Bürgerliches Frauenbild und französische Revolution


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die bürgerliche Frau

2. Repräsentationen des Weiblichen in der französischen Revolution
2.1. Die Brüste der Marianne
2.2. Die Erfindung des Ödipus
2.3. Die dreizehnte Arbeit des Herkules

Schlusswort

Literatur

Einleitung

Die Sprache der Frauen blieb ungeschaffen. Sprechende

Frauen sind von einer wahnwitzigen Sprache besessen.

Walter Benjamin[1]

Am 21. Januar 1793 wurde Ludwig XVI guillotiniert. Knapp neun Monate später, am 16. Oktober 1793, folgte ihm seine Frau Marie-Antoinette aufs Schafott. König wie Königin wurden gleichermaßen die Köpfe abgeschlagen – und doch, vergleicht man die Augenzeugenberichte, so boten die beiden Hinrichtungen offenbar völlig unterschiedliche Schauspiele. Ludwig nämlich wurde in seiner Kutsche eingeschlossen und darin zum Richtplatz gefahren, den Blicken der Menge entzogen und geschützt vor etwaigen Attacken. Die Fahrt glich „in keiner Weise den karnevalesken Ereignissen, die sich vor anderen Exekutionen abspielten. Der Karren bewegte sich unter starker militärischer Bedeckung durch die Stadt. Die Menge am Rande der Straßen sah der letzten Fahrt Ludwigs XVI. in gespenstischem Schweigen zu.“[2] Die Hinrichtung des Königs sollte bar jeder Zeremonie bleiben. Nachdem aber sein Kopf gefallen war, stürmten die Zuschauer auf die Guillotine los, um dort ihre Taschentücher in das Blut des toten Königs zu tunken und es so aufzusaugen. Denn noch immer wurden dem königlichen Blut Wunder- und Heilkräfte zugesprochen. Ganz anders verlief die Hinrichtung Marie-Antoinettes. Überliefert ist die stolze Haltung, in der sie den Weg antrat. Doch dann „wurde sie unsicher, als sie den Schinderkarren mit den dreckstarrenden Rädern, gezogen von zwei elenden Kleppern, sah, auf dem sie durch Paris fahren sollte. Dem König hatte man für die Fahrt zum Richtplatz eine geschlossene Kutsche zugestanden, ihr aber diese letzte Demütigung vorbehalten.“[3] Die Königin wurde also auf einen offenen Karren gezerrt und darin zur Guillotine gebracht, schutzlos den Schmährufen der Menge ausgesetzt. Es war einer jener Holzkarren, auf denen, wie auf zeitgenössischen Bildern zu sehen ist, auch die Prostituierten eingesammelt wurden. - Der König weggesperrt in einen Innenraum, dabei vom Volk noch immer überhöht und sakralisiert, die Königin in die Öffentlichkeit gestoßen und mit einer Prostituierten gleichgesetzt – im Hinrichtungstheater des Jahres 1793 scheint wie ein Negativ jenes duale Geschlechterbild auf, das ein zentrales Kampffeld der französischen Revolution war und an ihrem Ende zum festen Baustein der neuen, bürgerlichen Ordnung werden sollte. Am 30. Oktober 1793 erläuterte der Abgeordnete Amar im Namen des Sicherheitsausschusses des Konvents dieses Geschlechterbild:

Die häuslichen Aufgaben, zu denen Frauen von Natur aus bestimmt sind, gehören selbst zur allgemeinen Ordnung der Gesellschaft. Diese soziale Ordnung resultiert aus dem Unterschied, der zwischen Mann und Frau besteht. Jedes Geschlecht ruft nach einer ihm eigenen Art von Beschäftigung, bewegt sich in diesem Kreis, den es nicht überwinden kann. Denn die Natur, die dem Menschen diese Grenzen gesetzt hat, befiehlt gebieterisch und hält sich an kein Gesetz.[4]

