Die Geldpolitik der EZB von 2008 bis 2013


Seminararbeit, 2013

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

1. Einfuhrende Diskussion

2. Theoretische Betrachtung der Geldpolitik
2.1. Die Europaische Zentralbank
2.1.1. Organisation
2.1.2. Aufgaben der Beschlussorgane
2.1.3. Ziele
2.1.4. Unabhangigkeit
2.2. Ein heterogener Wahrungsraum
2.3. Geldpolitik
2.3.1. Geldpolitischer Transmissionsmechanismus
2.3.2. Die geldpolitische Strategie
2.3.3. Die Instrumente und Verfahren der Geldpolitik
2.3.4. Zielsetzung

3. Okonomische Betrachtung der Geldpolitik
3.1. Die Entwicklung der Geldpolitik
3.2. Inflationsgefahren
3.3. Chancen und Risiken fur Europa

4. Kritische Reflexion

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Im Euroraum hinterlegte Sicherheiten in Mrd. Euro von 2007 bis 2013. Abbildung 2: Entwicklung des HVPI im Euroraum in Prozent von Jan. 2008 bis Aug. 2013. Abbildung 3: Hauptrefinanzierungszinssatz im Euroraum in Prozent von 2008 bis 2013.

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einfuhrende Diskussion

„Die Soziale Marktwirtschaft ist ohne eine konsequente Politik der Preisstabilitat nicht denkbar."

Mario Draghi zitiert Ludwig Ehrhard Wirtschaftstag 2013, Berlin Immer, wenn der President der Europaischen Zentralbank, Mario Draghi, vor die Mikrofone tritt, schauen die GroBen aus Politik und Wirtschaft genau hin. Werden die Zinsen erhoht? Wie schatzt die Zentralbank die Inflation ein? Wie sieht der zukunftige Kurs der Geldpolitik aus? Auf alle diese Fragen erhoffen sich Journalisten, Banker und Politiker Antworten oder oft nur Andeutungen zu erfahren. Dabei betont er regelmaBig, wie wichtig die Wahrung der Preisniveaustabilitat ist. So auch auf dem diesjahrigen Wirtschaftstag in Berlin. Was Noten- banken mit ihren Statements auslosen konnen, konnte im Juni dieses Jahres in den Vereinig- ten Staaten beobachtet werden. Ben Bernanke, Chef des amerikanischen Federal Reserve Sys­tem, auBerte sich zu einem moglichen Ende von Staatsanleihekaufen seiner Bank. Unter- schiedliche Interpretationen seiner Aussagen fuhrten zu Erschutterungen auf den Finanzmark- ten und schickten weltweit die Leitindizes auf Talfahrt. Der Deutsche Aktienindex DAX ver- lor an diesem Tag uber drei Prozent.

GroBer Druck lastet seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 auf der EZB. Dazu kommt die hohe Verschuldung vieler sudeuropaischer Lander, die hohe Risikoaufschlage auf ihre Staats- anleihen zahlen mussen. Da die Entscheidungen, die vom EZB-Rat getroffen werden, weitrei- chende Folgen nach sich ziehen und der europaischen Wirtschaft den Takt vorgeben, werden die Pressetermine der EZB mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Die expansive Geldpoli- tik der EZB, die seit mehr als funf Jahren praktiziert wird, um den europaischen Finanzsektor zu stabilisieren und die damit einhergehenden geldpolitischen SondermaBnahmen, wird auf politischer sowie akademischer Ebene sehr kontrovers diskutiert. Der Streit, inwieweit die EZB bei der Realisierung von Staatsanleihekaufen ihr Mandat uberschritten hat, endete in Deutschland vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Geldpolitik der EZB in den Jahren von 2008 bis 2013 auf theoretischer und okonomischer Ebene zu untersuchen und entscheidende Einflussfaktoren genauer zu analysieren. Speziell soll die Frage beantwortet werden, mit welchen MaBnahmen die EZB versucht, Preisstabilitat in Europa zu gewahrleisten. Zunachst wird auf die theoreti- schen Grundlagen der Geldpolitik eingegangen. Dabei werden der EZB, der Struktur des Wahrungsraumes, der Geldpolitik sowie dem Transmissionsmechanismus einzelne Kapitel gewidmet. Im weiteren Verlauf wird auf die okonomische Betrachtung eingegangen. Beson- dere Aufmerksamkeit liegt hierbei auf der Entwicklung der Geldpolitik und den geldpoliti- schen SondermaBnahmen, die seitens der EZB durchgefuhrt wurden. AuBerdem wurden die Inflationsentwicklung sowie mogliche Chancen und Risiken fur die Eurozone betrachtet. Ne- ben einer abschlieBenden Reflexion wird ein Ausblick auf die zukunftigen Herausforderungen gewagt.

