Wohnbedürfnisse im Alter haben angesichts der wachsenden Anzahl von älteren Menschen in der deutschen Gesamtbevölkerung immer mehr an Bedeutung zugenommen. Dabei geht es nicht nur um die baulichen Aspekte des Wohnens, sondern auch verstärkt um die Lebensbedarfslagen von Seniorinnen und Senioren .Leben und Wohnen sind Begriffe, die gerade im Zusammenhang mit dem Alter sehr nahe verknüpft werden.
„Alltag im Alter heißt vor allem Wohnalltag“. Somit ist der räumlich - soziale Kontext von älteren Menschen zunehmend auf die Wohnung bzw. das Haus, die Nachbarschaft und das Wohnviertel konzentriert. Darüber hinaus schmälern gesellschaftsstrukturierte Individualisierungs-und Pluralisierungsprozesse den sozialen Einfluss der Familie auf den alten Menschen. Problematiken der Isolation und Singularisierung im Alter können dadurch begünstigt werden. Vor diesem Hintergrund sehen sich besonders die sogenannten „jungen Alten“ animiert, ihre Lebens- und Wohnbedarfslage den gesellschaftlichen Strukturelementen anzupassen, um ein Defizit an Wohn- und Lebenszufriedenheit zu kompensieren, so dass sich u.a. unterschiedliche Formen des gemeinschaftlichen Wohnens bilden.
Auf der Basis von einschlägiger Literatur und fokussierend auf selbstorganisierten Hausgemeinschaften im Projektraum Frankfurt/Main untersucht die vorliegende Diplomarbeit, ob diese Form von Empowerment eine tragfähige und zukunftsweisende Antwort auf defizitäre Lebens- und Wohnbedarfslagen von Senioren ist.
Der erste Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Erörterung von Bedeutungsschwerpunkten des Wohnens im Alter und einer aktuellen Übersicht bestehender Wohnformen mit teilweiser Beschreibung von Wohnkontextbedingungen. Der zweite Schwerpunkt wird gleichzeitig mit dem zweiten Kapitel eingeleitet und konzentriert sich auf einen vorhandenen Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren. Die daraus resultierende neue Bedarfslage des gemeinschaftlichen Wohnens wird im dritten Kapitel behandelt, worauf, nach der Zwischenbilanz im fünften Kapitel eine potenzielle Bestätigung anhand einer Projektraumerkundung in Frankfurt/Main erfolgt, die auch einen Blick auf den allgemeinen Entwicklungsstand in Deutschland und im Ausland wirft. Der dritte Schwerpunkt befasst sich im sechsten Kapitel mit Schlussfolgerungen, die einen zukunftsorientierten Handlungsbedarf implizieren.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Wohnen im Alter
1.1 Bedeutung des Wohnens
1.1.1 Psychosoziale Bedeutungskomponente
1.2 Wohnformen im Alter – Ein Überblick
1.2.1 Neue gemeinschaftliche Wohnformen
2. Ein Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren
2.1 Gesellschafts- und familienstruktureller Wandel
2.2 Soziale Isolation und Einsamkeit
2.2.1 Psychosoziale Folgen
2.3 Wohnzufriedenheit- der bauliche Aspekt
3. Gemeinschaftliches Wohnen und Leben im Alter als neue Bedarfslage
3.1 Attribute dieser Lebens- und Wohnform
3.1.1 Selbstbestimmung
3.1.2 Unterstützung
3.1.3 Soziales Beziehungsnetzwerk
3.1.3.1 Psychosoziale Aspekte
3.1.3.2 Der generationsübergreifende Aspekt
3.1.4 Einflussnahme der Biografie
3.1.5 Der bauliche Aspekt
4. Zwischenbilanz
5. Selbstorganisierte Hausgemeinschaften – Projektbeispiele aus Frankfurt/Main
5.1 Definitionsmerkmale der Wohnform
5.2 Entwicklungsstand in Deutschland
5.3 Entwicklungsstand im Ausland
5.4 Projektbeispiele aus Frankfurt/Main
5.4.1 Bestandsaufnahme ausgewählter Projekte
5.4.2 Hürden und Hilfen der Projektentwicklung
5.4.2.1 Zugangsmöglichkeiten zu der Wohnform
5.4.2.2 Zusammenarbeit mit Institutionen
5.4.2.2.1 Bedeutung professioneller Projektbegleitung
