Moderne Partnersuche mit Dating-Apps. Ist Online-Dating wie Online-Shopping?


Fachbuch, 2018
62 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit

2 Autoethnografie
2.1 Methodische Vorgehensweise: Definition nach Ellis
2.2 Der autoethnografische Arbeitsprozess
2.3 Forschungsmöglichkeiten und -grenzen

3 Theoretische Grundlagen: Konsumsoziologie

4 Vom Versorgungskauf bis zum Online-Shopping
4.1 Das Konsumverhalten im Wandel der Zeit
4.2 Wie funktioniert modernes Online-Shopping?
4.3 Vor- und Nachteile des postmodernen Konsumverhaltens
4.4 Gegenüberstellung: Tradition vs. Moderne
4.5 Reflexiver Exkurs: Analyse eigener Konsumerfahrungen

5 Von konventioneller Partnersuche bis zum Online-Dating
5.1 Die Transformation der Liebe
5.2 Wie funktioniert modernes Online-Dating?
5.3 Möglichkeiten und Grenzen der postmodernen Partnersuche
5.4 Gegenüberstellung: Tradition vs. Moderne
5.5 Reflexiver Exkurs: Analyse eigener Online-Dating-Erfahrungen

6 Online-Shopping 2.0: Moderne Partnersuche mithilfe von Dating-Apps
6.1 Methodische Vorgehensweise: Definition nach Lueger
6.2 Artefaktanalyse: H&M, Ebay & Amazon vs. Tinder

7 Resümee: Analytisch-reflexive Auswertung
7.1 Online-Shopping 2.0: Wird der Partner heutzutage geshoppt?
7.2 Persönliches Resümee/ Autoethnografische Perspektive

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Ich komme mir vor, als blättere ich in einem Katalog, in dem Männer angeboten werden“ – so reagierte eine Freundin total aufgeregt nach meinem Vorschlag, Tinder doch mal auszuprobieren. Kurze Zeit danach vernahm ich von einer Bekannten, dass diese zwar nicht über Tinder, aber über die Singlebörse SHOP a MAN [1] versucht hatte, ihr Glück in der Liebe zu finden. Eine andere Freundin verkündete ihre Trennung, im gleichen Atemzug erwähnte sie jedoch, dass sie sich nun bei Tinder anmelden möchte, um ihren Marktwert zu testen. Katalog, angeboten, to shop, Marktwert – diese metaphorisch belegten Begriffe, die eigentlich in Bezug zu unserer Konsumgesellschaft im Bereich der Güter und Dienstleistungen gebräuchlich sind, häuften sich im Laufe der letzten Zeit immer weiter in den Gesprächen über Partnersuche und Online-Dating, sodass ich mir irgendwann die Frage stellen musste: Shoppt man sich heutzutage tatsächlich seinen Partner? Welche Parallelen gibt es dabei? Da auch für mich sowohl das Online-Shopping als auch das Online-Dating alltägliche Mittel waren, um Produkte zu erhalten oder neue Bekanntschaften zu machen, wurde mir schnell bewusst, dass ich nach ausreichender, wissenschaftlich fundierter Forschung und anschließender Selbstreflektion in der Lage wäre, diese Fragestellung eigenständig zu beantworten.

1.1 Fragestellung und Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit

Da es sich bei der hier vorliegenden Arbeit um einen autoethnografischen Forschungsansatz handelt, wird zunächst das Konzept einer Autoethnografie nach Ellis definiert und explizit ausgeführt. Darauf folgend wird der Begriff der Konsumsoziologie erklärt, welcher im weiteren Verlauf der Arbeit als wesentliches Fundament dienen soll. Anschließend werden zwei zunächst voneinander unabhängige Themenfelder erarbeitet: Der Wandel des Konsumverhaltens gegenüber Gütern und Dienstleistungen wird entlang seiner Chronologie untersucht, wobei das moderne Konsumverhalten, sprich das moderne Online-Shopping, größere Beachtung findet. Danach werden dessen Vor- und Nachteile abgewogen. Den ersten Themenbereich abschließend werden zuvor erarbeitete Argumente anhand einer autoethnografischen Perspektive belegt oder verworfen. Das gleiche Erarbeitungsschema wird auf den Themenbereich der Partnersuche und romantischen Liebe transferiert: Nachdem die Transformation der Liebe anhand wissenschaftlicher Belege untersucht wird, folgt auch hier der explizite Blick auf die moderne Partnersuche. Der Aspekt des Online-Datings wird anhand seiner Möglichkeiten und Grenzen erforscht und abschließend mit autoethnografischen Erfahrungen untermauert. Im nächsten Schritt dieser Arbeit folgt die Fusion beider Themenbereiche: Anhand einer Artefaktanalyse, welche zunächst nach Lueger definiert wird, findet eine Untersuchung und Gegenüberstellung zwischen Online-Shopping und Online-Dating statt, um eventuelle Parallelen und gemeinsame Strukturen aufdecken zu können. Nach ausreichender Analyse werden die erarbeiteten Ergebnisse in einem abschließenden Resümee und unter Rückbezug auf die wissenschaftliche Grundlage zusammengefasst. Die Forschungsfrage, „Shoppt man sich heutzutage tatsächlich seinen Partner?“, wird im Resümee klar beantwortet, jedoch dient eine kurze autoethnografische Perspektive als zusätzliche Untermauerung des Ergebnisses und schließt die Autoethnografie erfolgreich ab.

Auf Feldnotizen wurde bei der hier vorliegenden Forschungsarbeit verzichtet, da diese eine rückblickende Autoethnografie darstellen soll; es wird also lediglich aus persönlichen Erinnerungen geschöpft, welche hier ausgiebig reflektiert und entlang vorangegangener wissenschaftlicher Argumente interpretiert werden.

Der gendergerechte Sprachgebrauch wurde aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit durch allgemeine Bezeichnungen oder Pluralisierung der Personen ersetzt.

2 Autoethnografie

Als neuaufgekommener und moderner Forschungsansatz ist die autoethnografische Herangehensweise an eine wissenschaftliche Arbeit eine Herausforderung: Im folgenden Kapitel wird dem Leser eine kurze und präzise Definition der autoethnografischen Forschung nach Ellis als Fundament für das Verstehen und Nachempfinden der vorliegenden Arbeit gegeben. Autoethnografie als Begriff per se dient jedoch nur als Überschrift vielzähliger autoethnografischer Herangehensweisen und -formen, welche in folgendem Kapitel kurz angeschnitten werden. Darauffolgend wird der autoethnografische Arbeitsprozess detailliert erklärt; darüber hinaus dessen Forschungsmöglichkeiten und -grenzen abgewogen.

