Selbstbewusstsein und Anerkennung. Eine Analyse intra- sowie intersubjektiver Verhältnisse des Anerkennens


Projektarbeit, 2018

24 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition des Begriffes des Selbstbewusstseins

2. Intrasubjektives Anerkennen
2.1 Definition und Bedingungen intrasubjektiven Anerkennens
2.2 Anerkennung einer Absicht durch den Einzelnen
2.3 Leere bzw. nicht anerkannte Absicht
2.4 Gefahr des Selbstbetrugs

3. Intersubjektive Anerkennung
3.1 Definition des Begriffs der intersubjektiven Anerkennung
3.2 Bedeutung für die Entstehung von Selbstbewusstsein
3.3 Beeinflussung durch gesellschaftlichen Wertewandel

4. Zweck von Anerkennungsverhältnissen

Zusammenfassung/ abschließende Betrachtungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Projektarbeit, wird das Verhältnis von Selbstbewusstsein und Anerkennung untersucht und es werden dafür Werke der Philosophen G.W.F. Hegel, Axel Honneth, Pirmin Stekeler-Weithofer sowie Charles Taylor verwendet.

Zu Beginn sollen zunächst übersichtsartig die wichtigsten Aspekte bezüglich Hegels Definition des Begriffes des Selbstbewusstseins aufgeführt werden. Das beinhaltet eine Unterscheidung des Selbstbewusstseins in ein Besonderes und Allgemeines. Hierbei kommt es ebenso darauf an, herauszufinden, wie Hegel Selbstbewusstsein und Anerkennung begrifflich miteinander in Verbindung bringt. Zum Zwecke einer umfassenderen Erklärung fließen dabei Perspektiven Stekeler-Weithofers und Taylors mit ein. Diese begriffliche Auseinandersetzung erfolgt vor dem Hintergrund, dass dadurch vorab der Begriff des Selbstbewusstseins nachvollzogen, geklärt werden soll, um in den sich anschließenden Kapiteln an geeigneter Stelle darauf Bezug nehmen bzw. daran anknüpfen zu können.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit scheint meines Erachtens ein Vergleich sinnvoll zu sein, weil hinsichtlich Hegels Ausführungen über Anerkennungsverhältnisse, im Kapitel über Herrschaft und Knechtschaft in der „Phänomenologie des Geistes“, verschiedene Lesarten existieren. Es gibt diesbezüglich einerseits die von Stekeler-Weithofer bevorzugte intrasubjektive sowie die von Honneth vertretene intersubjektive Lesart. Was genau unter intrasubjektiver Anerkennung zu verstehen ist, welche Bedingungen zu deren Realisierung gegeben sein müssen, des Weiteren, was eine Verwirklichung intrasubjektiver Anerkennung verhindert, und inwiefern Selbstbetrug hierbei unter bestimmten Umständen möglich ist, wird im zweiten Kapitel mit Hilfe von Stekeler-Weithofers „Philosophie des Selbstbewusstseins. Hegels System als Formanalyse von Wissen und Autonomie“ dargestellt. Am Ende dieses Abschnittes soll klar werden, was Hegels Begriffe Herr und Knecht sowie Kampf um Anerkennung, bezogen auf intrapersonale/ intrasubjektive Anerkennung, gemäß Stekeler-Weithofer bedeuten.

Daran anschließend enthält das nächste bzw. dritte Kapitel, wie bereits angekündigt, die Darstellung einer anderen Auffassung von Hegels Herrschafts- und Knechtschafts-Kapitel, mit Fokus auf den Begriff der Anerkennung. Das heißt genauer formuliert, dass in diesem Teil der Hausarbeit die Untersuchung einer intersubjektiven Sichtweise, welche sich auf Anerkennungsverhältnisse bezieht, stattfindet. Dies geschieht angelehnt an Honneths „Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte“. Vorerst wird jedoch Honneths Verständnis/ Definition intersubjektiven Anerkennens geklärt, um außerdem aufzuzeigen, inwiefern er intersubjektives Anerkennen als Voraussetzung für die Entwicklung von Selbstbewusstsein erachtet.

