Islamistischer Antisemitismus und der Wahlerfolg der Hamas 2006


Hausarbeit, 2018
18 Seiten, Note: 2,4

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ursprung des islamistischen Antisemitismus
2.1 Antisemitismus in der Vormoderne des Islam
2.2 Europäischer Kolonialismus und Einbruch der Moderne
2.3 Islamisierung des Antisemitismus

3 Ausdrucksformen des islamistischen Antisemitismus

4 Wahlerfolg der Hamas
4.1 Das lokale Engagement der Hamas
4.2 Wahlstrategie und Wahlprogramm
4.3 Die Schwäche der Fatah
4.4 Empirie

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Islamistische Dschihad-Bewegungen haben in den antijüdischen Kampagnen der ägyptischen Moslembruderschaft in den 30er Jahren ihren Ursprung und werden heute von über hundert Millionen Moslems unterstützt. Auch wenn diese Gruppe an Sympathisanten in der muslimischen Community eine Minderheit bildet, so bleibt die Situation dennoch besorgniserregend, da der islamistische Antisemitismus im Nahen Osten nicht nur auf kaum Gegenbewegungen stößt, sondern sich mit zunehmender Geschwindigkeit als einer der wichtigsten gemeinsamen Nenner unter den Muslimen etabliert (vgl. Küntzel 2007: 35 ff.; Benz 2016: 197 f.; Kiefer 2006: 277 ff.). Schon Bernard Lewis stellte im Jahre 1986 in seiner Monografie „Treibt sie ins Meer“ über die Verbreitung von Antisemitismus im Nahen Osten wie folgt fest:

„Die Menge der veröffentlichten antisemitischen Bücher und Artikel, die Höhe und Zahl ihrer Auflagen, der Rang und das Ansehen derjenigen, die sie schreiben, verlegen und fördern, ihr Platz in den Lehrplänen der Schulen und Universitäten, ihre Rolle in den Massenmedien, das alles scheint doch darauf schließen zu lassen, dass der klassische Antisemitismus derzeit einen wesentlichen Teil des arabischen geistigen Lebens ausmacht – beinahe ebenso sehr wie einst im nationalsozialistischen Deutschland und weit mehr als im Frankreich des ausgehenden neunzehnten und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts (…).“ (Lewis 1986: 286, zitiert nach Wistrich 2012: 33)

Meist ist es zudem der Islamismus, der in der öffentlichen Auseinandersetzung gegenwärtig als Hauptträger des Antisemitismus in der arabisch-islamischen Welt betrachtet wird. Tatsächlich sind es auch radikal-islamistische Gruppierungen wie die palästinensische Hamas, die mit antisemitischen Positionen und Weltanschauungen an die Öffentlichkeit treten (vgl. Müller 2007: 85; Kiefer 2002: 39-55; Küntzel 2007: 3; Dormal 2009: 133 f.). Ausgerechnet der Hamas war es gelungen als erste islamistische Gruppierung einen überwältigenden Sieg bei den palästinensischen Parlamentswahlen Anfang 2006 zu erzielen. Dieser Wahlsieg brachte neue Realitäten sowie Herausforderungen mit sich und sorgte für einen Kurswandel in der gesamten politischen Landschaft Palästinas (vgl. Croitoru 2007: 7; Hroub 2011: 182). Sowohl der Wahlkampf als auch die Wahlen selbst gehörten international zu den am intensivsten beobachteten Wahlprozessen. Die EU-Beobachterkommission sprach zudem von echten demokratischen Wahlen und einem offenen sowie fair geführten Wahlprozess (vgl. EUEOM 2006: 38). Angesichts der Tatsache, dass der islamistische Antisemitismus mittlerweile großen Anklang im Nahen Osten findet und die Hamas mit ihrem Wahlsieg 2006 den politischen Kurs im Nahostkonflikt maßgeblich änderte, verdienen genau diese beiden Aspekte eine genauere Untersuchung hinsichtlich dem Grad einer wechselseitigen Beziehung. Durch die Beantwortung folgender Forschungsfrage soll genau dies erreicht werden:

Inwiefern war 2006 der islamistische Antisemitismus ein ausschlaggebender Faktor für den Wahlerfolg der Hamas?