Legitimiert im Rückgriff auf eine vorausgesetzte Natur, konstruierte die bürgerliche Revolution einheitliche, normative Leitbilder von „Mann“ und „Frau“, die sich trefflich als Kampfbegriffe gegen den als dekadent verschrieenen Adel ins Feld führen ließen, und das umso mehr, als die Anklagen und Programmatiken der Revolution hauptsächlich über Körperbilder vermittelt wurden. Doch nicht nur gegen den Adel – die neue Konstruktion der „Frau“ war genauso einsetzbar gegen die sich emanzipierenden, in die Öffentlichkeit drängenden Akteurinnen der französischen Revolution. Sie diente hervorragend zur Vereinheitlichung und Zusammenfassung all jener schon von ihrer sozialen Situation und ihren Interessen her vollkommen verschiedenen Frauen. Marktfrauen, Bäckerinnen, Spinnerinnen, Handwerkersfrauen, Sansculottinnen, Prostituierte, bürgerliche Frauen, Intellektuelle, adlige Frauen: Sie alle konnten unter den einheitlichen Begriff „Frau“ gebracht werden und waren so als Gruppe umso leichter zu bekämpfen. Ohne diesen Kampfbegriff hätte man 1793 kaum eine so bequeme rhetorische Strategie zur Verfügung gehabt, um die Frauenklubs zu schließen und den Frauen jedwedes Auftreten in der politischen Öffentlichkeit zu untersagen. Erst die Konstruktion des Phantasmas der „Frau“ machte es möglich, dass, so Freia Hoffmann, „die Frauen (...) durch die bürgerliche Revolution auf den historischen Tiefpunkt ihrer Bewegungsfreiheit geführt“[5] wurden. An die Stelle von Standesdefinitionen, die noch eine Pluralität geschlechtlichen Verhaltens ermöglicht hatten, traten jetzt allgemeingültige biologische Eigenschaften, eine anthropologische Invariantenlehre, eine Lehre vom „Geschlechtscharakter“ entwickelte sich.[6] Mit der französischen Revolution beginnt die Biologisierung sozialer Phänomene.[7] Dabei wurde die so festgesetzte Natur der beiden Geschlechter verräumlicht: Der natürliche Platz des Mannes ist draußen, in der Öffentlichkeit, wo er seine (auch politischen) Interessen verfolgt, der natürliche Platz der Frau hingegen drinnen, im Haus. Amar fährt fort:

Der Mann ist stark, robust, mit einer großen Energie, mit Kühnheit und Mut geboren. Er meistert die Gefahren, die Rauhheit der Jahreszeiten durch seine Konstitution. Er wiedersteht allen Elementen. Er ist für die Künste wie für schwere Arbeiten geeignet. Und da er fast ausschließlich für die Landwirtschaft, den Handel, die Schiffahrt, die Reisen, den Krieg bestimmt ist, zu all jenem also, was nach Kraft, Intelligenz und Kompetenz verlangt, so scheint auch er allein zu jenen tiefgehenden und ernsthaften Meditationen geeignet, die eine große Anstrengung des Geistes und lange Studien voraussetzen, denen die Frauen nicht nachgehen können.

Welches ist der der Frau eigentümliche Charakter? Die Sitten und die Natur selbst haben ihr Aufgaben zugesprochen: die Erziehung der Menschen zu beginnen, den Geist und das Herz der Kinder auf die öffentlichen Tugenden vorzubereiten, sie von früh an zum Guten hinzulenken, ihr Gemüt zu entfalten (...) darin bestehen ihre Aufgaben neben den Sorgen um den Haushalt. (...) Erlaubt es denn die Sittsamkeit der Frau, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und gemeinsam mit den Männern zu kämpfen, im Angesicht des Volkes über Fragen zu diskutieren, von denen das Wohl der Republik abhängt?[8]

Es mag vor diesem Hintergrund nicht abwegig erscheinen, die Hinrichtung Ludwigs und Marie-Antoinettes auch als Wiederholung und Inszenierung eines Verstoßes gegen diese angeblich natürliche, biologische Ordnung zu beschreiben, eines Verstoßes, der einer der Hauptanklagepunkte gegen das Ancien Régime gewesen war. Der König drinnen, die Königin draußen. Dabei hatte eine „Verweiblichung“ des Königs (d.h. der Person Ludwigs XVI) sich lange abgezeichnet. Er wurde z.B. als von persönlich zwar einnehmendem Wesen, aber als unfähig zur Ausführung der Staatsgeschäfte beschrieben. Außerdem war er impotent, was zu Beginn der Ehe freilich Marie-Antoinette angelastet wurde. Selbst die Aura des Unberührbaren, Sakralen, die ihm als König noch bei der Hinrichtung zugesprochen wurde, trifft sich mit den zeitgenössischen Idealisierungen des Weiblichen (die gleichzeitig Diskriminierungen sind). Schließlich gilt die Frau in diesen Bildern mitnichten nur als dem Mann unterworfen, sondern vielmehr auch als die eigentliche, heimliche, doch geradezu heilige Herrscherin über den Mann. So spricht etwa Rousseau, einer der Hauptarchitekten des sich neu durchsetzenden Geschlechterverhältnisses, zu den Frauen:

Liebenswürdige und tugendhafte Bürgerinnen, das Los Eures Geschlechtes wird es immer sein, über das unsere zu herrschen. (...) Welcher barbarische Mann könnte wohl der Stimme der Ehre und der Vernunft in dem Munde einer zärtlichen Gemahlin widerstehen? Und wer würde nicht einen eitlen Luxus verachten, wenn er Euren einfachen und bescheidenen Schmuck sieht, der durch den Glanz, den er von Euch erhält, für die Schönheit am vorteilhaftesten zu sein scheint? Es liegt also an Euch, durch Eure liebenswürdige und unschuldige Herrschaft und durch Euer einschmeichelndes Wesen die Liebe zu den Gesetzen im Staat und die Eintracht unter den Bürgern stets aufrechtzuerhalten“[9]

Und die Königin? Zwar wurde auch Marie-Antoinette als heimliche Herrscherin über Ludwig angesehen, doch wurden ihr sämtliche angeblich natürlichen Eigenschaften der bürgerlichen, tugendhaften Frau abgesprochen. Stattdessen waren Gerüchte über ihre sexuelle Promiskuität an der Tagesordnung, und es kursierten unzählige pornographische Darstellungen, auf denen sie die wichtigste Rolle einnahm. Tatsächlich ist die Bedeutung Marie-Antoinettes als symbolische Zielscheibe für die französischen Revolutionäre kaum zu überschätzen. So hat später Napoleon das Sprechen über Marie-Antoinette als wichtigsten Auslöser der Revolution eingeschätzt. Diese zentrale Position der Königin wurde möglich, weil sich in der Repräsentation ihres Körperbildes Aussagen über die Verkommenheit des adligen Regimes und über ihre Rolle als Mutter und Gattin ergänzten und gegenseitig stützten. „Ma constitution“ ist der Titel einer pornographischen Radierung, die um 1789 entstanden ist und die Lafayette zeigt, der auf Marie-Antoinette losgeht. Zwischen den Schenkeln der Königin ist die Inschrift „res publica“ zu lesen. „Ma constitution“ – der Titel bezieht sich also zweifach auf Marie-Antoinette, und diese Doppeldeutigkeit ist ernstzunehmen. Staatliche Verfassung wie Königin erscheinen als aristokratische Hure.[10] Politische Figur und privater Körper wurden im Bild Marie-Antoinettes ununterscheidbar und boten unentwegten Stoff für Polemik und politische Agitation. Und spätestens seit der „Halsband-Affäre“ aus dem Jahr 1786, also schon vor den revolutionären Ereignissen, hatte die Popularität Marie-Antoinettes ihren Tiefpunkt erreicht und das Sprechen über sie begonnen. Dass sie auf einem offenen Karren letztendlich als Hure gebrandmarkt wurde, ist also nur die logische Konsequenz. Dabei gehört die Gleichsetzung von öffentlicher Frau und Prostituierten wesentlich zum bürgerlichen Frauenbild. Friedrich Schiller z.B. hat ein Rollengedicht mit dem Titel Die berühmte Frau. Epistel eines Ehemanns an den anderen geschrieben, in dem er einen Mann darüber klagen lässt, mit einer gelehrten Frau verheiratet zu sein, was offenbar ein wesentlich schlimmeres Übel darstellt, als lediglich eine untreue Frau zu haben:

Dich schmerzt, dass sich in deine Rechte

Ein zweiter teilt? – Beneidenswerter Mann!

Mein Weib gehört dem ganzen menschlichen Geschlechte

Vom Belt bis an der Mosel Strand,

Bis an die Appeninenwand,

Bis in die Vaterstadt der Moden

Wird sie in allen Buden feil geboten[11]

Dies mag als Kostprobe genügen. Ich werde im folgenden das bürgerliche Geschlechter- und Frauenbild in seinen weiteren Bestandteilen analysieren und dabei Aspekte einer kritischen, politischen Philosophie streifen, mit denen sich seine Grundlagen zertrümmern und dekonstruieren lassen. Dann werde ich zu Repräsentationen des Weiblichen im Verlauf der französischen Revolution kommen. Dabei ist klar, dass es, genauso wenig wie „die Frau“, auch nicht „das bürgerliche Frauenbild“ gibt, sondern höchstens disparate Programmierungen, die gewisse Parallelen aufweisen. Ich werde darum versuchen, wenigstens einige Grundzüge herauszuarbeiten, die mir wesentlich erscheinen.

