Jugendsprache im mehrsprachigen Kontext. Das Kiezdeutsche


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Jugendsprache
2.1 Jugendsprachforschung
2.2 Funktionen und Merkmale

3 Jugendsprache im mehrsprachigen Kontext
3.1 Mehrsprachigkeit
3.2 Kiezdeutsch

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Jugendsprache ist seit jeher ein spannendes Thema, denn das Stirnrunzeln und Kopfschütteln der Nichtjugendlichen über diese Sprache war und ist schon immer allgegenwärtig. Oft wird die Sprache der Jugendlichen bemängelt und sogar als Grund für den sogenannten Sprachverfall angesehen. Jedoch bediente sich sogar Goethe schon im 18. Jahrhundert, wie viele Studierende seiner Zeit, zum Beispiel dem Präfixoid sau- in seiner hyperbolischen Funktion (Saupech, Sautreffer) und grenzte sich somit sprachlich stark ab von den sogenannten Philistern (vgl. Neuland 2008: S. 98), also engstirnigen Spießbürgern, die so ganz anders als seine Altersgenossen und Kommilitonen waren. Heute mag man das Intensivierungsformativ sau- auch in anderen Varietäten als der Jugendsprache finden, was ein Indiz für die Wechselwirkungen der Varietäten darstellt (vgl. Androutsopoulos 1998: S. 590). Besonders anschaulich wird mit Hilfe dieses Beispiels auch, dass keine andere Varietät solch einem stetigen Wandel unterworfen und so schnelllebig ist, wie die Jugendsprache. Was gestern in war, ist heute out. Nicht ohne Grund wird jährlich das Jugendwort des Jahres gekürt oder immerfort ein neues Wörterbuch zur aktuellen Jugendsprache publiziert. Wenn man derzeit Jugendliche in der Öffentlichkeit dabei beobachtet, wie sie mit Altersgenossen kommunizieren, ist es nicht ungewöhnlich, wenn mal Sätze wie Yallah, Bus kommt, lass‘ gehen! oder Selam Bra, was geht? fallen. Dies geht ungemein mit Migration, Verstädterung, Globalisierung und Medieneinfluss einher. Aus diesem Grund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit Jugendsprache im mehrsprachigen Kontext. Um die Verortung der Jugendsprache innerhalb der Varietätenlinguistik nachzuvollziehen, folgt eingangs eine kurze Erläuterung zu Sprachvarietäten bzw. ihren Klassen. Im weiteren Verlauf soll der Begriff der Jugendsprache sowie ihre bisherige Erforschung erörtert und in den Kontext der kulturellen und sprachlichen Diversität gebracht werden. Zur Veranschaulichung folgt anschließend die Darstellung des Kiezdeutschen samt Merkmalen und Funktionen.

2 Jugendsprache

„Sprich‘ mal ‚richtiges‘ Deutsch!“ heißt es, wenn sich ein junger Mensch ‚falsch‘ ausdrückt. ‚Falsch‘ ist dann meistens alles, was nicht Standarddeutsch ist, doch es gibt nicht nur ‚das eine‘ Deutsch. Die deutsche Sprache ist vielseitig und besitzt wie jede andere natürliche Sprache auch diverse Varietäten und genau diese Heterogenität untersucht die Varietätenlinguistik. Hierbei soll keine dieser Varietäten besser oder schlechter gewertet werden als der Standard, sondern dargestellt, von welchen Faktoren die Nutzung dieser abhängig ist. Zeit, Raum, soziale Schicht und Situation sind solche Faktoren. In der Varietätenlinguistik spricht man hier von vier großen Varietätenklassen:

- die diachronischen (historischen) Varietäten, die sich auf unterschiedliche Zeitabschnitte im Lauf der Sprachentwicklung beziehen,
- diatopische (dialektale) Varietäten, die der unterschiedlichen geographischen Verteilung entsprechen,
- diastratische (soziolektale) Varietäten, die von den verschiedenen sozialen Gruppen benutzt werden,
- diaphasische (situative) Varietäten, die in unterschiedlichen Situationen bzw. Domänen verwendet werden (Neuland 2008: 67 f.).

Dementsprechend ist Jugendsprache nach Sinner (2014: S.154) in erster Linie als diastratische Varietät anzusehen, da ihre Sprecher zur sozialen Gruppe der Jugendlichen gehören, in zweiter Linie ist sie als diaphasisch zu betrachten, da man abhängig vom Kommunikationspartner bzw. von situativen Bedingungen von ihr Gebrauch macht. Busse (2006) teilt sprachliche Varietäten wiederum in sogenannte „Ebenen der Variation“ ein, weshalb die Jugendsprache als Gruppensprache auf der sozialen Ebene zu verorten ist (S. 7). Hierbei wird jedoch darauf hingewiesen, dass die Ebenen nicht als festgelegte Einheiten zu sehen sind, sondern zwischen ihnen Wechselwirkungen (sozial ↔ regional, sozial ↔ funktional, sozial ↔ situativ) entstehen (ebd.). Festhalten kann man hier jedoch, dass Jugendsprache auf jeden Fall sozial- und situationsgebunden ist.

Doch was genau ist Jugendsprache? Man meint, das Wort sei selbsterklärend: Die Sprache der Jugendlichen. Doch so einfach es scheint, sorgte dieser Begriff nicht selten für Missverständnisse, denn schon hier stellt sich die Frage, wer denn jugendlich ist? Kann man das so genau eingrenzen? Hierzu gibt es viele Meinungen, wie etwa aus der Psychologie, Biologie etc.