2. Theoretische Betrachtung der Geldpolitik

Einfuhrend sollen die Grundlagen der Geldpolitik auf theoretischer Ebene dargestellt werden. Dabei wird die Organisation der EZB genauer beschrieben. Zunachst wird auf den heteroge- nen Wahrungsraum eingegangen und analysiert, wieso dieser Problematik eine besondere Bedeutung zukommt. AnschlieBend werden die Instrumente diskutiert, die der EZB zu ihrer Zielerreichung zur Verfugung stehen. Letztlich wird der Transmissionsmechanismus be- schrieben und dessen unterschiedliche Wirkungskanale erklart.

2.1. Die Europaische Zentralbank

Die EZB ist eine supranationale Institution, die seit Beginn der dritten Stufe am 1. Januar 1999 zur Realisierung einer einheitlichen Wirtschafts- und Wahrungsunion gemaB dem De- lors-Bericht fur die Ausfuhrung der Geldpolitik verantwortlich ist. Nachfolgend werden die Organisation, die Aufgaben der Beschlussorgane, die Ziele sowie die Unabhangigkeit der EZB erlautert, welche zum Verstandnis unabdingbar sind.

2.1.1. Organisation

Die EZB ist ein Organ der EU und hat seit 1999 die Verantwortung uber die Geldpolitik in der Europaischen Wahrungsunion. Die rechtliche Grundlage der Geldpolitik stutzt sich auf den Vertrag uber die Europaische Union, der spater durch den Vertrag von Lissabon ersetzt wurde, des Weiteren auf den Vertrag uber die Arbeitsweise der Europaischen Union und die Satzung des Europaischen Systems der Zentralbanken. Es gibt innerhalb der EZB drei Be­schlussorgane, wobei nur die beiden Erstgenannten Einfluss auf die Umsetzung und Durch- fuhrung der Geldpolitik haben. Erstens: das EZB-Direktorium, welches aus dem Prasidenten, dem Vizeprasidenten und vier weiteren Mitglieder besteht. Der ehemalige italienische In- vestmentbanker Mario Draghi ist seit dem 1. November 2011 President der EZB. Zweitens: der EZB-Rat, der aus den Mitgliedern des Direktoriums und allen Prasidenten der Notenban- ken besteht, die den Euro als Gemeinschaftswahrung eingefuhrt haben. Jedes Mitglied des Rates besitzt eine Stimme, was zu einer Verzerrung der Stimmenverhaltnisse fuhren kann.

Die Tagungen des EZB-Rates finden in der Regel zweimal monatlich im Eurotower in Frank­furt am Main statt. Drittens: der Erweiterte EZB-Rat, in dem sich der President, der Vizepra- sident und die Prasidenten der 28 EU-Mitgliedstaaten befinden. Dazu zahlen auch die Prasi- denten der Notenbanken, die den Euro zurzeit noch nicht als Gemeinschaftswahrung einge- fuhrt haben.[1]

2.1.2. Aufgaben der Beschlussorgane

Zu den Handlungsfeldern des EZB-Direktoriums gehoren gemaB Artikel 12.1 und 12.2 der Satzung des Europaischen Systems der Zentralbanken unter anderem folgende Aufgaben: die Ausfuhrung der Geldpolitik gemaB der Leitlinien und Beschlusse des EZB-Rats umzusetzen. Des Weiteren die laufenden Geschafte der EZB zu fuhren und die Befugnisse des EZB-Rats auszufuhren sowie die Vorbereitungsarbeiten fur Sitzungen des EZB-Rates zu leisten. Die Realisierung von Leitlinien und Beschlussen, die zur Erfullung der dem Eurosystem zuge- sprochenen Aufgaben dienen, sowie die Festlegung der Geldpolitik im Euroraum sind Aufga- ben, die in den Zustandigkeitsbereich des EZB-Rats fallen. Der erweiterte EZB-Rat, der keine Verantwortung fur die geldpolitischen Beschlusse in der Eurozone tragt, befasst sich primar mit der Koordinierung der Geldpolitiken der Nicht-Eurolander, der Erhebung statistischer Daten und den Berichtstatigkeiten der EZB.[2]

