Die Kriminalromane von Charlotte Link. Eine Erfolgsgeschichte

"Schließlich war ich nicht von Beginn an eine Bestseller-Autorin.“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bestseller und Listen
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Forschungsperspektiven
2.3 Bestseller- und Bestenlisten

3. Das Genre des Kriminalromans
3.1 Versuch einer Definition
3.2 Überblick
3.3 Merkmale des Kriminalromans

4. Analyse ausgewählter Kriminalromane
4.1 Schattenspiel
4.2 Das Haus der Schwestern
4.3 Die Betrogene

5. Schlussbemerkungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Charlotte Link gilt als momentan erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart[1] und ihre Bücher erscheinen regelmäßig auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten. Bekannt wurde sie mit historischen Romanen, doch zur Bestsellerautorin machten sie ihre Kriminalromane. In einem Interview zu ihrem Erfolg befragt, erzählt die Autorin davon, wie sie sich am Beginn ihrer Karriere als Schriftstellerin noch dem Publikum ihrer Lesungen vorstellen musste, „schließlich war ich nicht von Beginn an eine Bestseller-Autorin.“[2] Wie lässt sich dieser Werdegang erklären?

Um dies zu untersuchen, ist zunächst die theoretische Fundierung grundlegender Fachbegriffe vonnöten. Das erste Kapitel widmet sich deshalb der Definition des Begriffes ‚Bestseller‘ und den verschiedenen Forschungsperspektiven, aus denen der Untersuchungsgegenstand des Bestsellers betrachtet werden kann. Abschließend werden Bestseller- und Bestenlisten differenziert, bevor die Listung von Links Kriminalromanen auf der Spiegel -Bestsellerliste anhand deren Erhebungsweise problematisiert wird. Im nachfolgenden Kapitel wird das Genre des Kriminalromans erörtert. Dazu wird der Versuch unternommen, eine Definition des Kriminalromans zu finden, sowie einen Überblick über das Genre des Kriminalromans zu geben. Die Betrachtung der Charakteristika des Kriminalromans steht am Schluss des theoretischen Teils der Arbeit. Die darauffolgende Analyse gliedert sich in drei Kapitel, in denen jeweils ein ausgewählter Kriminalroman näher betrachtet wird. Hierbei werden inhaltliche Besonderheiten der Werke Links erläutert und die Wirkung der Romane auf den Leser[3] berücksichtigt. Die Ergebnisse der Analyse werden abschließend in den Schlussbemerkungen zusammengefasst.

Das Ziel ist eine umfassende und differenzierte Untersuchung der Kriminalromane von Charlotte Link hinsichtlich ihrer charakteristischen Merkmale, um so einige der Faktoren aufzuspüren, welche ihren Status als Bestsellerromane begründen.

2. Bestseller und Listen

In diesem Kapitel soll zunächst der Begriff ‚Bestseller‘ definiert werden, um sich so dem wissenschaftlichen Gegenstand des Bestsellers anzunähern. Danach folgt ein Überblick über die Forschungsperspektiven auf den Untersuchungsgegenstand Bestseller. Abschließend werden die Bestseller- und Bestenlisten und ihre Problematik in den Blick genommen, um formale Voraussetzungen für den Bestsellererfolg feststellen zu können.