Wenn intersubjektives Anerkennen bzw. Anerkennung durch Mitmenschen die Entwicklung des Selbstbewusstseins eines Menschen beeinflusst, ergibt sich die drängende Frage, ob und wie sich nach Honneth ein Wandel gesellschaftlicher Werte darauf auswirkt, was von Menschen anerkannt wird und wie sich unter diesen Umständen das Selbstbewusstsein eines Menschen entwickelt. Eine mögliche, sich aus Honneths Sicht daraus ergebende Gefahr wird allerdings nur kurz erwähnt, weil ausführliche Erklärungen dazu sonst zu weit vom eigentlichen Thema der Hausarbeit wegführen würden.

Im letzten Kapitel soll unter Bezugnahme auf die bisher erwähnten Philosophen verdeutlicht werden, welchen Zweck Anerkennung hat, sei sie nun intra- oder intersubjektiv. Hierbei ist mir wichtig, dafür zu argumentieren, dass intra- sowie intersubjektive Anerkennung für die Möglichkeit einer weitestgehend autonomen bzw. freien Lebensführung eines Menschen wichtig ist.

Abschließend werden markante Positionen in zusammenfassender Weise kritisch reflektiert und argumentative Ergebnisse dieser Projektarbeit hervorgehoben. Des Weiteren möchte ich darauf hinweisen, dass das Ziel meiner Arbeit darin besteht, überblicksartig das Wesentliche des dieser Hausarbeit zu Grunde liegenden Themas zu erfassen sowie möglichst nachvollziehbar darzulegen.

1. Definition des Begriffes des Selbstbewusstseins

Selbstbewusstsein zu haben heißt nach Hegel ganz allgemein ausgedrückt, dass ein Mensch während der Betrachtung eines Gegenstandes weiß, dass er von diesem Gegenstand nur das sieht, was er über ihn weiß/ sich über diesen vorstellt. Hegel drückt dies sinngemäß so aus, dass der Betrachter eines Gegenstandes diesen als den seinigen weiß und sich darin sieht.[1] Sich im Gegenstand oder in was auch immer gerade betrachtet wird zu sehen, ist gemäß Hegel so verstehbar, dass bei der Betrachtung von etwas der aktuelle Stand des eigenen Wissens im Gegenstand der Betrachtung widergespiegelt wird.

Ein Mensch kann demzufolge nur insoweit einen Gegenstand und auch sich selbst begreifen, inwieweit er Wissen über sich und die ihn umgebende Welt hat. Wenn dieses Wissen noch mangelhaft oder je nach Gegenstand der Betrachtung nicht vorhanden ist, hat dieser Mensch eine lediglich abstrakte bzw. sehr ungenaue Vorstellung von der Welt und auch von sich selbst, als Teil dieser Welt. Ein auf diese Weise verfasstes Selbstbewusstsein nennt Hegel ein Einzelnes/ Besonderes, einzeln bzw. besonders im Sinne von noch nicht oder unzureichend mit allgemein gültigem Wissen über die Welt angereichert.[2] Abstraktes Wissen eines Menschen wird demnach erst durch Vermittlung von weiterem Wissen zu allgemein gültigem Wissen, welches durch zunehmende Erfahrung mit der Welt gewonnen wird.

Wenn ein Mensch mit abstraktem, besonderem Selbstbewusstsein allgemein gültiges Wissen erwirbt, ergibt sich die Frage, welchen Einfluss das auf seine Wahrnehmung von sich sowie der ihn umgebenden Welt und daraus folgend auf die Entwicklung von dessen noch abstraktem sowie besonderem Selbstbewusstsein hat und ob sich dieses dann zu einem allgemeinen Selbstbewusstsein hin entwickelt, jenes Selbstbewusstsein dann sowohl besonders als auch allgemein verfasst ist.

Damit ein Mensch überhaupt dazu imstande ist, allgemein verfasstes Selbstbewusstsein auszubilden, muss dieser am gesellschaftlichen Leben, somit an gemeinsamer Kultur teilnehmen, weil ihm in einer Gesellschaft von deren Mitgliedern allgemein gültiges Wissen vermittelt wird.[3] Das meint Hegel, wenn er vom Aufheben ins Allgemeine schreibt bzw. davon, Erfahrungen mit der Welt/ dem eigenen Lebensraum zu machen.