Die Beantwortung der Forschungsfrage soll neben einem gelungenen Beitrag zur Politikwissenschaft außerdem die genauen Ursachen für den damaligen Rückhalt der Hamas in der palästinensischen Bevölkerung beleuchten. Ferner soll die Untersuchung dazu dienen, einen Beitrag zum verbreiteten Antisemitismus im Nahen Osten zu leisten. Zur sinnvollen Beantwortung der vorliegenden Forschungsfrage bedarf es daher einer strukturierten Vorgehensweise samt themenbasierter Literatur. Auf der Einleitung aufbauend, wird im zweiten Kapitel zunächst die Geschichte des islamistischen Antisemitismus skizziert, um anschließend im dritten Kapitel ihre Ausdrucksformen transparenter nachvollziehen zu können. Ist diese Basis erst einmal geschaffen, kann im vierten Kapitel der Wahlerfolg der Hamas aufgeschlüsselt und hinsichtlich dem Grad ihrer antisemitischen Aufladung untersucht werden. Dadurch soll zu einer transparenten Beantwortung der Forschungsfrage gelangt werden. Im Schlussteil werden letztlich die Kernelemente zur Beantwortung der Forschungsfrage zusammengefasst aufgegriffen. Die Fragestellung soll somit abgerundet beantwortet werden.

Literaturtechnisch wird bezüglich des Ursprungs und der Ausdrucksformen des Antisemitismus im Nahen Osten auf eine große Bandbreite an wissenschaftlichen Quellen zurückgegriffen. Unter Verwendung verschiedener Monografien und Sammelbänder wie „Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften“ von Michael Kiefer (Kiefer 2002), „Muslimischer Antisemitismus“ von Robert Wistrich (Wistrich 2012), „Antisemitismus“ von Wolfgang Benz (Benz 2016) oder „Terror und Politik“ von Michel Dormal (Dormal 2009) soll eine transparente Aufklärung erzielt werden. Außerdem soll für eine Erfassung der Ursachen und folglich dem Grad der antisemitischen Aufladung des Wahlerfolges der Hamas auf Monografien wie „Hamas“ und „Kampf um Palästina“ von Helga Baumgarten (Baumgarten 2006 + 2013) oder „Partner für den Frieden“ von Manfred Budzinski (Budzinski 2011) sowie Joseph Croitorus „Hamas“ (Croitoru 2007) und viele weitere wissenschaftliche Quellen zurückgegriffen werden.

2 Ursprung des islamistischen Antisemitismus

Im folgenden Kapitel soll die Geschichte des islamistischen Antisemitismus beleuchtet werden, um anschließend ihre Gestalt transparent skizzieren zu können. Hierzu wird lediglich der grobe wissenschaftliche Konsens der wissenschaftlichen Literatur widergespiegelt, da eine detaillierte Berücksichtigung aller Meinungsverschiedenheiten den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Zudem wird mit der vormodernen Zeit des Islams eingestiegen, um den Prozess des islamistischen Antisemitismus in ihrer Gänze zu greifen.