2.1 Begriffsdefinition

Die Bezeichnung ‚Bestseller‘ wird im Literaturbetrieb nahezu inflationär benutzt: Ein Kunde sieht sich in der Buchhandlung einer Vielzahl von Büchern gegenüber, die als Bestseller beworben werden, sei es mit Aufklebern auf dem Buchcover, mit Pappschildern oder gar in Schaufensterauslagen für künftige Bestseller. Wer Bestseller als Suchbegriff beim Online-Versandhändler Amazon eingibt, erhält allein in der Kategorie Bücher über 10.000 Ergebnisse, gemeinsam mit anderen Kategorien wie ‚Filme‘ und sind es 67.000. Dies offenbart, dass ein Produkt allgemeinsprachlich als Bestseller bezeichnet wird, sobald es Erfolg generiert. Auch im Duden wird der Bestseller so definiert, er ist demnach eine „Ware (vor allem Buch), die überdurchschnittlich gut verkauft wird“.[4] Diese Definition, welche der superlativischen Bedeutung des Anglizismus recht ähnlich ist, reicht allerdings nicht aus für eine literaturwissenschaftliche Analyse. „Bezogen auf Bücher und deren Autoren taucht der Begriff 1895 erstmals in den USA auf, als Harry Thurston Peek, der Herausgeber der Zeitschrift The Bookman[5] eine Liste der meistverkauften Bücher erstellt. Seitdem wird der Begriff in der Literaturwissenschaft und anderen Disziplinen kontrovers diskutiert, wobei sich auch terminologische Probleme aus der Vermischung von Begriffen wie ‚Steadyseller‘ oder ‚Longseller‘ mit dem des Bestsellers ergeben, obwohl es sich um gänzlich verschiedene Phänomene handelt.[6] Der Buchhändler und Autor Wolfgang Heinold bspw. sieht „[i]m weiteren Sinne alle in hoher Auflage erscheinenden, schnell verkäuflichen Titel; im engeren Sinne die auf den Bestsellerlisten erfaßten [sic!] Neuerscheinungen“[7] als Bestseller an, während im Metzler Lexikon Literatur „ein Buch oder ein anderes Produkt, das sich innerhalb einer Zeitspanne, in einem Gebiet und in einer nach bestimmten Kriterien definierten Gruppe bes[onders] häufig verkauft und dessen Verkaufserfolg in B[estseller]listen dokumentiert wird“,[8] als Bestseller gilt. Die letztgenannte Definition eines Bestellers, nämlich die des Listenbestsellers, soll dieser Arbeit zugrunde gelegt werden – auch wenn die Bezugsfelder Zeitspanne, Gebiet und Kriterien (meist bezüglich der Warengattung) relationaler Art sind und damit einige Bücher, die als ‚echte‘ Bestseller gelten können, ausgeschlossen werden. Auf diese Problematik soll im Unterkapitel zu den Bestsellerlisten noch näher eingegangen werden.

2.2 Forschungsperspektiven

An dieser Stelle soll ein Überblick über die verschiedenen Perspektiven der Forschung auf Bestseller geschaffen werden, um herauszufinden, unter welchen Gesichtspunkten Bestseller analysiert werden. Nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts die steigende Alphabetisierung, die Vereinfachung der Buchproduktion durch Maschinen und die dadurch günstigeren Preise sowie die „Verdichtung des Distributionsnetzes“[9] zur Ausweitung des Lesepublikums führte,[10] waren erstmals die Bedingungen für Bestseller vorhanden. Die Einführung von Bestsellerlisten, in Deutschland im Jahre 1957,[11] führte zu einer Beschäftigung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen mit diesem Forschungsgegenstand, wobei die „Ausweitung in der Gegenstandsauffassung charakteristisch“[12] für die Forschungsgeschichte ist. Werner Faulstich, einer der renommiertesten Wissenschaftler im Gebiet der Bestsellerforschung, grenzt 1983 in seiner Bestandsaufnahme Bestseller-Forschung fünf Forschungsperspektiven voneinander ab: Der Bestseller als Ware, die Sozialpsychologie des Bestsellers, der Bestseller im Medienwechsel, als Innovation oder Schema sowie das Verhältnis von Kultur und Bestseller.[13]

