Die moralischen Verpflichtungen des Individuums in Anbetracht des Klimawandels


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Das Individuum

2 Theoretische Grundlage

3 Handlungsfelder des Individuums
3.1 Konsumverhalten im Alltag
3.2 Nicht-konsumorientierte Handlungsoptionen

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das größte Problem der modernen Welt wurde disziplinübergreifend erkannt. Es heißt: Klimawandel. Viele Einzelheiten sind in der Wissenschaft noch umstritten, aber die grundsätzliche Problematik, dass sich das Klima verändert und auch, dass die Menschheit dazu beiträgt, ist seit einigen Jahren Konsens. Die Auswirkungen der globalen Erwärmung sind schon jetzt zu spüren, allerdings häufig nicht durch steigende Temperaturen, sondern durch härtere Winter, stärkere Unwetter oder fehlende Niederschläge. In Europa starben 540 Menschen bei eisigen Temperaturen im Winter 2011/12[1]. Noch reagieren wir durch Aufstockung des Heizmaterials. Aber wer heizt die Tier- und Pflanzenwelt? Das Artensterben ist auf einem Höhepunkt wie das letzte Mal zum Ende des Dinosaurier-Zeitalters. Wie kommt es dazu? Die Verbrennung fossiler Rohstoffe z.B., setzt CO₂ frei, welches in der Atmosphäre wie eine Decke wirkt und die Sonnenenergie zwar hereinlässt, aber verhindert, dass sie wieder abgegeben wird. An diesem Effekt sind noch eine Reihe anderer Gase beteiligt, z.B. Methan und Stickoxide. Diese werden mit ihrer Verweildauer in der Atmosphäre und ihrem Wirkungsgrad auf CO₂-Äquivalente umgerechnet, woraus sich die Bezeichnung CO-equivalents ergibt (CO₂e). Immer wieder scheint es notwendig der Bevölkerung den Unterschied zwischen Wetter und Klima deutlich zu machen und zu erklären, dass wir nicht auf schönere Sommer und ausgedehntere Badesaisons zusteuern. Die Erwärmung des Klimas hat eine ganze Reihe von Auswirkungen, deren Geschwindigkeit für Mensch und Natur unkontrollierbar ist.

Die Meere übersäuern, die Wälder werden von Stürmen entwurzelt, die Küsten überfluten. Für Mensch und Tier bricht eine schwere Zeit an. Finanzielle Aufwendungen für Anpassungsmaßnahmen, vermehrte Energiekosten und Katastrophenschutz kommen hinzu. Der Druck wird immer stärker: es muss etwas getan werden.

Viele setzen auf besonders effektives Handeln großer Akteure: Politiker, global agierende Unternehmen, große Konzerne. Diese Giganten sind allerdings schwerfällig und in einem Wirtschaftssystem verankert, in dem Ausbeutung von Mensch und Natur bisher durch Erfolg honoriert wurde. Den benötigten Wandel herbeizuführen braucht somit mehr als diese Ansätze. Der Wandel braucht das Individuum. Aber kann denn ein normaler Bürger überhaupt etwas bewirken? Und kann man verlangen, dass im hektischen Alltag auch noch Einschnitte gemacht werden um das Klima zu schützen? Mit einem Überblick über Handlungsoptionen im Alltag, möchte ich in dieser Arbeit die Frage klären: Welche moralischen Verpflichtungen hat der Einzelne sein Handeln in Anbetracht des globalen Klimawandels zu verändern?

Laut Daten analysiert von Edgar G. Hertwich und Glen P. Peters in „Carbon Footprint of Nations” beträgt der durchschnittliche Ausstoß von CO₂ und anderer relevanter Gase (im Folgenden CO₂e genannt) im Jahr für einen deutschen Bundesbürger 15,1 t. Dieser Wert berücksichtigt auch Emissionen, die bei der Produktion von Importware in anderen Ländern entstehen. Die meisten Rechnungen beziehen sich allerdings nur auf den CO₂e-Ausstoß im eigenen Land. CO₂-Rechnungen lassen sich daher nur schwer vergleichen und können leicht zur Verwirrung in der Klimadebatte beitragen. Eine genaue Aufschlüsselung ihrer Werte bietet das Bayerische Landesamt für Umwelt, es spricht von insgesamt 10,88 t, von denen 1,24 t im öffentlichen Raum emittiert werden: Z.B. durch Verwaltung, Bildungswesen, Sozialwesen und Infrastruktur. Es sind also ca. 8,64 t CO₂e im Jahr für die jedes Individuum selbst verantwortlich ist. Die „verträgliche Quote” - die Menge an klimawirksamen Gasen, die unsere Umwelt absorbieren kann - wird vom Bayerischen Landesamt für Umwelt mit 2,50 t pro Person und Jahr angegeben. Auch bei diesem Wert gibt es Uneinigkeit. Hartwich und Glenn sprechen z.B. von nur einer Tonne CO₂e-Emissionen pro Person und Jahr.

