Metaphorik im Diskurs über die Flüchtlingskrise

Eine korpuslinguistisch informierte Analyse von Zeitungstexten


Bachelorarbeit, 2016
66 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

2. Theoretische Fundierung
2.1 Diskurslinguistik und -analyse
2.1.1 Verortung in der Linguistik
2.1.2 DIMEAN – Ein diskurslinguistisches Modell
2.2 Metapherntheorien im Überblick
2.2.1 Substitutions- und Vergleichstheorie
2.2.2 Interaktionstheorien
2.2.3 Kognitive Metapherntheorie
2.3 Metaphern im Diskurs
2.3.1 Grade der Metaphorizität
2.3.2 Metaphernfunktionen

3. Korpuslinguistischer Zugang
3.1 Methode und Methodologisches
3.2 Parameter der Korpuserstellung

4. Empirische Befunde
4.1 Quantitative Analyse
4.2 Qualitative Analyse
4.2.1 Geographie- und Geologie-Metaphorik
4.2.2 Wasser-Metaphorik
4.2.3 Kriegs- und Kampf-Metaphorik

5. Schlussbemerkungen

6. Bibliographie

7. Quellenverzeichnis

8. Anhang: Metapherninventar

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 : Wortwolke zum Diskurs über Flüchtlinge.

Abb. 2: Von den Zeitungskorpora zum Metapherninventar.

Abb. 3: Bildspenderfelder mit jeweiliger Metaphernanzahl.

Abb. 4: Bildspenderfelder im Mengenverhältnis.

1. Einleitende Bemerkungen

Es lässt sich leicht beobachten, dass jede größere politische Debatte ihre eigenen zentralen Metaphern hervorbringt, die zeitweise geradezu die Diskurse über besonders komplexe Themen beherrschen. (Petraškaitė-Pabst 2009: 453)

Welche zentralen Metaphern kennzeichnen den innerdeutschen Flüchtlingsdiskurs? Ziel dieser Arbeit ist es, die Metaphorik im Diskurs über die sogenannte Flüchtlingskrise zu eruieren und dominante Metaphernbereiche hinsichtlich ihrer Wirkung zu analysieren. Die Verwendung eines Korpus aus Zeitungstexten von vier überregionalen Tageszeitungen ermöglicht die linguistische Auseinandersetzung mit der genannten Thematik.

Infolge der verstärkten Fluchtbewegungen ist 2015 in Deutschland, aber auch international von einer „Flüchtlingskrise“ (Stalinski 2016) die Rede: „Weltweit gibt es derzeit etwa 60 Millionen Flüchtlinge, so viele, wie seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr“ (Stalinski 2016). Im Jahr 2015 wurden in Deutschland insgesamt „etwa 1,1 Mio. Zugänge von Asylsuchenden registriert“ (BMI 2016), ein Großteil davon syrische Staatsbürger, welche aufgrund des Bürgerkriegs in ihrem Heimatland geflohen sind (vgl. BMI 2016). Im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsbegriff ist es wichtig, zu differenzieren: Mit dem Wort Flüchtlinge werden nach dem Völkerrecht Menschen bezeichnet, „die zur Flucht gezwungen sind“, während Migranten [1] „aus eigenem Antrieb ihr Land verlassen“ und „Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, über den noch nicht entschieden wurde“ (Schmickler 2015), Asylbewerber oder -suchende genannt werden. Die Ankunft einer außergewöhnlich hohen Zahl von Flüchtlingen im Spätsommer 2015 stellte Politik und Gesellschaft in Deutschland vor Herausforderungen. Diese waren zunächst organisatorischer Natur und betrafen die Aufnahme, Registrierung, Verteilung und Versorgung der Menschen sowie die Einrichtung von Flüchtlingsunterkünften. Durch die Zusammenarbeit von „zahlreichen haupt- und ehrenamtlich Tätigen in Bund, Ländern und Gemeinden“ (BMI 2016) konnte die Situation laut Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière gemeistert werden. Allerdings kamen in der Öffentlichkeit auch Themen wie Integrationsschwierigkeiten (ob infolge fehlender (Aus-)Bildungsabschlüsse, kulturellen oder sprachlichen Ursprungs), finanzielle Belastungen durch die schnell steigenden Aufnahmezahlen und eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge innerhalb Europas zur Sprache. Diese bis zum jetzigen Zeitpunkt bestehenden Problematiken wurden bzw. werden im Diskurs über Flüchtlinge ebenso aufgegriffen wie die Aspekte humanitäre Hilfe, Zugewinne für die Wirtschaft oder Einzelschicksale von Flüchtlingen.

All diese Sachverhalte schlagen sich im Diskurs über die Flüchtlinge nieder und werden auch mit Hilfe von Metaphern geäußert, wie die folgende Formulierung zeigt:

Die anhaltende Flüchtlingsbewegung nach Deutschland und in andere europäische Staaten kann sich nach Einschätzung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zu einer Lawine ausweiten. ‚Lawinen kann man auslösen, wenn irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer an den Hang geht und ein bisschen Schnee bewegt‘, sagte Schäuble in Berlin. Ob die Lawine schon im Tal angekommen sei oder im oberen Drittel des Hanges, wisse er nicht, so der Minister. (Tagesschau 2015: Finanzminister warnt vor Eskalation)

In der Sorge über die unvorhersehbare zukünftige Entwicklung der Flüchtlingszahlen metaphorisiert Schäuble die wachsende Flüchtlingszahl als Lawine und evoziert damit die Vorstellung einer nicht einschätzbaren Gefahr, einer unaufhaltsamen Naturkatastrophe. Die Aussage wurde vielfach diskutiert und wurde bspw. als entmenschlichend kritisiert (vgl. Kallenbrunnen 2015, Ernst 2015). Weitere bezüglich der Flüchtlingskrise verwendeten Metaphern sind in Abbildung 1 ersichtlich, die Wortwolke bietet einen ersten Eindruck von der Vielfalt und Komplexität der Metaphorik. Anhand der großen Resonanz auf den Metapherngebrauch Schäubles und der Pluralität der Metaphern im Diskurs zeigt sich die Relevanz des in dieser Arbeit verhandelten Gegenstands.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 : Wortwolke zum Diskurs über Flüchtlinge.

Quelle: Eigene Erhebung und Darstellung. Gewichtung gemäß der jeweiligen Metaphernzahl im Diskurs.

