Was Arbeitslosigkeit mit den Menschen macht

Über die Wechselwirkungen zwischen Selbstkonzept, Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit


Hausarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 1,3

M. Keppler (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom Kongruenzansatz zur identitätstheoretischen Heuristik

3. Methodenbeschreibung
3.1 Stichprobe
3.2 Auswertungsverfahren

4. Entwicklung der Theorie biographischer Identitätsmodi

5. Charakteristika der fünf Identitätsmodi

6. Zusammenfassung und Diskussion

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Darstellung 1: Dimensionen und Kategorien bei Statuswechsel

Darstellung 2: Übersicht Typologie der biographischen Identitätsmodi

Zusammenfassung

Die vorliegende Hausarbeit beleuchtet anhand einer qualitativen Längsschnittstudie des Bremer Sozialwissenschaftlers, Benedikt Rogge, was Arbeitslosigkeit mit den Menschen macht. Mit seiner neuen Theorie der biographischen Identitätsmodi gelingt es, die Wechselwirkungen zwischen Selbstkonzept, Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit aufzuzeigen und die Frage zu beantworten, warum sich Menschen durch ihre Arbeitslosigkeit unterschiedlich stark belastet fühlen. Insbesondere die Frage nach dem Warum wurde in der bisherigen Forschung vernachlässigt. Dabei ergibt sich erst aus ihrer Beantwortung ein tieferes Verständnis für die Lebenssituation von Arbeitslosen. Die fünf Identitätsmodi von Rogge werden mit Hilfe der Dimensionen Sicherheitsempfinden, Sinnempfinden, Deutung der sozialen Beziehungen, Deutung des Sozialstatus und psychischer Gesundheit beschrieben und erlauben detaillierte Einblicke in die Identitätsprozesse von Arbeitslosen.

Abstract

The present paper presents a qualitative longitudinal study of the social scientist, Benedikt Rogge, and decribes what makes unemployment with the people. With his new theory of biographical identity modes, he succeeds in revealing the interactions between self-concept, unemployment and mental health, and the question of why people feel differently burdened by their unemployment. In particular, the question of why was neglected in the research to date. However, the answer to this question gives a deeper understanding of the life situation of unemployed people. The five identity modes of Rogge are described using the dimensions of security, sensibility, interpretation of social relationships, interpretation of social status and mental health, and provide detailed insights into the identity processes of the unemployed.

1. Einleitung

Der Arbeitsmarkt in Deutschland zeigt sich schon seit längerem sehr robust und aktuell ist anzunehmen, dass diese Entwicklung anhält (vgl. dpa, 2017). Aus Sicht der Erwerbs-tätigen ist Arbeitslosigkeit, anders als vielleicht in Krisenzeiten, weit entfernt. Das Thema begegnet ihnen nur in der Tagesschau, wenn monatlich über die aktuellen Arbeitslosenzahlen berichtet wird (vgl. Rudzio, 2017). Wenn von der Gruppe der Arbeitslosen gesprochen wird, dann als anonyme Personengruppe, die bestenfalls zu bedauern aber häufig auch stigmatisiert wird. Aber was, wenn man selbst arbeitslos würde? Würde man sich über die freie Zeit freuen? Sich optimistisch bewerben? Sich langweilen? Resignieren? Oder sogar psychisch krank werden? Diese Fragen beziehen sich auf das Thema der vorliegenden Hausarbeit, die klären will, was Arbeitslosigkeit mit den Menschen macht. Anhand einer soziologisch-psychologischen Längsschnittstudie des Bremer Sozialwissenschaftlers, Benedikt Rogge, werden die Wechselwirkungen zwischen Selbstkonzept, Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit untersucht. Die übergreifende Forschungsfrage seiner Studie bezieht sich auf seine identitätstheoretische Heuristik und lautet: „Wie schlägt sich Arbeitslosigkeit im individuellen Identitätsprozess einer Person nieder?“(Rogge, 2013, S. 71) In der Arbeitslosenforschung existieren zahlreiche Erklärungsmodelle, die insbesondere den negativen Einfluss von Arbeitslosigkeit auf die psychische Gesundheit beschreiben. Die bisher einflussreichste Theorie ist das Modell der manifesten und latenten Funktionen der Erwerbsarbeit von Jahoda (1997). Demzufolge hat die Erwerbsarbeit eine manifeste Funktion, den Gelderwerb sowie latente Funktionen, die wichtig für die psychische Gesundheit sind: Zeitstruktur, Aktivität, sozialer Status, Sozialkontakt und Teilhabe an kollektiven, sinnhaften Zielen. Arbeitslose Menschen laufen nach diesem Modell Gefahr, durch die Deprivation, also den Entzug, der latenten Funktionen eine Verschlechterung ihres Wohlbefindens zu erfahren. Die Frage ist, ob das zwingend so sein muss. Die psychischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit wurden bis dato überwiegend mit Hilfe quantitativer Studien, wie zum Beispiel in der Meta-Analyse von Paul und Moser (2009) nachgewiesen. Hier knüpft der Autor der Studie an und untersucht, unter welchen Bedingungen Arbeitslose besonders stark oder schwach belastet sind.