Um jedoch allgemein gültiges Wissen aufzunehmen und Erfahrungen zu machen ist nach Hegel Bewusstsein erforderlich. Bewusstsein ist dasjenige, wodurch Menschen überhaupt in die Lage versetzt werden, etwas wahrzunehmen, Erfahrungen zu machen.[4] Wenn Menschen allgemein gültiges Wissen aufnehmen bzw. Erfahrung über ihre Welt sammeln, entwickelt sich deren Bewusstsein gemäß Hegel weiter.[5]

Die Entwicklung des Bewusstseins befördert wiederum die Bildung eines allgemein verfassten Selbstbewusstseins[6], was nach Hegel Wissen von sich und der Welt zu haben bedeutet. Etwas über sich und die Welt in Erfahrung zu bringen/ zu wissen erfordert zuvor das Begehren zu leben. Zu leben ist Hegel zufolge in der Regel etwas, was von Menschen begehrt wird.[7] Und erst wenn von einem Menschen zu leben begehrt wird, wird dieser logischerweise Interesse daran haben, etwas über seinen Lebensraum erfahren zu wollen, somit allgemeines Selbstbewusstsein ausbilden. Damit dürfte verständlich sein, warum Hegel die Begierde als erste Stufe der Entwicklung eines erst abstrakten Selbstbewusstseins bezeichnet.[8]

Etwas über die Welt zu lernen erfordert außerdem, sich auf etwas zu beziehen und darüber zu reflektieren. Allgemeines Selbstbewusstsein entsteht demnach, wie Hegel bemerkt, ebenfalls aufgrund von Reflektieren/ darüber Nachdenken über sich und das in der Welt Vorhandene. Doch bevor dieses Reflektieren möglich ist, muss ein Mensch von anderen Menschen sowie durch Beobachtung seines Lebensraumes lernen/ Wissen erwerben, das wie schon erwähnt, Hegel als Aufheben ins Allgemeine bezeichnet. Erst dann ist es sinnvoll, über sich und die Welt nachzudenken bzw., wie Hegel dies beschreibt, aus dem Anderssein/ dem Allgemeinen zurückzukehren/ zu reflektieren.[9]

Jene Bewegung/ jener Entwicklungsprozess vom Besonderen, abstrakten Selbstbewusstsein, durch soziale/ gesellschaftliche Vermittlung hin zum Allgemeinen, zur Erlangung eines allgemeinen Selbstbewusstseins, und dem darüber reflektieren hat, wie schon aus den Erklärungen über das allgemeine Selbstbewusstsein klar sein dürfte, nach Hegel Wissen über sich selbst zur Folge. Doch was meint Hegel mit Wissen über sich selbst? Er bezeichnet jenes Wissen als Selbstwissen und definiert dieses als Wissen darüber, was wirklich von einem Menschen gilt. Dessen Gültigkeit hängt aber von der Bestätigung anderer Menschen ab.[10] Es sind demzufolge nur diejenigen Aussagen über einen Menschen wahr, welche von anderen Menschen als wahr anerkannt, bestätigt wurden. Ohne diese Anerkennung kann sich ein Mensch über das, wie er sich selbst definiert, nur gewiss sein, was Hegel bloße Selbstgewissheit nennt, welche erst aufgrund von Anerkennung eines Menschen seitens anderer, als das was und wie er ist, zum Selbstwissen wird.[11]

Eine andere Betrachtungsweise von Hegels Ausführungen darüber wäre, dass der Einzelne, jedes Mal wenn er etwas in seinem Lebensraum betrachtet, selbst für sich überprüft und feststellt, ob dessen Ansichten hinsichtlich seines Lebensraumes, über deren Geltung er sich erstmal nur gewiss ist, auf die Realität bzw. auf den Gegenstand seiner Betrachtung zutreffen. Falls dies so sein sollte, wird seine bloße Selbstgewissheit zum Selbstwissen. Er sieht dann sein Wissen im betrachteten Gegenstand als wahr/ gültig. Der Einzelne sieht sich Hegel zufolge hierbei im Anderen.[12] Das aufgrund von Empirie gewonnene Wissen führt dazu, allgemeingültiges/ allgemein anerkanntes Wissen zu erhalten und damit ein allgemein verfasstes Selbstbewusstsein auszubilden.