Innerhalb der (Diskurs-)Linguistik wurden bereits ähnliche Themen untersucht. So analysierte Francesca Rigotti bereits 1994 „die Bedeutung der politischen Metaphern“ (Rigotti 1994) in Die Macht und ihre Metaphern. Matthias Jung, Martin Wengeler und Karin Böke haben 1997 einen Sammelband mit dem Titel Die Sprache des Migrationsdiskurses herausgegeben, in welchem u.a. die den verschiedenen Asyldebatten inhärenten Metaphern diskutiert werden (vgl. Böke 1997). Als einschlägig sind die Arbeiten von Thomas Niehr zum Einwanderungsdiskurs zu nennen, in denen er bspw. komparatistisch den Gastarbeiterdiskurs in Deutschland, Österreich und der Schweiz verhandelt (Der Streit um Migration in der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz und Österreich; Einwanderungsdiskurse: vergleichende diskurslinguistische Studien). Aufgrund der Aktualität des Themas wurde der Diskurs über die Flüchtlingskrise in der Diskurslinguistik und Metaphernforschung allerdings noch nicht berücksichtigt, auf diesem Feld besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.

Diese Arbeit soll einen – wenn auch kleinen – Beitrag zur Forschung leisten, indem Metaphern im Diskurs über die Flüchtlingskrise korpuslinguistisch informiert rekonstruiert werden. Die Wahl der Methode fällt auf die Korpuslinguistik, da so eine recht umfangreiche Datenbasis aufgebaut werden kann, die aufgrund der gewählten meinungsführenden Tageszeitungen repräsentativ für den Diskurs ist. Diese Herangehensweise erlaubt es zudem, die im Diskurs enthaltenen Metaphern zuverlässig zu extrahieren. Die Fokussierung auf eine Analyse der Metaphern ergibt sich aus deren Relevanz für den Diskurs:

Als intertextuelle Elemente sind Metaphern textübergreifende Referenzpunkte und stellen als solche eine gewisse Einheitlichkeit des Diskurses sicher, sie stabilisieren die Bedeutungen, die durch den Diskurs hergestellt werden. Daraus erwächst ihnen eine hervorgehobene Stellung im Diskurs. (Hülsse 2003: 222)

Als Ausgangspunkt zur Annäherung an dieses Phänomen empfiehlt sich eine Gliederung der Arbeit in einen theoretischen, einen methodischen und zuletzt einen empirischen Teil. In Kapitel 2 werden zunächst die grundlegenden Termini Diskurs und Metapher definiert. In diesem Zusammenhang ist es erforderlich, auf die Problematik des Diskursbegriffs einzugehen, um ihn anschließend innerhalb der linguistischen Systematik verorten zu können. Es folgt eine Auseinandersetzung mit den konkurrierenden Forschungsrichtungen in der Diskurslinguistik und deren theoretischen Ansätzen, bevor die Methodologie der diskurslinguistischen Analyse problematisiert wird. Das diskurslinguistische Modell DIMEAN zeigt mögliche Lösungsansätze für methodologische als auch methodische Schwierigkeiten auf, deshalb wird es vorgestellt und die Metapher als Forschungsgegenstand in ihm eingeordnet. Die beiden darauffolgenden Kapitel beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit der Metapher. So wird ein Überblick über die „Trias aus Substitutionstheorie (bzw. Vergleichstheorie), Interaktionstheorie und kognitiver Metapherntheorie“ (Gredel 2014: 31f.) gegeben, um sie auf ihre Verwendbarkeit für eine diskurslinguistische Analyse hin zu prüfen. Nachdem auf diese Weise eine theoretische Basis für die Metaphernanalyse erstellt wurde, wendet sich das nächste Kapitel der Metapher als diskurssemantischer Einheit zu. Zuerst werden die Grade der Metaphorizität erklärt, um die Metaphern im Diskurs nach der Häufigkeit ihres Gebrauchs differenzieren zu können. Schließlich sollen mögliche Wirkungsweisen von Metaphern im Diskurs aufgezeigt werden, wodurch die Voraussetzung für eine detaillierte Analyse entsteht.

In Kapitel 3 steht die Vorgehensweise bei der Erstellung des Korpus als Grundlage für die Metaphernanalyse im Fokus. Deshalb wird eingangs der Korpusbegriff definiert und eine Auswahl methodischer Ansätze diskutiert. Die Vor- und Nachteile der Methodenwahl werden anschließend beleuchtet, ihre Abwägung begründet die Entscheidung für einen korpuslinguistischen Zugang zum Diskurs. Nachfolgend werden sämtliche Schritte der Korpusgenerierung und der Datenaufbereitung ausführlich dargelegt, um die Grenzen der Methode zu verdeutlichen und die Verfahrensweise kritisch zu reflektieren. Damit ist der Ausgangspunkt für die Analyse der Metaphern im Diskurs geschaffen, sie wird in Kapitel 4 realisiert. Ihre Durchführung gliedert sich in zwei Phasen, die quantitative und die priorisierte qualitative Analyse. Diese Priorisierung ist nötig, da eine ausführliche quantitative Analyse mit den dazugehörigen Instrumentarien innerhalb dieser Arbeit nicht leistbar ist. Auch die qualitative Analyse kann aufgrund des gegebenen Rahmens nicht alle Metaphern des Diskurses erfassen, weshalb das Hauptaugenmerk auf den besonders stark ausgebildeten Bereichen liegt. Bei der qualitativen Metaphernanalyse wird Gebrauch von den in Kapitel 2 besprochenen Möglichkeiten gemacht, Metaphern systematisch zu ordnen und anhand ihres Gebräuchlichkeitsgrades und ihrer Funktionen zu untersuchen. Die Ergebnisse werden in Kapitel 5 zusammengefasst, um die Forschungsfrage aufzugreifen und abschließend zu beantworten.

2. Theoretische Fundierung

Dieses Kapitel dient der theoretischen, methodischen und methodologischen Verortung der vorliegenden Arbeit. Es ist in drei Unterkapitel gegliedert, welche sich mit dem Diskurs sowie Metaphern beschäftigen, und zielt darauf ab, diese zentralen Termini der Arbeit wissenschaftlich zu fundieren. In Kapitel 2.1 wird hierfür zunächst dargelegt, auf welchem Diskursbegriff die Arbeit aufbaut. Zudem werden verschiedene Perspektiven auf den Diskurs als Gegenstand der Forschung diskutiert und die konkurrierenden Forschungsrichtungen genannt. Anschließend wird erläutert, welchen diskurslinguistischen Ansatz die vorliegende Arbeit verfolgt. Daraufhin wird auf die methodologische Problematik der Diskurslinguistik hingewiesen und das Modell DIMEAN vorgestellt, in welchem die Metapher als Forschungsgegenstand schließlich verortet wird. Das Kapitel 2.2 hat zentrale Metapherntheorien zum Thema. Dazu zählen die Substitutions- und Vergleichstheorie, verschiedene Interaktionstheorien sowie die Kognitive Metapherntheorie. Es gilt, die unterschiedlichen Metaphernbegriffe zu definieren, voneinander abzugrenzen sowie ihre Vor- und Nachteile für die Forschungspraxis aufzuzeigen. Dieses Vorgehen soll schließlich einen Metaphernbegriff zum Ergebnis haben, welcher für den empirischen Teil der Arbeit zielführend ist. Die Metaphern als Bestandteil des Diskurses werden in Kapitel 2.3 erörtert. Eingangs stehen die Grade der Metaphorizität im Fokus. Diese müssen differenziert und ihre Entwicklung erläutert werden, bevor schließlich mögliche Metapherfunktionen im Diskurs und die Problematik ihrer Bestimmung geschildert werden. Somit wird der methodische und empirische Teil der Arbeit theoretisch fundiert, wodurch die Voraussetzungen für die Analyse des Flüchtlingsdiskurses geschaffen werden.