Er erforscht ebenfalls die Mechanismen dynamischer Veränderungen im Verlauf der Arbeitslosigkeit (vgl. Rogge, 2013, S. 27). Die in der Studie entdeckten fünf Identitätsmodi sollen Aufschluss über die Mikromechanismen des Zusammenhangs von Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit in ihren Sinnzusammenhängen geben (vgl. Rogge, 2013, S. 321). Im folgenden Kapitel werden zunächst der Kongruenzansatz sowie die identitätstheoretische Heuristik erläutert. Im Anschluss daran werden die Forschungsmethoden, Stichproben und Auswertungsverfahren der Studie kurz erklärt. Vor der Charakterisierung der Identitätsmodi in Kapitel fünf, wird die Entwicklung der Theorie der biographischen Identitätsmodi beschrieben. Abschließend werden im Fazit die Erkenntnisse der Studie diskutiert und dahingehend beurteilt, ob sie eine Antwort auf die Frage geben können, was Arbeitslosigkeit mit den Menschen macht.

2. Vom Kongruenzansatz zur identitätstheoretischen Heuristik

Der kongruenztheoretische Zugang zur Wechselwirkung von Arbeitslosigkeit und psychischen Gesundheit geht von einem menschlichen Bedürfnis nach Stimmigkeit mit sich selbst aus. Je mehr eine Person ihr Handeln, situatives Erleben und das Leben im Allgemeinen mit ihrem Selbstbild im Einklang sieht, also je mehr Kongruenz sie empfindet, desto zufriedener und gesünder ist sie (vgl. Rogge, 2013, S. 63). Eine wichtige Rolle spielt aber auch das Bedürfnis nach Selbstwertgefühl. Selbst wenn eine Person Inkongruenz in Bezug auf ihr Selbstbild empfindet, zum Beispiel sich für einen langweiligen Gesprächspartner hält, so ist das Kompliment des anderen, dass er das Gespräch interessant fand, trotzdem mit positiven Gefühlen verbunden. Grundsätzlich haben Menschen das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung, auch wenn die Bestätigung dem Selbstbild widerspricht (vgl. Stets & Asencio, 2008, S. 1055-1078). Das Bedürfnis nach Kongruenz und Selbstwertgefühl ist Basis der identitätstheoretischen Heuristik.