2.1.3. Ziele

Das primare Ziel der Europaischen Zentralbank steht in Artikel 127 im Vertrag uber die Ar- beitsweise der Europaischen Union. Darin heiBt es, „das vorrangige Ziel des Europaischen Systems der Zentralbanken ist es, die Preisstabilitat zu gewahrleisten. Soweit dies ohne Be- eintrachtigung des Zieles der Preisstabilitat moglich ist, unterstutzt das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Union[3] Die ZielgroBe des Preisniveaus ist die jahrliche Teue- rungsrate, die Inflation. Der EZB-Rat macht deutlich, dass das mittelfristige Ziel eine Inflati- onsrate von unter, aber nahe zwei Prozent sei.[4] In der Eurozone wird das allgemeine Preisni- veau mittels des Harmonisierten Verbraucherpreisindex gemessen und bewertet, dem ein eu- ropaweit einheitlicher Warenkorb zu Grunde liegt. Dieser ist vergleichbar mit dem in Deutschland vom Statistischen Bundesamt ermittelten Verbraucherpreisindex, jedoch um ei- nige Positionen, wie bspw. der Bewertung von Mieteinkunften und der Ausgaben fur Gluck- spiele, verschieden. Neben dem vorrangigen Ziel der Preisniveaustabilitat hat die EZB auber- dem die allgemeine Wirtschaftspolitik zu unterstutzen, soweit dieses nicht im Konflikt mit dem Erstgenannten steht.[5]

2.1.4. Unabhangigkeit

Ebenso wie im vorangegangenen Abschnitt ist die Unabhangigkeit der EZB im AEUV veran- kert. In Artikel 130 ist geregelt, dass die EZB sowie alle Notenbanken des Eurosystems und alle Mitglieder ihrer Beschlussorgane keine Weisungen von anderen Wirtschaftssubjekten wie Regierungen der Mitgliedsstaaten oder anderen Interessensgruppen entgegennehmen durfen. Dabei lassen sich verschiedene Ansatze zur Abgrenzung der Unabhangigkeit einer Zentral- bank finden. Seitens der EZB werden institutionelle, personelle und finanzielle Aspekte be- zuglich der Unabhangigkeit von Zentralbanken unterschieden.[6] Gorgens geht im Vergleich dazu von drei Elementen der Unabhangigkeit aus: von der personellen, der finanziellen und der institutionellen Unabhangigkeit.[7] Eine umfangreichere Darstellung der Unabhangigkeit an dieser Stelle wurde uber den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen.

2.2. Ein heterogener Wahrungsraum

Die Eurozone ist sehr heterogener Wahrungsraum mit vielen verschiedenen Kulturen, Spra- chen und Ressourcen in den Mitgliedsstaaten. Bereits vor der Einfuhrung des Euro 1999 wur- de sich mit der Vorteilhaftigkeit der neuen Wahrung sehr kontrovers auseinandergesetzt. Vor- namlich wurden Aspekte diskutiert, die einerseits die Kostenersparnis bei Transaktionszwe- cke betreffen, andererseits inwieweit exogene Schocks neutralisiert werden konnen. Allen Mitgliedern einer Wahrungsunion wird ein entscheidendes Instrument, das der Wechselkurs- anderung, genommen, um auf exogene Nachfrage- oder Angebotsschocks reagieren zu kon- nen. Auberdem sind diese Lander nicht mehr in der Lage, eine eigene Geldpolitik zu betrei- ben, was deren Handlungsspielraum zusatzlich beschrankt. Die Theorie des optimalen Wah- rungsraumes geht auf den Nobelpreistrager R. Mundell zuruck und soll die Erfordernisse auf- zeigen, die fur eine Wahrungsunion unabdingbar sind.[8] Es werden dabei wesentliche Kriterien betrachtet, die eine monetare Integration fur alle beteiligten Lander okonomisch sinnvoll ma- chen. Insbesondere geht er in seiner Darstellung auf die Mobilitat des Faktors Arbeit ein. Er argumentiert, dass ein flexibel gestalteter Arbeitsmarkt im gemeinsamen Wirtschaftsraum robuster auf negative Schocks reagiert. Freigesetzte Arbeitskrafte sind nicht an ein einzelnes Land gebunden und konnen innerhalb der Wahrungsunion ihre Arbeitskraft zur Verfugung stellen. Arbeitnehmer konnen ihre Arbeitskraft dort anbieten, wo sie nachgefragt wird. Ferner geht er auf die Flexibilitat von Preisen und Lohnen ein. Diese konnen ebenso wie freier Kapi- tal- und Guterverkehr negative Schocks abfedern.[9] Inwieweit die Eurozone die von Mundell genannten Besonderheiten erfullt oder in Zukunft erfullen kann, bleibt abzuwarten.