Für die erste Perspektive, welche den Bestseller aus wirtschaftlicher bzw. produktionsorientierter Sicht betrachtet, ist die Quantität, d.h. die Verkaufszahl eines Buches von großer Relevanz. Diese Perspektive „markiert den Bestseller als ein Phänomen des kapitalistischen Marktes in einer hochindustrialisierten Massengesellschaft. Der ökonomische Verkaufserfolg wird zumeist auf Nachfrage und Bedarf nach bestimmten Produkten sowie entsprechende Marketing-Maßnahmen der Anbieter zurückgeführt“.[14] Es handelt sich demnach um eine betriebswirtschaftliche Sichtweise, wodurch kein direktes Interesse an der literarischen Qualität der Bestseller besteht.[15] Bei der zweiten Perspektive handelt es sich laut Faulstich um die Sozialpsychologie des Bestsellers. Diese ist gewissermaßen eine „rezeptionsorientierte Perspektive“[16] und „widmet sich dem Bestseller als Erfolgserlebnis“.[17] Laut ihr ist Erfolg eine „Bedürfnisbefriedigung im Sinne des psychischen ,Nutzens‘, den Bestseller zu einer bestimmten Zeit vielen Menschen vermitteln“.[18] Somit sind für diesen Forschungsbereich Bestsellerlisten als Marketinginstrument durchaus von Bedeutung, da durch sie der Lesegeschmack der Masse aufgezeigt wird und hieraus psychische Implikationen folgen. Ein weiteres Marketinginstrument können Buchverfilmungen, Hörspiele, auf Filmen basierende Romane usw. sein, die Bücher zu Bestsellern machen. Mit solcherlei Bestsellern im Produktverbund befasst sich die dritte Perspektive, sie nimmt den Bestseller im Medienwechsel in den Fokus. Ebenso medienübergreifend beschäftigt sich die vierte Perspektive mit dem Bestseller „als Innovation oder Schema“.[19] Dies bedeutet, dass der Inhalt des Bestsellers in den Blick genommen und auf Formelhaftigkeit oder deren Fehlen hin überprüft wird. Im von Faulstich letztgenannten Forschungsbereich wird das „Verhältnis von Kultur und Bestseller“[20] untersucht, was alle vorigen Perspektiven miteinschließt. Ein solch interdisziplinärer Ansatz bietet nach Faulstich „am ehesten geschichtliche Einblicke in die Entwicklung des Bestsellers“[21] als intermediales und internationales „Kulturphänomen“[22] in einer sich rasch wandelnden Gesellschaft, ist aber sehr schwierig umsetzbar.

All diese Perspektiven, mit Ausnahme der vierten, haben gemein, dass sie fundierte Fachkenntnisse und Informationen in den verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen erfordern. Die fehlende Zugangsmöglichkeit zu verlagsinternen Zahlen, nicht vorhandenes psychologisches Fachwissen, „das Fehlen gesicherter Daten“[23] zu Bestsellern im Medienwechsel oder der Umfang der notwendigen interdisziplinären Recherche verhindern somit einen Einbezug dieser Forschungsbereiche in die vorliegende Arbeit. Einzig die Perspektive des Bestsellers als Innovation oder Schema bietet sich im kleinen Rahmen auch für die spätere Analyse der Kriminalromane von Charlotte Link an, da verschiedene Romane der Autorin möglicherweise eine gemeinsame Formelhaftigkeit aufweisen.

Im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft findet sich noch eine weitere mögliche Herangehensweise an die Analyse von Bestsellern, die produktorientierte Perspektive. Diese setzt sich „[i]nhaltlich-thematisch“[24] mit den Bestsellern auseinander. Wie bereits erwähnt, werden oftmals Aussagen getätigt, welche darauf abzielen, dass Quantität, also die Höhe der Auflage, und literarische Qualität von Büchern einander ausschließen. So finden sich in Lexika immer wieder Verweise auf die vermeintlich mindere literarische Qualität von Bestsellern: „Der Begriff hat einen leicht pejorativen Beigeschmack, sofern davon ausgegangen wird, dass lit[erarische] Qualität und große Verkäuflichkeit nicht in Einklang zu bringen sind“.[25] Diese Meinung wird inzwischen von den meisten Literaturwissenschaftlern als überkommen angesehen, denn dieser Annahme widerspricht die Tatsache, dass die Gewinner von Literaturpreisen mit ihren Büchern oft auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten stehen. So z.B. Lutz Seilers Roman Kruso, der im Herbst 2014 Platz 1 der Spiegel -Bestsellerliste errang.[26] Dennoch werden Bestseller bis heute vereinzelt dem Bereich der Trivialliteratur zugeordnet,[27] womit meist eine negative Konnotation einhergeht. Dies liegt laut Peter Nusser u.a. darin begründet, dass Trivialliteratur „die Angst bzw. die Irritation, die ihre Lektüre zeitweilig hervorruft, gern in Beziehung zu gesellschaftlichen Vorurteilen oder auch Feindbildern gesetzt wird und diese noch verstärkt“.[28] Die Definition von Trivialliteratur als „[l]eichtverständliche, ein breites Publikum ansprechende Literatur“[29] lässt zwar durchaus auf eine gewisse Nähe zum Bestseller schließen, allerdings unterscheidet sich der Bestseller signifikant von der Trivialliteratur, bspw. in Produktion, Herstellung und Vertrieb.[30]

