Hester Prynne in der Sekundärliteratur - Die Interpretationsbreite einer Hauptfigur


Hausarbeit, 2003

17 Seiten, Note: 1-2


Leseprobe

Gliederung

I Die Interpretationsvielfalt des Romans "The Scarlet Letter"

II Unterschiedliche Betrachtungsweisen Hesters
1. Hester als zukunftsweisende Feministin
1.1. Historischer Hintergrund
1.2. Verbindungen Hesters zu Sarah Margaret Fuller
1.3. Verbindungen Hesters zu Ann Hutchinson
1.4. Hester als unzeitgemäße Heldin
2. Hester als schweigende Rächerin
3. Hesters Kunst als Ausdruck ihrer Rebellion
4. Hester als Sex-Idol
5. Hester als Mutter
5.1. Abweichende Tendenzen bei Hesters Mutterschaft
5.2. Hester modifiziert den Mutterstatus

III Schlussbetrachtungen

IV Literaturverzeichnis

I Die Interpretationsvielfalt des Scharlachroten Buchstabens

Nathaniel Hawthornes "The Scarlet Letter" gehört unumstritten zu den Klassikern der amerikanischen Literatur und "gilt als Meilenstein in der Entwicklung des psychologischen Romans"[1]. Nach der Lektüre des Romans bleiben jedoch einige Fragen offen, die für einen großen Interpretationsspielraum sorgen. Charles C. Walcutt nennt fünf Lesarten, die den Roman jeweils von einem anderen Standpunkt betrachten: "[1] the orthodox Puritan reading...[2] the concept of the Fortunate Fall...[3] romantic readings...[4] transcendental reading ... [and 5] relativist readings."[2] Anhand dieser unterschiedlichen Möglichkeiten ist feststellbar, dass die eindeutige Absicht Hawthornes anscheinend nicht zu erforschen ist. Wobei sich hier schon die Frage stellt, ob dieser auf eine solche abzielte.

Abhängig davon gestaltet sich auch die Deutung der Hauptfigur als schwierig: "Hester Prynne has been seen as a pioneer feminist in the line from Anne Hutchinson to Margaret Fuller, a classic nurturer, a sexually autonomous woman, and an American equivalent of Anna Karenina."[3] Die folgende Arbeit will dazu beitragen, die wichtigsten Interpretationen Hesters zu bündeln und die Autoren den Lesarten zuzuordnen. Es geht dabei hauptsächlich um die Verdeutlichung der divergierenden Meinungen und deren Ableitung aus dem Romantext.

Ziel soll nicht sein, die einzig wahre Deutung zu finden, die Hawthorne beabsichtigt haben möge.[4] Außerdem möchte ich bezweifeln, dass dieser sich eindeutig festlegen wollte. Vielmehr scheint er sich selbst unsicher gewesen zu sein. Unsicher bezüglich seiner Meinung und bezüglich der Wirkung auf die Gesellschaft. So lässt sich an Hand des Romans nicht eindeutig herausarbeiten, ob er ein Befürworter des zu seinen Lebzeiten beginnenden Feminismus war oder eher ein Anhänger des strengen Puritanismus. Höchstwahrscheinlich war er ein Kritiker der Gesellschaft, der seine Meinung vorsichtig aber geschickt unters Volk brachte. Auf jeden Fall hat er erreicht, dass sich die Gemeinschaft mit seinem Roman und somit mit seiner Kritik auseinandersetzt.

Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen sind wie bereits erwähnt sehr reichlich. Speziell die Ergebnisse um Hester Prynne sollen hier kategorisch und komprimiert dargestellt werden, um dann eventuell eine gefestigtere Meinung von Hester zu erlangen.

II Unterschiedliche Betrachtungsweisen Hesters

1. Hester als zukunftsweisende Feministin

1.1. Historischer Hintergrund

"The Scarlet Letter" erscheint 1850 und spielt "not less than two centuries ago"[5] in Boston, Massachusetts. 1620 begann die Besiedlung Neu Englands durch die Puritaner. Sie gründeten die Kolonie Plymouth und später die Siedlung Trimountane, die sich dann u.a. unter John Winthrop in Boston umbenannte.[6] Dementsprechend spielt Hawthornes Roman in der Anfangszeit der Besiedlung Nordamerikas. Gemäß einem Aufsatz von Kurt Müller wird Hester Prynne als "eine unzeitgemäße Heldin in der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts"[7] betitelt. Um das "Unzeitgemäße" Hesters zu verstehen, soll hier kurz auf die gesellschaftlichen Hintergründe Nordamerikas zu dieser Zeit eingegangen werden.