Bei der Euroeinfuhrung wurden indes zwei weitere Theorien diskutiert, die sich mit der Op- timalitat eines einheitlichen europaischen Wahrungsraumes befassen. Zum einen die klassi- sche Kronungstheorie, welche vorrangig von Deutschland praferiert wurde und zum anderen die Grundsteintheorie, die mafigeblich von Frankreich vertreten wurde. Die Deutschen vertra- ten den traditionellen Standpunkt, dass eine einheitliche Wahrung erst am Ende des politi- schen und wirtschaftlichen Integrationsprozesses realisiert werden sollte. Erst wenn es den Landern gemeinsam gelungen sei, politische und wirtschaftliche Strukturen zu etablieren, konne eine Wahrungsunion einen weiteren okonomisch sinnvollen Schritt darstellen. Bei der Grundsteintheorie wurde die Gemeinschaftswahrung als Impulsgeber fur weitere Integrations- schritte gesehen. Das entscheidende Element fur die weiteren Integrationsstufen sei demnach die einheitliche Wahrung. Bei der Planung der Europaischen Wahrungsunion wurde die Phi- losophie der Grundsteintheorie der Kronungstheorie vorgezogen, obwohl einige wirtschaftli- che Integrationsstufen bereits erreicht wurden. Die politische Integration war zu der Zeit noch nicht sehr weit fortgeschritten und die Verantwortlichen entschieden sich daher fur die Archi- tektur einer Wahrungsunion nach der Grundsteintheorie.[10]

2.3. Geldpolitik

Im weiteren Verlauf wird die Geldpolitik der Europaischen Zentralbank genauer spezifiziert. Die Geldpolitik im Eurosystem beruht auf zwei Grundprinzipen. Erstens muss der Hand- lungsspielraum der Zentralbank eindeutig und unmissverstandlich auf die Wahrung der Preis- niveaustabilitat ausgerichtet sein und zweitens muss die vollstandige Unabhangigkeit der Zentralbank gewahrleistet sein. Dabei wird zunachst auf den geldpolitischen Transmissions- mechanismus und die geldpolitische Strategie der EZB eingegangen. Anschliefiend werden die zur Verfugung stehenden Instrumente genauer betrachtet.

2.3.1. Geldpolitischer Transmissionsmechanismus

Mittels des Transmissionsmechanismus sollen Erklarungsansatze gegeben werden, wie Leit- zinsanderungen der Zentralbank uber den Geldmarkt so die Realwirtschaft beeinflussen. Der Geldmarkt stellt einen Teil des Finanzmarktes dar, auf dem unter anderem der Handel mit Zentralbankgeld durchgefuhrt wird.[11] Die Regelung der kurzfristigen Geldmarktsatze nimmt somit eine entscheidende Rolle im geldpolitischen Handlungsspektrum der EZB ein. Der Transmissionsmechanismus stellt den Prozess dar, auf welche Art und Weise diese Entschei- dungen das allgemeine Preisniveau beeinflussen.

Geldpolitische MaBnahmen wirken sich meist mit groBer zeitlicher Verzogerung auf die Re­alwirtschaft aus. So kann die gegenwartige Wirtschaftslage den Wirkungsgrad einer MaB- nahme erheblich beeinflussen. Exogene Schocks, die regelmaBig auf das Wirtschaftsgesche- hen einwirken, machen eine eindeutige Analyse des Transmissionsmechanismus unmoglich. Die Erhohung von Rohstoff- oder Energiepreisen bspw. kann sich kurzfristig direkt auf das Preisniveau auswirken.[12] Im Folgenden werden daher vier Ubertragungskanale des Transmis- sionsmechanismus genauer dargestellt.