„Je nach Quelle findet sich eine Alterszeitspanne von ca. 13 bis ca. 19 (daher engl. teenager), bis 20, 21 (etwa im deutschen Jugendrecht), 24 oder mehr Jahre“ (Sinner 2014: 154; Hervorhebung im Original). In einer Zeit, in der Ausbildungszeiten verlängert werden und Berufseintrittsalter steigen, wird es immer schwieriger, Jugend mit einer Alterszeitspanne zu definieren, weshalb sich schon Buschmann nicht auf Zahlen festgelegt hatte, sondern

Jugendliche als „Menschen, die die biologische Reife erreicht haben, aber nicht die soziale“ (1994: 219 f.) bezeichnete.

Ein weiteres Missverständnis brachte die Begrifflichkeit der Jugendsprache ein, denn dieser implizierte, dass es sich hier um nur eine Sprache handelte, wobei Jugendsprache weitere gruppenspezifische Sprachen (z.B. Szenesprachen) beherbergt.

Im Folgenden soll die bisherige Jugendsprachforschung mit ihren Erkenntnissen und Problemen dargestellt werden. Im Anschluss werden dann einige wenige Besonderheiten wie Merkmale und Funktionen der Jugendsprache dargestellt.

2.1 Jugendsprachforschung

Die Jugendsprachforschung entwickelte sich vorerst langsam. Ihren Vorläufer stellt tatsächlich die in der Einleitung angedeutete sogenannte Studenten- bzw Burschensprache des 18. und 19. Jahrhunderts dar (vgl. Neuland 2008: S. 91). Doch die letztliche Jugendsprachforschung unserer Zeit nimmt ihren Lauf erst nach 1945, als sich durch englischsprachige Einflüsse (Halbstarke, Rock’n’Roll-Szene) eine neue Jugendkultur herausbildet (vgl. Schlobinski & Heins 1998: S. 10), in der Schauspieler wie James Dean (…denn sie wissen nicht was sie tun) zu Jugendidolen werden.

So ziehen sich verschiedene Phasen der Jugendsprachforschung durch, bis ab den 80er Jahren die Rede von einer linguistischen Jugendsprachforschung ist. Neuland (vgl. 2008: S. 23) spricht von einer Forschungsproblematik, die bis dato darin zu begründen war, dass keine authentische Datenbasis vorhanden war, da sich sogenannte erwachsene Outsider auf ihre veralteten Anekdoten bezogen. In den 90er Jahren stellt Schlobinski (1998) letztlich die These der Jugendsprachforschung als „de[n] Mythos von der Jugendsprache “ (S. 10; Hervorhebung im Original) auf, in der die bisherige

Jugendsprachforschung einer kritischen Prüfung unterzogen wird. Es wird Anspruch auf realistische Forschung erhoben, indem mit Hilfe von authentischen Sprechweisen der Insider Jugendsprache untersucht werden kann.

Demzufolge wendet man sich endlich von der irreführenden Vorstellung ab, dass die Jugend und ihre Sprache als homogen zu betrachten sind. Diese wichtige Erkenntnis ist unumgehbar für die moderne Jugendsprachforschung, weshalb auch keinesfalls von der Jugendsprache gesprochen werden kann, da diese auch so divers ist wie ihre Sprecher. So verfügen zum Beispiel Skater, Computerfans, HipHop-Anhänger oder Punks über unterschiedliche sprachliche Repertoires, um sich sowohl voneinander als auch von der restlichen Gesellschaft abzugrenzen (vgl. Neuland 2011: S. 17).

2.2 Funktionen und Merkmale

Die linguistische Sprachforschung hat zudem zahlreiche Befunde zur Funktion von Jugendsprache und ihrer sprachlichen Merkmale zu verzeichnen. Im Folgenden soll dargestellt werden, was Jugendliche mit ihrer Sprache bezwecken und wie sich dies äußert.

Hierzu unterteilt Baradaranossadat die Funktionen in Identitätsbildung und Distinktion und Kreativität und Innovation, wobei sie betont, dass diese nicht gesondert zu betrachten sind, da Jugendliche sich zeitgleich durch Sprache sowohl abgrenzen als auch kreativ mit Sprache umgehen können (vgl. S. 26 ff.). Sinner (2014) wiederum greift die erstere Funktion nochmals auf und unterteilt diese in die sogenannte „kryptische Funktion“ (Distinktion) und „identitäre Funktion“ (Identitätsbildung) (S. 155), welche dazu dienen, die Zugehörigkeit zu einer peer group zu bestimmen. Braun (1993), der Jugendsprache in der Sondersprache angesiedelt sah, betonte, dass Sondersprachensprecher sich ihrer Gruppensprachen bedienen, um nicht nur ihre eigene, sondern auch ihre Gruppenidentität zu schaffen und zu wahren, um sich von anderen Gruppen oder der übrigen Gesellschaft abzugrenzen (vgl. S. 9).

Es steht also außer Frage, dass Jugendsprache eine identitätsstiftende Funktion hat, denn in keiner Lebensphase ist Identitätsfindung von solch großer Bedeutung wie dieser, weshalb Henne dies schon wie folgt 1986 beschreibt: „Jugendsprache bezeichnet spezifische Sprech- und Schreibweisen, mit denen Jugendliche ihre Sprachprofilierung und damit ein Stück Identitätsfindung betreiben“ (S. 27).

[...]

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Details

Titel
Jugendsprache im mehrsprachigen Kontext. Das Kiezdeutsche
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Sprachvarietäten des Deutschen
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V439487
ISBN (eBook)
9783668792654
ISBN (Buch)
9783668792661
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendsprache, Mehrsprachigkeit, Kiezdeutsch, Sprachvarietäten, Türkendeutsch, Varietätenlinguistik, HeikeWiese, EvaNeuland, multiethnisch
Arbeit zitieren
Esra Sahin (Autor), 2018, Jugendsprache im mehrsprachigen Kontext. Das Kiezdeutsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439487

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