5.4.2.3 Bedeutung der Rechtsform
5.4.2.4 Finanzierungsaspekte
5.4.3 Leben und Wohnen in der Hausgemeinschaft
5.4.3.1 Beweggründe für das Leben in gemeinschaftlicher Wohnform
5.4.3.2 Vorurteile und Ängste
5.4.3.3 Regeln und Zuständigkeiten
5.4.3.4 Positive Aspekte des Zusammenlebens
5.4.3.5 Negative Aspekte des Zusammenlebens oder: Die Schwierigkeiten der Gruppendynamik
5.4.3.6 Pflegebedürftigkeit - Möglichkeiten und Grenzen
5.4.3.7 Lebens- und Wohnzufriedenheit
6. Schlussfolgerungen
6.1 Handlungsbedarf
6.1.1 Ausbau der Informations- und Beratungsnetzwerke oder: Aufklärungsarbeit auf verschiedenen Ebenen
6.1.2 Verfahrenshürden abbauen oder: Kooperationsbereitschaft fördern
6.1.3 Professionelle Begleitung und Unterstützung oder: Stärkung der Selbsthilfepotenziale
6.2 Zukunftsperspektive
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht, ob selbstorganisierte Hausgemeinschaften als eine Form von Empowerment eine tragfähige und zukunftsweisende Antwort auf die defizitären Lebens- und Wohnbedarfslagen von Senioren im Projektraum Frankfurt/Main darstellen. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse von sozioökonomischen Rahmenbedingungen, der Bedeutung von sozialer Nähe sowie der Identifizierung von Hürden und unterstützenden Faktoren bei der Projektentwicklung.
- Bedeutung des Wohnens und der Wohnformen im Alter
- Analyse der Lebens- und Wohnbedarfslage (Isolation, demografischer Wandel)
- Gemeinschaftliches Wohnen als Antwort auf aktuelle Defizite
- Projektbeispiele aus Frankfurt/Main und deren Entwicklungsstand
- Hürden und Hilfestellungen bei der Umsetzung von Wohnprojekten
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Selbstbestimmung
Das Ziel der meisten gemeinschaftlichen Wohnprojekte von und mit älteren Menschen liegt dem selbstbestimmten Leben und Wohnen zugrunde. Im Gegensatz zu institutionalisierten Einrichtungen wird die Möglichkeit verfolgt, eine Gestaltungsfreiheit zu schaffen, die sich gezielt auf das WIE, WO und mit WEM des menschlichen Zusammenlebens bezieht. Selbstbestimmung bedeutet somit ein Stück Freiheit ausleben zu können. Diese Form von Freiheit ist meiner Meinung nach ein natürliches und persönliches Bedürfnis vieler Menschen, besonders wenn es sich um einen existentiellen Aspekt wie die Selbstbestimmung der eigenen Lebens- und Wohnform handelt. Sicherlich ist im Gemeinschaftsleben ein gewisses Maß an Kompromissbereitschaft und Anpassungsfähigkeit von Nöten (vgl. Kapitel 5.4.3 ff.), dennoch besteht unmittelbar die Möglichkeit, seine Lebens- und Wohnumwelt bzw. seinen Lebens- und Wohnalltag im kleinräumigen Kontext einer Hausgemeinschaft zu gestalten und damit selbst zu bestimmen und zu entscheiden wie, wo und mit wem man wohnen möchte.
Darüber hinaus geht es „nicht um Harmonisierung gesellschaftlicher Widersprüche oder das Verwischen individueller Unterschiede, sondern um das Recht auf Anderssein, um das Recht auf den eigenen Stil, um das Recht auf Wahlfreiheit der persönlichen Wohn- und Lebensform - um das Recht auf die Autonomie des Menschen innerhalb das gesellschaftlichen Alltags“ (Petersen, Hrsg. Brasse u.a., 1993, S. 104). Eine freigewählte selbstbestimmte Gemeinschaft bildet einen sehr guten Nährboden für das (Zusammen-) Wachsen von einer Gruppe Menschen, die in ihren Mitbewohnern das ganzheitliche Menschenbild sehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wohnen im Alter: Dieses Kapitel erläutert die wachsende Bedeutung des Wohnens für Senioren vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und gibt einen Überblick über verschiedene Wohnformen.
