Eine aus Soziologen, Psychologen und Ökonomen bestehende Gruppe von Wissenschaftlern begann Anfang der 60er Jahre an der Universität Aston in Großbritannien mit einer Reihe von Arbeiten zur vergleichenden Organisationsforschung. Diese sind als Aston-Studie bzw. Aston-Programm bekannt geworden und wurden zur Grundlage verschiedener Studien in aller Welt. Die Aston-Studie basiert auf dem Situativen Ansatz, der seine Wurzeln in verschiedenen Theorien hat, wie etwa dem Bürokratieansatz von Max Weber. Grundlegende Annahme beider Studien ist, dass die Effizienz einer Organisation im Wesentlichen durch ihre formale Struktur beeinflusst wird. Argumentations- bzw. Erklärungsweisen weichen jedoch durch Unterschiede in der Definition von Strukturen voneinander ab.
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine Beurteilung der Qualität des Situativen Ansatzes als Grundlage für ein konkretes Forschungsprojekt am Beispiel der Aston-Studie. In Kapitel 2 erfolgt zunächst eine kurze Einführung in die Grundidee des Ansatzes sowie eine Abgrenzung von den Gedanken Webers. Tiefergehende Ausführungen bezüglich des methodischen und konzeptionellen Vorgehens schließen sich im dritten Kapitel an. Am konkreten Beispiel der Aston-Studie wird hier das zu Grunde liegende Forschungsprinzip von der Erstellung eines konzeptionellen Rahmens, über die Operationalisierung von Variablen, bis hin zur Vorgehensweise bei der Interpretation von Zusammenhängen zwischen Situation und Organisationsstruktur verdeutlicht.
Die Grundlagenforschung der frühen 60er Jahre wurde in einer Reihe weiterführender Arbeiten von Mitgliedern der Aston-Gruppe selbst, aber auch von anderen Wissenschaftlern aufgegriffen, in Bezug auf die Qualität der Ergebnisse bewertet und erweitert. So liegt es auch im Interesse dieser Arbeit, die Studie kritisch zu betrachten und das methodische und konzeptionelle Vorgehen der Forschergruppe zu hinterfragen. Aufgrund des Umfangs der Forschungsarbeiten und der Menge des verfügbaren Materials kann jedoch nur ein sehr kleiner Aspekt der Kritik aufgegriffen werden. Kapitel 4 befasst sich dahingehend mit der Faktorenanalyse, einem Verfahren, das in der empirischen Sozialforschung häufig Anwendung findet, im Kontext der Aston-Studie jedoch sehr wohl als problematisch eingestuft wird. Im ersten Abschnitt dieses Kapitels wird die Faktorenanalyse kurz vorgestellt, bevor im zweiten Teil die Umsetzung im Rahmen der Studie erläutert wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Situative Ansatz
3 Die Aston-Studie
3.1 Untersuchungsgegenstand
3.2 Der konzeptionelle Rahmen
3.3 Operationalisierung der Strukturvariablen und Forschungsmethodik
4 Interkorrelation der Strukturdimensionen
4.1 Die Faktorenanalyse
4.2 Steckt ein Fehler im Detail?
5 Ausblick – Eine Frage des Blickwinkels
6 Literatur
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist eine kritische Beurteilung des Situativen Ansatzes als Grundlage für die Aston-Studie. Die Forschungsfrage untersucht dabei insbesondere das methodische und konzeptionelle Vorgehen der Aston-Gruppe sowie die Validität der angewandten Faktorenanalyse zur Bestimmung von Organisationsstrukturen.
- Grundlagen des Situativen Ansatzes und Abgrenzung zu Max Webers Bürokratie-Modell.
- Konzeptioneller Rahmen und Operationalisierung von Strukturvariablen in der Aston-Studie.
- Anwendung und kritische Würdigung der Faktorenanalyse als statistisches Verfahren.
- Untersuchung der Interkorrelationen von Strukturdimensionen und die Frage nach deren Unabhängigkeit.
- Kritische Reflexion der Ergebnisse vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Debatten, insbesondere unter Einbeziehung der Position von Starbuck.
Auszug aus dem Buch
4.2 Steckt ein Fehler im Detail?
Eine eingehende Betrachtung von Literatur über die Aston-Studie führt sehr schnell zu Arbeiten, welche die Vorgehensweise der Forschergruppe um Pugh aus den verschiedensten Gründen kritisieren. Häufig lässt sich dies aus der Nutzung des Situativen Ansatzes als Gerüst für das methodische und konzeptionelle Vorgehen der Studie erklären. Kieser und Kubicek haben derartige Kritikpunkte auf Basis einer Reihe von Arbeiten zur vergleichenden Organisationsforschung, u. a. auch der Aston-Studie, systematisiert und zusammengefasst. Dabei werden die Argumente in zwei Gruppen aufgeteilt, unterschieden in Detail- und Fundamentalkritik.
