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'Von wem ich`s habe das sag ich euch nicht'. Goethes 'Vor Gericht' gegen die Konventionen seiner Zeit

Title: 'Von wem ich`s habe das sag ich euch nicht'. Goethes 'Vor Gericht' gegen die Konventionen seiner Zeit

Term Paper (Advanced seminar) , 2005 , 20 Pages , Grade: 1

Autor:in: Anja Bachmann (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Goethes Ballade Vor Gericht ist in mehr als einer Hinsicht außergewöhnlich. Weder lässt sie sich formal in das Schema der Kunstballade pressen, die zur Zeit des Sturm und Drang eine beliebte literarische Ausdrucksweise darstellte, noch orientiert sie sich inhaltlich an den Konventionen einer Zeit, die die uneheliche Mutterschaft als Straftat betrachtete. Die formale und inhaltliche Rebellion gegen aufklärerisches Gedankengut entspricht zwar der Idee des Sturm und Drang, der Umgang mit dem Thema der ledigen Mutterschaft geht aber weit über die in diesem Zusammenhang übliche moralische oder sentimental-bedauernde Betrachtungsweise hinaus.
Die knappe, prägnante Ausdrucksweise und die lediglich vier Strophen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ballade kunstvoll aufgebaut, in ihrer Konzeption nichts dem Zufall überlassen ist.
Der junge Goethe verfasste diese literarische Verteidigungsrede einer ledigen Mutter, die sämtliche Konventionen der Gesellschaft in der sie lebt für nichtig erklärt, im Jahr 1776, lange bevor er als Politiker und Mitglied des Geheimen Conseils in die Lage versetzt wurde, staatspolitischen Zielen Genüge zu tun und in deren Sinne zu handeln und entscheiden. Veröffentlicht wurde die Ballade jedoch erstmals 1815, nachdem sie zuvor nur in der handschriftlichen Gedichtsammlung für Frau von Stein enthalten war. Im Folgenden soll versucht werden, die Einzigartigkeit dieser Ballade herauszuarbeiten. Eine Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit, die auch auf die Stellung der ledigen Mutter im ausgehenden 18. Jahrhunderts eingehen und sich mit der rechtlichen Situation sowie politischen Zielen der Regierungen auf deutschem Gebiet beschäftigen wird, soll einer ausführlichen formalen und inhaltlichen Analyse der Ballade vorausgehen und bei deren Verständnis helfen.
Zuletzt werde ich einen Vergleich zwischen Dichtung und Realität ziehen. Hierbei will ich zeigen, dass Vor Gericht eher der sozialkritischen Balladendichtung der Moderne als der Kunstballade nahe steht, was sie zur Zeit des Sturm und Drang absolut einzigartig macht. Des weiteren sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, sich noch eingehender oder unter anderen Gesichtspunkten mit dieser Ballade zu befassen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Frau in der Gesellschaft von 1770

2.1 Spätfeudalistische Gesellschaft und Bevölkerungszuwachs in den Städten

2.2 Frauenbild der Gesellschaft: Die Mutterrolle

2.3 Uneheliche Schwangerschaften und strafbare Unzucht: Die Rolle von Kirche und Staat

3. Johann Wolfgang von Goethe: Vor Gericht

3.1 Die Ballade

3.2 Form und Inhalt

3.3 Interpretation

4. Ballade contra Gesellschaft: Schlussworte

5. Literaturverzeichnis

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die Arbeit untersucht Goethes Ballade "Vor Gericht" als gesellschaftskritisches Werk, das die prekäre Situation lediger Mütter im 18. Jahrhundert beleuchtet und die Konventionen seiner Zeit radikal hinterfragt.

  • Analyse der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für ledige Mütter um 1770.
  • Untersuchung der rechtlichen Rolle von Kirche und Staat gegenüber unehelicher Mutterschaft.
  • Formale und inhaltliche Untersuchung der Ballade im Kontext des Sturm und Drang.
  • Vergleich zwischen der fiktiven literarischen Darstellung und der historischen Realität.
  • Herausarbeitung der sozialkritischen Modernität des Werkes.

Auszug aus dem Buch

3.3 Interpretation

Gleich zu Beginn der ersten Strophe verweigert das lyrische Ich die Aussage, von wem sie ein Kind empfangen hat. Durch den Titel Vor Gericht wird für den Rezipienten klar, dass sie vor ihren Anklägern steht, aus Strophe vier geht hervor, dass diese sowohl die weltliche wie auch die geistige Gerichtsbarkeit vertreten (vgl. Vers 13: „Herr Pfarrer und Herr Amtmann ihr“). Ob sie ihren Monolog jedoch vor einem realen Gericht hält oder es sich um einen geistigen Monolog handelt, bleibt offen. Die durch das lyrische Ich wiedergegebene Haltung der Richter wird in ihrer Aussagekraft durch ein Ausrufezeichen unterstrichen, dadurch wird ihre Ungerechtigkeit betont. Durch die selbstbewusste Feststellung , dass die Angeklagte ohne Frage ein „ehrlich Weib“ (Vers 4) ist, nimmt sie aber gleich zu Anfang der Anschuldigung, dass sie eine „Hure“ (Vers 3) sei, den Wind aus den Segeln.

