Bildungstheorien im Zeitalter der Aufklärung. Ein Vergleich von Wilhelm von Humboldt und Johann Friedrich Herbart


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Exkurs: Das pädagogische Jahrhundert

3. Bildung nach Humboldt
3.1. „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“
3.1.1. Kraft
3.1.2. Höchste und proportionierlichste Bildung der Kräfte zu einem Ganzen
3.1.3. Freiheit
3.1.4. Mannigfaltigkeit der Situationen
3.2. „Theorie der Bildung des Menschen“
3.3. Die Bedeutsamkeit der Sprache

4. Bildung nach Herbart
4.1. Die Regierung
4.2. Der Unterricht
4.2.1. Der „Erziehende Unterricht“
4.2.2. Drei weitere Unterrichtsformen
4.3. Die Zucht

5. Der Vergleich zwischen Wilhelm von Humboldt und Johann Friedrich Herbart

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Zeitalter der Aufklärung war für die heutige Pädagogik eines der bedeutsamsten Jahrhunderte, weshalb es auch das pädagogische Jahrhundert genannt wird. Wilhelm von Humboldt und Johann Friedrich Herbart zählen zu den berühmtesten Vertretern der Pädagogik. Humboldt und Herbart lebten nicht nur beide im Zeitalter der Aufklärung, sondern sie verfassten auch unterschiedliche Bildungstheorien, weshalb es sehr interessant ist, diese miteinander zu vergleichen. Doch bevor die Theorien miteinander verglichen werden können, muss zunächst der Hintergrund dieser Theorien durchleuchtet werden. Das heißt, zuerst muss geklärt werden, warum das Zeitalter der Aufklärung auch pädagogisches Jahrhundert genannt wird und vor allem, wodurch dieses Jahrhundert geprägt ist. Wie sah es mit der Pädagogik vor dem Zeitalter der Aufklärung aus und was hat sich im Zeitalter der Aufklärung geändert? Anschließend folgt der direkte Vergleich von Wilhelm von Humboldt und Johann Friedrich Herbart. Hier müssen zuerst beide unterschiedlichen Theorieansätze mit ihren Begrifflichkeiten erörtert werden. Als Vergleichsgrundlage dient das Werk „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (1792) und „Theorie der Bildung des Menschen“ (1793/1794) von Wilhelm von Humboldt und verschiedene Werke von Johann Friedrich Herbart. Nach der Auseinandersetzung mit den beiden Bildungstheorien Humboldts und Herbarts werden zum Schluss noch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Theorien herausgefiltert.

2. Historischer Exkurs: Das pädagogische Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert war das westliche Weltbild vom Absolutismus geprägt. Das heißt, Könige und Fürsten besaßen die alleinige Herrschaft. Die Menschen in diesem Zeitalter gehörten einer Ständegesellschaft an und waren daher von Geburt an einer gewissen sozialen Schicht zugehörig, die unmöglich zu verlassen war. Das Bürgertum hatte keine Privilegien oder Einfluss auf die sozialen Umstände, fügte sich aber dennoch dem gottgegebenen Willen, der die Ständegesellschaft zu dieser Zeit rechtfertigte (vgl. Meyer 2018). Im 18. Jahrhundert begannen sich die Menschen allerdings von diesen alten Denkweisen und Vorstellungen zu befreien und fingen an zu hinterfragen, womit das Zeitalter der Aufklärung begann. Die Aufklärung begann zunächst in Frankreich, England, den Niederlanden und später auch in Deutschland. Die Menschen hinterfragten und kritisierten Staat und Kirche. Für Aufklärer war das Bedeutsamste der Verstand, denn nur durch ihn konnte, ihrer Meinung nach, die reine Wahrheit gefunden werden. Die Epoche der Aufklärung zeichnete sich vor allem durch den Wunsch nach Freiheit, Gleichheit und Demokratie aus. Gelehrte forderten das vernünftige Denken und nahmen an, dass jeder Mensch von Natur aus gut sei, wodurch die Erziehung einen besonderen Stellenwert einnahm. Erziehung sollte die guten natürlichen Anlagen des Menschen kennen und aktivieren, weshalb als Erzieher nur diejenigen in Frage kamen, die selbst bereits aufgeklärt waren. Vor der Aufklärung galten Kinder als kleine Erwachsene und erst in dem Zeitalter der Aufklärung wurde die „Kindheit entdeckt“. Dies war für die heutige Pädagogik ein sehr wichtiger Schritt, weshalb das Zeitalter der Aufklärung auch das pädagogische Jahrhundert genannt wird (vgl. Hermann 1981). Durch die Wichtigkeit des Kindesalters entstand die Notwendigkeit des frühen Lernens. Zwei bekannte Aufklärer, die sich dem Thema Bildung zu dieser Zeit mehr widmeten, waren Wilhelm von Humboldt und Johann Friedrich Herbart. Um die zwei Bildungstheorien miteinander vergleichen zu können, müssen diese erst mal ganz individuell betrachtet werden.

