In dieser Arbeit soll die Traumkonzeption und ihre Bedeutung in Dům o tisíci patrech erschlossen werden. Relevant für die Entwicklung des methodischen Aufbaus ist zunächst Freuds Traumtheorie, die als Grundlage genauer betrachtet werden muss, da sie, in ihrer „literarischen“ Struktur verstanden, sozusagen Bindeglied zwischen der materiellen und ideologischen Basis der Traumkonzeption und ihrer diskursiven Einflüsse ist.
Dům o tisíci patrech (1929) ist nach einigen Kurzgeschichten der erste Roman des tschechischen Autors und Journalisten Jan Weiss (1892-1972). Der Entstehungszeit nach ist der Titel gerade noch in die Epoche der Frühen Moderne (1890-1930) einzuordnen und trägt als Literatur mit dem Anspruch ein sekundäres modellbildendes System zu sein durch seine Konzeption als Traum, der sich als eine Form von Realität ausgeben will, ein entsprechendes Merkmal für die „programmatische“ Desorientierung dieser Zeit. Was diese weiterhin kennzeichnet ist ihre Wahrnehmung als Inbegriff von Dekadenz und Zerfall infolge des kulturellen Wandels, der bereits mit dem Niedergang der Monarchien 1789 begonnen hat.
Die zunehmende Infragestellung einer Realität, die äußerlich im Begriff ist, sich in ihren traditionellen kompositorischen Elementen aufzulösen bzw. sich völlig umzustrukturieren prägt das Menschenbild der Moderne. Diese Konfrontation mit einer völligen und vor allem rasanter als bisher ablaufenden Überformung der Lebensrealität verlangte aus der Sicht der Kunst eine neue Art des Begreifens, die man als Autonomisierung verstehen kann, als eine Befreiung von möglichst allen konventionellen Werten und Vorstellungen. Für die zeitgenössische Kunst bedeutet dies insbesondere eine Verschiebung des ästhetischen Fokus „[...] Richtung in den Menschen hinein, in sein Inneres, in seine Seele.“(Rieder 1968: 16), um einen Perspektivenwechsel zur befreiten Wahrnehmung herbeizuführen mit dem Ziel, die facettierte Realität, die sich durch die Entblößung ihrer Widersprüchlichkeiten nicht mehr mit tradierten Formen beschreiben lässt, begreifbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Traumgesetze und ihre literarische Disposition
1. Traumbildung nach Sigmund Freud
2. Psychoanalyse und Literatur
Rücksicht auf Darstellbarkeit
Symbolisierung
Verdichtung
Verschiebung
Sekundäre Bearbeitung
III. Die Traumkonzeption in Dům o tisíci patrech
1. Narrativ und Traumkonzeption
2. Raumsemantik: Topik und Psyche
3. Mullerton: der psychologische Diskurs
Beim jungen Greis oder der moralische Verfall
Solium: Die Flüchtigkeit der Realität
West-Wester: „Das Vorbewusste“
Orsag oder was ist Wirklichkeit?
Babylon: Hochmut kommt vor dem Fall
Vesmír: Alles ist „nur“ ein Traum
Die Börse ein Tempel
Gedonien
Der Traum im Traum: Eigentliche und uneigentliche Realität
Im Saal der Hohlspiegel
4. Stockwerk 100: „Das Unbewusste“
IV. Resümee
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Traumkonzeption in Jan Weiss’ Roman "Dům o tisíci patrech" und analysiert, wie der Traum als literarische Form zur Konstruktion einer subjektiven Wirklichkeit in der Epoche der Moderne eingesetzt wird. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwieweit das Modell der Psyche nach Sigmund Freud als strukturelles Bindeglied zwischen der dargestellten fiktionalen Welt und der psychologischen Realität der Figur dient.
- Traumtheoretische Grundlagen nach Sigmund Freud und deren literarische Anwendung
- Die Darstellung des "Mullerdoms" als metaphorisches Abbild der menschlichen Psyche
- Wechselwirkungen zwischen Traumlogik, Identitätsverlust und Realitätswahrnehmung
- Der Einfluss expressionistischer und surrealistischer Stilmittel auf die Raumsemantik
- Die Funktion von Technik und Dystopie innerhalb des psychologischen Diskurses
Auszug aus dem Buch
Rücksicht auf Darstellbarkeit
Bei diesem Verfahren geht es im Wesentlichen darum, dass eine potentielle Abstraktheit von Traumgedanken aufgelöst werden muss, weil „[...] wir beim Träumen nicht anders können, als in Bildern zu denken.“ (Lohmann/Pfeiffer 2006: 109). Konkret handelt es sich dabei also um eine Ausdrucksverschiebung (Laplanche/Pontalis 1996: 112) vom Sprachlichen zum Bildlichen. Den logischen Relationen widmet Freud daher ein eigenes Kapitel22, in dem er genau beschreibt welche Zusammenhänge visualisierbar sind und welche – eben aufgrund der Rücksicht auf Darstellbarkeit – nicht. Dabei treten einige Besonderheiten auf (TD: 309-390):
Verwandlung ins Gegenteil: Inhaltliche und zeitliche Umkehrung sind eine häufige Technik der Traumentstellung wie besonders jene Träume verraten, die ihren Sinn hartnäckig verweigern. Jegliche Umkehrung erweckt den Eindruck von der verkehrten Welt. In Dům o tisíci patrech findet die essentielle Struktur darin eine Entsprechung, wie sich zeigen wird, denn gesellschaftliche Zentren befinden sich in den unteren Etagen und nicht, wie man es von einer konventionellen Hierarchie erwarten würde, über allem.