Es finden sich in der Bestsellerforschung immer mehr Anhänger der produktorientierten Perspektive, die dabei keineswegs von einer geringen Qualität der Werke oder einer Zuordnung zur Trivialliteratur ausgehen. Kritisiert wurde der Forschungsansatz jedoch nicht nur in dieser Hinsicht, sondern auch bezüglich seiner Grundannahme, dass Inhalt und Thematik eines Buches dieses zum Bestseller werden lässt. Bereits 1931 greift Siegfried Kracauer den Gedanken in seinem Aufsatz Über Erfolgsbücher und ihr Publikum auf. Kracauer führt den Erfolg eines Buches nicht auf seinen Inhalt, sondern darauf zurück, dass er das „Zeichen eines geglückten soziologischen Experiments“[31] ist, also eine bestimmte „Mischung von Elementen“[32] beinhaltet, die dem Geschmack eines großen Teiles des Lesepublikums entspricht. Er nimmt an, dass die Nachfrage in den „sozialen Verhältnissen“[33] begründet ist, in denen die Rezipienten leben und versucht durch eine Analyse der Lebenswirklichkeit der zum Bürgertum gehörenden Schichten eine Annäherung an deren Lesevorlieben vorzunehmen. Diese These muss zwar nicht zwangsläufig einer produktorientierten Perspektive widersprechen, es gibt jedoch noch keine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Lesegeschmack und sozialen Verhältnissen aufzeigt. Allerdings wird Bestsellern thematisch häufig „eine bestimmte Aktualität oder Zeitzugewandtheit als Erfolgskriterium attestiert“,[34] das Aufgreifen der Lebensrealität der Leser also durchaus als relevant angesehen. Ein Bestseller ist jedoch von vielen weiteren textinternen sowie textexternen Faktoren wie Autor, Marketing usw. abhängig.[35]

Bei der späteren Analyse der Kriminalromane soll eine produktorientierte Perspektive gewählt werden, um v.a. textinterne Merkmale herauszuarbeiten, welche Charlotte Link zum Status der Bestsellerautorin im Bereich des Kriminalromans verholfen haben. Eine Analyse textexterner Merkmale gestaltet sich aus bereits genannten Gründen ungleich schwieriger und ist deshalb für diese Arbeit nicht durchführbar. Es bleibt festzuhalten, dass die Forschung auch weiterhin um die Findung von Charakteristika bemüht ist, welche ein Buch zum Bestseller machen, eine ‚Bestseller-Formel‘ aber bisher nicht existiert.

2.3 Bestseller- und Bestenlisten

In diesem Kapitel wird zunächst kurz auf die Geschichte und Bedeutung der Bestsellerlisten eingegangen, bevor eine ausgewählte Bestsellerliste, ihre Erhebung sowie die damit verbundene Problematik vorgestellt wird. Die Historie der Bestsellerlisten beginnt in den USA 1895 mit der Zeitschrift The Bookman, in Deutschland veröffentlichte die „ Literarische Welt ab 1927 unregelmäßig eine zu Beginn viel diskutierte Bestsellerliste“,[36] welche jedoch rasch wieder eingestellt wurde. So gewannen Bestsellerlisten in Deutschland erst einige Jahrzehnte später an Bedeutung:

Gleichwohl etablierten sich Bestsellerlisten in der Bundesrepublik Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Zunächst veröffentlichte die Zeit einmal im Monat einen ‚Seller-Teller‘ und verschiedene Zeitungen und Zeitschriften unregelmäßige Jahres- oder Wochenlisten, bevor am 5. September 1962 die erste Spiegel -Bestsellerliste unter diesem Namen und in der heutigen Form getrennt nach Belletristik und Sachbuch erschien.[37]

Die Bestsellerliste der Zeit wurde 1974 wieder eingestellt, langfristig setzte sich v.a. die Spiegel -Bestsellerliste durch, „allein wegen des Renommees des Nachrichtenmagazins sowie seiner Verbreitung“.[38]