2.1 Antisemitismus in der Vormoderne des Islam

Die Geschichte der Juden und Muslime in der vormodernen islamischen Zeit wird in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedlich dargestellt und beurteilt. Dennoch gibt es einen gewissen Konsens der sich aus den Beiträgen herausstellt. Islam- und Antisemitismusforscher wie Michael Kiefer, Robert Wistrich oder Michael Dormal weisen in mehreren Punkten Überschneidungen auf und halten in ihren Beiträgen zur Vormoderne des Islams fest, dass Juden und Christen eine besondere Stellung unter islamischer Herrschaft besaßen. Basierend auf Koran und Sunna wurde den Juden sowohl mit Anerkennung als auch mit Verachtung entgegengetreten. Diese Doppelwertigkeit kam in der sogenannten „Dhimma“, einem Schutzvertrag für Nichtmuslime zum Vorschein. Die „Dhimmis“ (Schutzbefohlenen) waren speziellen Regeln ausgesetzt. Verboten war es zum Beispiel auf Pferden zu reiten, eigene Kultstätten zu bauen oder Muslima zu heiraten. Zudem war es eine Pflicht für die Schutzbefohlenen die sogenannte „Dschizya“ (Kopfsteuer) zu zahlen, welche als eine schwerwiegende wirtschaftliche Diskriminierung angesehen werden kann (vgl. Kiefer 2002: 31 ff.; Wistrich 2012: 39 ff.; Dormal 2009: 107 f.). Antisemitismusforscher Robert Wistrich betont, dass durch solche Regelungen der Schutz durch die „Dhimma“ stets mit einer Unterwerfung seitens der Juden gebunden war (vgl. Wistrich 2012: 39 f.). Diskriminierende Aspekte fanden sich jedoch nicht nur in der „Dhimma“, sondern auch in Beschreibungen des Juden im Koran. Juden gelten im Koran zum Beispiel als eigenmächtige, verräterische, betrügerische und neidische Religionsgruppe (vgl. Wistrich 2012 39 ff.; Dormal 2009: 107 f.). Systematische Vertreibungen oder Zwangsbekehrungen in der vormodernen islamischen Gesellschaft waren dennoch nach Meinung der Forscher eher selten. Kiefer betont zum Beispiel, dass jüdische Gemeinden oftmals ein geduldeter und wichtiger Teil der muslimischen Gemeinschaft waren (vgl. Kiefer 2002: 31 ff.). Juliane Wetzel und Robert Wistrich halten ebenfalls fest, dass die Juden trotz der „Dhimma“ eine bessere gesellschaftliche Position hatten als es in christlichen Ländern der Fall war (vgl. Wetzel 2010: 381; Wistrich 2012: 39 ff.). Eine tiefverwurzelte Feindschaft gegen Juden hätte es, so Kiefer, gar nicht geben können, da die Muslime aufgrund der „Dhimma“ stets einen Überlegenheitsanspruch und somit keine wirkliche Grundlage für Emotionen wie Neid, Hass oder Furcht haben konnten (vgl. Kiefer 2002: 36). Michel Dormal beleuchtet hingegen mehr die negativen Aspekte der Vormoderne und postuliert, dass die Juden oft Bürger zweiter Klasse waren und ihre Kennzeichnung durch gelbe Aufnäher in manchen islamischen Gesellschaften praktiziert wurde. Religiös motivierte Übergriffe seien ebenfalls durchaus bekannt. Allerdings handelte es sich auch hier nicht um Judenhass wie es aus Europa bekannt war, denn Juden wurden nicht in erster Linie als Juden, sondern als Nicht-Muslime diskriminiert. Im Gegensatz zu Europa wurden Juden nur selten systematisch vertrieben (vgl. Dormal 2009: 107 ff.). Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz kommt außerdem zu dem Schluss, dass die Behauptung der islamistische Antisemitismus sei ein Resultat der islamischen Kultur und Religion zu negieren ist:

„Unbestreitbar ist, dass Motive der Antijudaismus auch in religiösen Quellen des Islam zu finden sind, aber die polemisch vorgetragene Erkenntnis, die aktuelle muslimische Judenfeindschaft, der Hass auf Israel, sei aus der Religion und Kultur der Muslime zu erklären, greift zu kurz.“ (Benz 2016: 197).

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass es in der vormodernen islamischen Geschichte keine tief verwurzelte Feindseligkeit gegen die Juden gab, die mit dem vormodernen europäischen Antijudaismus vergleichbar wäre. Zwar gab es Phasen der Diskriminierung wie es oft von Marokko bis in den Iran der Fall war (vgl. Wistrich 2012: 39 ff.), die Judenfeindlichkeit war in islamischen Gesellschaften jedoch nicht theologischer Natur und es fanden sich auch Zeiten relativer Toleranz wie zum Beispiel unter den Osmanen. Die muslimische Haltung den Juden gegenüber war bis auf Ausnahmen nicht von religiös inspiriertem Hass (vgl. Kiefer 2007: 73 f.). Der heutige islamistische Antisemitismus scheint also nicht durch die Vormoderne konzipiert worden zu sein. Um den heutigen Hass des Nahen Ostens gegen Juden nachvollziehen zu können, lohnt sich also ein Blick in den weiteren Verlauf der Geschichte.

2.2 Europäischer Kolonialismus und Einbruch der Moderne

Erst im 19. Jahrhundert wandelte sich im Nahen Osten seitens Muslime die begrenzte Toleranz gegenüber Juden. Griechisch-orthodoxe Christen gerieten unter die Osmanische Herrschaft und somit auch zeitgleich antijüdische Mythen welche von Christen eifrig propagiert wurden. Die islamische Haltung gegenüber Juden nahm dadurch zunehmend aus Europa inspirierte Vorstellungen in sich auf. Das imperiale Zeitalter baute zudem das System der „Dhimma“ ab und schuf die Basis für eine stärkere Belastung der muslimisch-jüdischen Beziehung (vgl. Kiefer 2002: 49 ff.). Als Schlüsseldatum gilt im wissenschaftlichen Diskurs vor allem die Damaskusaffäre. Ein christlicher Mönch verschwand und es kam zu einer Ritualmordanklage gegen einen Juden. Eine antisemitische Kampagne breitete sich im Osmanischen Reich aus, welche von orthodoxen Christen und dem französischen Konsul angetrieben wurde. Die Ritualmordlegende wurde dadurch widerbelebt und zahlreiche Juden wurden verhaftet (vgl. Dormal 2009: 108 f.; Kiefer 2006: 290 ff.; Robert 41ff.; Benz 2016: 198 ff.). Im Osmanischen Reich kam es in den darauffolgenden Jahren aufgrund christlicher Bezichtigungen immer wieder zu Ritualmordprozessen. Das Schauspiel von Damaskus hatte dadurch, so Kiefer, Nachwirkungen die bis in die Gegenwart reichen (vgl. Kiefer 2007: 74 ff.).

„Im 19. Jhd. nahmen Plünderungen, Brandschatzungen und Morde an wehrlosen Juden zu, was vor allem auf Ritualmordbeschuldigungen durch griechisch-orthodoxe Christen zurückzuführen ist. Diese mittelalterlichen Blutbeschuldigungen waren in der Tat dem islamischen Glauben und der islamischen Tradition ursprünglich fremd.“ (Wistrich 2012: 41)

Kurz darauf wurden im Kontext der Dreyfus-Affäre, von französischen Antisemiten zahlreiche antijüdische Pamphlete übersetzt und exportiert (vgl. Dormal 2009: 108 f.). Alfred Dreyfus war französischer Hauptmann jüdischer Herkunft und wurde wegen angeblichem Landesverrats in Paris verurteilt. Dieses Ereignis löste eine Welle antisemitischer Einstellungen aus die auch in den Nahen Osten exportiert wurden. Zudem markierte die Revolution der Jungtürken eine weitere Welle antisemitischer Verbreitung im Nahen Osten, da viele Muslime in der Modernisierungspolitik der Türken eine Bedrohung für den Islam sahen und eine jüdische Verschwörung dahinter vermuteten. Diese antisemitischen Ansichten gehen maßgeblich auf die Dreyfus-Affäre zurück, welche durch Christen projiziert wurde (vgl. Kiefer 2006: 290 ff.; Robert 41 ff.; Benz 2016: 198 ff.).

Benz ist sich zudem sicher, dass die muslimische Abneigung gegen Juden zunehmend Nahrung in antisemitischen Traktaten fand, welche aus der europäischen Sprache ins Arabische übersetzt wurden. Thematisiert wurden immer wieder Verschwörungstheorien, welche das Streben der Juden nach Weltherrschaft propagierten. Genau diese Verbreitung antisemitischer Texte kombiniert mit antijüdischen Affären wie in Damaskus oder im Falle von Dreyfus, sollen den Weg für antizionistische Propaganda bereitet haben, welche im 20. Jahrhundert in der britischen Verwaltung über Palästina virulent wurden (vgl. Benz 2016: 198 ff.).

Zusammengefasst drückt sich der wissenschaftliche Konsens bezüglich dem Einbruch der Moderne also insofern aus, dass ein Import an klassischem Antisemitismus durch das christliche Europa erfolgte und eine Reihe von Ereignissen auslöste welche die Abneigung der Muslime gegen Juden immens verstärkte. Als Schlüsselereignis gilt vor allem die Damaskusaffäre, welche eine Reihe von Ritualmordprozessen ins Rollen brachte. Mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches verlor auch das System der „Dhimma“ an Wirksamkeit und somit auch die begrenzte Toleranz welche durch den Islam den Juden versichert wurde.

2.3 Islamisierung des Antisemitismus

Kiefer sieht trotz der im vorherigen Kapitel aufgezeigten Vorkommnisse den eigentlichen Zusammenbruch muslimisch-jüdischen Zusammenlebens erst durch den Palästinakonflikt ins Rollen gebracht. Durch die Balfour-Deklaration sei die Hoffnung der Araber auf nationale Selbstbestimmung weiter in die Ferne gerückt, wodurch der bis dato friedliche Widerstand gegen die zionistische Siedlungspolitik Ende 1920 in Gewalt umschlug (vgl. Kiefer 2006: 292 ff.). Tatsächlich radikalisierte sich die palästinensische Nationalbewegung in diesem Zeitraum zunehmend und wurde seit den 1930er Jahren vom Jerusalemer Mufti Mohammed Amin al-Husseini dominiert (vgl. Benz 2016: 199 f.). Matthias Küntzel betont, dass Al-Husseini den Antizionismus zu islamisieren versuchte um den Hass auf Juden religiös zu motivieren. Palästinensische Aufstände gegen jüdische Einwanderung wurden in den 40ger Jahren vom Mufti aufgestachelt und in zahlreichen Freitagspredigten wurde zum Kampf gegen die Juden aufgerufen (vgl. Küntzel 2007: 82 ff.). Auch Michel Dormal ist der Meinung und bestätigt das Amin al-Husseini zunehmend antijüdische, nationale und islamische Diskurse verschmolz. Vor allem die Moslembrüder in Ägypten soll die Islamisierung des Palästinakonflikts beeindruckt haben (vgl. Dormal 2009: 112 ff.). Küntzel spricht von einer enormen Wirkung auf die Mitgliederzahl der ägyptischen Muslimbrüder. Während es 1936 noch 800 Mitglieder waren, zählte die Muslimbruderschaft 1938 bereits über 200.000 Sympathisanten (vgl. Küntzel 2007: 85). Sein Kontakt mit NS-Größen wie Adolf Hitler 1942 zeigt auch seinen rassistischen Charakter. Der Einfluss al-Husseinis, so Benz, dürfe jedoch nicht überschätzt werden, da er in NS Deutschland nur eine marginale Figur blieb. Sein politischer Niedergang nach 1945 sei auch in der arabischen Welt unaufhaltsam gewesen. Dennoch sieht Benz ihn als maßgeblichen Scharfmacher der mit allen Kräften Muslime und Nationalisten gegen Israel mobilisieren wollte (vgl. Benz 2016: 199 f.). Zusätzlich, so Kiefer, sorgte die Niederlage der Araber 1948 zu einem kollektiven Gefühl der Demütigung. Um die Demütigung zu kompensieren wurde vermehrt zu Verschwörungsfantasien gegriffen. Die antisemitische Propaganda bewährte sich in den 1950er Jahren deshalb besonders gut. Kiefer zeigt auf, dass Amin al-Husseini nochmals Kontakte zu NS-Größen wie Johann von Leers pflegte und dieser von Kairo aus antisemitische Propaganda betrieb. Auch andere NS-Größen wie Leopold Gleim oder Louis Heiden sollen antisemitischer Schriften fabriziert haben während die „Protokolle der Weisen von Zion“, welche bereits 1926 in die arabische Sprache übersetzt wurden, der antisemitischen Welle im Nahen Osten einen zusätzlichen Schub gaben (vgl. Kiefer 2006: 293 ff.). Wolfgang Benz sieht in den antisemitischen „Protokollen“ heute die größte Wirkung und Verbreitung in islamistischen Strategien (vgl. Benz 2016: 204). Trotz dem Einfluss Husseinis, so ist sich Kiefer sicher, war bis zum Sechs-Tage-Krieg von 1967 der Antisemitismus im Nahen Osten hauptsächlich Mittel der panarabisch-nationalistischen Bewegungen. Diese weitere militärische Niederlage gegen Israel soll aber zu einer Verdrängung der nationalistischen Ideologie durch eine islamistische Weltsicht geführt haben. Ökonomische Probleme sorgten hinzufügend für einen weiteren Vertrauensverlust in die nationalistisch-säkularen Bewegungen. Dies soll zu einem Perspektivwechsel der Araber geführt haben:

„Nach der Niederlage 1967 wurde deutlich, dass nationalistische und sozialistische arabischen Regime ihre Ziele wie die Einheit der arabischen Nation und der Beseitigung Israels nicht verwirklichen konnten. Ökonomische Probleme zerschlugen zudem Hoffnungen von Millionen Menschen auf ein gesichertes Einkommen. Islamistische Deutungsmuster konnten dadurch in den Vordergrund treten und eine Neuinterpretation des Nahost Konfliktes ermöglichen.“ (Kiefer 2002: 106)

Michel Dormal spricht von einem Vakuum, welches später das Eindringen islamistischer Ideen in das arabische Bewusstsein erleichterte (vgl. Dormal 2009: 130 ff.). Islamisten nutzten den im Nahen Osten verbreiteten Antisemitismus und verknüpften es mit antijüdischen Bildern des Islams (vgl. Dormal 2009: 130 ff.). Robert Wistrich fügt hinzu, dass neben der Übersetzung und Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“ Sayyid Qutbs „Unser Kampf mit den Juden“ aus den 1950er Jahren eine Islamisierung des Antisemitismus ebenfalls stark förderte. Seine Schriften beeinflussten vor allem viele junge Muslime und zahlreiche Fundamentalisten waren inspiriert von der Kombinierung bewährter Antisemitischer Stereotype mit dem Bild der Juden im Koran. So sieht Qutb z.B. die Juden als verantwortliche Gruppe für Zwietracht unter der muslimischen Gesellschaft und als ständige Bedrohung des Islams (vgl. Wistrich 2012: 45 ff.). Auch Kiefer bestätigt:

„Sayyid Qutb beeinflusste durch seine islamistischen Schriften maßgeblich eine ganze Generation radikalisierter junger Islamisten. Die Feindbildproduktion der Islamisten nährte sich aus zwei Quellen, nämlich ihrer Interpretation der koranischen Offenbarung der den Konflikt mit Juden überliefert und den modernen Quellen wie den Protokollen der Weisen von Zion. Bereits in den frühen Fünfzigern begann dieser Prozess mit der Schrift Sayyid Qutbs ‚Unser Kampf gegen die Juden‘.“ (Kiefer 2002: 108 f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Islamistischer Antisemitismus und der Wahlerfolg der Hamas 2006
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,4
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V439296
ISBN (eBook)
9783668794252
ISBN (Buch)
9783668794269
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hamas, Antisemitismus, Palästina, Wahlen 2006, Wahlerfolg Hamas, Wahlsieg Hamas, Islamistischer Antisemitismus, Islamischer Antisemitismus, Islamisierter Antisemitismus, Naher Osten Antisemitismus, Wahlstrategie Hamas, Schwäche der Fatah
Arbeit zitieren
Haci Yunus Erdal (Autor), 2018, Islamistischer Antisemitismus und der Wahlerfolg der Hamas 2006, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439296

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