Der Durchschnittsverbrauch pro Kopf der Welt beträgt 5,6 t CO₂e pro Jahr (World Resource Institute). Der Handlungsbedarf ist demnach groß. Da es sich hier um einen Durchschnittswert handelt, muss es auch Regionen geben, in denen die Menschen weniger Klimagase verursachen. An den Zahlen wird deutlich, dass es in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich viel Potenzial zur Reduktion gibt. Das Individuum, welches ich im Folgenden auffordern möchte zu handeln, ist jemand, dessen CO₂e-Ausstoß weit über dem Weltdurchschnitt liegt.

1 Das Individuum

Es wird immer wieder behauptet, dass die verlangten Einschränkungen zu stark wären, und an die Essenz des Individuums gehen würde: „Die Nutzung eines Sparduschkopfes kann 280 kg CO₂ im Jahr einsparen!”, „Energiesparlampen sparen 310 kg CO₂” „Mit dem Bus verreisen spart 320 kg CO₂”. Diese und viele Empfehlungen mehr findet man z.B. auf www.klima-sucht-schutz.de. „Dann kann man ja gar nichts mehr kaufen” ist typisch[2]. Ob es sich um die miserablen Produktionsbedingungen des iPhones handelt - dessen FairTrade Alternative aber bisher auf sich warten lässt - oder um Orangen aus dem fernen Süden. Der Standpunkt der US-Amerikanischen Regierung unter George W. Bush unterstützt diese Sichtweise. Philosophisch könnte ein utilitaristischer Ansatz dahinter stehen. Indem der westliche Bürger seinen Lebensstil aufrecht erhalten kann, würde der größte Nutzen für die gesamte Welt befördert werden, denn: Ein westlicher Bürger leidet aufgrund seiner Gewohnheiten stärker unter einer ausgefallenen Klimaanlage an einem heißen Sommertag, als ein Mensch, der noch nie einen klimatisierten Raum betreten hat. So könnte fast jeder Luxus gerechtfertigt werden. Letzterem Individuum wird allerdings die Chance genommen, für sich zu entscheiden, ob er eher die natürlichen Bedingungen bevorzugt, oder eine Klimaanlage nutzen möchte. Der westliche Lebensstandard steht also gegen die ungenutzten Möglichkeiten der ärmeren Länder.

Unter der Regierung Bush und in Stellungnahmen seiner Partei im aktuellen Wahlkampf, wird eine weitere Frage besonders deutlich: Warum wir? Die Verweigerung von Reduktionsbemühungen geht mit der Forderung einher, Schwellenländer müssten auch in die Pflicht genommen werden. Bevor nicht andere ihren Ausstoß reduzieren, sah sich die USA nicht im Stande Einschnitte zu machen, denn das könnte ihre Wirtschaft belasten, Wachstum dämmen, ja eine Machtverminderung bedeuten. Im globalen Gefüge zwischen Krieg und Frieden mag diese verkrampfte Einstellung zur Macht sogar einleuchten. Einzelpersonen sehen sich allerdings selten mit solchen Zwängen konfrontiert. Aber sie sehen, dass sie nicht im beheizten Outdoorpool sitzen, der Nachbar aber schon. Die Frage, ob ich mit meinen Sparbemühungen nicht eher noch mehr Ressourcen für die anderen freigebe, stellt sich unweigerlich. Was passiert aber, wenn mein Nachbar seinen Pool abschafft? Dann sind es keine effektlosen Sparbemühungen, die mein Handeln beeinflussen. Ich kann mich nicht immer nach Handlungen anderer Leute richten. Moden sind zu schnellen Schwankungen unterlegen, um meinen Lebensstil nach ihnen auszurichten. Dale Jamieson hat eine Erklärung für diese Handlungsweise aufgezeigt: Mein Handeln bewahrt die persönliche Integrität meiner Person, unabhängig von schnell wechselnden Faktoren, wie den Handlungen anderer oder der Gesellschaft. Wenn es also meinen Überzeugungen entspricht, nicht zum Klimawandel beitragen zu wollen, sollte ich mein Handeln nicht an dem Anderer ausrichten. Zusätzlich ist es psychologisch weitaus hilfreicher, sich Gleichgesinnte zu suchen und dem Wachstum ökologischer Interessengruppen zuzusehen und behilflich zu sein.