Psychische Folgen der Arbeitslosigkeit lassen sich nur im Hinblick darauf verstehen, welche Bedeutung eine Person ihrer Situation zuschreibt. Subjektive Bedeutungszuschreibungen entstehen aus dem Identitätsprozess. Der Identitätsprozess ist ein Wechselspiel aus dem Ich (Möglichkeit zur Reflexion) und dem Mich (meine Vorstellung, welches Bild andere von mir haben). Es gibt drei Arten Mich: soziale Identitäten, Rollenidentitäten und persönliche Identitäten. Letztere spielen für die Heuristik eine untergeordnete Rolle. Soziale Identitäten beschreiben die sozialen Gruppen, denen sich eine Person potentiell zurechnet, zum Beispiel Arbeitslose. Rollenidentitäten beschreiben die Interaktion mit signifikanten Dritten, zum Beispiel Mutter oder Partner und den damit verbundenen Erwartungen. Die beschriebenen Michs (soziale Identitäten und Rollenidentitäten) werden von unterschiedlichen Menschen als unterschiedlich wichtig wahrgenommen. Durch das eingangs beschriebene Bedürfnis nach Kongruenz und Selbstwertgefühl befinden sich Menschen im dauerhaften Prozess der Selbstverifikation. Der Identitätsprozess wird durch dauerhafte Inkongruenzen, das Empfinden von Wertlosigkeit, externe Prozesse und soziodemographische Merkmale beeinflusst. Der Identitätsprozess kann als dynamisches und lebenshistorisches Geschehen betrachtet werden. (vgl. Rogge, 2013, S. 64-69).

3. Methodenbeschreibung

Zur Vorbereitung der qualitativen, längsschnittlichen Hauptstudie mit zwei Erhebungszeitpunkten mit Bremer Arbeitslosen wurde zunächst eine qualitative, Querschnittsstudie mit zehn Personen in Dortmund durchgeführt. Die Ergebnisse der Dortmunder Studie sind im Sinne des Theoretical Sampling komplett in die Hauptstudie eingeflossen (vgl. Rogge, 2013, S. 75). Theoretical Sampling ist ein theoriegeleitetes Stichprobenziehen. Es wird gezielt nach Personen gesucht, die Analyseergebnisse früherer Interviews bestätigen, widerlegen oder noch offene Fragen beantworten können (vgl. Sedlmeier & Renkewitz, 2013, S. 854). Die Dortmunder Studie war Grundlage für die Konstruktion des Interviewleitfadens der Hauptstudie. Da die Bremer Studie auch das Kongruenz-und Selbstwertempfinden in Verbindung zum Wohlbefinden und dem Vorliegen psychopathologischer Symptome untersucht hat, wurden zusätzlich standardisierte Skalen (ADS, BSI, WHO-5) mit den Variablen Depressivität, Ängstlichkeit, psychosomatische Symptome, Aggressivität und eine Wohlbefindensskala verwendet. Diese Vorgehensweise wird als methodenübergreifende, komplementäre Triangulation bezeichnet. Sie erhöht die Validität der zu erhebenden Daten. Eine methodeninterne Triangulation ist durch die Kombination problemzentrierter und episodischer Interviewverfahren erfolgt (vgl. Rogge, 2013, S.77-79).

Während beim problemzentrierten Interview das Erzählprinzip und die Konzeptgenerierung des Befragten im Vordergrund stehen, stellt der Interviewer dem Befragten im episodischen Interview auch zielgerichtet Fragen anhand eines Leitfadens (vgl. Lamnek & Krell, 2016, S. 344-345). Die Interviewfragen sind in vier thematische Blöcke unterteilt: Beginn der Arbeitslosigkeit, Veränderungen seit Arbeitslosigkeit, Deutungen von Arbeitslosigkeit und Arbeit, Zukunftsfrage. Zusätzlich gibt es eine Reihe personenbezogener Fragen: Geschlecht, Familienstand, Alter, Nationalität, Kinder etc. (vgl. Rogge, 2013, S. 80-83).