Wie bisher nur abstrakt zum Ausdruck kam, aber noch nicht explizit benannt und erläutert wurde, unterscheidet Hegel beim Selbstbewusstsein zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, welche sozusagen Bestandteile vom Selbstbewusstsein sind, womit verständlich wird, warum Hegel von einem doppelten Gegenstand der Wahrnehmung ausgeht.[13] Selbstwahrnehmung bezieht sich auf den Einzelnen, der sich selbst wahrnimmt und Fremdwahrnehmung auf das von einem Menschen wahrgenommene Andere, das nicht der Einzelne ist. Hegel spricht aus diesem Grund letzterem einen „[...] Charakter des Negativen [...]“ [14] zu. Dadurch, dass das Selbstbewusstsein eines Menschen von Selbst- und Fremdwahrnehmung beeinflusst wird, diese im Selbstbewusstsein eine Einheit bilden und das Selbstbewusstsein als Synthese von beiden zu verstehen ist, wird vorbenannter doppelter Gegenstand im Selbstbewusstsein aufgehoben[15] bzw. integriert. Als Grund dafür führt Hegel den Verstand an, durch welchen Selbst- sowie Fremdwahrnehmung im Selbstbewusstsein geeint werden.[16] Hegels Begründung hierfür ist gut nachvollziehbar, weil ein Mensch keinen Verstand außer dem eigenen hat, mit welchem er das Wahrgenommene, sei es sich selbst oder etwas außer ihm, verarbeitet/ reflektiert. Aufgrund von Reflexion mittels des Verstandes bilden demnach die verschiedenen Gegenstände der Betrachtung eine Einheit im Selbstbewusstsein, welche, wie eben erläutert wurde, gleichzeitig zu den Kategorien Selbst- und Fremdwahrnehmung zuteilbar sind.

Jene Einheit von Selbst- sowie Fremdwahrnehmung kommt im Selbstbewusstsein eines Menschen gemäß Hegel aber nur zustande, indem dieser einiges von dem, was er wahrnimmt, nachvollziehen kann und als gültig, seiend anerkennt.[17] Hierbei findet also die Anerkennung des Anderen bzw. des Allgemeinen seitens des Einzelnen/ Besonderen, eines Menschen, statt.[18]

Charles Taylor meint dazu und sich dabei auf Hegel beziehend, dass ein Mensch das Allgemeine/ das Andere erst als nichts Anderes sondern als Einheit mit ihm betrachtet, sobald sich dieser Mensch als aus seiner ihn umgebenden Welt hervorgegangen erachtet und, so dies geschieht, außerdem damit anerkennt, von den in dieser Welt enthaltenen Umständen, Geisteshaltungen geprägt worden zu sein[19], woraus geschlossen werden kann, dass die Art der Verfasstheit des Allgemeinen des Selbstbewusstseins eines Menschen ebenfalls von der Beschaffenheit seines Lebensraumes sowie der darin vorherrschenden Geisteshaltungen abhängt.

Solange ein Mensch, Taylor´s weiteren Ausführungen zufolge, jenes Hervorgehen sowie jene Abhängigkeit nicht begreift, sich nicht mit Hilfe von Bildung genug Orientierung verschafft, um dies zu verstehen und sich mit dem Anderen/ dem Allgemeinen als Einheit zu fühlen und zu erachten, wird sich jener Mensch in Folge dessen als im Anderen/ Allgemeinen nicht integriert, als von diesem isoliert und dadurch wiederum Frustration empfinden.[20] Dies verdeutlicht umso mehr die Wichtigkeit der Fremdwahrnehmung und Reflexion des Anderen für die Ausbildung des Selbstbewusstseins eines Menschen.