Inzwischen existiert eine Vielzahl verschiedener Bestsellerlisten, z.B. die des Focus, welche im Branchenmagazin Börsenblatt abgedruckt wird, die Listen von BILD, buchjournal, dem Großhändler libri und zahllose weitere. „Ein Gegenmodell zu den rein absatzorientierten Bestsellerlisten sind die sogenannten ‚Bestenlisten‘“,[39] zu welchen auch die seit 1975 existierende SWR2-Bestenliste zählt. Sie basiert auf den Meinungen von derzeit 24 renommierten Literaturkritikern, diese „nennen monatlich in freier Auswahl vier Neuerscheinungen und geben ihnen Punkte (15,10,6,3)“.[40] Demnach wird auf solcherlei Bestenlisten das „beste literarische Werk in einer bestimmten Zeitspanne in einem bestimmten geografischen Raum“[41] gesucht, „wobei mit der künstlerischen Leistung ein weiterer, ein erneut relatorischer Faktor“[42] zu den Besteller-Kriterien hinzukommt und das ökonomische Kriterium des Abverkaufs beseitigt wird.

Doch welche Funktion haben all diese Listen? Zunächst dokumentieren sie den Abverkauf von Büchern und bieten damit in der großen Zahl von Neuerscheinungen eine Orientierung für den potentiellen Leser – ob im Onlineshop oder in einer Buchhandlung, wo häufig eine gesonderte Verkaufsfläche der Präsentation der aktuellen (meist Spiegel -) Bestsellerliste vorbehalten ist. Schmitz spricht diesbezüglich von der „objektiven Funktion“[43] von Bestsellerlisten, also „Marktinformation und Kundenservice“.[44] Doch ihr Einfluss reicht darüber hinaus, wie Schmitz weiterhin bemerkt, sie sind „zum Ausdruck von Zeitgeist und zum geschmacksbildenden Phänomen geworden“.[45] Schmitz spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „Bedeutungs- und Funktionswandel von Bestsellerlisten“,[46] welcher noch stärker hervortritt, seit bekannte und meinungsbildende Literatursendungen wie Lesen! mit Elke Heidenreich oder das Literarische Quartett in seiner ursprünglichen Besetzung mit Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek eingestellt wurden. Demnach hat die „Wirkung von Kritikermeinungen in den Medien auf den Absatz von Büchern […] in den letzten Jahren […] deutlich abgenommen“,[47] während die Bedeutung der Bestsellerlisten diesbezüglich größer geworden ist. Ein Buch, welches z.B. in der Spiegel -Bestsellerliste verzeichnet ist, „gelangt […] schlagartig in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit, was regelmäßig weitere Buchkäufe nach sich zieht.“[48]

