Die Verschriftlichung der neutestamentarischen Ereignisse


Hausarbeit, 2018
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Oralität und Literalität im alten Israel S
2.1. Geschichtlicher Einblick
2.2. Sozio-kulturelle Situation

3. Der Entstehungsprozess des Neuen Testaments
3.1. Ausgangslage
3.2. Chronologie
3.3 Die Entstehung der Briefe
3.4. Die Entstehung der Evangelien

4. Zeugnisse Jesu außerhalb des Neuen Testaments

5. Exemplarischer Blick auf die ältesten noch erhaltenen Schriftstücke

6. Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einführung

Bei der Vielzahl der Schriften der jüdisch-christlichen Bibel steht stets die Frage der Entstehung und damit einer gewissen Authentizität im Raum. Wird für den Prozess bis zur endgültigen Fassung des Alten Testaments ein Zeitraum von nahezu 1000 Jahren veranschlagt, lag bei den Evangelien und Briefen des Neuen Testaments bereits Ende des 2. Jahrhunderts der Kanon fest.1

Dennoch erfuhren die Erzählungen der Ereignisse, die Episteln und Berichte selbst in diesem, relativ knapp bemessenem Abschnitt mehrere beabsichtigte, wie auch unbeabsichtigte Veränderungen. Nicht zuletzt durch die anfangs nur mündliche Tradierung wurde das Geschehen bis zur ersten Verschriftung zahlreichen Anpassungen und Umgestaltungen ausgesetzt. Die Rekonstruktion des ursprünglichen Sinngehalts beschäftigt Theologen wie Historiker seit Jahrhunderten gleichermaßen. Die Frage nach den ältesten Schriften, nach den Ursprüngen das Neuen Testaments führt zurück zum Urchristentum und somit zur historischen Suche nach der Person Jesu. Welche außerchristlichen Zeugnisse, römische und jüdische, existieren von ihm und sind als solche anerkannt? Sagen sie etwas über die Person aus? Wann entstanden diese Texte? Eingebettet in die prinzipielle Situation der Oralität und Literalität in den palästinischen Gebieten zur Zeitenwende sollen auf diesen wenigen Seiten kurze, prägnante Antworten präsentiert werden. Abschließend sei ein Blick auf zwei der ältesten, noch erhaltenen Evangelienfragmente , den Papyri 52 und den Bodmer Papyri, sowie auf den Codex Sinaiticus, als erstes Vollevangelium gestattet und mit dem aktuellen Forschungsstand abgeglichen werden.

2. Oralität und Literalität im alten Israel

2.1. Geschichtlicher Einblick

Mit dem Ziel, die Geschichte der Entstehung des Neuen Testaments zu skizzieren, verbindet sich unwillkürlich ein Einblick in die historische politische und soziale Struktur Palästinas um die Zeitenwende.

Der Prozess der Verschriftung der Briefe und Evangelienerzählungen ist ohne Berücksichtigung der spezifisch regionalen Gegebenheiten schwerlich darstellbar. Das Gebiet des heutigen Israel befand sich zur Zeit der überlieferten Ereignisse um die Person und die Lehre Jesu in einem Spannungsfeld divergierender Interessen. Generell lässt sich innerhalb großer Teile der jüdischen Gesellschaft eine politische und wirtschaftliche Unzufriedenheit konstatieren, die verbunden mit dem Wunsch nach staatlicher Autonomie und Tilgung aller religiös fremdartiger Einflüsse eine hochbrisante Atmosphäre entwickelte.

Geprägt von periodisch sich wiederholenden Fremdherrschaften, nicht zuletzt durch die schriftlich tradierte Erfahrung der Babylonischen Gefangenschaft, brachten sich in den Zwischenzeiten jedoch auch immer regionale Machthaber in das politischen Leben ein. Die, den Einfluss des seleukidischen Hellenismus bekämpfenden Hasmonäer stellten die letzten Vertreter einer genuinen Herrschaftsschicht dar. Spätestens ab dem Jahr 64 v. Chr. geriet Palästina jedoch in den Einflussbereich des emporgekommenen Römischen Reichs. Zu diesem Zeitpunkt beendete der römische Militärbefehlshaber Pompeius die Unabhängigkeit Judäas.2 Seit der Hasmonäerherrschaft etablierten sich zudem mehrere politisch-religiöse Sondergruppen, wovon hier als bedeutendste Vertreter die, der Tempelaristokratie nahestehenden Sadduzäer, die auf Einhaltung ritueller Gesetze und Thoragehorsam bedachten Pharisäer, die religiös orientierte Widerstandsbewegung der Zeloten, sowie die weltabgewandte priesterliche Sekte der Essener zu erwähnen sind.3 Seit 40. v. Chr. herrschte der, auf Betreiben Marcus Antonius` eingesetzte König von Judäa, Herodes, später der Große genannt, indem er seine Machtpostion gewaltsam erweiterte und das Amt des Hohepriesters auf eine quasi kultische Funktion reduzierte.4 Auch unter seinen Söhnen wurde dieses Geschlecht, der Herkunft nach Idumäer, bedingt durch mangelnde Legitimation seitens der judäischen Bevölkerung, kaum akzeptiert.

In diese Phase erhöhter Ungewissheit und Spannungsgeladenheit fällt das Auftreten verschiedener Erneuerungsbewegungen und Thaumaturgen. Deren bekanntestem Repräsentanten, Jesus von Nazareth und vor allem der Weg seiner überlieferten Lehre wird Bestandteil dieser Untersuchung sein.

2.2. Sozio-kulturelle Situation

In der römischen Antike kann von einer Schreib- und Lesekundigkeit je nach Untersuchung zwischen 10 und 20 % der Bevölkerung ausgegangen werden. In den Städten war die Literalität um ein Höheres zu beziffern, als in den ländlich geprägten Landschaften, zudem existierten noch regionale Unterschiede. Konzentriert man diese Analyse auf das Gebiet des alten Israel, lässt sich feststellen, dass in den urban-hellenistisch geprägten Küstenstädten eine höhere Literalität zu verzeichnen war, als in den agrarisch dominierten Hochebenen Judäas und Galiläas. Jerusalem als religiöses und administratives Zentrum bildete hiervon eine Ausnahme.5

Schriftkundig in der jüdischen Gesellschaft waren, neben den Staatsbeamten, die religiösen Autoritäten - allein schon bedingt durch die Bedeutung der Thora und deren Rezitation und Interpretation. Neben der Volkssprache Aramäisch stellte das zu kultischen Zwecken verwendete Hebräisch die Grundlage der literalen Kommunikation dar. Neben diesen beiden genuinen Sprachen gewann zunehmend das Griechische als Amtssprache des östlichen Römischen Reichs vor allem in den Städten an Bedeutung. Die Gebirgsregionen des Hinterlandes erfuhren hingegen keine vollständige hellenistische Durchdringung. Vorherrschend war hier das Aramäische bzw. lokale Dialekte, wie beispielsweise das Galiläische. Eine verbreitete Kenntnis des Griechischen in Wort und Schrift ist in Anbetracht der nur marginalen Ausbreitung hellenistischer Kultur im judäisch-galiläischen Hinterland kaum vorstellbar. Allerdings vertritt Haiim B. Rosen in seinem Aufsatz über die Sprachsituation jener Zeit die These einer weitgehenden Zweisprachigkeit Jerusalems und Palästinas.6

Die eingangs erwähnten galiläisch-judäischen Wandercharismatiker mit ihrer Lebensstruktur bildeten den sozialen Hintergrund für die tradierten ethischen Normen, so beispielsweise auch für die Logienüberlieferung7. Die überlieferten Erzählungen erfuhren allerdings zwangsweise eine langsame, aber allmähliche Veränderung des Inhalts, sowie ihres Bedeutungsgehaltes. Als Ursache für die lediglich orale Tradierung der ersten neutestamentarischen Erzählungen muss primär die ungenügende Literalität der Menschen der ersten Jesusbewegung, wie auch die in Erwartung eines bald nahenden Weltendes, welches eine Verschriftung hinfällig mache, genannt werden. Der französische Historiker und Neutestamentler Etienne Trocmé beschreibt die Schwierigkeiten der ersten Gemeinden im Umgang mit den jüdischen Autoritäten:

„Sie [die Jünger Jesu; R.M.] waren kaum Intellektuelle und ohne rabbinische Bildung, mussten aber hochgebildete Priester, scharfsinnige Rabbiner sowie Einwohner Jerusalems, die sich diesen naiven Galiläern überlegen wussten, von der Richtigkeit ihrer Behauptungen überzeugen“8

Es ist demzufolge nicht auszuschließen, dass einige Gemeindemitglieder der Jesusbewegung des Schreibens und Lesens kundig waren. Betrachtet man jedoch die Sozialstruktur dieser Gruppierung hinsichtlich Herkunft und Bildung,9 so ist der Schluss naheliegend, dass die Anhängerschaft größtenteils die aramäische Sprache lediglich in Wort, nicht in Schrift beherrschte. Eine Verwendung des Griechischen ist erst unter dem Apostel Paulus nachweisbar.

3. Der Entstehungsprozess des Neuen Testaments

3.1. Ausgangslage

Die heilige Schrift der urchristlichen Gemeinden stellte die Thora dar. Der alttestamentliche Kanon war zu dieser Zeit bereits abgeschlossen.10 Jedoch interpretierte die Jesusbewegung diese Schriften nicht primär als unbedingt einzuhaltendes Gesetz, sondern als Zeugnis von Christus. Das Christentum hatte sich noch nicht vom Judentum gelöst und der Tempel, wie auch die Synagoge stellte der Mittelpunkt des kultischen Lebens dar. Eigene überlieferte Schriften entstanden erst mit den Gemeindebriefen des Paulus.

3.2. Chronologie

Eine absolute Chronologie der Verfassung der ersten neutestamentarischen Schriftstücke erlauben zwei Ereignisse: Zum einen steht das von Udo Schnelle diskutierte Claudius-Edikt11, wonach der römische Kaiser im Jahr 41 n. Chr. ein Versammlungsverbot der Juden in Rom und im Jahr 49 n. Chr. deren Ausweisung in Zusammenhang mit einem gewissen „Chrestos“ anordnete. Ebenfalls von Claudius abgefasst lässt sich ein um das Jahr 52 n. Chr. geschriebener Brief an die Stadt Delphi datieren, in welchem der in der Apostelgeschichte genannte Prokonsul Gallio Erwähnung findet.12 Aus diesen Zeitangaben lässt sich die Entstehungszeit der ersten paulinischen Schriften rekonstruieren. Wird die Apostelgeschichte zugrunde gelegt,13 erschließt sich die Gründung einer Gemeinde in Thessalonich um das Jahr 49 n. Chr. und die Verfassung des Briefes an ebendiese im Folgejahr.14 Nachfolgend entstanden weitere Gemeindebriefe, wovon bei den letzten paulinischen der Entstehungszeitraum nicht konkretisiert werden kann. Es herrscht Unklarheit darüber, ob nach der Ankunft Paulus` in Rom im Jahr 59 n. Chr. Briefe noch aus der Gefangenschaft aufgesetzt wurden.

[...]


1 Vgl. Eduard Lohse: Die Entstehung des Neuen Testaments, S 14 Seite 1

2 Vgl. Manfred Clauss: Das alte Israel, S. 107

3 Vgl. Wolfgang Oswald / Michael Tilly: Die Geschichte Israels, S. 129f

4 Vgl. Ebd. S. 136 Seite 2

5 Vgl. Frank-Lothar Hossfeld / Johannes Bremer / Till Magnus Steiner (Hg.): Trägerkreise in den Psalmen

6 Vgl. Haiim B. Rosen: Die Sprachsituation im römischen Palästina in Günter Neumann / Jürgen Untermann (Hg.): Die Sprachen im römischen Reich der Kaiserzeit, S 215ff. Allerdings vertritt auch Etienne Trocmé die These, dass der Gebrauch des Griechischen primär in den Städten üblich war: Etienne Trocmé: Die ersten Gemeinden: Von Jerusalem nach Antiochien

7 Vgl. Gerd Theißen: Soziologie der Jesusbewegung, S. 16

8 Vgl. Etienne Trocmé: Die ersten Gemeinden: Von Jerusalem nach Antiochien. In: Jean-Marie Mayeur (Hg.): Die Geschichte des Christentums, Band 1, S. 60

9 Vgl. Gerd Theißen: Soziologie der Jesusbewegung, S. 35f Seite 4

10 Vgl. Eduard Lohse: Die Entstehung des Neuen Testaments, S. 12

11 Vgl. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, S. 33f

12 Vgl. Ebd.

13 Vgl. Apg 17, 1-15 u. Apg 18, 1-17

14 Vgl. Eduard Lohse: Die Entstehung des Neuen Testaments, S. 12f Seite 5

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Verschriftlichung der neutestamentarischen Ereignisse
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V438894
ISBN (eBook)
9783668786790
ISBN (Buch)
9783668786806
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neues Testament, Entstehung
Arbeit zitieren
Ralph Manhalter (Autor), 2018, Die Verschriftlichung der neutestamentarischen Ereignisse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/438894

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