3.1 Stichprobe

Die Stichprobenauswahl der Hauptstudie richtet sich nach den Fragestellungen der Studie und enthält auch die Stichprobe der Dortmunder Studie. Aussagen über Identitätsprozesse von Arbeitslosen lassen sich nur mit einer hohen Heterogenität der Teilnehmer untersuchen. Für den Vergleich nach Schichtzugehörigkeit, Lebensform und Geschlecht wurde ein Stichprobenplan mit den genannten Merkmalen genutzt. Ebenso für die Analyse zeitlicher und sozialer Dynamiken beim Übergang in die Langzeitarbeitslosigkeit oder Wiedereintritt in die Erwerbsarbeit (vgl. Rogge, 2013, S. 85-86). Stichprobenpläne bieten sich generell an, wenn im Vorfeld der Untersuchung bereits Kenntnisse vorliegen und vorab sichergestellt werden soll, dass alle für den Sachverhalt relevanten Merkmalskombinationen im Sample vorkommen (vgl. Döring & Bortz, 2016, S. 303). Andere Merkmale wie das Alter der Studienteilnehmer, das zwischen 30 und 45 Jahren liegt, sind homogen. Die Stichprobe ist auf die städtische Bevölkerung festgelegt und es wurden Personen ausgewählt, die zum Zeitpunkt des ersten Interviews zwischen sieben und elf Monaten arbeitslos waren. Der Kontakt zu den Studienteilnehmern erfolgte über die Bremer Agentur für Arbeit. Für ihre Teilnahme wurde ihnen eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 30 € angeboten. Von 213 angeschriebenen Personen nahmen 25 an der Studie teil. Die Grundgesamtheit entspricht in den Merkmalen Geschlecht und Nationalität weitestgehend der Stichprobe. Beim Merkmal Sozialschicht ist sie etwas zugunsten der Akademiker verzerrt (vgl. Rogge, 2013, S. 86-87).

3.2 Auswertungsverfahren

Vor jeder systematischen Auswertung muss das vorhandene auditive Datenmaterial transkribiert, das heißt verschriftlicht, werden (vgl. Hussy, Schreier & Echterhoff, 2013, S. 246). In der vorliegenden Studie wurde dieses zeitaufwändige Verfahren überwiegend von studentischen Hilfskräften übernommen. Die Auswertung der Daten ist mit der Technik des theoretischen Kodierens aus der Grounded Theory und unter Zuhilfenahme des Datenauswertungsprogrammes atlas.ti sowie den Verfahrensweisen der qualitativen Typenbildung erfolgt (vgl. Rogge, 2013, S. 85, 91). Generell werden drei Kodierprozeduren unterschieden: offenes, axiales und selektives Kodieren. Damit sollen aus dem Datenmaterial gewonnene Phänomene in Bezug auf Ursache, Kontext, Strategien und Konsequenzen geordnet werden (vgl. Lamnek & Krell, 2016, S. 118). Das offene Kodieren ist durch das Stellen von W-Fragen erfolgt. Man gewinnt dadurch ein vertieftes Verständnis des Textinhaltes. Insgesamt haben sich 563 Einzelkodes ergeben, die zu 12 Superfamilien zusammengefasst wurden. Im Rahmen des axialen Kodierens wurden die Kodes und Familien zueinander in Beziehung gesetzt, um insbesondere systematisch kongruenz- und selbstwertempfindungsdienliche von -schädlichen Deutungen zu unterscheiden. Dieses ständige Vergleichen hat die Identifikation von fünf zentralen Dimensionen im Identitätsprozess ermöglicht (vgl. Rogge, 2013, S. 92). Sie sind die Grundlage für die empirisch begründete Typenbildung. Danach wird der Prozess in vier Schritte unterteilt: Erarbeitung relevanter Vergleichsdimensionen, Gruppierung der Fälle und Analyse empirischer Regelmäßigkeiten, Analyse von Sinnzusammenhängen und Charakterisierung der gebildeten Typen (vgl. Kluge, 1999, S. 260 ff.).