Im Folgenden werden die Spiegel -Bestsellerlisten näher betrachtet, da diese die Einordnung von Charlotte Link als Bestsellerautorin bedingen und Grundlage des Seminars sind, in dessen Rahmen die vorliegende Arbeit verfasst wird. Mittlerweile existieren sieben Spiegel -Bestsellerlisten für Bücher: Hardcover, Paperback, Taschenbuch (alle drei unterteilt in Belletristik und Sachbuch) sowie Kinder- und Jugendbücher. Bis auf die Liste für Kinder- und Jugendbücher, welche monatlich veröffentlicht wird, erscheinen die Listen wöchentlich. Die Listen werden durch das Fachmagazin buchreport in Zusammenarbeit mit media control ermittelt, indem die Warenwirtschaftssysteme von ca. 3.700 Verkaufsstellen elektronisch abgefragt werden. Laut buchreport umfasst dies den „Sortimentsbuchhandel (Standort- und Filialhändler), Online-Shops, Bahnhofsbuchhandel, Kauf- und Warenhäuser sowie Nebenmärkte (u.a. Elektrofachhandel und Drogerieketten mit Medienangebot)“.[49] Allerdings werden keine Angaben über die gewählten Verkaufsstellen oder deren Auswahlkriterien gemacht, sodass die Repräsentativität der Daten in Frage gestellt werden kann. Damit ein Buch auf eine der Bestsellerlisten platziert werden kann, muss es zudem einige Kriterien herstellerischer, inhaltlicher und editorischer Art erfüllen. Für die Hardcover- und Paperback-Bestsellerliste muss es zum Beispiel jeweils bestimmten Anforderungen bezüglich Seitenhöhe, Kanten, Buchdecke, Klappen usw. entsprechen und „eine Original- oder Deutsche Erstausgabe in gedruckter Form“[50] sein. Weiterhin soll es sich um „individuell-eigenschöpferische Leistungen handeln“,[51] wodurch „Nachschlagewerke, Kompilationen, Zusammenstellungen bereits veröffentlichter Texte, Schulbücher, Ratgeber (z.B. Kochbücher, Medizinratgeber, Fitnessanleitungen), Reiseführer sowie Geschenkbücher und Bildbände“[52] nicht berücksichtigt werden, also auch Steady- oder Longseller wie bestimmte Klassiker oder der Bestseller schlechthin: die Bibel. Dies wird dadurch begründet, dass die Bestsellerlisten nicht „durch den ‚Duden‘ oder Kochbücher, Ratgeber oder Fitness-Rezepte blockiert werden“[53] sollen. „Der Kanon des gelisteten Bestsellers ist reglementiert“,[54] wie es treffend heißt. Natürlich verlöre eine Bestsellerliste ohne solcherlei Reglementierungen „auch an Reiz, wenn an ihrer Spitze tagaus tagein die Bibel, Steuertricks 2008, Tabellen für Maschinenbauer und Goethes Faust stünden“,[55] doch durch die vielen, von vorneherein ausgeschlossenen Werke muss man der Spiegel -Bestsellerliste ihren Anspruch absprechen, „als maßgebende Information über die meistverkauften Bücher auf dem deutschsprachigen Markt“[56] zu dienen. Dennoch geben die Bestsellerlisten innerhalb ihrer Möglichkeiten ein repräsentatives Bild des Lesegeschmacks auf dem deutschen Buchmarkt wieder. Auch wenn Michael Minden bereits 2007 ein Ende der „era of the bestseller“[57] aufgrund der von ihm angenommenen Abhängigkeit der Bestsellerlisten von Printmedien prognostiziert, so ist dieses zum jetzigen Zeitpunkt nicht in Sicht. Es ist sogar eine gegenteilige Entwicklung zu beobachten, denn bis heute folgen die Bestsellerlisten der medialen Entwicklung, es existieren bspw. Bestsellerlisten für Kinofilme, DVDs, Hörbücher und E-Books.[58]

3. Das Genre des Kriminalromans

„Die so genannten Bestsellerautoren stehen mit ihrem Namen stellvertretend für die von ihnen produzierte Warengattung von Literatur“,[59] also für bestimmte Genres. So auch Charlotte Link, die als versierte Autorin von Kriminalromanen bekannt wurde. Doch was macht das Genre des Kriminalromans aus? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden. In einem ersten Schritt wird versucht, eine Definition für den weit gefassten Begriff ‚Kriminalroman‘ zu finden. Anschließend soll ein kurzer Überblick über das Genre des Kriminalromans Hinweise auf die Einordnung von Charlotte Links Werken geben. Abschließend werden verschiedene Merkmale des Kriminalromans aufgezeigt, die der späteren Analyse zuträglich sein können.

[...]


[1] Hackenberg, Peter: Charlotte Link: "Die Betrogene" startet mit 600.000 Auflage. http://www.lesering.de/id/4532/Charlotte-Link-Die-Betrogene-startet-mit-600000-Auflage/ (02.01.2016).

[2] Kutzmutz, Olaf: „Ein Leben ohne Schreiben wäre für mich schlecht vorstellbar“. Charlotte Link im Gespräch mit Olaf Kutzmutz über Das andere Kind und ihren Alltag als Autorin. In: Bestseller. Das Beispiel Charlotte Link. Hrsg. von Olaf Kutzmutz. Wolfenbüttel: Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel 2010 (= Wolfenbütteler Akademie-Texte 46). S. 58.

[3] Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Folgenden auf die Nennung beider Geschlechter verzichtet und ausschließlich das generische Maskulinum verwendet. Gemeint sind immer beide Formen mit gleicher Wirkung.