2.1 Methodische Vorgehensweise: Definition nach Ellis

Nach Carolyn Ellis fasst der Begriff der Autoethnografie folgende Inhalte zusammen: Er beschreibt einerseits persönliche Erfahrungen (auto), andererseits werden Begriffe systematisch analysiert (grafie), welche den Leser kulturelle Erfahrungen (ethno) besser verstehen lassen (vgl. Ellis 2004, 345). Die autoethnografische Forschungsweise vereint die Grundsätze der Autobiografie und Ethnografie, somit behandelt die Autoethnografie Forschung als einen sozialen, aber auch politischen Akt. Ellis hebt hervor, dass die autoethnografische Forschungsweise sowohl die Methode und den Prozess als auch das Produkt impliziert (vgl. ebd.). Einige Wissenschaftler wandten sich gezielt dieser innovativen Forschungsmethode zu, da sie bewusst wertorientierte Sachverhalte im Rahmen einer Autoethnografie behandeln konnten, anstatt sich mit möglichst wertfreien Analysen zu beschäftigen. Zugleich bedeutet das bewusst wertorientierte Arbeiten auch zu reflektieren, in welcher Art und Weise der Forschungsprozess durch persönliche Erfahrungen beeinflusst wird. Der autoethnografischen Forschungsweise obliegen jedoch marginale Kriterien bezüglich des Einbindens persönlicher Aspekte: Der persönliche Input, den ein Forschender in seine autoethnografische Arbeit einfließen lassen möchte, ist an institutionelle Voraussetzungen wie zum Beispiel einem Begutachtungsgremium, an dessen zur Verfügung stehender Ressourcen und dessen persönlicher Umstände gebunden. Letztlich entscheidet der Forschende anhand dieser Kriterien, wen, was, wann, wie und wo er jemanden oder sich selbst untersuchen möchte um „bedeutsame, zugängliche und sinnhafte Ergebnisse“ (ebd.) hervorzubringen, die auf persönlicher Erfahrung basieren und ein respektvolles Pendant gegenüber fremder Erfahrung bieten. Eine wichtige Rolle spielt hierbei auch die Akzeptanz gegenüber unterschiedlichsten Menschen mit unterschiedlichen „Welt-anschauungen, Sprech- und Schreibweisen, Bewertungs- und Glaubensformen“ (a.a.O., 346), so Ellis. Auf die streng konservative Definition von Forschung soll weitestgehend verzichtet werden, vordergründig möchte die autoethnografische Forschung einen weitläufigeren Blick auf das Weltgeschehen bieten (vgl. ebd.).

2.2 Der autoethnografische Arbeitsprozess

Der Begriff der Autoethnografie ist eine Verschmelzung zweier zunächst eigenständiger Kategorien: Die Autoethnografie beinhaltet sowohl Merkmale einer Autobiografie (auto) als auch einer Ethnografie (ethno) (vgl. ebd.).

Widmet man sich vorerst der Kategorie der Autobiografie, wird deutlich, dass insbesondere der auf die eigene Person bezogene Schreibinhalt für den weiteren Arbeitsprozess einer Autoethnografie tragend ist. Autobiografien widmen sich meist „‘Epiphanien‘ – erinnerten Momenten, die als besonders bedeutsam wahrgenommen werden, oder existenziellen Krisen, die eine Auseinandersetzung erzwingen“ (ebd.). Neben den prägnanten Merkmalen der Autobiografie, welche insbesondere für Inhalt und Thematik eine tragende Rolle spielen, bietet die Ethnografie Merkmale für den Erarbeitungsprozess und die Forschungsweise einer Autoethnografie. Bei einer Ethnografie werden kulturelle Praktiken untersucht. Diese kulturellen Praktiken umfassen „kulturell geteilte Werte, Überzeugungen und Erfahrungen“ (ebd.), welche nicht nur Mitgliedern der eigenen Kultur, sondern auch kulturfremden Menschen helfen sollen, eine Kultur und deren Verfahrensweisen besser zu verstehen. Um dieses Verständnis einerseits selbst zu verinnerlichen und andererseits genau jenes zu einem späteren Zeitpunkt für andere zugänglich machen zu können, etablieren sich Ethnografen als teilnehmende Beobachter im zu erforschenden kulturellen Rahmen, indem sie Feldnotizen [2] zu kulturellen Ereignissen, ihrer eigenen Person oder anderweitig beteiligter Personen anfertigen (vgl. ebd.). Neben dem Sammeln von Feldnotizen zu deren Beobachtungen können Ethnografen darüber hinaus auch Mitglieder einer Kultur interviewen und parallel dazu deren Sprechweisen, Beziehungsformen und Weltvorstellungen untersuchen (vgl. ebd., zitiert nach Berry 2005; Nicholas 2004; Lindquist 2002). Einen weiteren ethnografischen Erarbeitungsschritt bietet das Analysieren von Artefakten wie etwa Kleidung, Büchern, Filmen und Fotos oder sogar das Analysieren von Architektur (vgl. ebd., zitiert nach Borchard 1998).

Zusammenfassend impliziert also der autoethnografische Arbeitsprozess - auf inhaltlicher Ebene - eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Gedankengut, erlebten Krisen und prägenden Erinnerungen. Auf der Prozessebene orientiert sich der autoethnografische Arbeitsprozess an der Ethnografie, nämlich dem Erforschen und Analysieren von Mitgliedern der eigenen oder der bislang fremden Kultur und deren individueller Lebensweisen und Artefakte. Ein Autoethnograf erforscht somit nicht nur die kulturell verschiedenen Weltanschauungen, sondern setzt diese mit seiner eigenen, subjektiven Weltanschauung in Relation. Eine Autoethnografie zentralisiert also eine selektive und subjektive Retrospektive über „herausragende Ereignisse, die daraus resultieren, dass sie Teil einer Kultur sind und/oder eine bestimmte kulturelle Identität besitzen“ (a.a.O., 347).

Neben den zuvor geschilderten, fundamentalen Hauptmerkmalen von Biografie und Ethnografie sollten sich Autoethnografen – neben der Verwendung methodologischer Werkzeuge und ausgewählter Forschungsliteratur – vor allem auch an persönlicher Erfahrung bedienen und diese nutzen, um sowohl Insidern als auch Outsidern mögliche Facetten kultureller Erfahrung anschaulich zu machen. Resultierend sollte ein Autoethnograf seine persönliche Erfahrung oder die Erfahrung anderer mit der bereits bestehenden Forschung vergleichen und kontrastieren können (vgl. ebd.).

