturellen schulischen Grenzräumen

"Häute" von Feridun Zaimoglu


Hausarbeit, 2018
18 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitang

2. Übersicht der wichtigsten kulturtheoretischen Begriffsbestimmungen
2.1 Kultur als eine hybride Stütze von traditionellen Grundüberzeugungen und dynamisch-veränderbaren Systemen
2.2 Interkulturalität. Das exemplarische Muster für eine funktionierende Kultur
2.3 Alterität und Identität
2.4 Das Eigene und das Fremde

3. Einblicke in die interkulturelle Literaturwissenschaft
3.1 Die Qualitäten von interkultureller Literatur

4. Interkulturelle Literatur als Mehrwehrt für den multikulturellen Deutschunterricht
4.1 Interkulturelles Lemen als soziales Lemen
4.2 Umgang mit Differenzen und multiperspektivische Bildung
4.3 Interkulturelles Lemen im Deutschunterricht anhand von Feridun Zaimoglus Text ״Häute“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1 . Einleitung

In der heutigen Zeit sind der Kulturdiskurs und die damit verbundene Thematik der Interkulturalität unumgänglich. Obwohl das Aufeinandertreffen von verschiedenen Kulturen zur Normalität geworden ist, stehen Stereotypen und das ״Denken-wie- üblich“ einer funktionierenden multikulturellen Gesellschaft oft im Wege.

So können Konstellationen oder Handlungen aufgrund des Einflusses von Kultur von zwei Individuen mit verschiedenen kulturellen Prämissen unterschiedlich interpretiert werden.[1]

Um sich dieser Divergenzen überhaupt bewusst zu werden, gilt es aber zunächst zu verstehen, worum es sich bei einer Kultur handelt. Der erste Teil der bevorstehenden Arbeit widmet sich der terminologischen Klärung von kulturwissenschaftlichen Begriffen. Diese theoretische Rahmung muss am Anfang dieser Hausarbeit geleistet werden, um die Komplexität und das Spektrum dieser Forschungsdisziplin zu reduzieren. Darauf aufbauend wird im zweiten Teil die interkulturelle Literatur eingeführt. In diesem Abschnitt soll die Wertbeständigkeit dieser Fachrichtung hervorgehoben werden. Die Relevanz von interkultureller Literatur im Deutschunterricht in multikulturellen schulischen Gesellschaften wird im dritten Teil untersucht. Die Basis der Überlegungen hierfür ist der Text ״Häute“ von Feridun Zaimoglu.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Wichtigkeit von interkultureller Literatur im Deutschunterricht hervorzuheben. Es soll geklärt werden wie und wozu diese Literatur eingesetzt werden kann und was sie bewirken kann.

2 Übersicht der wichtigsten kulturtheoretischen Begriffsbestimmungen

2.1 Kultur als eine hybride Stütze von traditionellen Grundüberzeugungen und dynamisch-veränderbaren Systemen

Kultur ist ein ״erlerntes Orientierungs- und Referenzsystem von Werten, Artefakten und Praktiken, das von Angehörigen einer bestimmten Gruppe oder Gesellschaft kollektiv gelebt und tradiert wird und sie von Angehörigen einer anderen Gruppe unterscheidet.“[2]

Man unterscheidet zwischen der Kultur als abgeschlossenes System und der Kultur als Fluxus. Im abgeschlossenen System wird Kultur als homogen und statisch begriffen. Dies zieht eine interne Kohärenz nach sich sowie geteilte Normen, Werte und Gewohnheiten. ״Jede Nation“, hat nach Johann Gottfried Herder, ״ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich wie jede Kugel ihren Schwerpunkt.“[3] Die Kulturen sind nach dieser Definition in sich geschlossen und eindeutig von den anderen differenzierbar.

Der schwedische Sozialanthropologe Ulf Hennerz wiedersetzt sich vehement einem solch undurchlässigen Kulturverständnis. Er beleuchtet die Kultur als ״globalisierten Austauschprozess“[4] von Menschen, Waren und Bedeutungen.

Als ein Habitus ist der Mensch ein Geschöpf, das mit ״all seinen biologischen Funktionen ein Bestandteil der Natur [ist]“[5], und das in einen prädestinierten kulturellen Lebenskreis ״hineingeboren und hineinsozialisiert“[6] wird. Der sogenannte prädestinierte Lebenskreis ist jedoch kein fertiges Konstrukt, sondem ein Produkt menschlichen Handelns und Gestaltens.

Kultur soll einerseits die Traditionen und Riten einer Gesellschaft stützen und ihren inneren Zusammenhalt stärken. Andererseits darf Kultur jedoch nicht als Vorwand zur Ab- und Ausgrenzung genutzt werden. Kultur soll ein identitätsstiftendes Vermögen sein, das veränderbare Tendenzen zulässt und aufnimmt.