[4] Duden Online-Wörterbuch: Bestseller, der. http://www.duden.de/node/700346/revisions/1359158/view (09.02.2016).

[5] Zimmermann, Bernhard: Das Bestseller-Phänomen im Literaturbetrieb der Gegenwart. In: Literatur nach 1945 II. Themen und Genres. Hrsg. von Jost Hermand. Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion 1979 (= Neues Handbuch der Literaturwissenschaft 22). S. 99.

[6] Vgl. [Art.] Longseller. In: Wörterbuch des Buches. Hrsg. von Helmut Hiller und Stephan Füssel. 7. grundlegend überarbeitete Aufl. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 2006. S. 212: „Longseller (engl.) oder Steadyseller sind Bücher mit stetigem Absatz über längere Zeit“, wie bspw. die Bibel, im Gegensatz zu „Bestsellern mit großem Absatz in kurzer Zeit“.

[7] Heinold, Wolfgang Ehrhardt: Bücher und Büchermacher. Verlage in der Informationsgesellschaft. 5. Völlig neu bearbeitete Aufl. Heidelberg: C.F. Müller 2001 (= UTB für Wissenschaft 2216). S. 361.

[8] Würmann, Carsten: Bestseller. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Hrsg. von Dieter Burdorf u.a. 3. völlig neu bearbeitet Aufl. Stuttgart: J. B. Metzler 2007. S. 79.

[9] Stein, Peter: Vormärz. In: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Wolfgang Beutin u.a. 8. aktualisierte und erweiterte Aufl. Stuttgart: J.B. Metzler 2013. S. 246.

[10] Vgl. ebd. S. 246 ff.

[11] Faulstich, Werner: Bestseller. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. von Klaus Weimar u.a. Bd. 1. 3. neu erarbeitete Aufl. Berlin: de Gruyter 2007. S. 218.

[12] Ebd.

[13] Vgl. Faulstich, Werner: Bestandsaufnahme Bestseller-Forschung. Ansätze – Methoden – Erträge. Wiesbaden: Harrassowitz 1983 (= Buchwissenschaftliche Beiträge aus dem Deutschen Bucharchiv München 5). S.190 ff.

[14] Faulstich, W.: Bestseller. S. 217.

[15] Allerdings schließt dies nicht aus, dass die Qualität Einfluss auf die Buchproduktion hat. Vgl. Schmitz, Rainer: Mythos Bestseller. Das Geschäft mit dem Erfolg. In: Bestseller und Bestsellerforschung. Hrsg. von Christine Haug und Vincent Kaufmann. Wiesbaden: Harrassowitz 2012 (= Kodex. Jahrbuch der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft 2). S. 2: „Bestsellererträge finanzieren den Rest der Buchproduktion, also auch die künstlerisch anspruchsvollen und wirtschaftlich risikoreichen Titel“.

[16] Faulstich, W.: Bestseller. S. 217.

[17] Faulstich, W.: Bestandsaufnahme Bestseller-Forschung. S. 190.

[18] Ebd.

[19] Ebd. S. 191.

[20] Ebd. S. 192.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Faulstich, W.: Bestandsaufnahme Bestseller-Forschung. S. 192.

[24] Faulstich, W.: Bestseller. S. 217.

[25] Moritz, Rainer: Bestseller. In: Reclams Sachlexikon des Buches. Hrsg. von Ursula Rautenberg. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2003. S. 57.

[26] Buchreport: Frank Witzel gewinnt den Deutschen Buchpreis 2015. „Genialisches Sprachkunstwerk“. http://www.buchreport.de/nachrichten/bestseller/bestseller_nachricht/datum/2015/10/12/ins-magische-spielende-sprache-kopie-1.htm (19.02.2016). Vgl. auch Fischer, Ernst: Marktinformation und Lektüreimpuls. Zur Funktion von Bücher-Charts im Literatursystem. In: Literaturbetrieb in Deutschland. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold und Matthias Beilein. 3. völlig veränderte Aufl. München: edition text + kritik 2009. S. 208.