3. Bildung nach Humboldt

3.1. „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“

In „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ definiert Humboldt den wahren Zweck des Menschen:

„Der wahre Zweck des Menschen- nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt- ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist die Freiheit die erste, und unerlassliche Bedingung. Allein ausser der Freiheit erfordert die Entwikkelung der menschlichen Kräfte noch etwas andres, obgleich mit der Freiheit eng verbundenes, Mannigfaltigkeit der Situationen“ (Flitner/Giel 2010, Band I, S.64).

In diesem Zitat wird deutlich, dass vor allem vier zentrale Termini entscheidend sind: die Bildung der Kraft, „die höchste und proportionierlichste Bildung dieser Kräfte zu einem Ganzen“, Freiheit und „Mannigfaltigkeit der Situationen“.

3.1.1. Kraft

Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie basiert auf dem Terminus der „Kraft“. Humboldt ist der Ansicht, dass jeder Mensch „eine innere und ursprüngliche Kraft“ trägt „die sein eigentliches Ich, seinen ursprünglichen Charakter ausmacht“ (ebd., Band I, S.478). In dieser „Grundkraft“, welche das „wahre Apriori im Menschen“ ist, sind eine Vielzahl von unterschiedlichen Kräften vorhanden, wie beispielsweise die Geisteskraft, Sprachkraft und die Einbildungskraft (vgl. Menze 1965, S.100). Humboldt fordert nun von diesen Kräften ihre „höchste und proportionierlichste Bildung der Kräfte zu einem Ganzen“ (ebd., S.100ff.).

3.1.2. Höchste und proportionierlichste Bildung der Kräfte zu einem Ganzen

Der „höchste[n] und proportionierlichste[n] Bildung der Kräfte zu einem Ganzen“ ist, laut Humboldt, die Befreiung der herrschenden Zweckgebundenheit vorausgesetzt. Der Mensch soll die in ihm greifbaren Kräfte so ausbilden, dass keine Kraft die andere unterdrückt oder verdrängt (proportionierliche Bildung) und sich somit alle Kräfte optimal entfalten können (vgl. Sauter1989, S.332.). Um dies zu einem Ganzen zu kombinieren, ist die Distanzierung vom Nützlichkeitsdenken der Bildung erforderlich. Bildung ist nach Humboldt immer nur Selbstbildung. Nur so kann die „höchste und proportionierlichste Bildung der Kräfte zu einem Ganzen“ gelingen. Dies ist der „wahre Zweck den Menschen“, welcher sich jedoch nur verwirklichen lässt, wenn „Freiheit“ und „Mannigfaltigkeit der Situationen“ gegeben sind (ebd., S.332ff.)

3.1.3. Freiheit

Durch Freiheit kann laut Humboldt die menschliche Kraft gesteigert werden. Umso mehr Freiheit der Mensch besitzt, desto eher gelingt die „höchste und proportionierlichste Bildung zu einem Ganzen“ (Battisti 1987, S.74 f.). Im 18 Jahrhundert ist für Humboldt die Freiheit des Menschen genormt, da zu dieser Zeit das Interesse eher an einem brauchbaren Bürger liegt, anstatt an einem selbstbestimmten Menschen (vgl. ebd., S.75f.). Daher fordert Humboldt vom Staat „die größtmögliche Entfaltung der Persönlichkeit zu fördern und zu sichern“ (Freese 1986, S.34) und die Distanzierung gegenüber des Privatlebens der Menschen zu wahren. Allein die „Wahrung der äußeren und inneren Sicherheit“ (Ungern-Sternberg 2005, S.134) ist Aufgabe des Staates. Sobald dieser Zustand in die Realität umgesetzt wird, kann der Mensch sich frei von funktionalen und auch staatlichen Zwängen entwickeln. Jedoch ist für die Bildung der Kräfte nicht nur die Freiheit eine notwendige Bedingung, sondern auch die „Mannigfaltigkeit der Situationen“.

