Nietzsches Kritik an der Willensfreiheit


Essay, 2015

3 Seiten, Note: not graded


Leseprobe

Kim Ann Woodley

Nietzsches Kritik an der Willensfreiheit

In seinem Werk „Zur Genealogie der Moral” erarbeitet Nietzsche die These, die sogenannte Willensfreiheit würde nicht existieren. Im folgenden möchte ich erklären, wie er zu dieser Annahme gelangt, und mich damit befassen ob seine Argumentation überzeugend ist.

Eine seiner bekanntesten Aussagen befindet sich in der ersten Abhandlung, §§ 13. Er formuliert: „Es gibt kein ‚Sein’ hinter dem Thun, Wirken, Werden; „der Thäter” ist zum Thun bloss hinzugedichtet, - das Thun ist Alles.” (Nietzsche 1887, S.279). In anderen Worten: Es existiert kein Subjekt hinter Handlungen. Ist dies tatsächlich der Fall, inkludiert es, dass nichts besteht, was einen freien Willen besitzen könnte, was wiederum bedeutet, dass auch dieser nicht existieren kann. Nur die Handlung selbst ist laut Nietzsche real. Um diese These zu verdeutlichen, benennt er als Beispiel einen leuchtenden Blitz (vgl. ebd.). Diese sprachliche Beschreibung „setzt dasselbe Geschehen einmal als Ursache und dann noch einmal als deren Wirkung” (ebd.), erklärt Nietzsche. Mit dieser Erklärung ist gemeint, dass wir den Blitz als solchen personalisieren, aber ein Blitz kein Blitz sei, sondern nur ein Blitzen als Phänomen, welches am Himmel zu sehen ist. So sei auch der Mensch nur als etwas Handelndes zu verstehen, dem wir lediglich die Existenz eines handelnden Subjekts zugesprochen. Zu dieser Annahme kommt Nietzsche aufgrund seiner zuvor aufgestellten These, dass alles, den Menschen mit eingeschlossen, determiniert ist. Als beispielhafte Grundlage für diese Annahme nennt er die Tatsache, dass ein Raubvogel nichts anderes als ein Raubvogel und ein Lamm nichts anderes als ein Lamm sein kann. Der Raubvogel bleibt weiterhin der Jäger und das Lamm weiterhin gejagt (vgl. der. S.278f.). „Von der Stärke verlangen, dass sie sich nicht als Stärke aüssere, dass sie nicht ein Überwältigen-Wollen, ein Niederwerfen-Wollen, ein Herrwerden-Wollen, ein Durst nach Feinden und Widerständen und Triumphen sei, ist gerade so widersinnig als von der Schwäche verlangen, dass sie Stärke aüssere.” (ders.S.279). In anderen Worten ist der Raubvogel determiniert und kann sich nicht in seinem freien Willen dazu entscheiden, Vegetarier zu werden. Er handelt lediglich nach seiner Natur. Diese Annahme überträgt Nietzsche auf alles Existierende. Das Phänomen des Kreieren eines Subjekts erklärt er wie folgt: „Ein Quantum Kraft ist ein eben solches Quantum Trieb, Wille, Wirken - vielmehr, es ist gar nichts anderes als eben dieses Treiben, Wollen, Wirken selbst, und nur unter der Verführung der Sprache (und der in ihr versteinerten Grundirrthümer der Vernunft), welche alles Wirken als bedingt durch ein Wirkendes, durch ein ‚Subjekt’ versteht und missversteht, kann es anders erscheinen.” (ebd.). Die Vorstellung von der Existenz eines Subjekts ist laut Nietzsche also in der Sprache der Menschen und aus ihr heraus entstanden und somit etwas fiktives, nicht reales, was wir Menschen jedoch als real annehmen und empfinden.

Hierbei handelt es sich zudem auch um eine Kritik an der Moral, da ‚Gut’ und ‚Böse’ ebenso wenig wie ein Subjekt existieren können, sofern man annimmt, dass alles determiniert und naturgegeben ist. Laut Nietzsche können wir selbst keinen Einfluss auf Handlungen nehmen, höchstens Schicksalseinflüsse wie ‚Glück’ oder ‚Pech’ hätten diese Fähigkeit. Des Weiteren kann einem Menschen ebenfalls keine Zurechnungsfähigkeit oder gar Verantwortung für seine Handlungen zugesprochen werden, sofern er nur aus seiner Natur heraus und ohne den Einfluss eines freien Willens handelt. Sofern diese Ansichten der Wahrheit entsprechen existiert genau genommen auch keine Moral mehr, sondern ist ebenfalls nur ein fiktives Produkt, entstanden aus der Annahme es gäbe willensfreien Subjekte.