Kausalbeziehungen sind z.B. durch das mögliche Auftreten von Vor- und Haupttraum identifizierbar, grundsätzlich aber durch Elemente, die im Traum nah beieinander liegen oder wenn eine Person oder Sache sich in etwas anderes verwandelt. Dieses Prinzip findet bei der Untersuchung von Weiss` Roman ebenfalls Verwendung, insbesondere als darüber Zusammenhänge identifiziert werden können, die es - trotz einer marginalen Rahmenhandlung – ermöglichen, eine Semantik der außerhalb des Traums existierenden Welt zu rekonstruieren.
ebenso ist die Abbildung von Gegensatz und Widerspruch schwierig, denn „[...] das „Nein“ scheint für den Traum nicht zu existieren.“ (TD: 316). Solche Verbindungen erscheinen daher ebenfalls in einer Einheit, als Wunschgegensatz, in Form von Identifikation oder dass im Traum etwas nicht vollendet werden kann bzw. indem der Traum besonders absurd ist. Innere Widersprüche treten in Dům o tisíci patrech durchaus häufiger auf und scheinen oft auf die Uneigentlichkeit der dargestellten Realität zu verweisen. Das komplexe Erzeugen eigentlicher und uneigentlicher Realität scheint ihr Erkennen über aufreibende Widersprüche zu erfordern.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Einführung in den historischen Kontext der Moderne und die Bedeutung des Traums bei Jan Weiss im Vergleich zur zeitgenössischen Literatur.
II. Traumgesetze und ihre literarische Disposition: Darstellung der psychoanalytischen Traumtheorie Sigmund Freuds und ihrer Übertragbarkeit auf literarische Analyse-Kategorien.
III. Die Traumkonzeption in Dům o tisíci patrech: Umfassende Analyse des Mullerdoms als psychologischer Diskurs, unterteilt in die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung und der Raumsemantik.
IV. Resümee: Synthese der Ergebnisse, die das Werk als psychologisch fundiertes, subjektives Abbild einer dystopischen Moderne würdigt.
Schlüsselwörter
Traumkonzeption, Jan Weiss, Dům o tisíci patrech, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Moderne, Literaturtheorie, Raumsemantik, Subjektivität, Mullerdom, Identität, Surrealismus, Expressionismus, Traumarbeit, Wahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Jan Weiss in seinem Roman "Dům o tisíci patrech" durch eine komplexe Traumkonzeption die Wahrnehmung von Realität und Identität in der Moderne hinterfragt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Verschränkung von psychoanalytischer Theorie (nach Freud) mit literarischen Erzählstrukturen, die Interpretation von Raum als psychisches Modell und die gesellschaftskritische Dystopie des Romans.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Bedeutung der Traumkonzeption als strukturbildendes Element zu entschlüsseln, das den Leser zur Auseinandersetzung mit dem Inneren der Figur und der entfremdeten modernen Welt zwingt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt primär die psychoanalytische Literaturinterpretation und verknüpft diese mit einer Analyse der narrativen Zeit- und Raumgestaltung des Romans.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Traumgesetze und eine detaillierte Untersuchung der einzelnen "Stockwerke" und symbolischen Orte des Mullerdoms, wie Gedonia oder West-Wester.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Traumkonzeption, Psychoanalyse, Identität, Subjektivität, Mullerdom und Moderne sind die tragenden Begriffe der Analyse.
Warum ist die Raumsemantik im Mullerdom so wichtig?
Die Räume fungieren nicht nur als Schauplatz, sondern als Topik der Psyche; die Anordnung der Stockwerke spiegelt hierarchische und psychische Zustände wider, die den Protagonisten zu einer Reise ins "Innere" zwingen.
Was bedeutet die "umgekehrte Hierarchie" in diesem Kontext?
Sie unterstreicht das Groteske der dystopischen Welt, in der traditionelle Werte und soziale Hierarchien ins Gegenteil verkehrt werden, was den psychischen Zerfall der Gesellschaft symbolisiert.
- Arbeit zitieren
- Astrid Jana Zellner (Autor:in), 2011, Die Traumkonzeption in Jan Weiss "Dům o tisici patrech", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/440199