[27] Vgl. Wieblitz, David: Geniale Bestseller. Der Genieroman als Erfolgsrezept. Marburg: Tectum 2009. S. 20.: „Bestsellererfolge werden oftmals im Bereich der Trivialliteratur erzielt“.

[28] Nusser, Peter: Trivialliteratur. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. von Klaus Weimar u.a. Bd. 3. 3. neu erarbeitete Aufl. Berlin: de Gruyter 2007. S. 691 f.

[29] Ebd. S. 691.

[30] Vgl. Zimmermann, B.: Das Bestseller-Phänomen im Literaturbetrieb der Gegenwart. S. 111 ff.: Zimmermann zeigt dies bspw. anhand einer Gegenüberstellung von Bestsellerromanen und „[f]iktionale[n] Lesestoffe[n] der Unterschicht“, wobei zu kritisieren ist, dass die Betitelung ‚Unterschicht‘ bereits eine Vorannahme bzgl. der Leserschaft darstellt.

[31] Kracauer, Siegfried: Über Erfolgsbücher und ihr Publikum. In: Schriften. Siegfried Kracauer. Hrsg. von Inka Mülder-Bach. Bd. 5: 2. Aufsätze 1927-1931. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990. S. 336.

[32] Ebd.

[33] Ebd. S. 337.

[34] Faulstich, W.: Bestseller. S. 217.

[35] Vgl. Wieblitz, D.: Geniale Bestseller. S. 23.

[36] Oels, David: Bestseller. In: Das BuchMarktBuch. Der Literaturbetrieb in Grundbegriffen. Hrsg. von Erhard Schütz u.a. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch 2005 (= Rowohlts Enzyklopädie 55672). S. 48 f.

[37] Ebd. S. 49.

[38] Schmitz, R.: Mythos Bestseller. S. 6.

[39] Seitenweise Erfolg. Vierzig Bestseller und ihre Geschichten. Hrsg. vom Aufbaustudiengang Buchwissenschaft 2007/2008 der LMU München. München: Bramann 2008. S. 19.

[40] SWR2: SWR-Bestenliste. http://www.swr.de/swr2/literatur/bestenliste/die-swr-bestenliste-monat-februar/-/id=98456/did=13777216/nid=98456/h0pz5a/index.html (01.02.2016).

[41] Seitenweise Erfolg. S. 13.

[42] Ebd.

[43] Schmitz, R.: Mythos Bestseller. S. 7.

[44] Ebd.

[45] Ebd.

[46] Ebd. S. 1.

[47] Seitenweise Erfolg. S. 19.

[48] Oels, D.: Bestseller. S. 48.

[49] Buchreport: Ermittlung der Bestseller. http://www.buchreport.de/bestseller/ermittlung_der_bestseller.htm (15.01.2016).

[50] Ebd.

[51] Ebd.

[52] Ebd.

[53] Spiegel Online: Bestseller. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/bestsellerliste-a-154585.html (14.01.2016).

[54] Seitenweise Erfolg. S. 13.

[55] Ebd. S. 12.

[56] Spiegel Online: Bestseller.

[57] Minden, Michael: Bestseller Lists and Literary Value in the Twentieth Century. In: Literarische Wertung und Kanonbildung. Hrsg. von Nicolas Saul und Ricarda Schmidt. Würzburg: Königshausen & Neumann 2007. S. 166.

[58] Vgl. Börsenblatt: Erläuterungen zu den Bestsellerlisten. http://boersenblatt.net//erlaeuterungenbestseller (14.02.2016).

[59] Wieblitz, D.: Geniale Bestseller. S. 18.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die Kriminalromane von Charlotte Link. Eine Erfolgsgeschichte
Untertitel
"Schließlich war ich nicht von Beginn an eine Bestseller-Autorin.“
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar Neuere Deutsche Literatur: Bestseller
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
34
Katalognummer
V441007
ISBN (eBook)
9783668795372
ISBN (Buch)
9783668795389
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charlotte Link, Krimi, Kriminalroman, Bestseller, Krimiautor, Schattenspiel, Die Betrogene, Das Haus der Schwestern, Literatur
Arbeit zitieren
Eileen Nagler (Autor), 2016, Die Kriminalromane von Charlotte Link. Eine Erfolgsgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441007

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