Erscheint diese Kritik für mich überzeugend? Nein. Es liegt in meiner menschlichen Natur, dass ich nicht bereit bin, anzunehmen, ich existiere nicht als Subjekt, welches aus einem freien Willen heraus zu Handeln fähig ist, sondern nur aus meinen Handlungen selbst bestünde. Also muss ich meine eigene Menschlichkeit außen vor lassen und mir nochmals diese Frage stellen. Aber wie kann ich mich bewusst dazu entscheiden, mir diese Frage zu stellen und nach Antworten suchen, wenn ich doch als Subjekt nicht existiere? Wie kann ich als etwas nur Handelndes über solch komplexe Phänomene und Annahmen nachdenken, über Wahr und Unwahr, Richtig und Falsch, Gut und Schlecht entscheiden? Wieso fallen mir manche Entscheidungen sehr schwer und kosten mich einige Zeit, bevor ich mich dazu entschließe, wirklich nach ihnen zu handeln? Wieso habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich unmoralisch handele? Immerhin bin ich determiniert, es liegt in meiner Natur, dass ich so handele und nicht anders. Somit bin ich unzurechnungsfähig und kann für mein Handeln doch gar nicht zur Verantwortung gezogen werden. Aber das schlechte Gewissen empfinde ich dennoch. Wieso spricht Nietzsche in der zweiten Abhandlung des gleichen Werkes selbst von der Existenz eines Gewissens und dessen Kraft (vgl ders. S. 294ff.)? Weil der Mensch ein existierendes Subjekt ist, welches ein Gewissen besitzt und somit zur Moral fähig ist.

Ich stimme Nietzsche darin zu, dass wir determiniert sind. Wir sind jedoch nicht vollkommen, sondern nur teilweise, vor allem in unseren Trieben, determiniert. Wenn ich Hunger habe, bleibt mir keine andere Wahl, als etwas zu essen, sonst bekomme ich Magenschmerzen. Aber selbst diese Determinieren lässt sich trainieren und ich kann zudem entscheiden, was ich essen möchte. Tiere sind stärker determiniert als Menschen. Somit wird der Raubvogel in aller Wahrscheinlichkeit nicht zum Vegetarier. Seine Natur lässt ihm keine andere Wahl, als sich von Fleisch zu ernähren.

Nietzsche vergleicht unseren sprachlichen Gebrauch von uns selbst als Subjekt mit der sprachlichen Personalisierung eines Blitzes, was, so wie er argumentiert, auch einleuchtend und überzeugend erscheinen mag. Aber unter der Annahme, Nietzsche habe unrecht und wir sind doch existierende Subjekte an sich, und es gäbe nicht nur das Tun als solches: Personalisieren wir Phänomene, wie z.B. leuchtende Blitze, womöglich einfach nur, damit sie uns nicht mehr als ein so fremdes und unheimliches Phänomen erscheinen, gerade weil wir Subjekte sind? Damit wir sie mit unserem Verstand besser begreifen können? Dies scheint mir doch einleuchtender, als Nietzsches aufgestellter Vergleich.

Ich denke, unser Wille ist nicht gänzlich frei, ebenso, wie wir zumindest teilweise determiniert sind. Dafür hat unsere Umwelt einen viel zu hohen Einfluss auf uns. Ich selbst bin davon überzeugt, dass manche Menschen einen stärkeren und andere Menschen einen schwächeren Willen besitzen, je nachdem wie sehr sie sich beeinflussen lassen. Nietzsche selbst sagt im ersten Hauptstück, §§ 21, in „Jenseits von Gut und Böse”: „Der ‚unfreie Wille’ ist Mythologie: im wirklichen Leben handelt es sich nur um starken und schwachen Willen.” (Nietzsche 1886, S. 36).

Insgesamt komme ich zu dem Schluss, dass Nietzsches Ansätze, wie so oft, einen wahren Gehalt aufweisen, er diese jedoch im weiteren Verlauf falsch interpretiert. Nietzsche nimmt an, dass der Mensch determiniert und aufgrund dessen nicht willensfrei ist, sondern nur in seinen Handlungen und nicht als Subjekt an sich existiert. Doch der Mensch ist nur teilweise determiniert. Er ist moralfähig und besitzt sogar, wie Nietzsche selbst feststellt ein Gewissen. Somit existiert er als Subjekt und ist zumindest bis zu einem individuellen Grad willensfrei.

Literatur:

- Nietzsche, Friedrich: „Jenseits von Gut und Böse”, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral. - Kritische Studienausgabe. München 2014: Dtv, S.36

- Nietzsche, Friedrich: „Zur Genealogie der Moral”, in: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral. - Kritische Studienausgabe. München 2014: Dtv, S.278-281, S.294-297

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Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Nietzsches Kritik an der Willensfreiheit
Hochschule
Universität Bielefeld  (Philosophie)
Veranstaltung
Nietzsche, Zur Genealogie der Moral
Note
not graded
Autor
Jahr
2015
Seiten
3
Katalognummer
V440986
ISBN (eBook)
9783668794092
ISBN (Buch)
9783668794108
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, Moral, Ethik, Willensfreiheit, Philosophie, Moralkritik
Arbeit zitieren
Kim Ann Woodley (Autor:in), 2015, Nietzsches Kritik an der Willensfreiheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/440986

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