Nathaniel Hawthornes "The Scarlet Letter" gehört unumstritten zu den Klassikern der amerikanischen Literatur und "gilt als Meilenstein in der Entwicklung des psychologischen Romans" . Nach der Lektüre des Romans bleiben jedoch einige Fragen offen, die für einen großen Interpretationsspielraum sorgen. Charles C. Walcutt nennt fünf Lesarten, die den Roman jeweils von einem anderen Standpunkt betrachten: "[1] the orthodox Puritan reading...[2] the concept of the Fortunate Fall...[3] romantic readings...[4] transcendental reading ... [and 5] relativist readings." Anhand dieser unterschiedlichen Möglichkeiten ist feststellbar, dass die eindeutige Absicht Hawthornes anscheinend nicht zu erforschen ist. Wobei sich hier schon die Frage stellt, ob dieser auf eine solche abzielte.
Abhängig davon gestaltet sich auch die Deutung der Hauptfigur als schwierig: "Hester Prynne has been seen as a pioneer feminist in the line from Anne Hutchinson to Margaret Fuller, a classic nurturer, a sexually autonomous woman, and an American equivalent of Anna Karenina." Die folgende Arbeit will dazu beitragen, die wichtigsten Interpretationen Hesters zu bündeln und die Autoren den Lesarten zuzuordnen. Es geht dabei hauptsächlich um die Verdeutlichung der divergierenden Meinungen und deren Ableitung aus dem Romantext.
Ziel soll nicht sein, die einzig wahre Deutung zu finden, die Hawthorne beabsichtigt haben möge. Außerdem möchte ich bezweifeln, dass dieser sich eindeutig festlegen wollte. Vielmehr scheint er sich selbst unsicher gewesen zu sein. Unsicher bezüglich seiner Meinung und bezüglich der Wirkung auf die Gesellschaft. So lässt sich an Hand des Romans nicht eindeutig herausarbeiten, ob er ein Befürworter des zu seinen Lebzeiten beginnenden Feminismus war oder eher ein Anhänger des strengen Puritanismus. Höchstwahrscheinlich war er ein Kritiker der Gesellschaft, der seine Meinung vorsichtig aber geschickt unters Volk brachte. Auf jeden Fall hat er erreicht, dass sich die Gemeinschaft mit seinem Roman und somit mit seiner Kritik auseinandersetzt.
Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen sind wie bereits erwähnt sehr reichlich. Speziell die Ergebnisse um Hester Prynne sollen hier kategorisch und komprimiert dargestellt werden, um dann eventuell eine gefestigtere Meinung von Hester zu erlangen.
Inhaltsverzeichnis
I Die Interpretationsvielfalt des Romans "The Scarlet Letter"
II Unterschiedliche Betrachtungsweisen Hesters
1. Hester als zukunftsweisende Feministin
1.1. Historischer Hintergrund
1.2. Verbindungen Hesters zu Sarah Margaret Fuller
1.3. Verbindungen Hesters zu Ann Hutchinson
1.4. Hester als unzeitgemäße Heldin
2. Hester als schweigende Rächerin
3. Hesters Kunst als Ausdruck ihrer Rebellion
4. Hester als Sex-Idol
5. Hester als Mutter
5.1. Abweichende Tendenzen bei Hesters Mutterschaft
5.2. Hester modifiziert den Mutterstatus
III Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die vielfältigen und zum Teil divergierenden Interpretationen der Hauptfigur Hester Prynne aus Nathaniel Hawthornes Roman "The Scarlet Letter" systematisch zu bündeln und den jeweiligen wissenschaftlichen Lesarten zuzuordnen.
- Feministische Perspektiven und historische Vorbilder
- Die Rolle des Schweigens als Ausdruck von Rebellion und Macht
- Künstlerische Tätigkeit als Mittel der gesellschaftlichen Auseinandersetzung
- Hester Prynne als "Sex-Idol" und ihre Darstellung der Sexualität
- Mutterschaft als Waffe gegen patriarchale Strukturen
Auszug aus dem Buch
1. Hester als zukunftsweisende Feministin
"The Scarlet Letter" erscheint 1850 und spielt "not less than two centuries ago" in Boston, Massachusetts. 1620 begann die Besiedlung Neu Englands durch die Puritaner. Sie gründeten die Kolonie Plymouth und später die Siedlung Trimountane, die sich dann u.a. unter John Winthrop in Boston umbenannte. Dementsprechend spielt Hawthornes Roman in der Anfangszeit der Besiedlung Nordamerikas. Gemäß einem Aufsatz von Kurt Müller wird Hester Prynne als "eine unzeitgemäße Heldin in der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts" betitelt. Um das "Unzeitgemäße" Hesters zu verstehen, soll hier kurz auf die gesellschaftlichen Hintergründe Nordamerikas zu dieser Zeit eingegangen werden.