Fremdwahrnehmung als Bestandteil des Selbstbewusstseins eines Menschen zu betrachten führt zu der Annahme, dass für die Ausbildung dessen Selbstbewusstseins Fremdwahrnehmung zwingend erforderlich sein muss. Hegel bekräftigt diese Annahme, weil es seiner Ansicht nach einem Menschen sonst nicht möglich ist, Erfahrungen zu sammeln und sich weiterzuentwickeln, wenn dieser nur sich selbst wahrnehmen[21], somit auch ungebildet bleiben würde und damit aufgrund mangelnder Orientierungsfähigkeit nur bedingt Möglichkeiten hätte, sich in seinem Leben zu entfalten. Ausreichend Orientierung zur Entwicklung des erst abstrakten Selbstbewusstseins eines Menschen hin zu einem allgemeinen ist demnach ohne Fremdwahrnehmung, Reflexion des Anderen nicht möglich.

Ohne das Andere zu reflektieren, die äußeren Umstände wahrzunehmen und demzufolge nichts zu lernen, würden erschwerenderweise dem Einzelnen diesbezüglich die dazugehörigen Begriffe und Anschauungen fehlen, was nach Hegel nachvollziehbarerweise sowie ausgehend von den bisherigen Darstellungen unvernünftig ist. Vernünftig ist es nach Hegel, als Mensch sowohl Begriffe als auch die jeweils dazugehörige Anschauung zu haben. Nur so kann ein Mensch mit abstraktem Selbstbewusstsein ein allgemeines Selbstbewusstsein entwickeln und es erscheint somit meines Erachtens verständlich, warum Hegel Vernunft als die Allgemeinheit des Selbstbewusstseins bezeichnet.[22] Denn die Definition dessen, um dies mal weiterzuführen, was als vernünftig gelten soll ist, nach Stekeler-Weithofers Auffassung von Hegels Erklärungen darüber, davon abhängig, was allgemein/ in der Regel, gemeinsam von den Menschen eines Kulturkreises als vernünftiges Urteilen sowie vernünftiges miteinander Umgehen anerkannt wird.[23]

2. Intrasubjektives Anerkennen

2. 1 Definition und Bedingungen intrasubjektiven Anerkennens

Je nach dem, von welchem Kulturkreis ein Mensch also geprägt wurde, aufgrund dessen sein Selbstbewusstseins auf diese oder jene Weise geworden ist[24], demgemäß sind, wie Stekeler-Weithofer behauptet, dessen Denkweisen, Perspektiven auf die ihn umgebende Lebenswelt und Wollen bzw. Absichten. Ein Mensch wird also nur dasjenige in seinem Leben umsetzen wollen, was er aufgrund seiner Prägung als für sich richtig anerkannt hat.[25] Aber wonach richtet sich eigentlich, was vom Einzelnen anerkannt und anschließend auf eine bestimmte Weise getan wird? Mit Hilfe von Stekeler-Weithofers Lesart wird nun im Folgenden nachvollzogen, wie Hegel dies erklärt. Stekeler-Weithofer bezieht sich hierfür auf Hegels Allegorie vom Herrn und Knecht bzw. von der Herrschaft und Knechtschaft, um dies anhand der Beziehung eines Menschen zu sich selbst bzw. ausgehend von dessen intrapersonaler/-subjektiver Selbstbeziehung[26] darstellen zu können.

Vorerst muss jedoch geklärt werden, was intrasubjektive Anerkennung im Kontext zu Hegels Begriff des Herrn und Knechts überhaupt nach Stekeler-Weithofer bedeutet. Bei der intrasubjektiven/-personalen Anerkennung geht es darum, was bei dem Setzen von Zwecken/ Absichten je nach aktueller Beschaffenheit des Willens des jeweiligen Menschen als ausschlaggebend, richtungsweisend gelten soll, entweder der Herr oder der Knecht. Stekeler-Weithofer deutet den Herrn als die Geistseele, das Bewusstsein, das Denken bzw. rationale Überlegen, und den Knecht als den Leib eines Menschen, inklusive dazugehöriger Begierden/ Leidenschaften.[27]

Herr und Knecht bzw. ein reflektierendes Ich und ein unreflektiertes, Begierde geleitetes Ich stehen sich hier sozusagen gegenüber. Sowohl der Herr als auch der Knecht bzw. beide Ich´s sind nach Stekeler-Weithofer Momente des Selbstbewusstseins, welche, allegorisch ausgedrückt, um die Geltung/ Anerkennung ihrer jeweiligen Absichten kämpfen. Hiermit kommt auch zum Ausdruck, dass beide Momente des Selbstbewusstseins, das reflektierende und nicht reflektierende Ich, aufgrund dieses intrapersonalen Kampfes um Anerkennung/ intrasubjektiven Konflikts um ihr Überleben ringen müssen.[28] Ein Mensch befindet sich demnach in einem inneren Konflikt mit sich selbst, das heißt, er ist zwischen vernünftigen und Begierde geleiteten Absichten hin- und hergerissen.

