Der Teufelspakt in Adelbert von Chamissos Erzählung "Peter Schlemihls wundersame Geschichte"


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

Das Motiv des Teufelspakts taucht recht häufig in der Literatur auf und besonders in den Werken des Mittelalters erfreute es sich größter Beliebtheit. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, dass auch in der Epoche der Romantik eine Vielzahl von Autoren wie etwa Wilhelm Hauff, E.T.A. Hoffman oder auch Friedrich de la Motte Fouqué auf dieses Motiv zurückgriffen, wird ihnen doch häufig eine rückschrittliche Verherrlichung des Mittelalters vorgeworfen.1 Zwar hat sich auch Adelbert von Chamisso an der Wiederbelebung des Teufelspaktmotivs beteiligt, seine Verwendung des Motivs in der Novelle Peter Schlemihls wundersame Geschichte lässt jedoch nicht mehr viel von dem mittelalterlichen Ursprung des Motivs erkennen.

Chamisso, der 1789 als Kind französischer Adliger vor den Revolutionären aus Frankreich fliehen musste, benutzt das Motiv als Metapher, um auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland auftraten, aufmerksam zu machen. Die konstitutionellen Reformen, die den Weg von einer feudalen zu einer bürgerlichen Gesellschaft ebneten, führten gleichzeitig zu einem ökonomischen Wandel, welcher die Industrialisierung und den Aufstieg des Kapitalismus einläutete. Unter Berücksichtigung dieses gesellschaftlichen Kontexts und mithilfe von Vergleichen mit dem Teufelsbündnis aus der Historia des Dr. Johann Fausten aus dem Jahr 1587 soll untersucht werden, wie und mit welchem Effekt Chamisso sich von der mittelalterlichen Tradition des Motivs entfernt.

Bevor die verschiedenen Elemente von Chamissos Teufelspakt - nämlich die Teufelsfigur, der Verlauf des Pakts sowie sein Ende - dahingehend betrachtet und interpretiert werden, soll zunächst ein kurzer Überblick über die Motivgeschichte helfen, Chamissos Novelle besser einordnen zu können.

2. Der Teufelspakt in der Literatur

Böse Mächte, die den Menschen im Tausch für Macht, Wissen oder die Erfüllung der Liebe an sich binden, gab es schon seit der Antike, aber erst im Neuen Testament, in dem das Böse durch den Teufel personifiziert und die Seele als Gegenpreis für jene Gaben erwähnt wird, erhält der Teufelsbund seine uns heute bekannten Konturen. Seit diesem ersten Auftauchen des Motivs in der christlichen Literatur haben sich sowohl die Darstellung des Teufels als auch die Elemente des Teufelsbundes über die Jahrhunderte hinweg sehr gewandelt.2

Im Mittelalter noch als reale Bedrohung gesehen, tauchte der Teufel als Bündnispartner immer wieder in zahlreichen mittelalterlichen Werken auf, um vor der bewussten Abwendung von Gott und der Kirche durch die Unterwerfung unter das Böse zu warnen. Errungenschaften und besondere Eigenschaften realer Figuren der Geschichte, wie etwa mächtiger Könige oder auch bedeutender Dichter wie Vergil, wurden in christlichen Schriften auf Teufelsbündnisse zurückgeführt. Besonders Vertreter der Naturwissenschaften wie Paracelsus oder auch Galilei wurden aufgrund ihrer Ansichten, die denen der Kirche widersprachen, als Teufelsbündner dargestellt.

Im Zuge der religiösen Unruhen der Reformation taucht das Motiv vermehrt auf, um den Konflikt zwischen den Konfessionen darzustellen. Sowohl die katholische Kirche als auch die reformierte Kirche werden in den Schriften der jeweils anderen Kirche der Teufelsbündnerei bezichtigt. In diesen Kontext ist auch die Historia des Dr. Johann Fausten einzuordnen. In dem Volksbuch aus dem Jahr 1587 wendet sich der wissbegierige Fausten an den Teufel Mephostophiles. Der Teufel verlangt Faustens Treue und seine Seele nach 24 Jahren als Gegengabe für die Mittel, um grenzenloses Wissen anzusammeln. Fausten verbringt die ihm gegebene Zeit mit dem Teufel, sie bereisen die Welt und Fausten wird für einen klugen Wissenschaftler gehalten. Als seine Zeit abgelaufen ist, gibt sich Fausten unter Klagen der Reue und des Selbstmitleids seinem Schicksal hin und wird vom Teufel getötet.

Mit der Aufklärungsbewegung verlor das Motiv zunehmend an Bedeutung.

Durch die geistige und soziale Reformbewegung wurde das Bündnis mit dem Teufel nicht mehr als Realität verstanden, wodurch sich ein neues weniger furchterregendes Teufelsbild entwickeln konnte.

In der Epoche der Romantik tauchte das Motiv wieder vermehrt auf, wobei sich nun neben der Teufelsfigur auch der Charakter des Teufelsbundes gewandelt hat. Konnte der Teufelsbündner im Mittelalter seine erhandelte Macht oder sein neues Liebesglück im Tausch für seine Seele noch genießen, blieb den meisten Teufelsbündnern der Romantik hingegen nicht einmal das gewährt. So is es eben auch in Chamissos Erzählung Peter Schlemihls wundersame Geschichte.

Der Protagonist überlässt dem Teufel seinen Schatten im Tausch für unerschöpflichen Reichtum in Form eines Glückssäckels. Der Handel erweist sich jedoch als unglücklich für Schlemihl, denn aufgrund seiner Schattenlosigkeit bleibt ihm trotz seines Vermögens sowohl gesellschaftliche Teilhabe als auch private Liebe verwehrt. Einzig die Akzeptanz seiner Isolation von der Gesellschaft und der Gang in die Wissenschaft bieten ihm letztendlich einen Ausweg aus dem Teufelspakt.

3. Der ״Graue"

3.1. Abschied von mittelalterlichen Traditionen

Die Deutlichkeit, in der sich Chamisso in seiner Motivverarbeitung von der in der Literatur des Mittelalters bzw. der Reformation abhebt, zeigt sich bereits im Vergleich mit der Vorrede der reforma to rischen Historia des Dr. Johann Fausten. Während in dem Vorwort der Historia der Teufelsbündner Dr. Fausten als hochmütig und zu ehrgeizig beschrieben wird und sein Schicksal als Warnung an alle Menschen dienen soll3, drückt Chamisso in seiner Vorrede Sympathie und Mitgefühl für Schlemihl aus. Er gibt an, die Geschichte seines vermeintlichen Freundes lediglich aufgrund deren Unterhaltungswert aufgeschrieben zu haben.4 Seine Sympathiebekundung gegenüber dem Teufelsbündner SchlemihI macht bewusst, dass Chamisso für eine aufgeklärte Leserschaft schreibt, die sich nicht mehr vor dem Teufel fürchtet. Er löst damit den Teufelspakt von seinem streng religiösen Hintergrund und macht damit eine Metapherisierung des Motivs möglich, welche man bei Chamisso am deutlichsten an der Teufelsfigur selbst sehen kann.

In der christlichen Literatur des Mittelalters lässt sich der Teufel äußerlich als solcher meist eindeutig identifizieren. Um als Abschreckung der Christen von der bewussten Lossagung von Gott dienen zu können, wurde er als mächtiges, grausames und furchterregendes Ungeheuer, oft auch als Schlange, Ziegenbock oder Drache, dargestellt. Auch in der Historia des Dr. Johann Fausten zeigt der Teufel Mephostophiles bei seiner ersten Begegnung mit Fausten seine ganze Macht. Mithilfe von Stürmen, teuflischen Gestalten, lauter Musik und kriegerischen Tänzen versucht Mephostophiles seinen zukünftigen Bündnispartner zu erschrecken. So heißt es: ״wie dann der Teuffel im Wald einen solchen Tumult anhub / als wolte alles zu Grund gehen / daß sich die Bäum biß zur Erden bogen"5

Ganz anders hingegen tritt der Teufel in Chamissos Erzählung erstmals in Erscheinung. Der nächtliche Wald im Spessart weicht einem geselligen Fest bei dem wohlhabenden Thomas John als Kulisse für die erste Begegnung zwischen Teufel und Teufelsbündner. Der Teufel wird als ״stiller, dünner, hagrer, länglichter, ältlicher Mann"6 eingeführt und wird zunächst von SchlemihI unter den Gästen des Herrn John nicht bemerkt. Später wird immer wieder auf das ״devote" und ״bescheidene"7 Verhalten des ״Grauen" aufmerksam gemacht. Er wird als ״verlegen" und ״demütig"8 beschrieben, als er SchlemihI anspricht und ihm letztendlich das Tauschgeschäft vorschlägt. Die Anzahl und Auswahl der Adjektive, die hier die Unterwürfigkeit des Teufels demonstrieren sollen, wirken höchst ironisch, denn die Chamissos ״blasse Erscheinung"9 des Teufels steht im völligen Kontrast zu der Macht demonstrierenden und eindrucksvollen

[...]


1 Vgl. Andreas B. Kilcher, Detlef Kremer: Romantik, s. 42.

2 Bei der folgenden Darstellung wird auf diese Arbeit zurückgegriffen: Elisabeth Frenzei: Motive der Weltliteratur. 6. Auflage. Stuttgart 2013.

3 Vgl. Stephan Füssel, Hans J. Kreutzer (Hrg.): Historia von D. Johann Fausten, s. 5.

4 Vgl. Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersam Geschichte, s. 5.

5 S. Füssel, H. J. Kreutzer (Hrg.): Historia von D. Johann Fausten, s. 16.

6 Chamisso, s. 10.

7 Chamisso, s. 11.

8 Chamisso, s. 13.

9 Chamisso, s. 13.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Teufelspakt in Adelbert von Chamissos Erzählung "Peter Schlemihls wundersame Geschichte"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V439557
ISBN (eBook)
9783668792579
ISBN (Buch)
9783668792586
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Teufelspakt, Adelbert, Chamissos, Peter Schlemihls wundersame Geschichte, Hoffman, Mittelalter
Arbeit zitieren
Sara Hille (Autor), 2017, Der Teufelspakt in Adelbert von Chamissos Erzählung "Peter Schlemihls wundersame Geschichte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439557

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