Verfechter der Fundamentalkritik stellen die Grundlagen der untersuchten Forschungsprogramme in Frage, indem sie deren Denkmuster und Standpunkte insgesamt hinterfragen. Die Anhänger der Detailkritik stimmen dem grundsätzlichen methodischen Vorgehen und den Betrachtungsweisen zu, stellen aber Mängel im Detail der Forschungsarbeiten fest. Die Kritik an der Nutzung der Faktorenanalyse ist der Detailkritik zu zuordnen und bezieht sich auf die Zusammenfassung von Variablen zur Vereinfachung des Analyseprozesses, bzw. auf eine fälschlicherweise vorausgesetzte Substituierbarkeit verschiedener Standardisierungs- und Formalisierungsmittel. Dies wird in den folgenden Ausführungen verdeutlicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung und die grundlegende Zielsetzung der Aston-Studie ein und umreißt die kritische Herangehensweise der Arbeit.
2 Der Situative Ansatz: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Wurzeln und Grundannahmen des Situativen Ansatzes, insbesondere die Ablehnung einer universell optimalen Organisationsstruktur.
3 Die Aston-Studie: Hier werden der empirische Untersuchungsgegenstand, der konzeptionelle Rahmen und die methodische Operationalisierung der Strukturvariablen detailliert dargestellt.
4 Interkorrelation der Strukturdimensionen: Dieses Kapitel widmet sich der Faktorenanalyse als statistischem Instrument innerhalb der Studie und untersucht kritisch die Unabhängigkeit der daraus resultierenden Faktoren.
5 Ausblick – Eine Frage des Blickwinkels: Das Kapitel zieht ein Fazit über die Validität des methodischen Vorgehens und konstatiert, dass die Komplexität der Realität bei der wissenschaftlichen Modellbildung zwangsläufig zu Interpretationsspielräumen führt.
6 Literatur: Verzeichnis der in der Arbeit zitierten Quellen.
Schlüsselwörter
Aston-Studie, Situativer Ansatz, Organisationsstruktur, Faktorenanalyse, Strukturvariablen, Kontextvariablen, Standardisierung, Spezialisierung, Formalisierung, Zentralisierung, empirische Sozialforschung, Interkorrelation, Wissenschaftstheorie, Organisationsforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit?
Die Arbeit befasst sich mit dem Vergleich und der Erklärung von Organisationsstrukturen anhand des Situativen Ansatzes, wobei die berühmte Aston-Studie als zentrales Fallbeispiel dient.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Im Zentrum stehen die Methodik der vergleichenden Organisationsforschung, die Konzeption formaler Strukturen sowie die kritische statistische Analyse mittels Faktorenanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine fundierte Beurteilung der methodischen Qualität der Aston-Studie, insbesondere im Hinblick auf die Konstruktion ihres konzeptionellen Rahmens und die Interpretation statistischer Zusammenhänge.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Neben der Literaturanalyse zur theoretischen Einbettung wird die empirische Vorgehensweise der Aston-Studie – insbesondere die Faktorenanalyse – auf ihre methodische Konsistenz hin untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Situativen Ansatzes, die detaillierte Beschreibung der Aston-Studie inklusive der Operationalisierung ihrer Variablen sowie eine kritische Analyse der Interkorrelationen zwischen den Strukturdimensionen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Situativen Ansatz und der Aston-Studie sind Begriffe wie Strukturvariablen, Faktorenanalyse, Operationalisierung und die methodische Kritik von Starbuck maßgeblich.
Wie bewertet der Autor die Faktorenanalyse der Aston-Gruppe?
Der Autor ordnet die Kritik an der Faktorenanalyse als "Detailkritik" ein und legt dar, dass die Aggregation von Variablen zwar den Analyseprozess vereinfacht, jedoch Informationen verloren gehen und Zweifel an der Unabhängigkeit der Faktoren bestehen bleiben.
Welches Fazit zieht der Verfasser zur Komplexität der Organisationsforschung?
Das Fazit lautet, dass die Komplexität einer Organisation niemals vollständig in einem Modell abgebildet werden kann, weshalb jede wissenschaftliche Untersuchung immer nur einen spezifischen Blickwinkel einnimmt, der berechtigterweise kritisiert werden muss.
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- Christian Hippe (Author), 2005, Vergleich und Erklärung von Organisationsstrukturen in Abhängigkeit von situativen Faktoren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44153