4. Entwicklung der Theorie biographischer Identitätsmodi

Die Identitätsprozesse der Studienteilnehmer lassen sich anhand der nachfolgenden Dimensionen charakterisieren: Sicherheitsempfinden, Sinnempfinden, Deutung der sozialen Beziehungen, Deutung des Sozialstatus und psychische Gesundheit. Das Sicherheitsempfinden ergibt sich aus der Einschätzung einer subjektiven Gefahr im Hinblick auf die eigene wirtschaftliche Lage, Partnerschaft, Familie, Wohnsituation und Gesundheit. Das subjektive Sinnempfinden hängt stark mit der Bewältigung des Alltags zusammen und gibt Aufschluss darüber, wie sinnvoll eine Person ihr Alltagsleben empfindet oder sich im Leerlauf oder Status der Langeweile befindet. Die Deutung der sozialen Beziehungen wurde mit den Konzepten der Rollenidentität bereits erwähnt. Die Deutung des Sozialstatus, zum Beispiel Zugehörigkeit zur Gruppe der Arbeitslosen, hat im Extremfall eine Abwertung des eigenen Status und Selbststigmatisierung zur Folge. Das primär mit der Deutung des Sozialstatus verknüpfte Konzept ist die soziale Identität. Die fünfte Dimension im Identitätsprozess ist die psychische Gesundheit. Sie lässt sich anhand verbaler Äußerungen der Interviewteilnehmer und den Werten auf der Symptom- und Wohlbefindensskala analysieren (vgl. Rogge, 2013, S. 95-100). Im zweiten Schritt werden durch die Feststellung systematischer Unterschiede in den fünf Dimensionen zwei neue Kategorien inklusive Subkategorien entwickelt. Die nachfolgende Abbildung zeigt die ersten beiden Stufen empirisch begründeter Typenbildung.

Darstellung 1: Dimensionen und Kategorien bei Statuswechsel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Rogge, 2013, S. 102

Während sich die Dimensionen ganz allgemein auf den Identitätsprozess beziehen, charakterisieren die Hauptkategorien ausschließlich den Identitätsprozess bei Statuswechseln. Die Bewertung des Statuswechsels bezieht sich auf die Frage, wie eine Person den Übergang in die Arbeitslosigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt insgesamt bewertet, beeinträchtigend oder gewinnbringend. Die zweite Hauptkategorie, die Statusperspektive, umfasst die Deutung einer Person bezüglich der künftigen Entwicklung ihres Sozialstatus, bei der sich die in der Abbildung genannten Subkategorien: episodisch, ungewiss, dauerhaft, unterscheiden lassen. Bei den beiden erstgenannten wird eine Rückkehr aus der Arbeitslosigkeit in den früheren Sozialstatus für möglich gehalten, was bei der letztgenannten Subkategorie nahezu ausgeschlossen ist. Rogge betont, dass sich ein Wechsel der Statusperspektive nicht allein auf den Erwerbsstatus bezieht. Denn durch den Wiedereintritt in das Erwerbsleben, z.B. Annahme einer prekären, geringer bezahlten Arbeit, wird nicht zwangsläufig eine Wiederherstellung des alten Sozialstatus erreicht (vgl. Rogge, 2013, S. 102-103). Im dritten Teilschritt der Typenbildung werden die Merkmale aus allen genannten Kategorien kombiniert. Man erhält fünf Merkmalskombinationen, die eine aussagekräftige Typologie darstellen und entsprechend ihrer Charakteristika benannt werden. Die Typologie der biographischen Identitätsmodi ist die zentrale Entdeckung der Studie (vgl. Rogge, 2013, S. 104-106).