2.1 Diskurslinguistik und -analyse

Dieses Kapitel hat zum Ziel, den Diskursbegriff in der linguistischen Systematik einzuordnen und sich mit Theorie und Methodologie des diskurslinguistischen Forschungsfeldes auseinanderzusetzen. In Kapitel 2.1.1 werden hierfür zunächst verschiedene Diskursbegriffe genannt und das dieser Arbeit zugrundeliegende Diskursverständnis aufgezeigt, bevor das Forschungsfeld skizziert wird und eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen diskurslinguistischen Ansätzen innerhalb der Disziplin erfolgt. Im Anschluss werden in Kapitel 2.1.2 methodologische Herausforderungen in der diskurslinguistischen Analyse angesprochen. Daraus resultiert schließlich die Vorstellung des diskurslinguistischen Modells DIMEAN, mit dessen Hilfe die Metapher als Forschungsgegenstand in der Diskursanalyse verortet wird.

2.1.1 Verortung in der Linguistik

„Mit Diskurs ist ein Begriff gegeben, dessen Differenziertheit und damit verbundene Unklarheit kaum größer sein könnte [Hervorhebung im Original]“ (Warnke 2007: 3). Mit dieser Aussage beschreibt Warnke explizit die Problematik einer Definition des Diskursbegriffes. In der Alltagssprache wird Diskurs „als Synonym für ‚Konversation‘ gebraucht“, aber auch mit „der Bedeutung ‚wissenschaftliche Abhandlung‘“, wie Warnke (2007: 3) erläutert, wohingegen die Germanistische Linguistik zumeist auf den Philosophen Michel Foucault verweist.[2] Foucaults Diskursbegriff ist allerdings ebenfalls nicht feststehend, das Gegenteil ist der Fall: „Die Ambivalenz in Foucaults Terminologie reicht so weit, dass sein Werk offen lässt [sic!], ob Diskurs ein sprachliches oder nicht-sprachliches Objekt ist.“ (Seidenglanz 2014: 41). Spitzmüller und Warnke interpretieren den Foucault'schen Diskursbegriff recht präzise als „Formationssystem von Aussagen, das auf kollektives, handlungsleitendes und sozial stratifizierendes Wissen verweist“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 9). Indessen verstehen Busse und Teubert darunter „Beziehungen zwischen einzelnen Aussagen oder Aussagelementen […] quer durch eine Vielzahl einzelner Textexemplare“ (Busse/Teubert 1994: 15) und rücken somit die Intertextualität des Diskurses in den Fokus. Warnke weist hingegen an anderer Stelle darauf hin, dass „bei allen Vagheiten der verschiedenen Diskursbegriffe in Foucaults Werken […] Diskurs hier immer eine strukturelle Einheit [ist], die über Einzelaussagen hinausgeht“ (Warnke 2007: 5). Diesem Verständnis des Diskurses als „textübergreifenden Verweiszusammenhang von thematisch gebundenen Aussagen“ (Warnke 2008: 37) folgt auch diese Arbeit. Warnke unterscheidet zwei Ausprägungen bei der Erforschung dieses Gegenstandes, die „[t]extualistische“ und die „epistemologische“ (Warnke 2008: 37) Diskurslinguistik. Laut ihm steht bei der textualistischen Diskurslinguistik „die sprachstrukturelle Organisation von Aussagen in textübergreifenden Verweiszusammenhängen“ im Fokus, während sich die epistemologische Diskurslinguistik mit „sprachlich manifestierte[m] Wissen“ (Warnke 2008: 37) als „Ausdruck von Haltungen und Einstellungen, von sprachlichen Routinen, von Macht und Regulierung“ (Warnke 2008: 38) beschäftigt. Allerdings weist Warnke auch darauf hin, dass diese Ausprägungen der Diskurslinguistik „in der Forschungspraxis kaum zu trennen“ sind, „ihre Abgrenzung ist eher theoretischer Art“ (Warnke 2008: 38). Das theoretische Fundament der Diskurslinguistik sowie die differierenden Ansätze der Forschung werden im Folgenden erläutert.

In Deutschland etablierte sich der Diskurs als Gegenstand linguistischer Forschung bzw. linguistische Teildisziplin im Vergleich zu Frankreich recht spät (vgl. Busse/Teubert 1994:10). Busse und Teubert haben mit ihrem Aufsatz Ist Diskurs ein sprachwissenschaftliches Objekt? (Busse/Teubert 1994: 10-28) entscheidend zur hiesigen Konstitution dieser Forschungsrichtung beigetragen (vgl. Reisigl 2013: 243). Darin begreifen sie Diskurse „im forschungspraktischen Sinn [als] virtuelle Textkorpora, deren Zusammensetzung durch im weitesten Sinne inhaltliche (bzw. semantische) Kriterien bestimmt wird“ und damit „Teilmengen der jeweiligen Diskurse“ (Busse/Teubert 1994: 14) sind. Sie eröffnen der Sprachwissenschaft somit über die Erweiterung der Textlinguistik einen Zugang zur Diskurslinguistik als transtextueller Einheit und linguistischer Kategorie, obwohl „eine allgemein akzeptierte und für alle Untersuchungen verbindliche Definition“ (Spitzmüller 2010: 54) des Diskursbegriffs nicht existiert. Warnke bezeichnet die „Diskurslinguistik nach Foucault“ auch als „eine Linguistik des unpräzisen Gegenstands“ (Warnke 2007: 18). Demgemäß haben sich in der Germanistischen Linguistik v.a. zwei gegensätzliche Forschungsperspektiven etabliert, welche den jeweiligen Schwerpunkt auf verschiedene Aspekte der Foucault'schen Diskurstheorie legen. Es handelt sich um den v.a. von den Linguisten der „Düsseldorfer Schule“ (u.a. Dietrich Busse, Wolfgang Teubert, Fritz Hermanns, Georg Stötzel, Martin Wengeler, Karin Böke)[3] entwickelten Ansatz der „historischen Diskurssemantik“ (Schiewe 2010: 43) bzw. deskriptiven oder schlicht „linguistischen Diskursanalyse“ (Reisigl/Warnke 2013: 8) sowie die „Kritische Diskursanalyse“ (Schiewe 2010: 43), welche maßgeblich von Siegfried und Margarete Jäger vertreten wird. Bezüglich dieser Terminologie muss zunächst eine begriffliche Differenzierung unternommen werden:

Der Zuständigkeitsbereich der Diskurslinguistik ist kleiner als der Zuständigkeitsbereich der Diskurs analyse, denn die Diskurslinguistik ist ja nur eine Teil disziplin der Diskursanalyse, und zwar eine, welche primär sprachliche Manifestationen des Diskurses untersucht [Hv. im Original]. (Spitzmüller 2010: 57)

Auf die programmatischen Unterschiede der beiden diskursanalytischen Ansätze der Linguistik kann im Rahmen dieser Arbeit nicht im Detail eingegangen werden, deshalb werden im Folgenden lediglich einige der relevantesten Faktoren angesprochen.

Die Historische Semantik hat ausgehend von der „Bedeutungskonstitution in lexikalischen Strukturen“ die Untersuchung „der Geschichte der Bedeutung von Wörtern“ (Warnke 2007: 7) fokussiert und schließlich zur Analyse der „historischen Prozesse von Bedeutungskonstitution“ (Warnke 2007: 8) ausgeweitet. Hierbei steht eine „Berücksichtigung von semantischen Querbeziehungen, Begriffs-, Aussage- und Wissenselemente-Netzen (auch über Text- und Epochengrenzen hinweg)“ (Busse/Teubert 1994: 27) im Mittelpunkt. Gemäß Warnke verzichtet diese „erweiterte Semantik in textlinguistischer Tradition“ auf den Einbezug von „soziale[r] Dynamik und Hierarchisierung“. Sie nimmt „zwar durchaus Phänomene wie ‚Gesellschaft‘ und ‚Macht‘ und ihre Implikationen für den Diskurs zur Kenntnis“ (Teubert 2013: 94), beschränkt sich aber auf die „Beschreibung sprachlicher Strukturen“ (Warnke 2008: 41) in den durch diskursive Handlungen entstandenen Texten.

Diese Auffassung der Diskurslinguistik teilen die Vertreter der Kritischen Diskursanalyse nicht, welche „gerade die Analyse von Macht als eine ihrer zentralen Aufgaben ansehen“ (Warnke 2008: 41) und damit nach Ansicht von Warnke mit der Macht- und Gesellschaftskritik auch „außerlinguistische Fragestellungen“ (Warnke 2007: 8) einbeziehen.[4] Nach Jäger und Jäger ist der Diskurs „eine regulierende Instanz“, wie ihre Definition des Diskurses zeigt:

Der Diskurs […] als rhyzomartig verzweigter mäandernder ‚Fluss von ‚Wissen‘ bzw. sozialen Wissensvorräten durch die Zeit‘, […] er schafft die Vorgaben für die Subjektbildung und die Strukturierung und Gestaltung von Gesellschaften, die sich entsprechend als außerordentlich vielgestaltig erweisen. (Jäger/Jäger 2007: 23)

Demnach kann „Diskursanalyse […] auch als Wirkungsanalyse verstanden werden [Hv. im Original]“ (Jäger/Jäger 2010: 33). An dieser Stelle entbrennt die „Kontroverse zwischen den epistemologisch-diskurssemantischen und den kritisch-machtanalytischen diskurslinguistischen Ansätzen“, so Spitzmüller und Warnke (2011: 98). Nach Reisigl und Warnke weist die Kritische Diskursanalyse „oft explizit präskriptive Züge“ (Reisigl/Warnke 2013: 8) auf, der diskurssemantische Ansatz ist hingegen dezidiert deskriptiv: Die Vertreter des diskurssemantischen Ansatzes haben „den Anspruch, Diskurse allein ‚deskriptiv-analytisch‘ (d. h. nicht wertend) zu beschreiben“ und damit rein erkenntnisorientiert vorzugehen, wohingegen die Verfechter der Kritischen Diskursanalyse darauf abzielen, „diskursive Strukturen darüber hinaus auch zu bewerten“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 98). Es stellt sich die Frage, ob diese konträren Positionen unvereinbar sind.

Wie die historische Diskurssemantik, so beruht auch die Kritische Diskursanalyse auf der „Auffassung, dass Sprache Wirklichkeit (Wissen, Gesellschaft, Kultur etc.) nicht nur abbildet, sondern auch schafft“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 79). Jäger paraphrasiert dies mit den Worten, „dass sich in den Diskursen gesellschaftliche Wirklichkeit nicht einfach widerspiegelt, sondern dass die Diskurse gegenüber der Wirklichkeit eine Art ‚Eigenleben‘ führen“ (Jäger 2015: 33). Demnach ähneln sich die zwei auf den ersten Blick grundverschieden erscheinenden Ansätze der Diskurslinguistik und -analyse nicht nur bezüglich des Aufbaus auf der Diskurstheorie Foucaults, sondern auch hinsichtlich ihrer Vorstellungen vom Verhältnis des Diskurses zur Wirklichkeit. „Zwar nehmen die Vertreter der beiden Varianten jeweils spezifische Teilaspekte des Diskurses in den Blick, gerade dies aber kann angesichts des komplexen Gegenstands ‚Diskurs‘ kaum nachteilig sein“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 80). Schiewe kommt darüber hinaus zu dem Schluss, dass „trotz oder gerade wegen der Theoriebildung und dem methodischen Werkzeug […] diese diskursanalytischen Ansätze durchaus sehr gut nebeneinander bestehen und sich gar gegenseitig ergänzen“ (Schiewe 2010: 47) können. Die bereits genannte Auffassung, dass Sprache die Realität sowohl wiedergibt als auch konstituiert, führt in logischer Konsequenz zu der Annahme, dass die Sprecher, welche mit Sprache Diskurse konstituieren, nicht unabhängig von gesellschaftspolitischen Einflüssen agieren. Somit ist in der Diskurslinguistik „auf die Analyse sozialer Strukturen im Geflecht von diskursiven Akteuren nicht zu verzichten“ (Warnke 2008: 41). Die vorliegende Arbeit schließt sich jedoch der Argumentation Warnkes an, dass die „Kritik an gesellschaftlichen Strukturen […] auch weiterhin nicht zum Kern einer linguistischen Diskursanalyse gehören“ sollte, da die „Linguistik als Wissenschaft von der Sprache“ (Warnke 2008: 41) Machtbeziehungen zwar analysieren kann, deren sprachliche Umsetzung aber der expliziten Kritik vorzuziehen ist. Dies schließt jedoch weder interdisziplinäre Forschungen noch die Ausübung „impliziter Sprachkritik“ (Schiewe 2010: 47) aus. Letztere liegt vor, wenn „rein deskriptive Analysen zeigen, dass es konkurrierende Sprachgebräuche innerhalb ein und desselben Gegenstandsfeldes gegeben hat, […] und sich daraus auch unterschiedliche Sichtweisen, Konstruktionen eines Gegenstandes ergeben“ (Schiewe 2010: 48). Laut Schiewe ist auch die Düsseldorfer Schule diesem Konzept zuzuordnen, ihre und damit Wengelers Arbeiten bezeichnet er als „methodisch deskriptiv – intentional aber kritisch“ (Schiewe 2010: 48). Das Aufzeigen der „Möglichkeit [sprachlicher Alternativen] und ihre[r] Existenz durch beschreibende Analyse“ (Schiewe 2010: 48) fließt als Bestandteil diskurssemantischer Analyse in diese Arbeit ein.