Der Puritanismus entstand Ende des 16. Jahrhunderts in England als eine Abspaltung des Protestantismus. Im 17. Jahrhundert siedelten viele Puritaner nach Nordamerika um, da sie dort ihre Religion frei ausüben konnten. Grundlage des Puritanismus war der Kalvinismus mit dem Dogma der Prädestination. Wichtige Glaubensinhalte waren die unvermeidbare Sündhaftigkeit der Menschen und dessen ungeachtet die Auserwähltheit Einiger durch Gott. Inhalt ihrer Predigten war somit der Beweis dieser Auserwähltheit mit Hilfe dem Erlebnis der Bekehrung. Sie kämpften gegen die Verdorbenheit der Gesellschaft und verpflichteten sich, Gottes Gebote einzuhalten. Der Puritanismus ist nicht als eine homogene Bewegung anzusehen, sondern es gab verschiedene Untergruppen, die am Ende jedoch alle in gewisser Form gescheitert sind.[8]

Hester Prynne hat gegen die strengen Gebote der puritanischen Gesellschaft verstoßen und muss als Strafe den Buchstaben A (für "adulterer") tragen. Hierbei zu erwähnen sei Nina Baym, die hervorhebt, dass die Tat von Hester Prynne und Arthur Dimmesdale kein religiöses Vergehen, sondern ein Verstoß gegen das Gesetz sei.[9]

1.2. Verbindungen Hesters zu Sarah Margaret Fuller

Im Jahr der Veröffentlichung des Romans ist die Frauenbewegung in Nordamerika bereits seit einigen Jahren aktiv und hatte bis dato ihren Höhepunkt mit der ersten "Women´s Rights Convention" in Seneca Falls, New York im Jahr 1848. Frauen wie Lucretia Coffin Mott (1793-1880), Elisabeth Cady Stanton (1815-1902) und Sarah Margaret Fuller (1810-1850) kämpften für:

"Women's right to speak in public, to own property in their own name after marriage, to receive a college education, to vote,[10] to enter such professions as medicine and the ministry, to participate in public life on an equal footing with men."[11]

Hawthornes Familie ist mit Margaret Fuller befreundet.[12] Francis A. Kearns sieht Margaret Fuller sogar als ein Modell für Hester Prynne. Fuller musste sich ebenfalls einer Prüfung durch die Gesellschaft unterziehen, da sie heimlich in Italien heiratete und mit ihrem Ehemann und dem gemeinsamen Kind nach Amerika kommen wollte. Per Brief hatte sie Freunde und Familie dort in Kenntnis gesetzt und damit viele Gerüchte ausgelöst. Die Modellrolle Fullers für Hester ist umstritten, wobei jedoch einige Gemeinsamkeiten unumgänglich sind: "Each faced the problem of survival in a rigidly Puritan society … Hester in a theocratic seventeenth-century Boston and Margaret in Victorian nineteenth-century Boston."[13] Beide machten sich Gedanken über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Kearns fasst Hesters Ideen zu vier Hauptpunkten zusammen: 1. Die Zerstörung und der Wiederaufbau der gesamten Gesellschaft, 2. die Veränderung der Rolle des Mannes, 3. die Entwicklung der Beziehung zwischen den Geschlechtern auf einer höheren Ebene und 4. die Entfaltung der Frau selbst.[14] Fuller nennt in ihrem Buch "Women in the Nineteenth Century"[15] ähnliche Ziele. Außerdem organisierte sie von 1839 bis 1844 einen Frauenzirkel im Haus der Peabodys, den Schwieger-Eltern Hawthornes, um die Frauen sozial und intellektuell zu bilden. Auch Hester kehrt am Ende wieder nach Boston zurück um Frauen zu unterstützen, die Probleme mit der Gesellschaft haben. Letztendlich hat sie sich durch ihre beratende Tätigkeit eine Stellung geschaffen, die der einer "prophetess"[16] nahe kommt, auch wenn sie Ihre Ideen noch nicht umsetzen kann.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Suche beider nach einem möglichen Entkommen aus der puritanischen Gesellschaft. Während Hester Dimmesdale vorschlägt, entweder in die Wildnis oder zurück nach Europa zu gehen, setzt Fuller diese beiden Möglichkeiten um. Hester geht letztendlich allein nach Europa, um dann aber nach einigen Jahren wieder an den Ort ihrer Sünde zurückzukehren. Ebenso plante Fuller ihre Rückkehr nach Amerika, sie kam jedoch auf dem Weg dorthin bei einem Schiffbruch ums Leben.[17]

1.3. Verbindungen Hesters zu Ann Hutchinson

Weiterhin in diesem historischen Zusammenhang aufzuführen ist Ann Hutchinson, die im ersten Kapitel "The Prison Door" namentlich erwähnt wird.[18] Sie lebte von 1591 bis 1673 und war u.a. eine Beraterin für Frauen, "giving voice to a new spirit of freedom and embodying within herself a new awareness of female intelligence and social power."[19] Auch in ihrem Haus trafen sich wöchentlich Frauen, um über Religion zu diskutieren. Sie entwickelte ihre eigenen Theorien und wurde daraufhin sogar aus der Puritanischen Kirche ausgeschlossen. Jedoch hat sie ihre Exkommunikation nie eingesehen, da sie im Wesentlichen mit den Glaubenssätzen der Kirche übereinstimmte und diese nur etwas modifizieren wollte.[20]

Ebenso sieht Hester ihr Vergehen nicht als Fehler, aber "there is no way for Hester to say to herself that her action had been naturally perfect."[21] Trotz der später veränderten Sichtweise der Bevölkerung gegenüber Hester, behält sie sich ihre kritische Denkweise und ihren Widerstand gegen den Puritanismus bei.[22] Diese Antinomie wurde auch von Anne Hutchinson vertreten, somit ist Hester laut Michael J. Colacurcio am Ende des Romans "just about half way between Ann Hutchinson and Margaret Fuller."[23]

[...]