In Strophe zwei geht sie noch weiter und verweigert nun auch noch die Aussage dazu, wer der Vater ihres Kindes ist. Die Tatsache, dass sie sich durch diese Weigerung strafbar macht (vgl.2.3 ), macht sie dadurch umso lächerlicher, dass sie den Geliebten als „lieb und gut“ (Vers 6) bezeichnet. Die Doppeldeutigkeit des Wortes „traute“ (Vers 5) unterstreicht die Aussagekraft der folgenden Verse. Egal ob er als Symbol seines Status „eine goldne Kett“ oder „einen strohernen Hut“ (Vers 7 und 8) trägt, die Beschuldigte pfeift auf die Konventionen, denn ihre Liebe überwindet sowohl die moralischen Vorurteile von Gesellschaft und Kirche als auch Standesschranken. Äußerlichkeiten sind nicht von Bedeutung.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Vorstellung der Ballade als außergewöhnliches Werk, das gesellschaftliche Konventionen über die ledige Mutterschaft kritisch thematisiert.

2. Die Frau in der Gesellschaft von 1770: Analyse des spätfeudalistischen Umfelds, der Rolle der Frau als Mutter und der rechtlichen Sanktionen durch Kirche und Staat bei unehelicher Schwangerschaft.

3. Johann Wolfgang von Goethe: Vor Gericht: Untersuchung der Ballade hinsichtlich ihrer formalen Merkmale, Struktur und inhaltlichen Botschaft sowie deren Interpretation.

4. Ballade contra Gesellschaft: Schlussworte: Resümee über die Einzigartigkeit des Werkes, das sich durch seine sozialkritische Schärfe von anderen Zeitgenossen abhebt und moderne Züge aufweist.

5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.

Schlüsselwörter

Johann Wolfgang von Goethe, Vor Gericht, Ballade, Sturm und Drang, ledige Mutter, Gesellschaftskritik, Moral, 18. Jahrhundert, Literaturwissenschaft, Frauenbild, rechtliche Situation, uneheliche Schwangerschaft, Sozialkritik, Individualität, Sittengesetz.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?

Die Arbeit analysiert Goethes Ballade "Vor Gericht" im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse des 18. Jahrhunderts, insbesondere im Hinblick auf die Situation lediger Mütter.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Im Zentrum stehen das Frauenbild der Zeit, die Rolle der Kirche und des Staates bei unehelicher Mutterschaft sowie die formale Analyse und Interpretation des Gedichts.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, die Einzigartigkeit der Ballade als sozialkritisches Dokument herauszuarbeiten, das weit über die zeitgenössischen literarischen Konventionen hinausgeht.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die historische Kontextualisierung mit der Interpretation des Balladentextes verbindet.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-gesellschaftliche Einordnung der Lebensumstände lediger Frauen um 1770 und eine detaillierte formale sowie inhaltliche Interpretation der Ballade.

Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?

Zu den prägenden Begriffen gehören Sturm und Drang, gesellschaftskritische Rebellion, ledige Mutterschaft, moralische Instanzen und Individualität.

Warum wird die Ballade als „einzigartig“ für ihre Zeit bezeichnet?

Da sie sich sowohl formal der bloßen Kunstballade entzieht als auch inhaltlich durch die selbstbewusste Verteidigung des lyrischen Ichs die gesellschaftlichen Normen radikal infrage stellt.

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit von anderen Betrachtungen?

Die Arbeit betont die moderne, fast feministische Haltung des lyrischen Ichs, das Mitleid ablehnt und stattdessen das Recht auf geistige Freiheit und Individualität einfordert.

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Details

Title
'Von wem ich`s habe das sag ich euch nicht'. Goethes 'Vor Gericht' gegen die Konventionen seiner Zeit
College
University Karlsruhe (TH)
Course
Hauptseminar Grund und Boden: Goethes Lyrik als Gelegenheitsdichtung
Grade
1
Author
Anja Bachmann (Author)
Publication Year
2005
Pages
20
Catalog Number
V44134
ISBN (eBook)
9783638417884
Language
German
Tags
Goethes Gericht Konventionen Zeit Hauptseminar Grund Boden Goethes Lyrik Gelegenheitsdichtung
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Anja Bachmann (Author), 2005, 'Von wem ich`s habe das sag ich euch nicht'. Goethes 'Vor Gericht' gegen die Konventionen seiner Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44134
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