2.1.2 DIMEAN – Ein diskurslinguistisches Modell

Die methodologische Diskussion in der Diskurslinguistik wird Spitzmüller (2010: 55) zufolge v.a. von vier Desiderata bestimmt: Es ist zu analysieren, ob die vorhandenen Methoden der diskurslinguistischen Zielsetzung gerecht werden können, ob diese Methoden für „die Analyse kollektiven Wissens geeignet sind“, welche Diskursbereiche eine Methode abdecken kann und ob „die verschiedenen Methoden miteinander kompatibel sind“ (Spitzmüller 2010: 55). Der Fokus liegt hierbei auf der „Frage, inwieweit die Diskurslinguistik ihren Gegenstand mit den ihr zu Verfügung stehenden Methoden überhaupt zu erfassen in der Lage ist“ (Spitzmüller 2010: 55), da Diskurs als Gegenstand nicht nur eine sprachliche Dimension hat. In diesem Zusammenhang wird die Problematik der „ Übergenerierung “ und „ Unterspezifiziertheit [Hv. im Original]“ (Spitzmüller 2010: 55) genannt:

Unterspezifiziert ist eine Disziplin dann, wenn sie über ihren Gegenstand weniger in Erfahrung bringt, als dies mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln möglich und notwendig ist. Übergenerierend ist eine Disziplin umgekehrt dann, wenn sie über ihren Gegenstand mehr in Erfahrung zu bringen versucht, als dies mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln möglich und notwendig ist [Hv. im Original]. (Spitzmüller 2010: 55)

Eine „Ausklammerung der Akteure aus dem sprachwissenschaftlichen Interesse am Diskurs“ oder eine zu geringe Datenbasis wäre demnach in der Diskurslinguistik als Unterspezifiziertheit anzusehen, da dies „unweigerlich zu einer Reduktion des Gegenstandes führen“ (Warnke/Spitzmüller 2008: 4) würde. Demgegenüber hätte der Einbezug von „Bildanalyse, Machtanalyse, Akteursanalyse“ (Warnke/Spitzmüller 2008: 4) eine Übergenerierung zur Folge, da „dies mit sprachwissenschaftlichen Mitteln“ (Spitzmüller 2010: 56) nicht erforschbar ist.[5] Um diesen Problematiken zu entgehen, muss eine diskurslinguistische Methodologie laut Spitzmüller v.a. zwei Anforderungen genügen, namentlich „der genauen Beschreibung der Gegenstandsextension und der Methoden“ sowie der Findung „methodologische[r] Gütekriterien [Hv. im Original]“ (Spitzmüller 2010: 57). An dieser Stelle setzt das von Spitzmüller und Warnke entworfene diskurslinguistische Modell an.

Die diskurslinguistische M[ Hv. im Original]“ (Spitzmüller 2010: 70). Die Zielsetzung des komplexen Modells (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011: 201) ist demnach nicht, dass in einer diskurslinguistischen Analyse alle aufgezeigten Schritte durchgeführt werden, sondern „die Formulierung eines Begründungszusammenhangs für Methoden“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 135) in diskurslinguistischen Analysen. Das Modell greift mit einem transtextuellen Anspruch auf bereits diskutierte Diskursdimensionen zurück: die intratextuelle Ebene, die Ebene der Akteure und die transtextuelle Ebene. Hierbei bezieht sich die intratextuelle Ebene auf Texte, die transtextuelle Ebene repräsentiert das Wissen und die handelnden Personen bzw. „Akteure als zentrale Diskursdimension“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 136) sind dazwischen angesiedelt. Spitzmüller betont diesbezüglich, „dass das Modell grundsätzlich bottom-up zu lesen ist: von unten nach oben und von den kleineren zu den größeren sprachlichen Einheiten [Hv. im Original]“ (Spitzmüller 2010: 60). „Die kleinste Einheit des Diskurses ist dabei die Aussage“, welche „im Kontext textbasierter Äußerungen“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 137) auftritt und im DIMEAN-Modell auf drei Analyseebenen untersucht wird. Dabei handelt es sich um die wortorientierte Analyse, welche Ein-Wort- und Mehr-Wort-Einheiten wie bspw. Namen oder Schlüsselwörter umfasst, die propositionsorientierte Analyse mit den in der Mikrostruktur vertretenen Propositionen (z.B. Syntax, deontische Bedeutung, Implikaturen) und zuoberst die textorientierte Analyse (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011: 201). Letztere beinhaltet gemäß Spitzmüller und Warnke (2011: 201) die Mesostruktur (Themen in Textteilen) und die Makrostruktur (das Textthema), welche gemeinsam lexikalische Felder, Textsorten oder -funktionen umfassen, sowie die visuelle Textstruktur, also bspw. Layout oder Text-Bild-Strukturen. „Potenziell untersucht Diskurslinguistik also auf der intratextuellen Ebene alle bedeutungsgenerierenden Elemente der Sprache“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 139), auch in der vorliegenden Arbeit bewegt sich die im empirischen Teil folgende Analyse auf dieser Ebene.

Metaphern, „die in der Diskurslinguistik sehr früh als wichtige Indikatoren für Werthaltungen und Einstellungen erkannt wurden“ (Spitzmüller 2010: 62), finden sich zunächst in der propositionsorientierten Analyse, also in der Mikrostruktur von Texten, und können dort „auch in ganzen Wortformen oder Phrasen vorkommen“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 153). Weiterhin ist die Mesostruktur, also „alle textgebundenen, satzübergreifenden Sprachformen“ und die Makrostruktur, „die globale semantische Gesamtarchitektur eines Textes“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 157), für die Analyse „sich über den Gesamttext ziehender Metaphernfelder [Hv. im Original]“ (Spitzmüller 2010: 63) von Bedeutung. Auf die Definition und Konstitution von Metaphernfeldern wird in Kapitel 2.2 näher eingegangen, an dieser Stelle ist nur zu erwähnen, dass sie als „diskurslinguistische Analysekategorie […] wiederum ein Hinweis auf implizite Formen der Bedeutungskonstituierung“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 165) sind und als diskursives Phänomen sowohl in der Meso- als auch Makrostruktur auftreten können.