Darstellung 2: Übersicht Typologie der biographischen Identitätsmodi

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: vgl. Rogge, 2013, S. 106

5. Charakteristika der fünf Identitätsmodi

Im Umstellungsmodus wird Arbeitslosigkeit von den Befragten als gewöhnlich gedeutet. Es ist der Modus der prekär Beschäftigten, für die Arbeitslosigkeit ein alltägliches Phänomen ist. Sie erwarten eine baldige Wiederbeschäftigung. Aus dem Blickwinkel der episodischen Statusperspektive stellt die Arbeitslosigkeit für die Umsteller nur eine vorübergehende Beeinträchtigung dar. Die Dimension Sicherheitsempfinden ändert sich für sie nicht wesentlich beim Eintritt in die Arbeitslosigkeit. Das liegt an ihren ohnehin niedrigen finanziellen Standards und daran, dass sie in Bezug auf ihre Erwerbsarbeit wenig zu verlieren haben, an Status oder Ansehen. Umsteller sind daran gewöhnt den Sinnverlust durch Engagement in Kirchengemeinden, Schulen oder sonstige Aktivitäten zu kompensieren. Sie kennen zwar das Gefühl von Langeweile, das viele Arbeitslose äußern, es ist für sie aber nicht quälerisch. Im Gegenteil, der Zeitgewinn kann sich durchaus positiv auf ihr Sinnempfinden auswirken. Bei der Deutung sozialer Beziehungen betonen die Umsteller ihr Bedürfnis, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Bestehende Rollen werden aktiv ausgebaut, um das Kongruenz- und Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten. Im Milieu der Umsteller wird Arbeitslosigkeit nicht stigmatisiert, eine Solidarisierung ist eher wahrscheinlich. Dennoch bleibt das Empfinden einer Asymmetrie in sozialen Beziehung nicht ganz aus. Bei der Deutung ihres Sozialstatus attribuieren die Umsteller häufig auf äußere Umstände. Sie machen zum Beispiel die gesamtwirtschaftliche Situation für ihre Arbeitslosigkeit verantwortlich. Interessant ist, dass die Umsteller drei Kategorien von Arbeitslosen unterscheiden: asoziale, normale und alternativlose. Die Umsteller zählen sich zur Gruppe der normalen Arbeitslosen. Sie stigmatisieren die asozialen Arbeitslosen als faule Schmarotzer und reagieren damit auf ihren eigenen subjektiven Rechtfertigungsnotstand. Der Umstellungsmodus geht in der Regel mit keiner Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit einher. Die Vertrautheit der Arbeitslosigkeit nivelliert die psychischen Folgen des Statuswechsels (vgl. Rogge, 2013, S. 109-130).

Bei der Befreiung des Selbst begegnet uns die episodische Statusperspektive erneut, allerdings ist die Arbeitslosigkeit nun ungewohnt aber erwünscht. Oft war die Erwerbstätigkeit von Inkongruenz- und Wertlosigkeitsgefühlen geprägt und Quelle für psychische oder körperliche Belastungen. Der Eintritt in die Arbeitslosigkeit wird als Befreiungsschlag zum Guten hin beurteilt. In puncto Sicherheitsempfinden ist es für den Befreier aber enorm wichtig, den Ausnahmezustand Arbeitslosigkeit als kontrollierbar zu deuten. Ansonsten würden sie vermutlich eine doppelte Inkongruenz empfinden. Sie müssten befürchten in einer Situation zu bleiben, die sie zwar selbst herbeigeführt haben, die sie sich aber auf lange Sicht nicht wünschen. Ihre zumeist hohe berufliche Qualifikation sowie ihre Handlungs- und Reflexionsfähigkeit vermitteln ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Meist verfügen sie zudem über weit überdurchschnittliche finanzielle Ressourcen. Das alltägliche Sinnempfinden wird als ein Gewinn an Lebensqualität gedeutet. Die Zeit wird wie im Urlaub für Lesen, Sport, Muße etc. genutzt und nicht wie bei anderen Arbeitslosen totgeschlagen. Soziale Beziehungen werden intensiviert und Entscheidungskoalitionen gebildet, d.h. Befreier suchen sich in ihrem Umfeld Unterstützter, die ihren non-normativen Schritt in die Arbeitslosigkeit durch positive Reaktionen aufwerten. Die Beziehungsebene wird im Befreiungsmodus als Bereicherung und Gewinn erlebt. Auf der Ebene der Statusdeutung romantisieren die Befreier ihre Arbeitslosigkeit. Sie betrachten sich selbst als Edel-Arbeitslose und grenzen sich von den normalen Arbeitslosen ab, die sie als Schmarotzer und Faulenzer stigmatisieren. Im Befreiungsmodus lassen sich keine identitären oder psychischen Belastungen feststellen. Die Wohlbefindenswerte sind sehr hoch. Befreier deuten ihre Arbeitslosigkeit als Kongruenzgewinn und ein das Selbst schützendes Ereignis (vgl. Rogge, 2013, S. 135-156).