Am Ende eines jeden Arbeitsprozesses sollte ein ausgereiftes Produkt existieren. Das autoethnografische Produkt besitzt – ebenso wie der Erarbeitungsweg – Facetten von Autobiografien einerseits und Ethnografien andererseits. Autobiografien sollten Leser sowohl ästhetisch als auch plastisch ansprechen und diese mithilfe ihrer Erzählkunst fesseln. Die Kunst des Erzählens findet ihren Ursprung nicht nur im Erzählverlauf per se, sondern vielmehr in Figuren(-konstellationen), Szenen und Handlungsentwicklungen. Dem Leser sollten neue Sichtweisen auf Grundlage persönlicher Erfahrungen des Autobiografen nahegelegt werden; Lücken in bereits bekannten Erzählungen sollten sich schließen (vgl. ebd., zitiert nach Couser 1997/ Goodall 2001). Es ist gut möglich und sogar wünschenswert, dass der Leser sich ein Stück weit auch in seiner eigenen Biografie wiederfindet. Der Ausdruck von Subjektivität der beobachteten und durchlebten Geschichten, die Charakteristiken eines Augenzeugenberichts (vgl. ebd., zitiert nach Caulley 2008) aufweisen können, wird insbesondere durch die Verwendung der ersten Person in den Erzählungen hervorgehoben. Unterstützend für die Selbstreflexion der Leser verwenden Autobiografen ebenso gerne die zweite Person, damit die Leser eine beschriebene Erfahrung besonders intensiv miterleben und sich hineinversetzen können. Im besten Fall sollen die Leser während des Lesens Teil des Geschehens werden. Seltener schreiben Autobiografen aus der Perspektive der dritten Person, um zum Beispiel den Kontext oder Ergebnisse darzustellen zu können (vgl. a.a.O., zitiert nach Caulley 2008, 348).

Ethnografien hingegen sollen als detaillierte Beschreibungen fungieren, „um eine Kultur oder kulturelle Praktiken besser verstehbar zu machen.“ (ebd.) Mithilfe von Feldnotizen, Interviews und/oder Artefakten können induktiv erkannte Muster kultureller Erfahrung so übermittelt werden, dass Leser diese besser verstehen und begreifen können (vgl. ebd, zitiert nach Jorgenson 2002).

Resultierend aus beiden Herangehensweisen lässt sich festhalten, dass Autoethnografien darauf bedacht sind, dem Leser ästhetisch und plastisch detaillierte Beschreibungen persönlicher, zwischen-menschlicher und kultureller Erfahrungen näher zu bringen. Autoethnografische Arbeiten basieren auf dem Erkennen von Mustern kultureller Erfahrungen und Praktiken mithilfe von Beobachtungen, Feldnotizen, Interviews und/oder Artefakten. Diese Muster sollen anschließend mittels ausgereifter „Erzählkunst beschreiben, ‚zeigen‘, ‚erzählen‘“(ebd., zitiert nach Goodall 2006/ Hooks 1994) und die Erzählperspektive zur entsprechenden Erzählsituation wechseln.

2.3 Forschungsmöglichkeiten und -grenzen

Die Autoethnografie bietet eine Vielzahl an Forschungsmöglichkeiten. Diese differenziellen Herangehensweisen unterscheiden sich hauptsächlich in ihrem Forschungsschwerpunkt. Noch expliziter formuliert unterscheiden sich die autoethnografischen Herangehensweisen darin, wie stark der Fokus auf die Erforschung anderer und deren Interaktion oder auf die Erforschung seiner selbst gelegt wird und inwieweit traditionelle Analyseverfahren und Interviewkontexte gewichtet sind (vgl. a.a.O., 348f.).

Eine bemerkenswerte Innovation im Wandel der (auto-)ethnografischen Forschung ist die indigene Ethnografie. Indigene Ethnografien lösen allmählich autoritative Forschungsweisen ab, die sich hauptsächlich auf die weiße, maskuline, heterosexuelle, christliche Mittel- und Oberschicht beziehen, da besagte indigene Ethnografien nun daran arbeiten, fernab von diesem bis dahin normativen und reduzierten Forschungsfeld weitläufig und frei ihre persönlichen und kulturellen Erzählungen zu konstruieren. Alte Forschungsstandards werden aufgebrochen, Tabu-Aspekte thematisiert (vgl. ebd.).

Die narrative Ethnografie bezieht sich auf in Erzählform verfasste Texte, die zwar auch die Erfahrung des Forschenden selbst thematisieren, jedoch liegt der Fokus auf der ethnografischen Beforschung anderer Menschen (vgl. ebd.). Überspitzter als die narrative Ethnografie sind reflexive, dyadische Interviews: Diese „nehmen die interaktiv hergestellten Bedeutungen und emotionalen Dynamiken des Interviews selbst in den Fokus“ (a.a.O., 348.). Die Betonung liegt auf den Beforschten und deren Erzählungen, jedoch werden Gedanken und Gefühle der Forschenden selbst ebenfalls berücksichtigt. Dazu zählen unter anderem die persönliche Motivation hinter jenem Projekt, eigene Erfahrungen mit dem behandelten Thema und die eigene emotionale Reaktion auf die Interviews. Diese persönlichen Reflexionen bieten einen zusätzlichen Kontext für die Erzählungen über die Beforschten (vgl. ebd.).

Eine etwas andere Form der autoethnografischen Forschung ist die reflexive Ethnologie. Diese untersucht primär, inwiefern sich Wissenschaftler durch ihre eigene Feldforschung verändern (vgl. a.a.O., 349). Neben der zuvor angeschnittenen reflexiv, dyadischen Interviewführung besteht die Möglichkeit, interaktive Interviews im Rahmen einer autoethnografischen Forschung zu führen. Diese sollen ein tiefgreifendes Verständnis von „emotionsgeladenen und sensiblen Themen“ (ebd., zitiert nach Ellis, Kiesinger & Tillmann-Healy 1997, 121) übertragen. Essenziell hierbei ist – im Unterschied zu traditionellen Einzelinterviews – die vertrauensvolle Beziehung zwischen Forschenden und Beforschten, welche erst durch eine längerfristige Beforschung über mehrere Sitzungen entstehen kann. Neben den übermittelten Geschichten und Erfahrungen ist insbesondere die Interaktion im Interviewsetting Gegenstand der Analyse. (vgl. ebd.)

Einen ähnlichen Forschungsansatz bieten sogenannte community autoethnografies, welche persönliche Erfahrungen von Forschenden in einen kollaborativen Forschungsprozess integrieren und das Ziel haben aufzuzeigen, wie sich bestimmte kulturelle bzw. soziale Praktiken in einer Gemeinschaft manifestieren (vgl. ebd., zitiert nach Toyosaki et al. 2009).