2. Ein Defizitbestand der Lebens- und Wohnbedarfslage von Senioren: Hier werden gesellschaftliche Wandelprozesse sowie Faktoren wie soziale Isolation und bauliche Aspekte analysiert, die den Bedarf an neuen Wohnformen begründen.
3. Gemeinschaftliches Wohnen und Leben im Alter als neue Bedarfslage: Dieses Kapitel arbeitet die zentralen Attribute gemeinschaftlicher Wohnprojekte heraus, insbesondere Selbstbestimmung, Unterstützung und soziale Netzwerke.
4. Zwischenbilanz: Eine zusammenfassende Reflexion der ersten drei Kapitel, die den Übergang zu den empirischen Projektbeispielen vorbereitet.
5. Selbstorganisierte Hausgemeinschaften – Projektbeispiele aus Frankfurt/Main: Der Hauptteil der Arbeit stellt konkrete Initiativen in Frankfurt vor und untersucht deren Hürden, Finanzierung, Rechtsformen und die Bedeutung professioneller Begleitung.
6. Schlussfolgerungen: Hier werden aus den Ergebnissen konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet, um Rahmenbedingungen für Wohnprojekte zu verbessern.
7. Fazit: Das abschließende Kapitel fasst die Kernaussagen zusammen und bewertet das Potenzial selbstorganisierter Hausgemeinschaften als Antwort auf die Bedürfnisse von Senioren.
Schlüsselwörter
Gemeinschaftliches Wohnen, Senioren, Hausgemeinschaften, Selbstorganisation, Wohnbedarfslage, Soziale Isolation, Frankfurt am Main, Empowerment, Altersgerechtes Wohnen, Projektentwicklung, Wohnzufriedenheit, Soziale Netzwerke, Betreutes Wohnen, Lebensqualität, Wohnbiografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Frage, inwiefern selbstorganisierte Hausgemeinschaften eine tragfähige Lösung für die veränderten Lebens- und Wohnbedürfnisse älterer Menschen in der modernen Gesellschaft bieten.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die Arbeit deckt die Bereiche des demografischen Wandels, der Bedeutung des Wohnens im Alter, sozialer Isolation, der Architektur von Wohnprojekten sowie der praktischen Hürden bei der Projektentwicklung ab.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie gemeinschaftliches Wohnen als Form des Empowerments dazu beitragen kann, Defizite in der Lebens- und Wohnqualität von Senioren zu kompensieren und welche Rolle dabei Selbsthilfe und professionelle Unterstützung spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse kombiniert mit einer praxisorientierten Untersuchung, für die der Verfasser Interviews mit Vertretern von vier Wohninitiativen aus Frankfurt am Main durchgeführt hat.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Analyse von realen Projektbeispielen in Frankfurt am Main, wobei Aspekte wie Initiierung, Finanzierung, rechtliche Rahmenbedingungen sowie das Zusammenleben der Bewohner detailliert betrachtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Gemeinschaftliches Wohnen, Senioren, Selbstorganisation, Soziale Isolation, Wohnbedarfslage und Projektentwicklung.
Warum ist das "Anlaufbüro Seniorengruppen" für die untersuchten Projekte so wichtig?
Es ist die einzige hauptamtliche Einrichtung in Frankfurt, die Wohninitiativen professionell begleitet und berät, was für die effektive Strukturierung und Umsetzung der Projekte essenziell ist.
Welche Rolle spielt die Rechtsform bei der Gründung einer Hausgemeinschaft?
Die Rechtsform (z. B. e.V. oder Genossenschaft) schafft die notwendige Sicherheit für gruppeninterne Entscheidungsstrukturen und erleichtert die formelle Zusammenarbeit mit Behörden, Bauträgern und anderen Kooperationspartnern.
Ist Gemeinschaftliches Wohnen nur für wohlhabende Senioren zugänglich?
Nein, die Arbeit zeigt auf, dass durch soziale Mischung, gezielte Subventionierung von Gemeinschaftsflächen und die Kooperation mit Wohnungsbaugesellschaften versucht wird, auch für finanziell schwächere Senioren bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
- Quote paper
- Herr Oliver Zerbin (Author), 2005, Selbstorganisierte Hausgemeinschaften. Gemeinschaftliches Wohnen im Alter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44023