3.1.4. Mannigfaltigkeit der Situationen

Humboldt war sich im Klaren, dass Freiheit allein nicht ausreichend ist, da der Mensch die Tendenz zur Einseitigkeit besitzt. Der Mensch kann „niemals oder nur schwer mehrere Tätigkeiten zugleich verrichten“ (Battisti 1987, S.79). Dieses Problem lässt sich jedoch lösen, in dem der Mensch Freundschaften oder gesellige Verbindungen schließt.

„Die Verbindungen haben einen bildenden Nutzen, da sich Kraft und Verschiedenheit eines jeden Einzelnen in der Originalität vereint. Die Freiheit des Handelns und die Mannigfaltigkeit der Handelnden bringen beständig neue Originalität hervor“ (Flitner/Giel 2010, Band I, S.65).

Somit kennt Wilhelm von Humboldt die Verschiedenheit aller Menschen, denn jeder Mensch sticht für ihn durch seine „Originalität“ hervor. Durch den Kontakt mit anderen Menschen, erfährt der Mensch die Individualität der Anderen und nimmt diese auf, sodass er sich dadurch selbst eine neue „Originalität“ gibt. Durch diesen Prozess wird die „Mannigfaltigkeit der Situationen“ kontinuierlich angetrieben.

3.2. „Theorie der Bildung des Menschen“

Humboldt stellt in seiner Schrift „Theorie der Bildung des Menschen“ den Menschen in den Mittelpunkt und nicht die Kenntnisgewinnung.

„Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit nämlich steht der Mensch, der ohne alle, auf irgend etwas Einzelnes gerichtete Absicht, nur die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Wert und Dauer verschafffen will“ (Flitner/Giel 2010, Band I, S.235).

Kenntnisse sind für ihn erst dann von großer Bedeutung, wenn diese dem Menschen Bildung ermöglichen (vgl. Flietner/Giel 2010, Band I, S.235). Unter Bildung versteht er jedoch nicht die wahllose Ansammlung und Abspeicherung von Wissen, sondern den richtigen Umgang mit diesem. Die Menschen sollen ihr gewonnenes Wissen reflektieren und dieses dann auch anwenden. Bildung findet also „in dem Dreieck von Denken, Handeln und Welt“ (Wagner 1995, S.29) statt.

„Die letzte Aufgabe unseres Daseins: dem Begriff der Menschheit in unsrer Person, sowohl während der Zeit unseres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch die Spuren des lebendigen Wirkens, die wir zurücklassen, einen so großen Inhalt als möglich, zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung“ (Flietner/Giel 2010, Band I, S.235f.).

Ausschlaggebend für die Bildungstheorie von Wilhelm von Humboldt ist, dass Bildung in einer Wechselwirkung zwischen Mensch und Welt, mit anderen Worten zwischen Ich und Nicht-Ich stattfindet. Die Welt ist dem Ich gegenüber eine „vorausgesetzte, an sich existierende, unabhängige Welt“ (Wagner 1995, S. 30) und das Individuum ist ein Teil dieser Welt. Wenn der Mensch sich nun in dieser Welt bewegt, ist es für Humboldt sehr wichtig, dass dieser sich von der Welt nicht beherrschen lassen soll (vgl. Flietner/Giel 2010, Band I, S.237). Der Mensch soll keine Reproduktion vorhandener Verhältnisse werden, da dies Gleichförmigkeit zur Folge hätte. Die Menschen sollen das Aufgenommene aus der Welt in ihrem Inneren so ändern, dass eine Einheit aus dem Vorhandenen und Neuerworbenen entsteht. Die Welt besteht aus einer Vielzahl von Individuen, die sich wiederrum durch ihre Eigentümlichkeit auszeichnen, wodurch eine Allheit der Welt entsteht. Wenn der Mensch sich nun zu bilden versucht, muss er die Allheit in eine Einheit umwandeln. Dies gelingt jedoch nur, wenn er Dinge in der Welt nicht einfach hinnimmt, sondern sie geistig verarbeitet. Wichtig hierbei ist, dass nicht nur die Welt den Menschen bildend beeinflusst, sondern der Mensch auch die Welt, denn durch ihn steigert sich die Vielfalt der Welt (vgl. Flietner/Giel 2010, Band I, S.237 ff.). Laut Humboldt ist der Mensch also auf die Welt angewiesen, wenn er sich bilden will und treibt gleichzeitig die Allheit der Welt voran. Damit der wechselseitige Austausch zwischen Welt und Ich gelingt, wird ein gewisses Hilfsmittel, die Sprache, verwendet.