Kokonstruierte Erzählungen entspringen einem etwas komplexeren Forschungsansatz. Diese Erzählungen illustrieren die Bewältigung von Unsicherheiten oder Widersprüchen aus Sicht der Beforschten und veranschaulichen ihre Beziehungserfahrungen. Jeder Beteiligte schreibt zeitgleich seine Erfahrungen auf, welche oftmals direkt oder indirekt von Epiphanien handeln. Anschließend teilen die Beteiligten ihre Erfahrungen mit und gehen auf die Erzählungen der anderen ein. Aus dieser Methode wachsen letztendlich ko-konstruierte Forschungsprojekte (vgl. ebd., zitiert nach Bochner & Ellis 2007; Vande Berg & Trujillo 2008).

Der letzte hier erwähnte autoethnografische Forschungsansatz untersucht hauptsächlich persönliche Erzählungen. Durch diese persönlichen Erzählungen setzen sich die Autoethnografen mit sich selbst, ihrem akademischen und ihrem privaten Leben auseinander. Für traditionelle Sozialwissenschaftler ist dies häufig die kontroverseste Form von Autoethnografie, da hierbei oftmals herkömmliche Analysemethoden und literaturwissenschaftliche Bezüge nur reduziert Anwendung finden. Persönliche Erzählungen visieren vielmehr das Vermitteln und Näherbringen des Lebens der Autoethnografen an, welches in einem spezifischen kulturellen und sozialen Kontext stattfindet (vgl. ebd.). Die Leser werden eingeladen, die Welt durch die Augen der Autoren zu sehen, „um über ihr eigenes Leben nachzudenken, es zu verstehen und zu meistern“ (a.a.O., 349 ff., zitiert nach Ellis 2004, 46).

Neben dieser vielfältigen Auswahl an Forschungsansätzen bietet die Autoethnografie weitere Möglichkeiten: Autoethnografisches Schreiben kann – als eine bewusst gewählte Untersuchungsmethode –therapeutische Wirkung haben, indem der Forschende seine persönlichen Erzählungen und Gedanken niederschreibt und diese bewusst reflektiert und analysiert. Primär geht es dabei um das Verstehen eigener Erfahrungen, um sich selbst mehr entlasten und kanonische Erzählungen hinterfragen zu können (vgl. a.a.O., 350, zitiert nach Kiesinger 2002; Poulos 2008). Zu hinterfragen sind insbesondere „konventionelle, autoritative Erzählhandlungen, die unterbreiten, wie ‚mustergültige‘ Menschen leben sollten“ (ebd., zitiert nach Tololyan 1987, 218/ Bochner 2001, 2002), um diese mit seiner eigenen Sichtweise gegenüberstellen zu können. Jene therapeutische Untersuchungsmethode kann auf diese Weise persönliche Vorurteile, eigene Verantwortung und die eigene Handlungsfähigkeit/ Handlungsintension lenken. Dazu wird der kulturelle Wandel vorangetrieben - beginnend bei dem Forschenden selbst (vgl. ebd., zitiert nach Goodall 2006). Das Wiedergeben von persönlichen Geschichten und Erfahrungen ermöglicht es, diese zu bezeugen, expliziter noch aufkommende Probleme zu erkennen und öffentlich zu machen (vgl. ebd, zitiert nach Denzin 2004; Ellis & Bocher 2006). Diese persönlichen Geschichten können nicht nur einen Mehrwert für die Forschenden selbst haben, sondern auch auf Forschungsteilnehmer und Leser eine therapeutische Wirkung haben, indem diese sich in der Autorensituation wiederfinden und Parallelen erkennen (vgl. ebd.).

Die autoethnografische Forschung bietet ein breites Spektrum an Möglichkeiten, jedoch dürfen auch die Forschungsgrenzen und Kritikpunkte nicht außer Acht gelassen werden.

Ein Autoethnograf und dessen beschriebene Umgebung sind aufgrund der eingebundenen biografischen Aspekte immer ein Stück weit identifizierbar. Durch das Beschreiben von persönlichen und teilweise intimen Erfahrungen ist es unvermeidbar, dass der Autoethnograf auch weitere nahestehende oder vertraute Personen innerhalb seiner Umgebung in seine Arbeit einbezieht (vgl. ebd., 350 ff., zitiert nach Adams 2006/ Trahar 2009). Es fällt schwer, diese identifizierbaren Charakteristika zu verschleiern, ohne Sinn und Bedeutung der Erzählung zu manipulieren. Um jedoch die Anonymität der eigenen Person und die der Beforschten so gut es geht zu schützen, sollten deren charakteristische Merkmale – ähnlich der Arbeitsweise von traditionellen Ethnografen – insofern abgewandelt werden, dass eine explizite Identifizierung unwahrscheinlich ist. Autoethnografen müssen sich bewusst sein, dass diese Schutzmaßnahmen sowohl die Integrität ihrer Forschungsarbeit beeinflussen können als auch die Absicht, wie ihre Arbeit interpretiert und verstanden werden soll (vgl. a.a.O., 351).

Ein weiterer Kritikpunkt innerhalb der autoethnografischen Forschung beruht auf der narrativen (Un-)Wahrheit [3]. Autoethnografen schätzen narrative Wahrheit in ihren Erzählungen, um erfahren zu können, was genau jene Erzählung auslöst. Autoethnografen möchten auf diesem Weg herausfinden, wie ihre Erzählung verwendet und verstanden wird und wie Autoren, Teilnehmer und das breite Publikum auf ihre Erzählung reagieren (vgl. ebd., zitiert nach Bochner 1994/ Denzin 1989). Dabei wird von den Lesern anerkannt und hingenommen, dass die narrative Wahrheit immer subjektiv ist, da Erinnerungen fehlbar sind. Es ist nahezu unmöglich, Ereignisse originalgetreu abzubilden und nachzuzeichnen, wie diese situativ empfunden wurden. Menschen, die dasselbe Ereignis erlebt haben, haben dieses dennoch individuell wahrgenommen. Somit entsteht immer eine Vielzahl an verschiedenen Geschichten über ein und dasselbe Geschehnis (vgl. ebd., zitiert nach Tullis Owen et. al. 2009).