Es könnte an dieser Stelle argumentiert werden, dass vernünftigerweise das reflektierende Ich über das nicht reflektierende Ich herrschen bzw. dass das Denken den lediglich körperlichen Begierden und sonstigen Leidenschaften übergeordnet sein sollte, auch um diesen inneren Konflikt zu vermeiden. Aber Stekeler-Weithofer erklärt hierzu, sich dabei auf Hegel beziehend, dass der Körper als vermeintlicher Knecht und somit als Ausführender der Absichten des Herrn/ reflektierenden Ich's zwar untergeordnet ist[29], aber mit Hegel zeigt Stekeler-Weithofer auf, dass der Knecht/ Leib als derjenige, von welchem letztlich die Ausführung von Absichten, entweder bloßer Begierden oder des Willens des reflektierenden Ich's/ des Herrn, abhängt, der eigentliche Herr ist. Deswegen erscheint obige Allegorie widersprüchlich, weil der Knecht gleichzeitig auch Herr ist, in eben beschriebener Weise.[30] Daraus ergibt sich, dass der Körper eines Menschen als Ausführender einer Absicht, sei sie reflektiert oder unreflektiert, jenen Kampf um Anerkennung immer gewinnt, denn letzten Endes „[...] entscheidet ja 'mein Leib', was wirklich getan wird.“ [31]

[...]


[1] Vgl. G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, § 424.

[2] Ebd., Zusatz der §§ 424, 425.

[3] Vgl. G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 142.

[4] Ebd., S. 138.

[5] Ebd., S. 137.

[6] Ebd., S. 145.

[7] Ebd., S. S. 144.

[8] Vgl. G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, Zusatz zu § 426.

[9] Vgl. G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 138, 142.

[10] Ebd., S. 143.

[11] Ebd., S. 145.

[12] Ebd., S. 145.

[13] Vgl. G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 139.

[14] G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 139.

[15] Vgl. G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, Zusatz zu § 425.

[16] Vgl. G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 139, 145.

[17] Ebd., S. 145, 146.

[18] Vgl. G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, Zusatz zu § 425.

[19] Vgl. Charles Taylor, Hegel, S. 204.

[20] Ebd., S. 204.

[21] Vgl. G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 143.

[22] Vgl. G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften III, § 437.

[23] Vgl. Pirmin Stekeler-Weithofer, Philosophie des Selbstbewusstseins, S. 39.

[24] Ebd., S. 10.

[25] Vgl. Pirmin Stekeler-Weithofer, Philosophie des Selbstbewusstseins, S. 411.

[26] Ebd., S. 414.

[27] Ebd., S. 414.

[28] Ebd., S. 415.

[29] Vgl. Pirmin Stekeler-Weithofer, Philosophie des Selbstbewusstseins, S. 13, 416.

[30] Ebd., S. 417.

[31] Pirmin Stekeler-Weithofer, Philosophie des Selbstbewusstseins, S. 417.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Selbstbewusstsein und Anerkennung. Eine Analyse intra- sowie intersubjektiver Verhältnisse des Anerkennens
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Kampf um Anerkennung
Note
2.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
24
Katalognummer
V438680
ISBN (eBook)
9783668794559
ISBN (Buch)
9783668794566
Sprache
Deutsch
Schlagworte
praktische Philosophie, Anerkennung, Kampf um Anerkennung, intrasubjektive Verhältnisse, intersubjektive Verhältnisse, Selbstbewusstsein, Absicht, Selbstbetrug, Wertewandel
Arbeit zitieren
Doreen Simon (Autor), 2018, Selbstbewusstsein und Anerkennung. Eine Analyse intra- sowie intersubjektiver Verhältnisse des Anerkennens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438680

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