Der Puritanismus entstand Ende des 16. Jahrhunderts in England als eine Abspaltung des Protestantismus. Im 17. Jahrhundert siedelten viele Puritaner nach Nordamerika um, da sie dort ihre Religion frei ausüben konnten. Grundlage des Puritanismus war der Kalvinismus mit dem Dogma der Prädestination. Wichtige Glaubensinhalte waren die unvermeidbare Sündhaftigkeit der Menschen und dessen ungeachtet die Auserwähltheit Einiger durch Gott. Inhalt ihrer Predigten war somit der Beweis dieser Auserwähltheit mit Hilfe dem Erlebnis der Bekehrung. Sie kämpften gegen die Verdorbenheit der Gesellschaft und verpflichteten sich, Gottes Gebote einzuhalten. Der Puritanismus ist nicht als eine homogene Bewegung anzusehen, sondern es gab verschiedene Untergruppen, die am Ende jedoch alle in gewisser Form gescheitert sind.
Hester Prynne hat gegen die strengen Gebote der puritanischen Gesellschaft verstoßen und muss als Strafe den Buchstaben A (für "adulterer") tragen. Hierbei zu erwähnen sei Nina Baym, die hervorhebt, dass die Tat von Hester Prynne und Arthur Dimmesdale kein religiöses Vergehen, sondern ein Verstoß gegen das Gesetz sei.
Zusammenfassung der Kapitel
I Die Interpretationsvielfalt des Romans "The Scarlet Letter": Diese Einleitung beleuchtet die Schwierigkeit einer eindeutigen Deutung des Romans und stellt verschiedene methodische Ansätze vor, um Hester Prynne als komplexe literarische Hauptfigur zu erfassen.
II Unterschiedliche Betrachtungsweisen Hesters: Dieser Hauptteil analysiert Hester Prynne aus verschiedenen Perspektiven, unter anderem als Feministin, schweigende Rächerin, Künstlerin, Sex-Idol und Mutter, und kontextualisiert diese Rollen in der puritanischen Gesellschaft.
III Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, dass die Interpretation von Hester Prynne stark vom historischen und persönlichen Standpunkt des Betrachters abhängt und betont ihre Rolle als eine Figur, die traditionelle Strukturen subversiv untergräbt.
Schlüsselwörter
Hester Prynne, The Scarlet Letter, Nathaniel Hawthorne, Feminismus, Puritanismus, Literaturinterpretation, Mutterschaft, Rebellion, Schweigen, Geschlechterrollen, Gesellschaftskritik, Identität, Macht, Patriarchat, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse der Hauptfigur Hester Prynne aus Nathaniel Hawthornes "The Scarlet Letter" und untersucht, wie verschiedene Forscher diese Figur in unterschiedlichen Kontexten interpretieren.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Arbeit behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle der Frau in der puritanischen Gesellschaft, die feministische Interpretation von Hesters Handlungen, die Bedeutung von Schweigen als Machtmittel sowie die Darstellung von Mutterschaft als subversives Element.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Vielzahl an existierenden wissenschaftlichen Interpretationen zu Hester Prynne zu bündeln und zu verdeutlichen, wie sich diese Lesarten aus dem Roman ableiten lassen.
Welche methodische Vorgehensweise liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die verschiedene kritische Sekundärquellen aus der Literaturwissenschaft heranzieht und diese kategorisiert, um die Interpretationsbreite aufzuzeigen.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Im Hauptteil werden fünf spezifische Betrachtungsweisen von Hester Prynne (Feministin, Rächerin, Künstlerin, Sex-Idol, Mutter) detailliert analysiert und durch Zitate aus der Sekundärliteratur belegt.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie feministische Literaturkritik, puritanische Gesellschaft, literarische Mehrdeutigkeit, Identitätskonstruktion und Widerstand gegen soziale Normen beschreiben.
Inwieweit wird Hester Prynne als feministisches Vorbild gesehen?
Mehrere Autoren, wie etwa Nina Baym oder Monika M. Elbert, deuten sie als wegweisende Feministin, die ihre durch Isolation gewonnene Freiheit nutzt, um patriarchale Strukturen kritisch zu hinterfragen.
Welche Bedeutung kommt dem Schweigen der Hauptfigur zu?
Nach Ansicht einiger Forscher ist das Schweigen keine Schwäche, sondern ein bewusster Akt der Rebellion, der Macht über andere Charaktere (wie Dimmesdale) ausübt und ihre Autonomie innerhalb der repressiven Gesellschaft bewahrt.
- Quote paper
- Susan Waldow (Author), 2003, Hester Prynne in der Sekundärliteratur - Die Interpretationsbreite einer Hauptfigur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43891