2.2 Interkulturalität. Das exemplarische Muster für eine funktionierende Kultur

Unter Interkulturalität versteht man einen ״gegenseitigen Prozess der Interaktion und der Verständigung.“[7] Im Rahmen eines Aufeinandertreffens von Kultur A und Kultur В kann durch Austauschprozesse, Konstruktion und Deformation eine dritte Kultur c entstehen.

Damit es überhaupt zu solchen hybriden Kulturkonstellationen kommen kann, muss ein offenes, dynamisches Kulturverständnis vorangehen.

In dem Zwischenraum, dem sogenannten ״dritten Raum“[8], kommt es durch Austauschverfahren zur Entstehung von etwas Neuem.

Durch die Interaktion mit jemandem, der über einen anderen kulturellen und historischen Background als man selbst verfügt, kommt es zur Neugestaltung von gemeinsamen ״Kommunikations- und Verhaltensweisen.“[9]

Genau aus diesem Grund ״agieren und reagieren [die verschieden geprägten Teilnehmer in einer solchen kulturellen Überschneidungssituation] anders als in intrakulturellen Begegnungssituationen. “

2.3 Alterität und Identität

Die Bestimmung des Begriffes Alterität löst in der Forschungsliteratur immer noch kontroverse Diskussionen aus. Wolfgang Müller-Funk, ein österreichischer Literatur- und Kunstwissenschaftler nimmt in seinem Werk ״Theorien des Fremden“ eine Dreiteilung des Begriffes vor. Müller-Funk postuliert gleichermaßen auf eine Überlappung von den diversen Alteritätsphänomenen.[10] Er unterscheidet zwischen der ״Zweiheit“, der ״Unbekanntheit“ und der ״Exterritorialität“.[11]

Wolfgang Raibie belegt in seinem Essay, dass Alterität unmittelbar mit der eigenen Identität in Verbindung steht. Es handelt sich um eine ״dialektische [Verbindung], die wechselseitig fungiert.“[12]

Der US-amerikanische Literaturtheoretiker Edward Said stützt sich in seinem Beitrag auf die These, ״daß sich die Definition der nationalkulturellen Identität erst über die Abgrenzung von einer Alterität gestaltet:[13] [...] the development and maintenance of every culture require the existence of another different and competing alter ego. The construction of identity - for identity, whether of Orient or Occident, France or Britain, while obviously a repository of distinct collective experiences, is finally a construction - involves establishing opposites and “others“ whose actuality is always subject to the continuous interpretation and reinterpretation of their differences from “us“. Each age and society recreates its “others“. Far from a static thing then, identity of self or of “other“ is much worked-over historical, social, intellectual and political process that takes place as a contest involving individuals and institutions in all societies.[14]

Die kulturelle Identität eines Individuums steht in ständig wechselwirkenden Interaktionsprozessen mit seinem sozio-kulturellen Umfeld.[15] Jeder Mensch ist stets auf der Suche nach Elementen, mit denen er sich identifizieren kann. Es liegt in der menschlichen Natur, sich mit manchen Aspekten definieren zu wollen und sich dadurch soziale Kohäsion zu erfahren. Es entsteht ein kollektives Gefühl der Zugehörigkeit, das sogenannte ״Wir-Gefühl“.[16] Anderseits bedeutet Identifikation auch oft Abgrenzung von jenen, die sich abweichenden Ansichten verschrieben haben.

Man darf jedoch nicht unerwähnt lassen, dass der Begriff der Identität sich ausschließlich auf die ״kategoriale Belegung einer Figur [bezieht], mittels welcher ein Keil getrieben wird zwischen den Innenraum des «Eigenen» und das abgegrenzte, äußere «Fremde».“[17]

Beschränkt man sich auf eine Identifikation nach Kategorien, kommt es zu einer ״hierarchischen Ordnung der Figuren untereinander“[18]. Sobald die verschiedenen Figuren miteinander interagieren, kommt es zu Vergleichen und Verlagerungen von Machtpositionen.

2.4 Das Eigene und das Fremde

Fremdheit und Eigenheit sind zwei Gefüge die sich gegenüber stehen. Es muss sowohl Analogien als auch prägnante Unterschiede geben ,dass es zu einem Aufeinandertreffen von Fremd und Eigen kommen kann. Nach Alfred Schütz ist das Denken-wie-üblich “ein Denkmanöver von Gewohnheiten, das Eigene was den Menschen ausmacht.”[19] Unter einem Fremden stellt Schütz sich “einen Erwachsenen unserer Zeit vor, welcher den Wunsch hat, sich einer ihm fremden Zivilisation zu nähern und danach strebt, von dieser geduldet und akzeptiert zu werden.”[20] Die meisten Individuen definieren Fremdheit oder einen Fremden über den Maßstab ihres eigenen Horizontes. Scheint ihnen jemand oder etwas unbekannt, so wird es als fremd klassifiziert. Die Bestimmung von Fremdheit ist demnach immer eine Rückführung auf das Eigene. Riten, Kommunikations- und Verhaltensweisen und religiöse Traditionen werden miteinander verglichen und bei wenig bis überhaupt keiner Übereinstimmung resultiert Fremdheit.