Die „diskurslinguistische Akteursanalyse“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 172) hat im DIMEAN-Modell eine besondere Position inne, weil die Akteure Transtextualität herstellen und diese Ebene somit „ein ‚Filter‘ für die Zugehörigkeit von singulären Texten zu Diskursen“ ist, der sog. „Text-Diskurs-Filter“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 173):

Eine Filterung erfolgt in zwei Richtungen: Diskurshandlungen filtern einerseits, welche Aussagen in einen Diskurs überhaupt eingehen. […] Neben diesen ‚Diskursregeln‘, die also die Teilhabe von Aussagen am Diskurs beschränken, erfolgt eine weitere Filterung durch die ‚Diskursprägung‘, denn jeder Text ist per se – dies ist eine universelle Eigenschaft – diskursiv geprägt. (Spitzmüller/Warnke 2011: 173)

Bezüglich der Akteursebene unterscheiden Spitzmüller und Warnke (2011: 201) neben dem Text-Diskurs-Filter noch die Dimensionen Medialität (bspw. Medium, Textmuster), Diskurspositionen (u.a. soziale Macht, Diskursgemeinschaften) sowie Interaktionsrollen der Akteure (z.B. Autor, antizipierte Adressaten). In dieser Arbeit wird innerhalb der Korpusgenerierung und der Analyse auf die Medialität, ferner auch auf die Interaktionsrollen kurz eingegangen, eine konkrete Analyse erfolgt jedoch aufgrund des gegebenen Rahmens der Arbeit nicht.

Zuletzt noch einige Worte zur transtextuellen Analyseebene im DIMEAN-Modell. Diese besteht aus der diskursorientierten Analyse, bspw. der Analyse von Topoi, Ideologien, Intertextualität oder auch diskurssemantischen Grundfiguren. Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass sie „unterschiedliche intratextuelle Phänomene systematisieren“ und „damit Merkmale der Diskurskohärenz“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 191) sind. Im Zuge der quantitativen und v.a. qualitativen Analyse wird sich zeigen, ob Metaphern im Flüchtlingsdiskurs eine diskurssemantische Grundfigur darstellen. Schlussendlich zeigt das DIMEAN-Modell verschiedene mögliche Perspektiven auf den zu untersuchenden Diskurs auf und berücksichtigt dabei nicht nur die Sprache, sondern auch und v.a. Akteure und Wissen, mit anderen Worten die spezifischen Dimensionen eines Diskurses. Die Verortung der eigenen Diskursanalyse im Modell verhilft zu einer „intersubjektive[n] Akzeptanz“ zur Arbeit und „wissenschaftlicher Selbstreflexion“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 199). Dies vergrößert nicht nur die Reliabilität, sondern kann auch dabei helfen, die diskurslinguistische Analyse transparenter zu gestalten und ihre Grenzen zu verdeutlichen (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011: 199).

2.2 Metapherntheorien im Überblick

Vor einer Analyse von Metaphern im Diskurs ist zunächst zu klären, was unter dem Begriff Metapher zu verstehen ist. Laut dem Duden Herkunftswörterbuch ist die Metapher ein „‚übertragener, bildlicher Ausdruck; Bild‘: Das Fremdwort ist eine gelehrte Entlehnung des 17. Jh.s – zuerst in der Form ‚Metaphor‘ – aus griech.-lat. metaphora ‚ Übertragung (der Bedeutung); bildlicher Ausdruck‘ [Hv. im Original]“ (Duden HKW 4: Metapher). Es handelt sich demnach um ein sprachliches Bild, welches durch Bedeutungsübertragung konstituiert wird. Die Entstehung, Bestandteile und Definition der Metapher werden bis heute kontrovers diskutiert. Dies hatte den Ausbau unterschiedlicher Metapherntheorien zur Folge, welche in diesem Kapitel im Mittelpunkt stehen. Ziel ist es, sie vorzustellen und auf ihre Eignung für diskursanalytische Untersuchungen zu prüfen. Dafür werden die Theorien beschrieben, voneinander abgegrenzt und die jeweiligen Kritikpunkte genannt und diskutiert. Da im Rahmen dieser Arbeit nicht alle Metapherntheorien behandelt werden können,[6] konzentriert sich der Überblick auf die für die Linguistik wegweisendsten metapherntheoretischen Ansätze und ihre Vertreter. Dies sind die Substitutions- und Vergleichstheorie, die Interaktionstheorie sowie die Kognitive Metapherntheorie. Sie werden in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Entwicklung verhandelt.

2.2.1 Substitutions- und Vergleichstheorie

Die Substitutions- und die Vergleichstheorie gelten als klassische Metapherntheorien, die von „Autoren der Antike wie Aristoteles und Quintilian“ (Seidenglanz 2014: 69) vertreten wurde. „Die Substitutionstheorie der Metapher behandelt einen metaphorischen Ausdruck als Substitut für einen anderen, wörtlichen Ausdruck“ (Rolf 2005: 93) mit gleicher Bedeutung und „geht auf Aristoteles zurück“ (Kurz 2009: 7). Demnach „wird bei der Metapher das ‚eigentliche‘ Wort durch ein fremdes ersetzt“, wobei zwischen den beiden Wörtern eine „Ähnlichkeit oder Analogie“ (Kurz 2009: 7-8) besteht. Eine Sonderform der Substitutionstheorie stellt gemäß Black (1983: 66) die Vergleichstheorie dar, laut ihr „ist die Metapher ein um die Partikel ‚wie‘ verkürzter Vergleich“ (Kurz 2009: 8). Black nennt hierzu das Beispiel „Richard ist ein Löwe“, welches den Unterschied zwischen den beiden Theorien verdeutlichen soll:

In der ersten Auffassung bedeutet der Satz ungefähr dasselbe wie ‚Richard ist tapfer‘; in der zweiten ungefähr dasselbe wie ‚Richard ist wie ein Löwe (durch seine Tapferkeit)‘, wo die Worte in Klammern zwar für das Verständnis vorausgesetzt, aber nicht explizit gesagt werden [Hv. im Original]. (Black 1983: 67)

Die Vergleichstheorie ist demnach semantisch indifferent, da ein Löwe mehrere Eigenschaften besitzt, die Richard zugeschrieben werden könnten. Im Gegensatz dazu ist im Rahmen der Substitutionstheorie die Metapher Löwe ein klarer Ersatz für den wörtlichen Begriff tapfer.