Im Vergleich zu den zuvor beschriebenen Modi ist der Kampf um das Selbst aus dem Blickwinkel der Statusperspektive ungewiss und paart sich mit der Deutung der Arbeitslosigkeit als einer massiven Störung im Identitätsprozess. Der Eintritt in die Arbeitslosigkeit wird als Schock erlebt und stürzt die Betroffenen in einen dramatischen Kampf um ihr Selbst. Auf der Ebene des Sicherheitsempfindens sind zwei Varianten des Kampfmodus zu unterscheiden: Kampf um Selbsterhaltung (Existenz) und Kampf um Selbstverwirklichung. Beim Sinnempfinden steht das alte Selbst auf dem Spiel. Die Betroffenen versuchen verzweifelt den Ausgangpunkt in ihrem Identitätsprozess wieder herzustellen. Für viele ist der Kampf um Arbeit Alltagsbeschäftigung und Sinnlieferant zugleich. Paradoxerweise ist aber eine weitere Facette das Warten. Es ist ein ungeduldiges, hilfloses Warten auf sofortige Rückkehr in das alte Leben. Diese Wartehaltung ist für die Kämpfer oft eine Qual. Sie okkupiert ihren kompletten psychischen Prozess und erzeugt ein gene- relles Sinnlosigkeitsempfinden bei den Betroffenen. Die Kämpfer fühlen eine fundamentale innere Inkongruenz und betrachten ihre komplette Lebenssituation als defizitär. Das Gefühl, sich im Kampf um das eigene Selbst zu befinden, wirkt sich negativ auf soziale Beziehungen aus. Finanziell, normativ oder emotional begründet, sinkt die Interaktionsfrequenz mit Personen aus dem sozialen Netzwerk. Der Vergleich mit den anderen (Erwerbstätigen) erzeugt zusätzliche Inkongruenz und wird zunehmend vermieden. Die Betroffenen kapseln sich ab. Im Kampfmodus herrscht ein heftiges Ringen um eine selbstwerterhaltende Statusdeutung. Die Kämpfer haben die Gruppe der Arbeitslosen immer sehr heftig und undifferenziert stigmatisiert und tun dies immer noch. Ihren eigenen Wechsel in die Arbeitslosigkeit wissen sie nicht zu deuten und behalten zunächst ihre subjektive soziale Identität indem sie sich weiter ihrer Berufsgruppe entsprechend bezeichnen, z.B. als Sekretärin. Rogge nennt dies Miasma der Statusdeutung und meint damit, dass sich die Betroffenen infiziert, ja kontaminiert von der Arbeitslosigkeit fühlen. Er spricht von einer identitären Verunreinigung, die die Betroffenen so schnell wie möglich abschütteln möchten. Die heftigen Inkongruenz- und Wertlosigkeitsempfindungen bringen den Identitätsprozess in Aufruhr. Es ist folglich nicht verwunderlich, dass die psychische Gesundheit im Kampfmodus massiv beeinträchtigt wird. Die Symptomwerte liegen beim Kampfmodus auf allen Skalen über dem Durchschnitt, insbesondere kann ein ausgeprägtes Angstempfinden festgestellt werden. Insgesamt kommt es zu dauerhaften psychischen Spannungen bis hin zu psychosomatischen Begleitsymptomen sowie zu Veränderungen des Gesundheitsverhaltens. Gerade letzteres führt zu weiteren psychischen Anstrengungen, weil die Betroffenen dagegen ankämpfen sich gehen zu lassen (vgl. Rogge, 2013, S. 162-193).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Was Arbeitslosigkeit mit den Menschen macht
Untertitel
Über die Wechselwirkungen zwischen Selbstkonzept, Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit
Hochschule
FOM Essen, Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, Hochschulleitung Essen früher Fachhochschule  (Standort Hannover)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V441520
ISBN (eBook)
9783668800342
ISBN (Buch)
9783668800359
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitslosigkeit, Selbskonzept, psychische Gesundheit
Arbeit zitieren
M. Keppler (Autor), 2017, Was Arbeitslosigkeit mit den Menschen macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441520

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