Um dem Klimawandel beizukommen braucht es also Individuen die charakterliche Integrität beweisen können, außerdem über ihre Umwelt informiert sind und in einem System leben, das ihnen eine Wahl zwischen verschiedenen Produkten und Verhaltensweisen erlaubt. Damit folge ich dem Ability-to-pay Prinzip, denn nur wer gewisse Voraussetzungen erfüllt, kann auch „zahlen” - in Form von Geld, Zeit und Mühe. Denn es steht außer Frage, dass viele der nötigen Veränderungen nicht ohne Aufwand umzusetzen sind.

2 Theoretische Grundlage

Um den Klimawandel abzumildern müssen wir uns also verändern, einschränken, Kraft, Zeit und Geld investieren. Aber warum eigentlich? Welthistorisch betrachtet gab es schon immer Temperaturschwankungen, schon immer gab es Zeiten in denen Arten ausstarben. So interessant sie auch sind, um die Dinosaurier weint niemand. Dass das rasante Sterben heute zum Teil von uns Menschen ausgelöst wird, ist einer der Gründe, warum wir nicht nur Bücher mit Beschreibungen über „das letzte seiner Art” schreiben sollten. Die Frage unserer Schuld am Klimawandel werde ich weiter unten behandeln.

In unserem Alltag fühlen wir oft mit der Natur: Dem „armen” Vogel, der im Winter friert geben wir Futter; für den Fuchs bremsen wir leichtsinnig auf der Straße; manchmal fühlen wir sogar den Durst der Pflanzen, wenn sie die Blätter hängen lassen. Auf der anderen Seite essen wir Pflanzen und Tiere; fällen Bäume um Feuer zu machen, oder einfach zu unserer Freude - kurzlebige Blumensträuße, importiert aus Kenia. Ist dieses Verhalten in Ordnung? Gibt es einen Unterschied zwischen unseren Nutztieren und -Pflanzen und dem Singvogel der diese ungleiche Behandlung rechtfertigt? Antworten darauf versuchen viele zu finden. Ich möchte mit den Ideen des zeitgenössischen Philosophen Peter Singer beginnen.

Im siebenten Teil „How We Should Live” seines Buches „ Unsanctifying Human Life” spricht Singer von einem standardisierten Wertesystem der christlichen Welt, das den Menschen zum Zentrum hat. In diesem System hat die Natur nur insoweit einen Wert, als dass sie vom Menschen genutzt wird, allerdings bemüht sich Singer diesen Nutzen auch auf das Ästhetische auszudehnen, und nicht nur finanziellen oder lebenserhaltenden Nutzen aufzuzeigen. Die „wilde Natur” ist nicht nur dazu gut, vom Menschen betrachtet oder in seine möglichen Ziele eines Ausfluges einbezogen zu werden, sondern auch, um das Klima so zu regulieren, das der Mensch es wiedererkennt. Aber immer noch geht es um den Menschen. Denn in seiner gewohnten Umgebung fühlt er sich sicher. Ein zu schneller Wandel ist nicht im Interesse des Menschen. Singer betont, dass die Bewahrung der Natur, besonders der unberührten Natur, mit dieser christlich-aristotelischen Ethik durchaus begründbar ist. In anderen Fällen, wenn es z.B. um die Fleischproduktion geht, liegt die Sache etwas anders. Hier existieren Tiere nur durch den Menschen und für ihn. Es stellt sich also die Frage, ob die Ländereien, die in Farmland umfunktioniert werden, mehr Wert haben, als die Tiere die nur so leben können.

[...]


[1] http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/eisige-temperaturen-mehr-als-540-kaelte-tote-in-europa/6192668.html

[2] Zu sehen an versch. Publikationen, die sich damit befassen diesen Standpunkt zu revidieren. Z.B. Tim Jackson “Prosperity without Growth: Economics for a Finite Planet”; Al Gore “An Inconvenient Truth: The Planetary Emergency of Global Warming and What We Can Do about It”, National Geographic “Sechs Grad bis zur Klimakatastrophe”

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die moralischen Verpflichtungen des Individuums in Anbetracht des Klimawandels
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1.3
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V439379
ISBN (eBook)
9783668791985
ISBN (Buch)
9783668791992
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klimawandel, Verantwortung, Individuum
Arbeit zitieren
Anja Mittelstedt (Autor), 2012, Die moralischen Verpflichtungen des Individuums in Anbetracht des Klimawandels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439379

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