Zinskanal: Der Zinskanal stellt den bedeutendsten Ubertragungskanal des Transmissionsme­chanismus dar. Dabei kann zwischen der direkten und der indirekten Zinswirkung differen- ziert werden. Die direkte Zinswirkung bezieht sich auf den Kapitalkosten-Effekt. Dieser Ef- fekt vergunstigt oder verteuert die Refinanzierungskosten von Banken. Die Geldinstitute uber- tragen diese Konditionen an ihre Kunden und beeinflussen auf diese Weise die Spar-, Kon- sum- und Investitionsentscheidungen der privaten Haushalte und Unternehmen. Derartige Eingriffe wirken sich unmittelbar auf den inlandischen Guter- und Dienstleitungsmarkt aus und beeinflussen die Preisentwicklung. Bei der indirekten Zinswirkung steht der Substituti- onseffekt der Kapitalanleger im Focus der Bewertung. Ausgehend von der Portfoliotheorie des amerikanischen Okonomen Harry M. Markowitz sind Anleger auf der Suche nach dem optimalen Chancen-Risiken-Verhaltnis. Da Zinsanderungen die Werte von Finanz- und Sach-anlagen stark beeinflussen, finden Vermogensumschichtungen statt.[13]

Kreditkanal: Bei diesem Kanal steht der Kreditvergabeprozess von Geschaftsbanken im Zent- rum der Darstellung. Eine Leitzinsanderung kann unmittelbar das Kreditangebot beeinflussen.

Hohere Leitzinsen konnen dazu fuhren, dass private Haushalte und Unternehmen ihre laufen- den Kredite nicht ordnungsgemaB tilgen konnen. Des Weiteren kann dieser Vorgang dazu fuhren, dass Haushalte und Unternehmen ihren Konsum bzw. ihre Investitionen reduzieren oder in die Zukunft verlagern. Derartige Verschiebungen haben eine negative Wirkung auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum und die Inflationsrate.[14]

Vermogenskanal: Der Vermogenskanal stellt die Veranderung der Vermogen in den Mittel- punkt der Betrachtung. Verfolgt die Zentralbank eine Politik der Leitzinssenkung fuhrt dies dazu, dass sicherere Geldanlageformen wie Bundesanleihen oder Festgeld an Attraktivitat verlieren. Investoren schichten ihre Vermogen daher in rentablere Anlageformen, mit denen aber auch ein hoheres Risiko verbunden ist, z. B. in Aktien, um. Die verstarkte Nachfrage nach Aktientitel fuhrt daraufhin zu Kursgewinnen. Auf der einen Seite werden Immobilienfi- nanzierungen durch eine Leitzinssenkung fur Bauherren attraktiver, auf der anderen Seite steigen der Preise fur vorhandene Immobilien. Diese Vermogensanderungen wirken ubli- cherweise indirekt auf das Preisniveau.[15]

Wechselkurskanal: Die Geldpolitik hat zudem Auswirkungen auf den flexiblen Wechselkurs einer Wahrung. Bei Landern, die sich in einem Festkurssystem befinden, kommt dieser Uber- tragungsweg nicht in Betracht. Durch eine expansive Geldpolitik, die durch eine Leitzinssen- kung induziert wurde, verlieren die inlandischen Kapitalanlagen im Vergleich zu auslandi- schen an Attraktivitat. Die Nachfrage nach der Inlandswahrung verringert sich. Investoren ziehen ihre Einlagen ab und es kommt zu einer Abwertung der Inlandswahrung. Dies fuhrt dazu, dass verstarkt inlandische Guter nachgefragt werden, da diese vergleichsweise gunstiger erworben werden konnen als auslandische Importe. Die gestiegene Nachfrage wirkt sich un- mittelbar auf die Preisentwicklung des Landes aus.[16]