1. Die bürgerliche Frau

Während dem Mann also die Außenwelt mit ihren politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Arbeitsfeldern zugesprochen wurde, blieb der Frau der Innenraum vorbehalten, wo sie ihre Rollen als Gattin und Mutter zu erfüllen hatte. Mirabeau hat ihre Aufgaben wie folgt beschrieben:

Die zerbrechliche Konstitution der Frauen ist ihrer hauptsächlichen Bestimmung vorzüglich angepasst: nämlich Kinder in die Welt zu setzen, über deren erste Schritte sorgfältig zu wachen und durch die Macht ihrer Schwäche alle Kräfte des Mannes zu wecken. Im Innern des Hauses darf die Frau herrschen, aber nur dort. Überall anderswo ist sie fehl am Platz.[12]

[...]


[1] Benjamin, „Metaphysik der Jugend“; S. 95

[2] Sennett, S. 375

[3] Haslip, S. 429/430

[4] Zit. nach Petersen, S. 26

[5] Hoffmann, S. 166

[6] Der Begriff des „weiblichen Geschlechtscharakters“ taucht zum erstenmal in den Lexika des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts auf; vgl. hierzu Leierseder, S. 4, des weiteren auch Bovenschen, S. 141/142

[7] Der Aufstieg der Biologie als Körper– und somit als Herrschaftswissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft, wie ihn etwa Michel Foucault in seinem Begriff der Biopolitik beschrieben hat, nimmt von hier seinen Lauf, mit all seinen katastrophalen Folgen vom Staatsrassismus über die ungezügelte, alltägliche Macht der Disziplinar- und Normalisierungsinstitutionen bis hin zu den Menschenrechtskriegen unserer Tage. (vgl. Foucault, „Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I“; S. 129-153) Man könnte die französische Revolution auch im Sinne Giorgio Agambens interpretieren: Mit der Erklärung der Menschenrechte legitimiert sich der Staat nicht mehr in bezug auf Gott, sondern in bezug auf ein zu schützendes „nacktes Leben“. Von nun an regulieren, disziplinieren, normalisieren und kontrollieren Institutionen den Einzelnen im Sinne nationalstaatlicher Politik und ihrer anthropologischen Setzungen. Notwendig dazu sind in der Folge immer neue Definitionen und Grenzziehungen etwa zwischen gesund und krank, vernünftig und wahnsinnig, männlich und weiblich, kulturell und natürlich. (vgl. Agamben, „Homo Sacer“; S. 135-144)

[8] Zit. nach Petersen., S. 26/27

[9] Rousseau, Abhandlung über den Ursprung, S. 18

[10] vgl. hierzu Wagner, S. 21

[11] zit. nach Bovenschen, S. 221

[12] zit. nach Christadler, „Von der Bühne aufs Schafott“, S. 19 Interessant ist, dass in späteren linken Theorien von diesem Sachverhalt her eine erneute Idealisierung der Frau als weniger entfremdetes Wesen vorgenommen werden konnte. Die auf den häuslichen Bereich beschränkte Frau, so die These, kam nicht wie der Mann in die kapitalistische Maschinerie entfremdeter Arbeit. Tatsächlich gibt es für Hausarbeit und Kindererziehung weder Zeitmessung noch Lohnberechnung. So schreibt etwa Heinz Schlaffer: „Gerade weil die Frau nicht direkt in die bürgerliche Arbeitswelt hineingezwungen ist, kann sie zu deren Flucht- und Zielpunkt werden. (...) Nur in dem engen Kreise des Hauses tätig, von entfremdeter Arbeit gleichsam frei, scheint sie jene ästhetische Existenz zu führen (...), die dem Mann versagt ist.“ Und weiter heißt es: „Als >Lohn< erhält der Mann wenigstens am Feierabend Aufnahme in den schönen Bezirk privater Humanität und für seinen Arbeitstag den Vor- und Nachglanz einer Idealität – die von der konkreten Praxis dieses Arbeitstages stets verweigert wird.“ (zit. nach Bovenschen 180)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Bürgerliches Frauenbild und französische Revolution
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V44115
ISBN (eBook)
9783638417693
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bürgerliches, Frauenbild, Revolution
Arbeit zitieren
Sebastian Kirsch (Autor), 2004, Bürgerliches Frauenbild und französische Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44115

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