Aristoteles sieht die Metapher in seinen Werken Rhetorik und Poetik v.a. als „ein Mittel der poetischen Redeweise [Hv. im Original]“ (Kurz 2009: 8) und damit nicht in einem alltagssprachlichen Zusammenhang. Diese Differenzierung bedingt einen der Kritikpunkte der Theorie, da Metaphern auch in der alltäglichen Sprache verwendet werden (vgl. Kurz 2009: 8f.). Ein weiterer Kritikpunkt ist die Tatsache, dass Aristoteles laut Kurz (2009: 9) den Kontext der Metapher außer Acht lässt und sich auf nominalisierbare Wörter konzentriert, die Metapher sozusagen auf begriffslogische Zusammenhänge reduziert. Aristoteles gesteht der Metapher immerhin zu, dass sie lexikalische Lücken füllt (vgl. Kohl 2007: 109 und Kurz 2009: 9), aber „versteht […] sie doch grundsätzlich als Abweichung von der Norm“ (Kohl 2007: 109), da sie ja ein eigentliches Wort ersetzt und im Umkehrschluss eine „ uneigentliche Bedeutung [Hv. im Original]“ (Kurz 2009: 9) hat. Diese „Etikettentheorie“, also die Annahme, dass alles einen Namen hat wie „eine Flasche ihr Etikett“ (Kurz 2009: 11), ist zwar klar und deutlich, aber schlicht nicht zutreffend. Sie beruht laut Kurz auf „einer unhaltbaren Wortsemantik“ (Kurz 2009: 11) und widerspricht der in Kapitel 2.1.1 geäußerten Ansicht, dass Sprache die Realität nicht einfach abbildet, sondern diese konstituiert. „Metaphern“, so führt Hülsse in der Terminologie der Substitutionstheorie aus, „können mehr: Sie erweitern die ursprüngliche Bedeutung des eigentlichen Ausdrucks, reichern ihn an mit den Bedeutungen des uneigentlichen, kurz: sie konstituieren ihn [Hv. im Original]“ (Hülsse 2003: 218). Dies macht Kurz am Beispiel der Metapher Abend des Lebens deutlich, indem er darauf verweist, dass diese mit einer positiven Konnotation verbunden ist: Es wird an „ein heiteres, problemloses Alter“ (Kurz 2009: 11) gedacht statt einfach an Alter.

Bei aller vorgebrachten Kritik ist der Vergleichs- und Substitutionstheorie in Übereinstimmung mit Kohl jedoch eines zugute zu halten:

Indem Aristoteles die Metapher einerseits mit der Wirkung der Sprache – auch der Alltagssprache – in Verbindung bringt und andererseits mit der philosophischen Analogie, schafft er eine breite, offene Grundlage für ein Verständnis der vielfältigen kognitiven und sprachlichen Aspekte der Metapher. (Kohl 2007: 110)

Die sprachlichen Aspekte werden im nun folgenden Kapitel über Interaktionstheorien behandelt, während in Kapitel 2.2.3 die Kognitive Metapherntheorie und damit die kognitive Seite der Metapher im Fokus steht.

2.2.2 Interaktionstheorien

Zu den bekanntesten Vertretern von Interaktionstheorien gehören Ivor A. Richards, Max Black und Harald Weinrich.[7] Allen Interaktionstheorien gemeinsam ist die Beschreibung semantischer Prozesse auf der Basis der zentralen Idee einer Interaktion bei der Konstitution von Metaphern. Sie reagieren auf die Kritik an der Substitutions- und Vergleichstheorie mit der Abkehr von der Annahme, dass ein eigentliches Wort für eine Metapher existiert und zeigen auf, dass die Ersetzung einer Metapher im spezifischen Kontext somit nicht ohne Bedeutungsverlust möglich ist.

Die von Richards 1936 entwickelte „Interaktionshypothese" wurde von „Black in den Jahren 1954 und 1977 weiterentwickelt“ (Petraškaitė-Pabst 2006: 23). Richards begreift die Metapher als „Einheit einer Differenz, der Differenz ‚Tenor/Vehikel‘“ (Rolf 2005: 36) und „bietet […] mit seinem Ausgangspunkt, daß [sic!] der metaphorische Ausdruck zwei Vorstellungen in einer vermittelt, eine neue Betrachtungsweise“ (Petraškaitė-Pabst 2006: 23). Tenor und Vehikel als Interaktionskomponenten werden von Black in die Termini „Rahmen (frame)“ für den wörtlichen Gebrauch und „Fokus (focus)“ (Black 1983: 58) für den metaphorischen Gebrauch von Wörtern überführt. Dabei ist zu beachten, dass im Gegensatz zur Substitutions- und Vergleichstheorie ganze Sätze und nicht nur einzelne Wörter analysiert werden. Black spricht von der „Erweiterung oder Änderung der Bedeutung“ (Black 1983: 70) durch die Interaktion von Rahmen und Fokus. Für die Verwendung einer Metapher ist es entsprechend seiner Ausführungen entscheidend, dass „der Leser sich dieser Bedeutungserweiterung bewußt [sic!] bleiben, daß [sic!] er beides, die alte und die neue Bedeutung zusammen wahrnehmen muß [sic!]“ (Black 1983: 69-70). Dabei geht er von einer Analogie zwischen Rahmen und Fokus aus, welche „die metaphorische Anwendung überhaupt erst ermöglicht“ (Kirchhoff 2010: 108). Die Bedeutungserweiterung, von Black auch „kognitive[r] Gehalt“ (Black 1983: 78) genannt, ist der Grund dafür, dass eine Metapher eben nicht wie bei der Substitutions- oder Vergleichstheorie einfach ersetzbar ist.