Die Zuschreibung von Fremdheit beinhaltet in allen Fällen eine Hierarchisierung zwischen den gegenüberstehenden Parteien. Das westlich gedachte Eigene ״gilt als alleiniger Maßstab bei der Beurteilung fremder Realität.“[21] Die westliche Population steht oft im Fokus der Kritik, weil ihr vorgeworfen wird, sich als einzige Hochkultur anzusehen und die übrigen Kulturen fälschlicherweise zu degradieren. Diese Anschuldigungen fundieren faktisch auf den vergangenen kolonialen Bestrebungen der okzidentalen Machtmenschen.

Es ist wichtig zu begreifen, dass man nicht alles was fremd ist, verstehen kann. Der menschliche Drang sich alles, anzueignen was anders erscheint, muss gebändigt werden, um die hierarchischen Gebilde zu bezwingen.

[...]


[1] Johannes Germ : Was ist Kultur ? Definitionen und Grundlagen des Kulturbegriffs. 2006, S.4.

[2].,Kultur'": Taschenlexikon Interkulturalität. Göttingen/Stuttgart 2012, s. 95.

[3] Dorothee Barth: Ethnie, Bildung oder Bedeutung? Zum Kulturbegriff in der interkulturell orientierten Musikpädagogik. Augsburg 2008, S.95.

[4] Dorothee Kimmich, Schamma Schahadat : Kulturen in Bewegung. Beiträge zur Theorie und Praxis der Transkulturalität. Bielefeld 2012, S.8.

[5] Hamid Reza Yousefi; Ina Braun: Interkulturalität. Eine interdisziplinäre Einführung. Darmstadt 2011, s. 11.

[6] Ebd. s. 11.

[7] Kultur“: Taschenlexikon Interkulturalität. Göttingen/Stuttgart 2012, s. 81.

[8] Karen Struve : Zur Aktualität von Homi к. Bhaba. Einleitung in sein Werk. Wiesbaden 2013, S.37.

[9] Ebd. S.82.

[10 Wolfgang Müller-Funk : Theorien des Fremden. Eine Einführung. Tübingen 2016, s. 22.

[11] Ebd. S.22.

[12] Wolfgang Raibie : Alterität und Identität. In : Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 110 (1998) s.12.

[13] Annegreth Horatschek : Alterität und Stereotyp. Die Funktion des Fremden in den ‘International novels’ vom E.M. Forster und D.H. Lawrence. Tübingen 1998, S.64.

[14] Edward Said : East isn’t East. The impending end of the age of orientalism. 1995. S.3.

[15] Elena Makarova: Akkulturation und kulturelle Identität. Eine empirische Studie bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in der Schweiz. Bem/Stuttgart/Wien 2008, S.47.

[16] ״Kultur“: Taschenlexikon Interkulturalität. Göttingen/Stuttgart 2012, s. 72.

[17] Daniel Schneider: Identität und Ordnung. Entwürfe des »Eigenen« und des »Fremden« in deutschen Kolonial- und Afrikaromanen von 1889 bis 1952. Bielefeld 201 ĻS.15.

[18] Ebd. S.15.

[19] Alfred Schütz: Der Fremde. In: Alfred Schütz: Gesammelte Aufsätze. Studien zur soziologischen Theorie. Den Haag 1972, s. 53-69.

[20] Ebd. s. 53-69.

[21] Karl Holz : Das Fremde, Das Eigene, Das Andere. Die Inszeniemng kultureller und geschlechtlicher Identität in Lateinamerika. Berlin 1998, S.9.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Literatur als Mehrwert für den Deutschunterricht in multikulturellen schulischen Grenzräumen
Untertitel
"Häute" von Feridun Zaimoglu
Hochschule
Université du Luxembourg
Veranstaltung
Interkulturelle Literaturdidaktik
Note
2.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V438678
ISBN (eBook)
9783668792319
ISBN (Buch)
9783668792326
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturelle, literatur, mehrwert, deutschunterricht, grenzräumen, häute, feridun, zaimoglu
Arbeit zitieren
Cathy Schoetter (Autor), 2018, Interkulturelle Literatur als Mehrwert für den Deutschunterricht in multikulturellen schulischen Grenzräumen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438678

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