Ellis merkt drei Begriffe an, deren Kontext, Bedeutung und Nutzen durch autoethnografische Anwendung statuiert werden. Zunächst wird von dem Begriff der Reliabilität gesprochen, welcher sich in der Autoethnografie auf die Glaubwürdigkeit der Erzählenden bezieht. Inwiefern die Autoren mit verfügbaren, faktischen Beweisen oder literarischer Freiheit gearbeitet haben, bleibt dem Vorstellungsvermögen der Leser überlassen. Validität als zweites Schlagwort ruft in den Lesern das Gefühl hervor, dass die beschriebene Geschichte möglich und glaubhaft ist und dass das, was und wie es erzählt wird, wahr sein könnte (vgl. a.a.O., 351 ff.). Unterstützend für diese Glaubwürdigkeit behilft sich die Autoethnografie einer Kohärenz, die Autoren und Leser miteinander verbindet. Es sollte den Lesern ermöglicht werden, dass sie in die Welt der Erzähler eintauchen können und diese mit den Augen der Forschenden sehen können, „auch wenn diese Welt nicht ‚der‘ Wirklichkeit entspricht“ (a.a.O., 352).

Weitere Kritikpunkte der autoethnografischen Forschungsweise, die Ellis anschneidet, sind rein subjektiver Natur und nur perspektivisch begründbar. Autoethnografie kann und wird von Autoren traditionellerer Einstellung als zu künstlerisch und zu wenig wissenschaftlich konnotiert werden; ebenso wird von Seiten der modernen Autoethnografen eine Arbeit bemängelt, wenn sie zu wissenschaftlich und nicht künstlerisch genug ausgearbeitet ist. Genau diese Riege lässt verlauten, dass einige autoethnografische Arbeiten nicht streng genug, zu theoretisch und zu analytisch seien (vgl. ebd.). Diese charakteristischen Ziele der autoethnografischen Forschung werden von Kritikern angeprangert: Fern ab von wissenschaftlicher Arbeit sei Autoethnografie zu ästhetisch, emotional und therapeutisch. Jedoch schätzen Autoethnografen die Möglichkeit und Notwendigkeit, „Forschung auf plastische und ästhetische Art und Weise zu schreiben und darzustellen“ (a.a.O., 353, zitiert nach Ellis 1995, 2004/ Pelias 2000).

Eine gegnerische Position kritisiert, dass Autoethnografie nicht ästhetisch genug sei. Es würde versucht, unter Einbeziehung literarischer Formen wissenschaftliche Legitimität zu erlangen, worunter die wahre Imagination und künstlerische Qualitäten und Talente verloren gingen (vgl. ebd., zitiert nach Gingrich-Philbrook 2005).

Beide kritischen Standpunkte positionieren Kunst/Ästhetik und die Wissenschaft in einem Widerspruch, den die autoethnografische Forschung zu beheben versucht und sich bemüht, „diese Dichotomie von Wissenschaft und Kunst aufzulösen“, so Ellis (ebd.).

Trotz der hier so unterschiedlich beschriebenen Positionen zur autoethnografischen Forschungsweise und trotz all jener Kritikpunkte, die bereits hier angeschnitten wurden und die in gewisser Weise gleichzeitig Recht und Unrecht haben, hebt Ellis resümierend hervor, dass Autoethnografien das Forschen und Schreiben „als Akte der Teilhabe an sozialer Gerechtigkeit“ (ebd.) betrachten. Das primäre Ziel ist es, analytische und zugängliche Texte zu verfassen, welche dazu beitragen sollen, den Lesern die Welt, in der sie leben, besser verstehen zu lassen und diese kulturell zu bereichern (vgl. ebd., zitiert nach Holman Jones 2005, 764). Genau dieses Ziel wird auch in der hier vorliegenden Arbeit mithilfe persönlicher Erzählungen und unter Berücksichtigung einer wissenschaftlich fundierten Argumentation verfolgt.

3 Theoretische Grundlagen: Konsumsoziologie

Konsum ist allgegenwärtig und unvermeidbar. Konsum bestimmt nicht nur unseren Alltag, sondern beeinflusst uns darüber hinaus auch auf kultureller Ebene. Konsum ist eine soziale Verhaltensweise, die bewusst und kontrolliert unternommen werden sollte. Deshalb wird im Folgenden ein Exkurs zu unterschiedlichen Ansätzen der Konsumsoziologie begangen, welche anschließend als Grundlage für die anknüpfenden Analysen fungieren sollen. Anhand mehrerer sozialwissenschaftlicher Positionen wird herausgearbeitet, wie der Begriff des Konsums überhaupt entstand, wo dieser seinen Ursprung fand und, noch expliziter, was sich eigentlich hinter dem Begriff des Konsums verbirgt. Bereits in diesem Kapitel wird das unzertrennliche Zusammenspiel zwischen Konsum und Mode rudimentär angeschnitten, welches jedoch zu einem späteren Zeitpunkt genauer untersucht wird.

Zu Beginn wird der Frage nach dem sprachwissenschaftlichen Ursprung des Wortes Konsum nachgegangen, welcher sich im Lateinischen wiederfinden lässt. Konsum lässt sich auf gleich zwei lateinische Wörter zurückführen: Consumere kann mit verzehren und consummare mit vollenden übersetzt werden. Genauer noch bezeichnet das Verb consumere den Vorgang des Aufbrauchens, Verzehrens oder Verprassens, jedoch auch das Verbringen/Verstreichenlassen von Zeit. Das Wort verzehren findet sich auch im Grimmschen Wörterbuch wieder und fungiert seit der mittelhochdeutschen Zeit als kanonisierte Übersetzung des lateinischen consumere und ist entsprechend in Gebrauch (vgl. Schrage 2009, 48).

Consummare, welches aus dem gleichen Präfix cum und dem Substantiv summa (Summe/Gesamtheit) besteht, trägt die Bedeutung von zusammen- oder abrechnen, vollbringen oder abschließen. Einen anderen Ansatz, der ebenso den Ursprung des Wortes Konsum begründen kann, bietet das Substantiv Verbrauch, welches sich vereinzelt im 18. Jahrhundert als deutsches Pendant des abnutzenden Gebrauchs einer Sache finden lässt und in diesem Sinne den abstrakten Begriff Consumtion ersetzen sollte (vgl. ebd.).

Nach Feststellen des sprachwissenschaftlichen Ursprungs des Konsumbegriffs stellt sich nun die Frage, was dieser überhaupt beschreibt. Was genau ist Konsum, wer ist Konsument, wie und weshalb wird konsumiert?