3.3. Die Bedeutsamkeit der Sprache

Die Sprache steht dem Menschen seit seiner Geburt zu und gehört ihm somit „selbst an, sie hat und kennt keine andere Quelle“ (ebd., Band III, S.154). Aus diesem Grund kann laut Humboldt die Sprache vom Menschen nicht erfunden sein. „Sprache ist somit mit der Natur des Menschen selbst gegeben. Ohne sie kann er keinen Standpunkt in der Welt beziehen, lassen sich seine Kräfte nicht entwickeln“ (Menze 1988, S. 312). Bildung vollzieht sich nach ihm immer über die „Entfremdung“. Der Mensch lässt zunächst die getätigte Mitteilung seines Gegenübers auf sich einwirken. Wenn nun das Geäußerte von dem Empfänger genauso verstanden wird, gibt es keine „Entfremdung“.

Jeder Mensch gilt als Individuum, was bedeutet, dass zwei Menschen nie identisch sein können, womit Verstehen nicht als genaue Übereinstimmung zu verstehen ist. Humboldt sagt dazu:

„Die Menschen verstehen einander nicht dadurch, dass sie sich gegenseitig bestimmen, genau und vollständig denselben Begriff hervorzubringen, sondern dadurch, dass sie gegenseitig in einander dasselbe Glied der Kette ihrer sinnlichen Vorstellungen und inneren Begriffserzeugungen berühren, dieselbe Taste ihres geistige Instruments anschlagen, worauf alsdann in jedem entsprechende, nicht aber dieselben Begriffe hervorspringen“ (ebd., Band III, S. 559).

Humboldt ist somit der Ansicht, dass eine „Entfremdung“ Voraussetzung für den Bildungsprozess ist, denn für ihn ist das Verstehen eigentlich ein Nicht-Verstehen.

„Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andre, und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort. Alles Verstehen ist daher immer zugleich ein Nicht-Verstehen, alle Uebereinstimmung in Gedanken und Gefühlen zugleich ein Auseinandergehen“ (Flietner/Giel 2010, Band III, S.228).

Damit nun geäußerte Mitteilungen nicht bedenkenlos übernommen werden, muss die Rückkehr der Entfremdung erfolgen, was allein durch den Denkprozess geschieht. Sprache umfasst somit nicht nur das Sprechen, sondern auch das Denken. Dies lässt sich auch daran erkennen, dass ohne Sprache Denken aussichtslos wäre, da es unmöglich wäre einen Gedanken zu formulieren (vgl. Hoberg 1987, S.40). Die Sprache dient somit als Kommunikationsmittel und trägt gleichzeitig zur Bildung eines jeden Individuums bei.

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Details

Titel
Bildungstheorien im Zeitalter der Aufklärung. Ein Vergleich von Wilhelm von Humboldt und Johann Friedrich Herbart
Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V439436
ISBN (eBook)
9783668793095
ISBN (Buch)
9783668793101
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildungstheorien, zeitalter, aufklärung, vergleich, wilhelm, humboldt, johann, friedrich, herbart
Arbeit zitieren
Johanna Hoffmann (Autor), 2018, Bildungstheorien im Zeitalter der Aufklärung. Ein Vergleich von Wilhelm von Humboldt und Johann Friedrich Herbart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439436

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