Wofür Black das Begriffspaar Rahmen und Fokus nutzt, das bezeichnet Weinrich in der Semantik der kühnen Metapher als „Bildempfänger (‚Sache‘)“ und „Bildspender (‚Bild‘)“ (Weinrich 1976: 297). Zwischen diesen besteht eine „Bildspanne“, welche „der Metapher den Charakter der Kühnheit“ (Weinrich 1976: 306) verleihen kann, wenn sie klein ist. Nach Weinrich haben Metaphern eine „geringe Bildspanne, wenn der Bildspender dem Bildempfänger oder einem seiner Merkmale semantisch nahesteht“, wodurch die Aufmerksamkeit auf die grundsätzlich gegebene „Widersprüchlichkeit einer Metapher“ gelenkt wird, was ihr wiederum „den Charakter der Kühnheit“ (Weinrich 1976: 306) verleiht. Als Beispiel dient die Metapher „ schwarze Milch “ (Weinrich 1976: 305) aus Paul Celans Gedicht Todesfuge. Gemäß Weinrichs Ausführungen ist dies eine kühne Metapher, „nicht weil sie so weit von den alltäglichen Beobachtungen abweicht, sondern weil sie so gering abweicht“ (Weinrich 1976: 305), also aufgrund der bloßen Farbänderung. Des Weiteren weist Weinrich darauf hin, dass Metaphern „immer in einem Kontext“ stehen und definiert sie dementsprechend als „ein Wort in einem Kontext, durch den es so determiniert wird, daß [sic!] es etwas anderes meint, als es bedeutet“ (Weinrich 1976: 311). Aus dieser Kontextdeterminationstheorie leitet er das „Bildfeld als die semantische Heimat einer Metapher“ ab, welches die Kühnheit einer Metapher durch die Verknüpfung mit anderen, bereits bekannten Metaphern mindern kann.

Ein Bildfeld „als virtuelles Gebilde“ (Weinrich 1976: 326) besteht aus einem bildspendenden und -empfangenden Feld, Metaphern lassen sich ihm folglich durch die Identifizierung des Bildspenders zuordnen (vgl. Weinrich 1976: 313). Als Beispiel wird die „Wortmünze“ (Weinrich 1976: 283) genannt, also ein Bildfeld, in welchem Wörter mit Münzen interagieren. So werden „neue Wörter […] geprägt, der Wort schatz erweitert“ und vor „ Pfennig wahrheiten“ (Petraškaitė-Pabst 2006: 27) gewarnt. Die „Zugehörigkeit zu einem Weinrichschen Bildfeld deutet die Metapher nicht“ (Coenen 2002: 184), so die Kritik. Dies trifft zwar – wie auf die meisten oder gar alle Metapherntheorien – zu, allerdings bietet die Theorie „einen Zugang zur Systematisierung der Metaphern“ (Petraškaitė-Pabst 2006: 23) in einem Diskurs. Da die Metaphernfelder im Diskurs als „immanente Deutungs- und Charakterisierungsperspektiven“ (Kurz 2009: 26) fungieren, können sie als Ansatzpunkt einer qualitativen Analyse dienen. Im Gegensatz zur Allegorie, „definiert als fortgesetzte Metapher“, durchzieht ein Bildfeld nicht nur einen Text, sondern „gehört demgegenüber zum objektiven, virtuellen Sprachgebilde der Sprache“ (Weinrich 1976: 283). Diese Unterscheidung zeigt auf, dass Weinrich Metaphern nicht nur als textuelles Phänomen begreift, vielmehr erkennt er die Ubiquität, Transtextualität und soziokulturelle Eingebundenheit (vgl. Weinrich 1976: 287) von Metaphern an. Auch wenn er seine Bildfeldheorie anhand literarischer Texte entwickelt, verliert er die wirklichkeitskonstituierende Funktion von Metaphern nicht aus dem Blick: „Sie lenken die Gedanken, zeigen neue Wege, verfremden das Bekannte“ (Weinrich 1976: 302).

[...]


[1] Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die Nennung beider Geschlechter verzichtet und ausschließlich das generische Maskulinum verwendet. Gemeint sind immer beide Geschlechter mit gleicher Wirkung.

[2] Einige Linguisten beziehen sich stattdessen auf den Diskursbegriff von Jürgen Habermas. Dieser „versteht unter ‚Diskurs‘ einen herrschaftsfreien, gleichberechtigten, konsensorientierten Meinungsaustausch, bei dem allein die Qualität der Argumente und nicht etwa die soziale Position der Diskursteilnehmer zählt“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 7). Es handelt sich hierbei jedoch nicht um ein linguistisches, sondern vielmehr um ein ethisches Diskurskonzept, weshalb diese Definition des Diskursbegriffes für die vorliegende Arbeit irrelevant ist (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011: 7f.).

[3] Vgl. Schiewe (2010: 43) und Spitzmüller/Warnke (2011: 87).

[4] Der Streit um die Ausübung von „Kritik an Sprachverwendung“ (Warnke 2008: 41) als einem Hauptbestandteil der Kritischen Diskursanalyse verdeutlicht, dass die antagonistischen Forschungsperspektiven auf unterschiedlichen Auffassungen der Sprachwissenschaft und ihrer Aufgaben beruhen. Nach Reisigl und Warnke weist die Kritische Diskursanalyse „oft explizit präskriptive Züge“ (Reisigl/Warnke 2013: 8) auf, der diskurssemantische Ansatz ist hingegen dezidiert deskriptiv, auch wenn „linguistische Texte niemals nur deskriptiv sind, sondern zumindest auch explikative und argumentative Textteile inkludieren“ (Reisigl/Warnke 2013: 22). Czachur weist darauf hin, dass die Linguistik im Allgemeinen als deskriptive und erklärende Wissenschaft, also keineswegs präskriptive Disziplin, definiert wird (vgl. Czachur 2013: 325f.). „Kritik ist eine Form der Anwendung von Erkenntnissen“ (Schiewe 2010:47), somit kann die Kritische Diskursanalyse als stark anwendungsorientierte Form der Sprachwissenschaft verstanden werden.

[5] Diese Eingrenzung der Diskurslinguistik ist durchaus diskussionswürdig, da in den letzten Jahren auch multikodale und multimodale Diskursanalysen Eingang in die Sprachwissenschaft gefunden haben (vgl. Gredel 2014: 197ff.).

[6] Eckard Rolf zählt bspw. 25 verschiedene Metapherntheorien auf (vgl. Rolf 2005).

[7] Vereinzelt werden auch Lakoff und Johnson mit ihrer Kognitiven Metapherntheorie den Interaktionstheorien zugeordnet (vgl. Gredel 2014: 38), doch da die kognitive Perspektive zumeist als „bedeutenste[r] Paradigmenwechsel in der Metaphernforschung“ (Kohl 2007: 119) wahrgenommen wird, erfolgt deren Beschreibung in einem separaten Kapitel.

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Metaphorik im Diskurs über die Flüchtlingskrise
Untertitel
Eine korpuslinguistisch informierte Analyse von Zeitungstexten
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakultät)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
66
Katalognummer
V440998
ISBN (eBook)
9783668796195
ISBN (Buch)
9783668796201
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flüchtlinge, Flüchtlingskrise, Metapher, Korpus, Korpuslinguistik, Diskurs, Diskurslinguistik, Zeitung, Medien, Metapherntheorien
Arbeit zitieren
Eileen Nagler (Autor), 2016, Metaphorik im Diskurs über die Flüchtlingskrise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/440998

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