Wir konsumieren tagtäglich – ohne explizites Bewusstsein – Dienstleistungen, Konsumgüter, Zeit, Zwischenmenschlichkeit etc., somit zählen nicht nur der vordergründige Ge- und Verbrauch von jenen Dingen, sondern auch weniger klar auf diesen Ge- und Verbrauch ausgerichtete Handlungen zu dem Begriff des Konsums (vgl. Pape 2012, 21). Konsum bezieht sich also hauptsächlich auf die Befriedigung beliebiger Bedürfnisse, ob durch Dienstleistungen, bezahlt oder unbezahlt, individuell oder kollektiv konsumiert. Ebenso zählen das Konsumieren mit anderen, zum Beispiel im Freizeitpark, der auf andere Personen bezogene Konsum, zum Beispiel ein Familienausflug, und sogar das Konsumieren von anderen, zum Beispiel Prostitution, zum breiten Spektrum des Konsumbegriffs (vgl. Hellmann 2013, 10). Unter Berücksichtigung dieses Sachverhalts hinterfragt Hellmann die Funktionen des Konsums: Neben der Befriedigung rein physiologischer Bedürfnisse, die dem schlichten Überleben dienen sollen, bietet Konsum eigen- und fremdbezügliche Funktionen. Der Selbstbezug beschreibt die Wirkung des individuellen Konsums für den jeweiligen Konsumenten, dem gegenübergestellt dreht sich beim Fremdbezug alles um die Wirkung des individuellen Konsums bei anderen Konsumenten (vgl. ebd.). Jedoch können diese speziellen Funktionen nicht separiert werden. Natürlich konsumieren Individuen aufgrund von eigenem Genuss, jedoch wird Konsum häufig praktiziert, „um sich mit anderen zu identifizieren und von anderen zu differenzieren (Fremdbezug)“ (ebd.), was auf eine weitere Funktion, der Unterscheidungs- und Vergemeinschaftungsfunktion, schließen lässt.

Konsum stellt nicht nur eine Reaktion auf die Marktproduktion dar, sondern manifestiert einen komplexen, individuell verschiedenen Handlungsprozess (vgl. Pape, 23). Eine weite Begriffsdefinition von Konsum beinhaltet also „sämtliche Verhaltensweisen, die auf die Erlangung und private Nutzung wirtschaftlicher Güter und Dienstleistungen gerichtet sind“ (a.a.O., 21, zitiert nach Wiswede 2000, 24). Der moderne Konsum geht folglich weit über die schlichte Befriedigung rational begründbarer Bedürfnisse hinaus (vgl. Stihler 1998, 5). Die Grenze des Konsumverhaltens in den Bereichen der Grundbedürfnisse und der Luxusbedürfnisse ist fließend und verschiebt sich in der Moderne immer mehr zugunsten der Luxusbedürfnisse. Vor dem Hintergrund der jeweiligen Lebensbedingungen und Wahlmöglichkeiten eines jeden Konsumenten wird das Verhältnis von Notwendigkeit und Luxus in Bezug auf den Konsum individuell definiert (vgl. Jäckel 2004, 27).

Der Begriff des Konsums subsumiert mehrere Aspekte: Neben dem eigentlichen Kauf spielen auch die vorhergehende Entscheidungsphase und die anschließende Verwendungsphase eine große Rolle, die den Konsum letztendlich zu einem dynamischen und vor allem mehrphasigen Prozess generieren (vgl. Pape 2012, 22). Das Zentrum des Konsumprozesses sind hauptsächlich der Kauf und der Ge- bzw. Verbrauch, jedoch ist aus soziologischer Sicht die Frage nach der Art und Weise des Ge- bzw. Verbrauchs von zentraler Bedeutung. In diesem Verhalten zeigt sich letztendlich, wie Konsumenten in die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eingebettet sind (vgl. ebd.). Konsum ist aus soziologischer Sichtweise insofern relevant, da „die Individuen im Laufe ihrer Sozialisation spezifische Konsumstile ausbilden, die durch die sozio-kulturellen Strukturbedingungen und Wertvorstellungen geprägt werden“ (ebd.).

Abschließend lässt sich festhalten, dass Konsum nicht nur sozial geformt, sondern auch sozial ausgerichtet ist und Konsumgüter dementsprechend als kulturelle Symbole und Zeichen wahrzunehmen sind (vgl. a.a.O., 26).

4 Vom Versorgungskauf bis zum Online-Shopping

Im folgenden Kapitel wird der Werdegang unseres Konsumverhaltens beginnend mit dem abstrakten Versorgungskauf im 18. Jahrhundert bis hin zum modernen und facettenreichen Online-Shopping behandelt. Die Geburt und Expansion der Konsumgesellschaft wird thematisiert und unter Einbeziehung des Verhältnisses zwischen Mode und Konsum genauer erläutert. Darauf basierend werden die wesentlichen Aspekte des modernen Online-Shoppings herausgearbeitet, welche hinzukommend nach Vor- und Nachteilen abgewogen und anhand verschiedener Praxisbeispiele untersucht werden. Eine explizite Gegenüberstellung des traditionellen und des modernen Einkaufens bzw. Shoppens wird anhand der gesammelten Informationen vorgenommen. Nach einer ausführlichen Gegenstandsanalyse des traditionellen Versorgungs- bzw. Bedarfskaufs und des modernen Online-Shoppings wird eine autoethnografische Untersuchung unternommen, in welcher ich die zuvor erarbeiteten Ergebnisse mit meinen Erlebnissen und Erfahrungen in Relation setze.

4.1 Das Konsumverhalten im Wandel der Zeit

Konsumiert wird bereits seitdem es Menschen gibt, die ihren Lebensbedarf mit materiellen oder immateriellen Gütern decken. Michael Jäckel introduziert, dass zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert Konsum und Besitz bestimmter Alltagsgegenstände, welche die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht symbolisieren sollten, noch stark an der Klasse und dem gesellschaftlichen Stand gebunden waren (vgl. Jäckel 2004, 21). Konsumiert wurde also nur klassengerecht, Luxusgüter waren für die gesellschaftlich höher gestellten Schichten vorbehalten. Die damalige Bevölkerung konsumierte entlang ihrer Grundbedürfnisse, Konsumieren aus Genuss war in dieser Zeit für den Großteil der Menschen unvorstellbar. Man betrat einen Laden mit einem bestimmten Kaufvorhaben, welches innerhalb einer kleinen Auswahlmöglichkeit in den meisten Fällen erfüllt wurde. Selten verließ ein Kunde das Geschäft mit leeren Händen. Noch seltener betrat ein Kunde einen Laden ohne Kaufvorhaben. Preis, Qualität und Aussehen der gewünschten bwz. benötigten Ware, insbesondere Kleidung, wurde meist erst nach einem langwierigen Verhandlungsprozess vereinbart. Folglich handelte es sich um eine Auftragsfertigung, sodass ein anschließender Umtausch oder eine anschließende Rückgabe grundsätzlich nicht möglich war (vgl. Stihler 1998, 80).