2.3.2. Die geldpolitische Strategie

Die geldpolitische Strategie ist ein allgemeiner Ansatz zur Durchfuhrung der Geldpolitik in der Europaischen Wahrungsgemeinschaft. Dabei wird ein quantitatives Ziel der Preisni- veaustabilitat definiert und ein Analysekonzept vorgestellt, das auf zwei sich erganzenden Perspektiven beruht. Die Geldpolitik soll dazu beisteuern, das primare Ziel der Preisni- veaustabilitat zu gewahrleisten. Aufgrund unterschiedlichster Einflussfaktoren, die dieses Ziel gefahrden konnen, ist die EZB fur eine zweckmafiige Bewertung und Analyse aller denkbaren Risiken verantwortlich. Dabei hat die EZB eine „Zwei-Saulen-Strategie“ entwickelt. Diese beruht zum einen auf der wirtschaftlichen, zum anderen auf der monetaren Analyse.

Die wirtschaftliche Analyse stellt die Erste Saule dar und legt den Fokus der Beurteilung auf die kurz- bis mittelfristigen Bestimmungsfaktoren des Preisniveaus. Diese Saule kann als di- rekte Inflationssteuerung (inflation targeting) angesehen werden. Die Tatsache, dass das Preisniveau stark von Angebot und Nachfrage auf den Guter- und Dienstleistungsmarkten, Wechselkursentwicklungen und langerfristigen Zinssatzen beeinflusst wird, ist in diesem Zu- sammenhang entscheidend. Eine Abweichung der vorhergesagten Inflationsrate von dem als Zielwert definierten Niveau signalisiert Interventionen der Zentralbank.[17]

Die Zweite Saule, die monetare Analyse ist langerfristig ausgerichtet. Sie veroffentlicht einen Richtwert zur Beurteilung der Geldmenge (monetary targeting). Der Bestand an Geld wird in der Europaischen Wahrungsunion in drei Aggregate eingeteilt. Neben der Geldmenge M1, die Sichtguthaben und Bargeld beinhaltet, und der Geldmenge M2, die aus der Menge Ml und zusatzlich aus kurzfristigen Termin- und Spareinlagen besteht, gibt es eine dritte. Die Geld­menge M3 setzt sich aus Ml, M2 und kurzfristigen Bankschuldverschreibungen, Geldmarkt- fondanteilen und Ruckkaufvereinbarungen (Repogeschafte) zusammen. Wenn nicht gesondert darauf verwiesen wird, ist mit der Geldmenge das Geldmengenaggregat M3 gemeint.[18]

Der Referenzwert stellt im Eurosystem das Geldmengenaggregat M3 als Vorlaufindikator dar. Vor diesem Hintergrund kann die Geldmenge als Zwischenziel beschrieben werden, auf das die Zentralbank Einfluss nehmen kann, um ihr primares Ziel zu erreichen. Die EZB hat einen Referenzwert fur das Wachstum der M3 Geldmenge festgelegt. Der Referenzwert betragt 4,5 %. Diesem Wert liegt der Zusammenhang der Quantitatsgleichung nach Irvin Fischer zugrun- de. Dabei wurde der Zielwert des Preisniveaus von 2 %, eine reales Bruttoinlandsprodukt- wachstum mit 2 % und eine Umlaufgeschwindigkeit des Geldes von - 0,5 % angenommen.[19] Es wird dabei jedoch nicht nur die Abweichung vom Referenzwert betrachtet, um Informatio- nen und Gefahren fur die Preisniveauentwicklung auszumachen. Von besonderer Bedeutung ist die Identifikation und Bewertung der Ursachen, die zu diesen Abweichungen gefuhrt ha- ben. Dazu ist es notig, die verschiedenen Bestandteile des Geldmengenaggregates M3 zu be-trachten.[20] Eine sinnvolle Betrachtung der Preisentwicklung und der Geldmenge ist nur mog- lich, wenn zwischen den beiden GroBen eine stabile Interaktion besteht.

Die ursprungliche Quantitatsgleichung von Irvin Fisher ging schon auf diesen Zusammenhang ein. Dabei wurde von einer proportionalen Abhangigkeit zwischen Preisniveau und Geldmen­ge ausgegangen. Kernaussage des Modells war, dass eine Erhohung der Geldmenge immer zu einem hoheren Preisniveau fuhrt.[21]

Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit = Preisniveau x Output

Etliche Kritikpunkte, wie bspw. der Einfluss von Angebot und Nachfrage, an dieser Form der Quantitatsgleichung fuhrten zur Weiterentwicklung des Konstrukts. Die Neo-Quantitats- theorie von Milton Friedman geht davon aus, dass die Geldmenge neben dem Preisniveau noch erheblichen Einfluss auf andere Aggregate, wie z. B. Guter- und Faktormarkte, hat. Der proportionale Zusammenhang der Elemente aus der ursprunglichen Gleichung wurde uber- wunden. Empirische Studien zeigen, dass ein langfristig, robuster Zusammenhang zwischen Geldmengenwachstum und Inflation besteht.[22]

Jede Entscheidung kann aufgrund des oben beschriebenen Transmissionsmechanismus nicht direkt auf das Preisniveau Einfluss nehmen. Differierende Ubertragungskanale, zeitliche Ver- zogerungen und Unsicherheiten fuhren dazu, dass das Endziel nur mittelfristig erreicht wer- den kann.[23]

2.3.3. Die Instrumente und Verfahren der Geldpolitik

Die geldpolitischen Instrumente und Verfahren der EZB bilden den Handlungsrahmen, der fur die praktische Umsetzung der Beschlusse bindend ist. Mittels der oben beschriebenen geldpo­litischen Strategie ermittelt die Europaische Zentralbank das Niveau der Geldmarktzinsen, welches notig ist, um die Preisstabilitat zu gewahrleisten. Der Handlungsrahmen bestimmt, wie das Zinsniveau erreicht werden soll. Dabei spielen die kurzfristigen Geldmarktzinsen eine zentrale Rolle.[24] Der Europaischen Zentralbank stehen zwei geldpolitische Geschafte zur Ver- fugung, um die Geldpolitik durchzufuhren: Offenmarktgeschafte und standige Fazilitaten.

[...]


[1] Vgl. Europaische Zentralbank 2011a, S. 19 ff.

[2] Vgl. ebd., S. 19 ff.

[3] Vgl. Europaische Union 2010, Artikel 127.

[4] Vgl. http://www.ecb.europa.eu/ecb/educational/facts/monpol/html/mp_002.de.html.

[5] Vgl. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Preise/Verbraucherpreisindizes/ Methoden/harmonisierterVerbraucherpreisindex.html.

[6] Vgl. Europaisches Wahrungsinstitut 1998, S. 14.

[7] Vgl. Gorgens et al. 2001, S. 79 ff

[8] Vgl. Mundell 1961, S. 657 ff.

[9] Vgl. http://www.diw.de/de/diw_0Lc.412104.de/presse_glossar/diw_glossar/optimaler_ waehrungsraum.html.

[10] Vgl. Sachverstandigenrat 2012, S. 89.

[11] Vgl. http://www.bundesbank.de/Navigation/DE/Service/Glossar/Functions/glossar.html7lv2 =32032&lv3=62230#62230.

[12] Vgl. Europaische Zentralbank 2011a, S. 62 ff.

[13] Vgl. http://www.bundesbank.de/Navigation/DE/Service/Glossar/Functions/glossar.html7lv2 =32062&lv3=61692#61692.

[14] Vgl. Europaische Zentralbank 2011a, S. 64 ff.

[15] Vgl. http://www.oenb.at/de/geldp_volksw/geldpolitik/wirtschaft/wie_wirkt_geldpolitik_auf _die_wirtschaft_.jsp.

[16] Vgl. ebd..

[17] Vgl. Heise 2007, S. 7.

[18] Vgl. http://www.ecb.europa.eu/stats/money/aggregates/aggr/html/hist.en.html.

[19] Vgl. http://www.ecb.europa.eu/press/pr/date/2002/html/pr021205_1.de.html.

[20] Vgl. http://www.ecb.europa.eu/press/key/date/2001/html/sp010626_1.de.html.

[21] Vgl. Cezanne 2005, S. 429.

[22] Vgl. Bontrup 2004, S. 478 ff.

[23] Vgl. Heise 2007, S.7.

[24] Vgl. Europaische Zentralbank 2011a, S. 101 ff.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Geldpolitik der EZB von 2008 bis 2013
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V439612
ISBN (eBook)
9783668793477
ISBN (Buch)
9783668793484
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geldpolitik, Europäische Integration, EZB
Arbeit zitieren
Florian Hoheisel (Autor), 2013, Die Geldpolitik der EZB von 2008 bis 2013, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439612

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