[1] Köster, Thomas: Nathaniel Hawthorne, in: Microsoft Encarta Enzyklopädie 2001.

[2] Walcutt, Charles C.: The Range of Interpretations, The Scarlet Letter and Its Modern Critics, in: Nineteenth Century Fiction 7, Berkeley 1953, S. 251-264, zit. in: Gerber, John C. (Hrsg.): Twentieth Century Interpretations of The Scarlet Letter, A Collection of Critical Essays, Englewood Cliffs 1968, S. 71-81: 72-73.

[3] http://www.kirjasto.sci.fi/hawthorn.htm, 25.11.2003.

[4] Dies wäre ohnehin ein unmögliches Unterfangen, da wir ihn nicht mehr selbst befragen können.

[5] Hawthorne, Nathaniel: The Scarlet Letter, in: Cowley, Malcolm (Hrsg.): The Portable Hawthorne, o.O. 1976, S. 337-544: S. 339.

[6] O.V.: Boston (Massachusetts, USA), in: Microsoft Encarta Enzyklopädie 2001.

[7] Müller, Kurt: Nathaniel Hawthornes Hester Prynne. Eine unzeitgemäße Heldin in der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts, in: Kaiser, Gerhard R. (Hrsg.): Der unzeitgemäße Held in der Weltliteratur, Heidelberg 1998, (Jenaer Germanistische Forschungen, Neue Folge, Bd. 1), S. 129-147.

[8] O.V.: Puritanismus, in: Microsoft Encarta Enzyklodädie 2001.

[9] Vgl. Baym, Nina: The Shape of Hawthorne´s Career, Ithaka/London 1976: S. 125. Dies soll hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt sein. Für meine Ausführungen ist der Unterschied irrelevant, da hier auf Hesters Bedeutung in der Gesellschaft eingegangen werden soll und es nicht zur Debatte steht, auf welchen Gesetzen ihre Strafe basiert.

[10] Das Wahlrecht für Frauen wird in den USA erst am 26. August 1920 eingeführt.

[11] Yanak, Ted; Cornelison, Pam: The Great American History Fact-Finder, Boston/New York 1993, S. 157; auch: http://college.hmco.com/history/readerscomp/gahff/html/ff_066300_feministmove.htm (10. Apr. 2003).

[12] a.M. Baym, Nina: Hawthorne´s Women: The Tyranny of social myths, in: Centennial Review 15, East Lansing 1971, S. 250-272: 271. "Hawthornes personal animosity toward Margaret Fuller, whom he did not take seriously as a feminist."

[13] Kearns, Francis E.: Margaret Fuller as a Model for Hester Prynne, in: Jahrbuch für Amerikastudien 10, Heidelberg 1965, S. 191-197: 191.

[14] Vgl. ebd., S. 194.

[15] Fuller, Margaret : Woman in the nineteenth century: And kindred papers relating to the sphere, condition, and duties of woman, Boston 1874.

[16] Hawthorne, 1976, S. 545.

[17] Vgl. Kearns, 1965, S. 196-197.

[18] Hawthorne, 1976, S. 338: "This rose-bush … it had sprung up under the footsteps of the sainted Ann Hutchinson, as she entered the prison-door."

[19] Colacurcio, Michael J.: Footsteps of Ann Hutchinson: The Context of The Scarlet Letter, in: English Literary History 39, Baltimore 1972 (3), zit. bei: Bloom, Harold: Nathaniel Hawthorne´s The Scarlet Letter, New York u.a. 1986 (Modern Critical Interepretations), S. 21-41: 22.

[20] Buckingham, Rachel: Anne Hutchinson, American Jezebel or Woman of Courage?, http://www.cpcug.org/user/billb/hutch.html, 05.Dez. 2003.

[21] Colacurcio, 1972, S. 33.

[22] Vgl. ebd., S. 33.

[23] Ebd., S. 23.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Hester Prynne in der Sekundärliteratur - Die Interpretationsbreite einer Hauptfigur
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl für Amerikanistik)
Veranstaltung
Nathaniel Hawthorne - The Scarlet Letter
Note
1-2
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V43891
ISBN (eBook)
9783638415873
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hester, Prynne, Sekundärliteratur, Interpretationsbreite, Hauptfigur, Nathaniel, Hawthorne, Scarlet, Letter
Arbeit zitieren
Susan Waldow (Autor:in), 2003, Hester Prynne in der Sekundärliteratur - Die Interpretationsbreite einer Hauptfigur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43891

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