Die Geburt der Konsumgesellschaft lässt sich nach Stihler auf die Industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts in England zurückführen. Die Industrielle Revolution verursachte eine Explosion der Nachfrage: Innerhalb kürzester Zeit gelangte eine Vielzahl an Konsumgütern, die bis dahin das Privileg der höheren Schichten gewesen war, auch in die Reichweite eines großen Teils der Gesellschaft. Zudem stiegen ebenfalls die Konsummöglichkeiten: Ein höheres Einkommen, ein erweitertes Produktangebot sowie das Wegfallen rechtlicher Konsumbeschränkungen begünstigte die folgende „Konsumrevolution“ (a.a.O., 21). Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es durch die Gründung einer neuen Art von Geschäften in Frankreich, den magasins de nouveautés, eine erste Revolution innerhalb des Einzelhandels. Diese neumodischen Geschäfte zeichneten sich durch eine größere Warenauswahl und einen schnelleren Warenumschlag aus. Insbesondere aufgrund neuer Verkaufstechniken stellten diese Geschäfte die Vorreiter des ersten Kaufhauses da (vgl. a.a.O., 81).

Das daraus entstandene Konsumverhalten war im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts bereits so verbreitet und die „Akzeptanz kommerzieller Einstellungen schon so durchdringend“ (a.a.O., 51), dass dies als Vorreiter der heutigen Konsumgesellschaft – auch wenn noch nicht mit all den Ausprägungen – gelten kann (vgl. ebd.).

Jäckel chronologisiert die Entwicklung des Konsums wie folgt: In den 1950er Jahren konzentrierte sich das Konsumverhalten in der Bundesrepublik Deutschland auf die Wiederbeschaffung lebensnotwendiger Produkte. Die damaligen Lebensumstände veränderten sich in den 60er Jahren allerdings so maßgeblich, dass sich auch das gesellschaftliche Konsumverhalten weiterentwickelte. Zu dieser Zeit herrschte eine verstärkte Nachfrage nach Einrichtungs-gegenständen für Wohnung und Haus, darüber hinaus wurden Personenkraftwagen erschwinglicher und relevanter. Im Jahr 1962 wurde in der Bundesrepublik Deutschland eine solche Vielzahl an Gütern produziert, dass sich das stetige Konsumieren schon beinahe zu einer gesellschaftlichen Pflicht entwickelte (vgl. Jäckel 2004, 154). Das Treffen rationaler Kaufentscheidungen benötigte aufgrund der allmählichen Unüberschaubarkeit des expandierten Konsum-gütermarkts professionelle Unterstützung in Form von ausgebildeten Verkäufern (vgl. a.a.O., 105). In den 1970er Jahren tendierte das Konsumverhalten ebenso in Richtung immaterieller Güter, wie zum Beispiel der allmählich expandierende Freizeitmarkt, der nun unter verstärkter Nachfrage stand. Dieser Trend setzte sich in den 1980er und 1990er Jahren fort und dehnte sich weiter aus (vgl. a.a.O., 154). Immer mehr wurde der pragmatische Versorgungskonsum durch unterschiedliche Formen der Konsumlust und Beschaffungslust überdeckt, die Einkaufen ein Stück weit als ein unterhaltendes Erlebnis gestalten sollten. Der Genuss sollte fortan ohne Schuldgefühle möglich und für jedermann verfügbar sein, „damit einher geht eine Neubewertung des Verhältnisses von Askese und Konsum“ (a.a.O., 259).

Stihler entgegnet dieser Auffassung der historischen Konsumentwicklung, dass die Produktionssteigerung, die durch die Industrielle Revolution erst möglich wurde, eben nicht auf ein Reservoir ungedeckten Bedarfs gestoßen ist, das nur angezapft werden wollte. Die Bedürfnisse der Gesellschaft wurden gezielt geweckt und das mithilfe von bewussten Marketing-Strategien, die auch heute noch Anwendung finden (vgl. Stihler 1998, 5). Bereits im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Kultur, insbesondere die der Mittelschicht, immer mehr zu einer Konsumkultur, welche mit institutionalisiertem Muster an Werten und Beziehungsformen einherging, das auf dem Kaufen und Ge- bzw. Verbrauchen von Gütern basiert (a.a.O., 92). Zudem entstand eine beträchtliche Konsumneigung, die unbefriedigte Sehnsüchte und neue Bedürfnisse initiierte, insbesondere ausgelöst durch die neuen Techniken des Massenmarketings: Jener technische Fortschritt des Massen-marketings, die damit einhergehende Verführungskraft und die zu dieser Zeit stetig steigende Warenfülle entfesselten eine immense Kaufkraft und Kauflust innerhalb der mittleren und sogar der unteren Gesellschaftsschichten (vgl. a.a.O., 93). Das damalige zentrale Motiv, welches hinter dem Konsumverhalten stand und den Wunsch nach sozialem Aufstieg und Prestige beinhaltete, wurde im 20. Jahrhundert letztlich von dem Streben nach Genuss und emotionalen Erlebnissen reformiert (vgl. a.a.O., 131). Stihler merkt an dieser Stelle an, dass sich ebenfalls im 20. Jahrhundert eine Anspruchsniveausteigerung innerhalb des Konsumverhaltens einschlich. Die Summe der Bedürfnisse und Wünsche wurde selbst bei steigender konsumierter Gütermenge nicht geringer, „sondern vielmehr unbegrenzt“ (a.a.O., 185). Das ständig steigende Anspruchsverhalten erschuf eine Unersättlichkeit der Konsumgesellschaft, welche als eine der hervorstechendsten Eigenschaften des modernen Konsums galt und gilt und sich zu einem unaufhörlichen und ungebrochenen Konsumdrang entwickelte (vgl. ebd.).

Jäckel unterstreicht mithilfe von Galbraith genau diese Gefahr, die mit dem neu entstandenen Konsumverhalten einhergeht und stimmt Stihler in gewisser Weise zu: Der Einzelne weiß heute oft gar nicht mehr, was er sich eigentlich noch wünschen soll. Das, was er ‚will‘, muss erst durch Werbung und geschickte Verkäufer künstlich geweckt werden, muss ihm nahgebracht, muss geradezu hochgepäppelt werden“ (Jäckel 2004, 67, zitiert nach Galbraith 1958, 12).

Stihlers Definition des Begriffs Shopping unterstreicht die hier beschriebene und moderne Unersättlichkeit in Rahmen des Konsumverhaltens: „Unter dem Begriff Shopping bzw. Bummeln versteht man die Betrachtung der Waren eines Geschäfts aus freizeit- oder informationsbezogenen Motiven, ohne die unmittelbare Absicht, einen bestimmten Artikel zu kaufen“ (Stihler 1998, 113). Shopping bedingt also nicht notwendigerweise den Erwerb eines Produktes, vielmehr handelt es dabei um eine Art sinnlichen Konsums, wobei der Konsument Bilder und Impressionen konsumiert, anstatt den Fokus auf materielle Güter zu legen (vgl. ebd.). Stihler zitiert an dieser Stelle Haudenschild (1998), welcher Shopping als „eine Entdeckungsreise im Schlaraffenland des unbegrenzten Güterangebots“ (ebd., zitiert nach Haudenschild 1998) bezeichnet.

Peter Gross bringt durch einen weiteren Kommentar zur modernen Konsumgesellschaft und unter Einbeziehung eines banalen Beispiels das Verhalten der heutigen Multioptionsgesellschaft auf den Punkt:

„Wer heute eine Brille braucht, kauft nicht mehr einfach nur eine Sehhilfe, sondern ein modisches Accessoire. (…) Schon bei der Wahl des richtigen Gestells stellen sich so verwirrend viele Optionen für den Käufer, dass bei jeder getroffenen Entscheidung das beunruhigende Gefühl bleibt, eine vielleicht bessere Möglichkeit nicht genutzt zu haben“ (Jäckel 2004, 153 f., zitiert nach Gross 2001).

Eben diese Entscheidungsvielfalt und der damit einhergehende Individualismus der Gesellschaft sind maßgebliche Anstöße für unsere heutige Konsumbezogenheit. Für einen immer größeren Teil der Gesellschaft wurde der Konsum von Gütern „ein fundamental wichtiges Mittel bei der Entfaltung der individuellen Persönlichkeit“ (Stihler 1998, 143). Insbesondere der Konsum von Modegütern unterstützte jene persönliche Entfaltung und Individualisierung.

In nahezu keinem Bereich lässt sich das Wachstum und die Wichtigkeit des Konsums deutlicher erkennen als in der Mode. Mode wurde bereits schon vor dem 18. Jahrhundert konsumiert, allerdings unter Berücksichtigung strenger Vorgaben. Der Kleidungsstil war schichtspezifisch klassifiziert, aufgrund dessen war der Konsum von Mode als Genuss und Selbstexpression zu dieser Zeit noch nahezu undenkbar. Schon bald kündigte sich jedoch der folgenreiche Wandel an: (Mode-)Güter, die in vorindustrieller Zeit nur zwecks des Bedarfs und der Klassifizierung beschafft wurden, erwarb man im 18. Jahrhundert aus ästhetischen und sinnlichen Modegründen (vgl. a.a.O., 20). Die Mittelschicht unterschied sich nun kaum mehr von einem Edelmann, der kleine Handwerker kaum von einem reichen Händler und sogar der Dienstbote trug die gleiche Kleidung wie sein Herr. Alle Bürger hatten – durch die neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten – die Chance, den anderen mit seinen Kleidern zu übertreffen und die Manieren der Oberschicht nachzuahmen (vgl. a.a.O., 33). Das Streben nach Mode und der damit einhergehende Ausdruck der persönlichen Individualität wirkten fast schon wie eine Epidemie, die immer größere Ausmaße annahm. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde es nahezu zur Pflicht, Mode nicht nur als Klassifizierungsmittel, sondern als ein Genuss- und Ausdrucksmittel zu konsumieren (vgl. a.a.O., 51). Weitergehend beschreibt Hellmann, unter Einbeziehung eines Kommentars von Georg Simmel, die Ausmaße und die Veränderung des Konsumverhaltens in der Mode als einen reinen Nachahmungseffekt, durch welchen eine universale Mitgliedschaft vermittelt wird (vgl. Hellmann 2013, 15, zitiert nach Simmel 1995). Somit konnte jedermann fortan und mithilfe modischer Aussagen selbst entscheiden, welcher Gruppe er sich (nicht) zugehörig fühlen mochte.

[...]


[1] SHOP a MAN wurde anhand eines speziellen Konzepts entwickelt, welches ausschließlich darauf ausgerichtet war, dass Frauen einen Mann shoppen können, wie sie es von anderen Online-Shops gewohnt waren. Dieses Konzept setzte sich nicht durch – die Seite wurde bereits vor einiger Zeit geschlossen.

[2] Das Erheben von Feldnotizen zählt – neben anderer hier beschriebener Strategien – zu den zentralen ethnografischen Verfahren zur Datendokumentation. Der Begriff Feldnotiz bietet bereits eine nahezu selbsterklärende Definition: Ziel dieses Verfahrens ist es, Beobachtungen, Erfahrungen und Erlebnisse, die man als Forscher im Feld, d.h. auf zu erforschender Fläche/ in zu erforschender Umgebung, macht, systematisch in brauchbare Daten umzuwandeln. Feldnotizen (oder auch fieldnotes) sind - dank unmittelbarer Verschriftlichung - selten verfälscht, wohingegen headnotes sich im Laufe der Zeit ändern können. Ethnografie bedient sich daher an einem Wechselverhältnis zwischen genau diesen fieldnotes und headnotes (Halbmayer, Salat 2011).

[3] Der Wahrheitsgehalt innerhalb einer Narration sollte nicht missachtet werden. Es sollte davon ausgegangen werden, dass jede Selbstdarstellung subjektiv, zeitbezogen und voreingenommen ist. So sollte sich jeder Leser einer Autoethnografie die Frage stellen, wie objektiv wahr eine solche Erzählung tatsächlich sein kann und eventuelle Unwahrheiten als Teil der ästhetischen Absicht sehen (Adarve 2007, 13).

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Moderne Partnersuche mit Dating-Apps. Ist Online-Dating wie Online-Shopping?
Autor
Jahr
2018
Seiten
62
Katalognummer
V439298
ISBN (eBook)
9783956876493
ISBN (Buch)
9783956876516
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine wissenschaftliche Erarbeitung persönlicher Erlebnisse
Schlagworte
Autoethnografie, Tinder, Partnersuche, Online-Shopping, Dating-Apps, konventionelle Partnersuche, Artefaktanalyse, H&M, Ebay, Amazon, Konsumsoziologie, Konsumverhalten, Ellis, Tradition, Moderne, Dating, App, Liebe, Transformation der Liebe, Illouz, Konsum, Digitalisierung, Partnerbörse, SHOP a MAN
Arbeit zitieren
Giulia Will (Autor), 2018, Moderne Partnersuche mit Dating-Apps. Ist Online-Dating wie Online-Shopping?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439298

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Moderne Partnersuche mit Dating-Apps. Ist Online-Dating wie Online-Shopping?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden